Der Herr Musikdieb hat da was sehr superes entdeckt: musicovery.com.

Hier kann man sich auf Basis seiner Stimmung und/oder eines bestimmten Genres und/oder einer bestimmten Zeitperiode im Hintergrund gestreamte Lieder in guter Qualität anhören. Bekannte und unbekannte Hits, ohne Playersoftware, nur via Flash. Die Lieder werden als Kleckse auf einer Art Straße dargestellt. Man kann hin- und herhüpfen oder einfach weiterfahren. Wirklich cool – ich hoffe die Musikindustrie mahnt hier mal ausnahmsweise nicht ab, sondern sieht die Page als das, was sie ist: Eine gute Werbung.
Für alle, die’s noch nicht bemerkt haben: Die Fussballweltmeisterschaft hat begonnen. So weit, so nett. Ich bin kein Extrem-Fußballfan, aber schau mir die Spiele trotzdem gern an, wenn sich die Gelegenheit bietet (in unserem Haushalt gibt es kein TV). Ich freue mich über guten Fußball und wenn Deutschland spielt, bin ich auch für Deutschland. Nicht zuletzt habe ich seit Tagen einen Ohrwurm von Toni Mahonis WM-Song. Dem ersteren, um prazise zu werden.
Gestern musste ich arbeiten. Bei uns in der Videothek gibt es selbstverständlich auch einen Fernseher, über den in den nächsten Wochen die Spiele flimmern. Da am Tag des Eröffnungsspiels eh so gut wie niemand Videos schauen will, hatte ich viel Ruhe und schaute hin.
Des Herrn Kerners Fresse, die ich sowieso nicht mag, strahlte mir zu allererst entgegen. Daneben: Florian Silbereisen mit Dreitagebart und noch jemand, der aber nicht viel sprach. Es schien heiter zu werden.
Und dann kam die Eröffnungsfeier. Ick dachte ick kiek né richti’. Da mir nach wie vor die Worte fehlen, hier ein auszug aus dem treffenden Artikel im BatzLog:
182 Trommler aus Oberbayern, 12x die ungefragte bayerische Antwort auf Indiana Jones und ein Steppke auf nem Dreirad. Und dann nochmehr Bayern. Darunter die berüchtigten Bajuwarischen Kuhglocken-Ficker, Männer mit einem abnormen sexuellen Fetisch für altmodische Musikinstrumente. die das Bild der Deutschen auf Jahre hinaus prägen werden.

Eine mit Bildbeweisen ausstaffierte Gesamtübersicht, ebenfalls wohlfeil verfasst, bietet Herr Schwerdtfeger an:

Diese sonderbaren vorrichtungen dienten offenbar dazu, den beteiligten dieses so genannten »festes« zunächst einmal das gehirn aus den köpfen zu saugen. Die nachfolgenden aufführungen demonstrieren die technologische spitzenreiter-stellung deutschlands in der enthirnung von menschen, zeigen aber leider auch noch einige entscheidende schwächen auf dem weg zu praxistauglichkeit.
Ulli Hoeneß fand diese klischeehafte Attributierung des Deutschen als traditionell (Kinder im Dirndl), modern (HipHop) und weltoffen (Frauen in Karnevalsschminke aus aller Welt fliegen auf gigantischen Oblaten durch die Gegend) im anschließenden umfassenden ZDF-Interview dann auch gar nicht so hässlich, abstoßend und ekelerregend wie ich. Im Gegenteil: Hier habe man der Welt gezeigt… blabla… weltoffen… gastfreundlich… bla… Dem Ganzen setzten die unsäglichen Fussball-Mainzelmännchen in der Werbepause die Krone auf, die in pseudolustigen Einsprengseln die Werbung einrahmten, die die Reportagen und Interviews einrahmten, die die Fussballübertragung einrahmten. Darf man das spießbürgerorientierten Humor nennen? Ich find’, man darf.
