meist manchmal, selten oft

hejab
Foto: princess hijab (cc)

Ich bin gestern mal wieder mit der U-Bahn nach Neukölln gefahren. Bei jenen circa 30 Prozent der auf Höhe Moritzplatz/Kotti zahlreich mitreisenden pubertierenden Mädchen, welche ein Kopftuch trugen, hatte ich zum wiederholten Mal den Eindruck, dass die normative Knute, unter der sie da auf spindeldürren Staken stehen, weniger das Elternhaus als eher der von Bravoviva überbrachte Zeitgeist ist. Denn genauso wie die Freifrisuren wissen diese Mädels, dass man sich modisch und figurbewusst anzuziehen hat, unter drei Pfund Makeup nix geht und man sich mit Kaugummiblasenknallen, vor allem über Lautstärke Selbstbewusstsein schafft. So weit, so nervig, so — für diese Altersklasse — normal. Mal platt bipolar: Das Problem mit dem Hijab haben nicht die, das haben wir. Das sollten sich die momentan ja aus dem Boden sprießenden einseitig auf “den” Islam fixierten Frauenrechtler mal hinter die Lauscher schreiben.

Ach ja, segensreiche Moderne, Großartigkeit der westlichen Zivilisation: Katholen blasen zur Exorzismus-Offensive, Schlecker in Fulda darf wegen Kirche keine Gummis verkaufen. Mein Lieblingssatz aus dem zweiten Artikel: “Bistumssprecher kann Erregung nicht nachvollziehen”. LOL, mir fielen die Bilder von der Wand. Es werfe im Clash of Cultures bitte der den ersten Stein, wer keinen an der Klatsche hat.

Das Wort “Pummel” kennen die meisten Deutschen. Es handelt sich um eine verniedlichende Bezeichnung für einen Menschen, der nicht dünn ist.

Welch menschenverachtende, gewaltverherrlichende Bedeutung dem Pummel hingegegen verbifiziert im anglophonen Sprachraum zugebilligt wird, kann der schockierte Leser von Citronengras.de im Online-Wörterbuch dict.leo.org nachschlagen.

[drüber gestolpert auf Lifehacker]

Ich würd’ ja mitbieten, aber mir fehlt der nötige Platz. [via]

Meine Freunde meinten immer, es handele sich um Showkämpfe. Aber warum etwas derart abfeiern, wenn es ja doch inszeniert war? Heute weiß ich, warum. Die Inszenierung selbst war das Faszinorium. Starke Männer. Hulk Hogan, der sein Shirt zerreißt. Und amerikanische Werte.

[via]

emule
Foto: arboltsef (cc)

In Japan ist es jetzt amtlich: Filesharern wird die Leitung gekappt. [via]

Am Freitag wurde bekannt, dass die vier Webprovider im Lande übereingekommen sind, den Benutzern gewaltsam die Internetleitung zu kappen, von denen man weiß, dass sie zum wiederholten Male Winny[1] und andere Filesharingprogramme benutzt haben, um illegal Spielesoftware und Musik zu kopieren. …

Darauf zurückzugreifen, Copyright-Verletzern die Internetverbindung aufzukündigen, wurde schon vorher in Betracht gezogen. Es wurde jedoch nie Gebrauch davon gemacht, weil die Angst bestand, diese Praxis würde Verletzungen der Privatsphäre und der Telekommunikationsfreiheit beinhalten.

Dennoch haben die ISP-Organisationen es (jetzt) Quellen zufolge als möglich eingestuft, bestimmten Benutzern die Verbindung zu trennen oder die Providerverträge aufzukündigen, wenn sie – mit Hilfe von Copyright-bezogenen Organisationen – als außerordentlich schamlose Missetäter identifiziert werden.
(Übersetzung von mir)

Na wie nett von der Contentindustrie, dass sie gleich die Ermittlungsarbeit gegen die außerordentlich schamlosen Missetäter übernimmt. Es soll ja keinesfalls der Eindruck entstehen, die Politik bliebe von der Wirtschaft unbeeinflusst, ganz besonders auch in puncto Bürgerrechte. Nein, das ist kein japanisches Phänomen, vergleichbare Tendenzen gibt’s auch in Frankreich, Australien und in Großbritannien, das kann jetzt weltweit molto fix gehen.

Was soll’s? Ich schätze, das ist jetzt der Startschuss für eine wirkliche “Volks”-Darknet-Software. Oder P2P über Bluetooth-Geräte. Vor knapp zehn Jahren kam Napster. Wer weiß, wo Filesharing im Jahr 2018 steht? Bald passen ganze Musiksammlungen auf daumennagelgroße Chips, eine ganze Videothek auf eine Festplatte — Wer will all die Schulhöfe kontrollieren? Wer denkt, Filesharing wäre noch aufzuhalten, leidet an Realitätsverlust. Solche Maßnahmen wie die in Japan beschleunigen die Entwicklung nur.