Dann ging’s Spiel los. Deutschland – Costa Rica. Schöne Tore waren’s ja, aber diesen grundsätzlichen Optimismus, was die Leistung von “uns” angeht, teile ich nicht. Mag sein, dass Kerner und Clique das anders empfanden und die Bild ja sowieso, aber ich habe da nicht nur eine Abwehr in Prä-Seepferdchen-Verfassung schwimmen sehen sondern auch technische, taktische und geschwindigkeitsspezifische Defizite in Ford’scher Fließbandproduktion. Was soll’s, immerhin gewonnen. Und nur zwei Gegentore von der Fußballweltmacht Costa Rica – will schon was heißen.
Während des Spiels hatte ich den Ton aus. Stattdessen lief bei mir die Alternativkommentierung des Radiosenders Fritz mit Marco Seiffert und Tommy Wosch. Und die war höchst gut. Die machen das übrigens auch noch bei den nächsten Deutschland-Spielen. Wer also genug hat vom Plattitüden-Bingo der selbst ernannten Experten und lieber mal ein bisschen Lehmann-Gebashe hört, kann am Mittwoch ja mal Fritz anschalten oder streamen.
Bei jedem Treffer der deutschen Elf wummerte und bummerte es (Chinaböller D), ansonsten waren die Straßen so ausgestorben wie London in 28 Days Later. Etwas beklemmend, aber auch irgendwie schön. Nach dem Spiel jedoch strömte der Mob grölend, gackernd, geifernd u.v.a. saufend auf die Straße. Ich schaute mir noch Polen – Ecuador an und flugs waren meine sieben Arbeitsstunden vergangen.
Tja, und sonst? Ist es erfrischend, am einen Auto oder der anderen Häuserfassade mal eine umgekehrte Deutschlandfahne, eine von Schweden oder der DDR zu sehen. Das Patriotismusgeblubber geht einem ganz schon auf den Sack. Fußball ist einfach zu überbewertet. War ja schon damals so, als der SPIEGEL in Klinsmanns taktische Aufstellung eine ähliche Reformblockade wie in die deutsche Politik reinzuinterpretieren suchte. Das geht jetzt natürlich weiter – wir sind wieder wer (hnnnng!), Patriotismus-Pegelmessung bei SpON (Zitat: “Deutschland peinlich Vaterland – das war früher”), fröhlich darüber hinwegsehend, dass Forderung und Verteidigung von Patriotismen (die genau genommen völlig idiotisch sind), in bürgerlichen Milieus überhaupt keine neue Entwicklung sind und meiner Meinung nach genauso lächerlich wie das Hassen des “eigenen” Landes. Beides bewertet nämlich die Grenzen, in die wir zufällig geboren sind, total über und beides ist in seiner Verkrampftheit ähnlich zu bewerten. Aber das ist ein Thema für sich.
Ach ja: Nachdem es jetzt sogar WM-Luft in Tüten zu kaufen gibt, wünsche ich mir dann doch etwas weniger Marketing-Ausschlachtung der WM.
Fröhlichen Passivsport wünsche ich uns allen.
—–
Ab morgen will die Kanzlerin ein Video-Blog starten. Abgefahren.
[Danke]
Videocast Nummer 1 stelle ich mir in etwa so vor:

Meine lieben Bürgerinnen und Bürger, liebe Kinder.
Nachdem mein veehrter Herr Kollege, General und Sekretär Volker im letzten Jahr mit seinem iKauder völlig neue Wählerschichten erschossen, pardon, erschlossen hat, habe ich mich entschossen, pardon, entschlossen, mich auch auf diesem, dem multimedialen nämlich, Wege, an sie, verehrte Bürgerinnen und Bürger, liebe Kinder, zu wenden.
Die Erfordernisse der Globalisierung, äh, erfordern von uns, liebe Bürgerinnen und Bürger, verehrte Kinder, dass wir uns an die Erfordernisse der Globalisierung anpassen.