  1. ein in Japan beliebtes Filesharingtool [zurück]

Berlin aufm Kopf

Die bestreikten öffentlichen Verkehrsmittel jucken mich immer noch nicht so sehr. Gut, ich habe jetzt auch keine Arbeitsstelle in Hellerdorf oder eine Lebensabschnittsgefährtin in Spandau. Aber immerhin bin ich neulich schon zum vierten Mal von Friedrichshain über Kreuzberg runter nach Neukölln und wieder zurück gelaufen, bei Wind und Wetter. Mein Fahrrad ist leider hinüber, aber zu Fuß geht’s erstaunlicherweise ziemlich gut, schneller als ich gedacht hätte. Man kann dabei nachdenken, Musik hören, fotografieren, bekommt frische Luft und tut was für die Gelenke. Dafür fünf Minuten länger zu brauchen als in der sti[n/c]kigen U-Bahn ist für mich verschmerzbar. Man lernt die Entfernungsverhältnisse besser kennen als sonst, wenn die Stadt nur aus miteinander per U-Bahnschacht verbundenen Inseln besteht. Und dann komme ich auf meinem Weg auch immer an ver.dis Trutzburg an der Schillingbrücke in all ihrer Hässlichkeit vorbei, wo ich trotzdem stets warme Gedankenstrahlen der Solidarität hinsende. Ich glaube daran, dass Arbeit ihren Wert hat und dass man das manchmal verdeutlichen muss, indem man anderen zeigt, wie unkomfortabel das Leben ohne solche sonst selbstverständlichen Leistungen sein kann. Andererseits freut mich auch der Pragmatismus, mit der sich ein guter Teil der unmotorisierten Berliner hinsichtlich der Verkehrssituation arrangiert hat — trotz der Geiferduschen, die man immer dann unfreiwillig nimmt, wenn man an Kiosks vorbeikommt die die Titelzeilen-Werbeaufsteller der Dreckschleudern vom Axel Springer-Verlag verwenden. Ist halt jetzt so. Jibt Schlimm’ret.

Gestern seit langem mal wieder heute-Nachrichten gesehen. Themen: Islamische Gefahr (jetzt auch in Schulen), Inzest bleibt illegal (klagendes Pärchen traurig), Ski fahren (Deutschland gut), Wetterlage (siehe Fenster). Sowohl in Sachen Präsentation als auch inhaltlich keinen signifikanten Unterschied zu Formaten wie taff ausgemacht.

Ein bisschen Angst machen mir die aktuellen Entwicklungen in der Signalverarbeitung schon.

Klar, faszinierend ist das durchaus, vom technischen Standpunkt. Aber zu befürchten steht ja auch, dass uns jetzt eine neue Welle akustischer Veröffentlichungen von D-Promis aus dem Soap-Bereich bevorsteht. Szenario: Der Produzent im Studio. “So Mandy, jetzt sprich mal bitte deinen Text”. Uargh!!!1! [via]

(Dieser Eintrag heißt so wie er heißt wegen Prinzessin Stephanie von Monaco)

Knoppers
Bild: Banalities (cc)

Die Bäcker füllen die Backstuben mit Backgeruch und die Öfen mit Brötchen. Der Förster streift raschelnd durch die Blätter des Waldes. Von Holz in Baumform sieht er aber nicht viel. Der Waldmensch ist zum Papierbergsteiger geworden. Sein Hund Dabo kaut einen künstlichen Knochen, den Stefanie aus Rohhautleder geflochten und mit Rindfleischaroma verfeinert hat. Sie denkt nicht über Politik nach, sondern hat ihren eigenen Haushaltsentwurf, den nur sie basisdemokratisch mit ihrem Mann Valentin abstimmt. Ihr kleiner Leon ist noch unmündig und kaut gerade auf dem Beipackzettel des Überraschungseies, der vor verschluckbaren Kleinteilen warnt.

Ein auf mich schillernd wirkender Schnappschuss der real existierenden deutschen Gegenwart. Im Argwohnheim: Guten Morgen, liebe Leistungsgesellschaft.

WordPress 2.5 verzögert sich und das ist komplett okay für mich. Lieber erstmal testen, flicken, testen und flicken. Lassen! Bei 2.51 steig’ ich dann ein. Dafür soll YouTube den Tag über mit einer dicken Neuerung rauskommen. Ich tippe mal schwer auf höher aufgelöste Videos mit besserem Ton, die jetzt schon (inoffiziell) funzen gehen.

[Update:] Okay, knapp daneben: YouTube öffnet die APIs ein wenig. Langweilig. Immerhin beweist die TechCrunch-Überschrift, dass der Deppenapostroph keine spezifisch deutsche Eigenheit ist.

[Update 2:] Ich hatte doch recht. Im Userprofil kann man bei YouTube jetzt einstellen, wenn man die Videos in besserer Quali schauen will.