Uns steht mit der Fussball-Weltmeisterschaft ein Ereignis ins Haus, wie es seit den sportlichen Festivitäten der Jahre 1936 und 1972 in Deutschland keines mehr gegeben hat. Diese Ereignisse hatten damals den anderen Staaten gezeigt: Wir sind wieder wer, wir packen die Dinge an. Lassen sie es uns uns, verehrte Bürgerinnen und Bürger, liebe Kinder, und den anderen in der Welt zeigen: Wir gehen optimistisch an den Ball und grätschen auch mal rein und das meine ich, durchaus, nicht nur im übertragenen Sinne. Mit Mut und Menschlichkeit. Denn Du, liebe Bürgerinnen und Bürger, verehrte Kinder, Du bist Oliver Kahn. Du bist Angela Merkel. Du bist Belgien, pardon: Deutschland.
Wir haben viel erlitten, zum Beispiel im Finale der letzten Fussballweltmeisterschaft, aber auch viel erreicht, zum Beispiel das Finale der letzten Fussballweltmeisterschaft. Ich drücke uns, verehrte Kinderinnen und Kinder, liebe Bürger, alle Daumen, die ich habe und andere Körperteile, falls nötig. Ich bin bereit, Opfer zu bringen, meinen Teil dazu beizutragen, dass wir ins Finale kommen. Wir sind, das versichere ich ihnen, auf dem richtigen Weg und können es aus eigener Kraft schaffen. Die deutsche Fussballnationalmannschaft in ihrem Lauf hält weder Ochs’ noch Costa Rica auf.
Ich würde gerne nach Berlin fahren, aber ich bin ja leider schon da.
Herzlichst, ihre
Angela Merkel
[UPDATE:]
Die Realität ist besser als die Satire.

Die neu gewählte Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat die Bundesregierung und die deutsche Justiz aufgefordert, schärfer gegen den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad vorzugehen. «Für mich ist dieser Mann ein zweiter Hitler», sagte Knobloch der «Bild»-Zeitung. Ahmadinedschad leugnet den Holocaust, was in Deutschland strafbar ist.
Netzeitung.de: Knobloch vergleicht Irans Präsidenten mit Hitler (08.06.2006)
Frau Knobloch, also bitte. Was ist denn mit Stalin, Pinochet, Ceauşescu, Milosevic, und so weiter? Wenn schon, denn schon. Es wird Zeit, dass sich ein Zentralrat der Hitler-Nachfolge-Definition gründet, damit ich nicht mit mir hadern muss, ob Ahmadinedschad jetzt der zweite, fünfte oder siebzehnte Hitler ist.
Nee, jetzt mal im Ernst: Manche Taten sollte man nicht miteinander aufwiegen, gerade wenn man beansprucht, eine moralische Instanz zu sein. Sonst macht man sich lächerlich und sägt am Ast, auf dem man sitzt.
(Nein, ich bin weder Geschichtsrevisionist noch Ahmadinedschad-Gutfinder.)
Ich war sehr überrascht – bei YouTube gibt’s ja alles – gerade, was Musikvideos angeht. Hier ein paar besonders schöne:
Slut – Time is not a Remedy
erzählt die Geschichte eines jungen Mannes und seiner Wohnung im Zeitraffer.
UNKLE ft. Thom Yorke & DJ Shadow – Rabbit in your Headlights
Ein offenbar verwirrter Mann stolpert Unverständliches brabbelnd durch einen Autobahntunnel. Verstörendes Video, energetisches Ende. Man kann ja das kreative Potential erahnen, wenn Radioheads Thom auf Plattennerd DJ Shadow trifft.
Kashmir – Rocket Brothers
Stilistisch: Die Simpsons treffen auf Kubricks Dr. Seltsam. Ein wunderschönes Video aus dem besten Album der Dänen.
Darude – Sandstorm
Dumpfer Prolo-Dorftechno? Energetischer Elektro? Ich mag mir kein Urteil erlauben. Das Video ist aber sehr geil. Etwas Lola rennt, etwas Matrix. Sehr lässig.
Muse – Bliss
Matthew Bellamy fällt in ein Loch. Und fällt. Und fällt. Die Schwerkraft ist sowieso überbewertet.
KoRn – Y’all want a Single
Ich mag KoRn ja gar nicht. Dieses Video hat allerdings eine Aussage. Anschauen!
Demnächst mehr.
Gerhard Wisnewski weist darauf hin, dass die bis dato im Internet frei verfügbare Dokumentation Loose Change 9/11 über die Ungereimtheiten in den Ereignissen am 11. September 2001 momentan offline ist. Grund seien Urheberrechtsansprüche der französischen Brüder Naudet, aus deren Dokumentation über die New Yorker Feuerwehr einige Ausschnitte entnommen wurden. In letzterer wurde ein junger Feuerwehradjutant über mehrere Monate begleitet. Die Ereignisse am 11. September, in die dieser zufällig geriet, wurden ebenso zufällig sehr detailliert von den französischen Filmemachern dokumentiert.
Ich hatte über Loose Change bereits berichtet. Eine sehr sehenswerte Dokumentation, die nicht zuletzt aufgrund der jüngst veröffentlichten “Beweisbilder” zum Flugzeugeinschlag ins Pentagon aktuell und unbequem ist.
Bei Google Video kann man sie dennoch weiter anschauen und auch die in den Filesharingnetzen verfügbaren Versionen werden natürlich nicht von heute auf jetzt offline sein. Ich rate zum Anschauen. Man muss nicht alles glauben – wenn jedoch nur in der Hälfte der präsentierten Fakten ein Fünkchen Wahrheit steckt (und man ist geneigt, das anzunehmen), ist 9/11 ein Skandal, den man nicht mehr mit dem Pauschalvorwurf “Verschwörungstheorie” aburteilen kann.

Die Stigmatisierung von Arbeitslosigkeit als “eigene Schuld” des Arbeitslosen ist in Deutschland gesellschaftlich wesentlich stärker ausgeprägt als in den meisten anderen Ländern. Mag man die Gründe dafür politisch, soziologisch oder historisch suchen – es bedeutet, dass im öffentlichen Diskurs weniger (bzw. so gut wie gar nicht) auf makropolitischer Ebene nach Fehlern bzw. Möglichkeiten der Verbesserung gesucht wird, sondern in erster Linie auf der individuellen. Das fängt im Kleinen an. Wer länger arbeitslos ist, wird im Familien- und Freundeskreis gefragt, ob man denn schon “wirklich alles mögliche unternommen” habe, ob man denn nicht notfalls auch bereit sei, wegzugehen oder eine geringer qualifizierte Arbeit anzunehmen. Die fehlende Möglichkeit, zur Identitätsstiftung, zum “dabei sein” notwendige Konsumgüter zu erstehen, führt zusätzlich dazu, dass eine gesellschaftliche Ausgrenzung stattfindet.
Mittelfristig wenden sich viele Freunde ab vom Arbeitslosen, dem Sozialschmarotzer. Kaum jemand fragt nach politischem Versagen (Schulsystem, soziale Spaltung, Ökonomisierung als politisches Leitmotiv) oder den psychologischen und gesundheitlichen Konsequenzen, die Arbeitslosigkeit mit sich bringt (Depressionen, Apathie, Minderwertigkeitsgefühle, Mangelerscheinungen aufgrund schlechterer Ernährung) und dem daraus resultierenden Teufelskreis. Eigenverantwortung, ja klar, das kann jeder. Wirklich?
Auf subtilere Weise wird auch bereits die Armut zum sozialen Stigma, wenn sie etwa als mangelnde Leistungsbereitschaft charakterisiert wird, wenn die Schuld für Armut alleine in einem persönlichen Versagen gesucht wird, wenn Betroffenen ein Ausruhen in der sozialen Hängematte unterstellt wird, etwa bei Arbeitslosen.
Zitat Wikipedia: Stigmatisierung
Die Politik spielt diese Spiel selbstverständlich mit, sie treibt es massiv voran. Ganz klar: Je mehr Verantwortung dem Individuum zugeschrieben wird, desto weniger hat man selbst zu tragen. Diese taktische Finesse wurde allerdings erst in jüngster Zeit eingebracht. Ein Beispiel: Ging es in den ersten Tagen von Hartz IV – so wurde vorgegeben – noch darum, die Arbeitslosenzahlen zu halbieren, wird jetzt – zumindest implizit – zugegeben, dass lediglich die Kosten für den Bestand an Arbeitslosen reduziert werden sollten und sollen. Damit wird gesagt: Arbeitslose, ihr seid zu teuer! statt: Arbeitslose, wir müsse etwas an eurem Status ändern! Dass die Hartz IV-Reformen von Anfang an dazu ungeeignet waren, steht auf einem anderen Blatt Papier.
Um dies öffentlich zu legitimieren, wird bewusst eine Spaltung der Gesellschaft herbeigeführt. Durch Verschärfungen von Kontrollen der ALG-Empfänger, denen wie selbstverständlich die Annahme zu Grunde liegt, ein Großteil der Beziehenden seien Leistungserschleicher. Und der brave Angestellte denkt: Richtig so. Arbeiten kann jeder – ich hab’s doch auch geschafft. Die vielzitierte Friseurin mit dem Einkommen von 600 Euro denkt sich “Die faulen Schweinehunde sollen gefälligst weniger haben als ich, schließlich arbeite ich für mein Geld!” anstatt “In was für einer Gesellschaft lebe ich eigentlich, die eine Vollzeitbeschäftigung wie meine so mies entlohnt?”
Durch Äußerungen wie folgende wird diese erwünschte Spaltung unterstrichen:

Es darf nicht der Eindruck entstehen, in Deutschland bekommt man als Arbeitsfähiger eine Grundsicherung und kann den ganzen Tag im Bett liegen bleiben.
Volker Kauder, Generalsekretär CDU, in der Süddeutschen Zeitung (30.05.06): “Wer Hartz IV erhält, darf nicht nur herumgammeln”
Nur wer arbeitet, soll auch essen
Franz Müntefering, SPD, Vizeführerkanzler, zitiert nach Die Zeit (10.05.2006): Arbeiten fürs Essen
Über die sozialen Probleme in Frankreich kann man genauso furchtbares berichten, eines finde ich aber bemerkenswert: Die Solidarität, mit der jeder auf die Straße geht, um Missstände aufzuzeigen. In Deutschland hingegen sind dem Arbeitenden die Studenten suspekt, dem Studenten die Senioren, dem Senioren die Beamten, und so weiter. Leute, versteht das doch mal: Das ist politisch gewollt! Hört auf mit den Kleinkriegen und Stigmatisierungen und seht doch mal das Ganze: Es geht um die Dekonstruktion des Artikel 1, Grundgesetz!
Ich möchte verdammt nochmal, dass all diese allwissenden Volkspolitiker und Wirtschaftsweisen einmal für einen Monat von ALG II leben müssen, mitsamt sozialer Ausgrenzung, LIDL-Einkäufen, Arbeitsamtagentur-Wartemarken, Billigzigaretten und den Vormittagsprogrammen der Privatsender – damit sie wissen, was sie dort eigentlich beschließen.
Ach ja, kaum einer hat’s gemerkt. Seit neuestem darf der Staat wissentlich Menschen verhungern lassen. Man muss nur drei Arbeitsangebote in einem Jahr ausschlagen (wegen Würde und so), dann gibt’s gar nichts mehr. Also ab, ihr Heer von Millionen, auf die Brandenburger Spargelfelder, den Polak vertreiben.
Was man tun kann? Wen anders wählen. Demonstrieren. Sich abseits der Mainstream-Medien informieren. Das große Übel in seiner Gesamtheit versuchen, zu erfassen. Anders denken. Reden. Arbeitslose als Menschen sehen. Den eigenen Wohlstand nicht als selbstverständlich annehmen, auch mal über den Tellerrand schauen. Sich nicht spalten lassen.
Weiterlesen:
[UPDATE:]
Im aktuellen Focus steht, dass Volker Kauder die Idee hatte, ALG würde missbraucht und müsse dringend nachgebessert werden, als er im Taxi saß. Der Taxifahrer dankte ihm nämlich, dass er aufgrund von Hartz IV nicht mehr zwölf Stunden am Tag arbeiten müsse, sondern nur noch acht.
Ein erschütternder Fall von Leistungserschleichung! Diesen Arbeitsverweigerungs-Mentalität muss der Garaus gemacht werden. Der Mensch ist schließlich für die Arbeit da und nicht umgekehrt.
Die auf dieser Seite stehenden Fotos sind übrigens von Volker Kauders Seite entwendet habe und von mir – Achtung! – optimiert (im Sinne künstlerischer Freiheit). Hrhr. Mehr gibt’s hier, z.B ein Gruppenbild mit Dame. Nebenbei: Erinnert sich noch jemand an den iKauder?Ein Skandal kann in den meisten Fällen nur durch die Medien erschaffen werden. Was, wenn der Skandal aber die Medien betrifft? Wenn die Ungeheuerlichkeit schon zum gewöhnlichen Agieren in dieser Sphäre gilt? Die Idiotie, die dahinter steht ist eine von uns erschaffene. Wir sind willige Konsumenten, weil wir es sein sollen – aber auch wollen. Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Konsum ist gut und wichtig, er erhält unsere Gesellschaft am Leben – selbst wenn die durch den Konsum gestillten Bedürfnisse künstlich erschaffene, gar sinnlose sind. Spräche ich anders, ich tät’s mit gespaltener Zunge. Es geht mir aber um etwas anderes.
Und worum? Um das Fernsehen. Um Sabine Christiansen. Ich habe mir ihre Sendung von gestern nicht angeschaut, 3,8 Millionen andere Menschen aber. Gestern nacht noch las ich einen Artikel aus Quirinus’ Demokratie und Alltag. Dort hieß es:
Welche Art von Sozialstaat wollen wir? Über diese und andere Fragen, so heißt es in diversen Programmankündigungen, diskutiert Sabine Christiansen heute abend mit ihren Gästen. Und das sind: Wolfgang Clement (Ehem. Wirtschafts- und Arbeitsminister, SPD), Markus Söder (CSU-Generalsekretär), Klaus Wiesehügel (Vorsitzender IG BAU), Lucy Redler (WASG), Hans-Ulrich Jörges (Leiter Hauptstadtbüro STERN).
Ich bin fast kollabiert. Warum setzt man neben drei selbstgerechte “Macher”, die richtig tief in den Lobbynetzwerken und -hinterzimmern stecken (übrigens genau wie Frau Christiansen), aber auch für ihre populistische Rhetorik bekannt sind,
- einen Gewerkschaftsboss ohne großen Einfluss, aber mit reichlich Loyalitätskonflikten (Arbeitnehmer vs. SPD-Realpolitik)
- und eine radikale Trotzkistin, die gerade erst aus ihrem Parteivorstand ausgeschlossen wurde und obendrein auch noch gut aussieht – was eine Frau in der Politik schon mal von vornherein disqualifiziert (Ist-, nicht Soll-Zustand, für mich-falsch-verstehen-wollende).
In solch einer Sendung kann es doch gar keinen diskursiven Schlagabtausch gegeben haben. Wie viele der 3,8 Millionen werden denn realisiert haben, worum es hier eigentlich ging? Um Manipulation. Die Meinung der Mehrheit wird nunmal durch die Massenmedien geprägt. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten genießen immer noch den Ruf, seriöse Informationen neutral aufzubereiten. Nun, wer das glaubt, den weiß ich leider enttäuschen zu müssen.
Da gab es zum Beispiel eine Sendung von Beckmann am 20. März diesen Jahres, in der Norbert Blüm als Verfechter der gesetzlichen Rentenversicherung eingeladen war. Ins Auge stach dabei die Feindseligkeit, mit der der Moderator den ehemaligen Arbeitsminister anging, ihn immer wieder unterbrach und persönlich wurde. Auch ein anderer Gast, die B-Promi-Voyeurine Nina Ruge, argumentierte gegen Blüm. Später wurde bekannt, dass Ruge und Beckmann Werbeverträge mit der privaten Versicherungswirtschaft hatten.
Nun geriet Beckmann danach stark in die Kritik und musste versprechen, in Zukunft seine Werbeverträge offenzulegen. Aber was wäre nun, wenn das kein Einzelfall gewesen wäre? Wenn tatsächlich wirtschaftliche Interessenvertreter alles nur mögliche Unternehmen würden, um gutgläubige Bürger auf ihre Seite zu ziehen, ihnen ihre Weltsicht aufzuzwingen? Dem eigenen Profit zuliebe?
Da gibt es z.B die INSM, in der sich genau solche Menschen zusammenfinden und Werbeleute engagieren, um bestimmte Botschaften unterbewusst (z.B. in Polit-Talks oder Daily Soaps) auszusenden: Weniger Staat, mehr Freiheit und Eigenverantwortung. Kurz: Reformen. So nennt sich Sozialabbau nämlich im Neusprech der Lobbyisten und der Medien, ihren willigen Erfüllungsgehilfen. Und: ja, es gibt auch in den Medien Lichtblicke. Etwa Monitor und Zapp, die genau diesen Machenschaften nachgespürt haben. Das kann man sich auch online ansehen. Wenn man sich damit beschäftigt, ahnt man ansatzweise, welche informellen Verbindungen und Netzwerke ohne Verträge, Protokolle und Vereinsnamen zwischen Politik und Medien es noch geben mag. Sehr erhellend war in dem Zusammenhang die Dokumentation Strippenzieher und Hinterzimmer – Meinungsmacher im Berliner Medienzirkus von Thomas Leif. Leider gibt’s die nicht zum Streamen, aber wenn irgendwie/-wo die Möglichkeit besteht – anschauen.
Zum Schluß der Verweis auf einen Artikel, der einen Blick von außen und alter Schule auf den Journalismus in Deutschland markiert. Der Schweizer Journalist Frank A. Meyer in der Frankfurter Rundschau: Küssen sie mal einen Bildschirm (24.05.2006)
Doch es gibt noch ein weiteres Netz, das uns gefangen hält. Ein intimeres: Wir (die Journalisten – Anm. d. Bloggenden) bewegen uns mehr und mehr und am liebsten untereinander. Neben dem Arbeits-Bildschirm ist die Medienszene unsere engere, unsere enge Heimat geworden. Wir sind auf dem besten Weg, eine Kaste zu werden. Und die eherne Regel jeder Kaste heißt: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. (…)
Und dennoch ergeben sich ob so vieler verständlicher Gemeinsamkeiten auch fatale Gemeinsamkeiten: Zum Beispiel ganz plötzlich und ganz ohne böse Absicht ein Mainstream in der Einschätzung von Politik oder Wirtschaft, von Politikern und Unternehmern, von Parteien und Verbänden und Gewerkschaften. Gesellschaftliche Entwicklungen werden plötzlich, ohne böse Absicht, von den führenden Medien, von den Stimmungs- und Meinungsmachern unter den Journalisten sehr, sehr ähnlich gesehen – fatal ähnlich.
Wer hätte das gedacht? Da geb ich mein Senf zur aktuellen Lage im eD2K-Netz ab, schreibe ein paar Sicherheitstips für’s Maultier rein, Netzpolitik zitiert und verlinkt mich und – zack – explodieren meine Besucherzahlen. 1200 Hits in drei Tagen. Das ist natürlich nichts für ein A-Blog, aber für Z-Gras bemerkenswert. Immer noch ungläubig auf meinen X-Stat-Counter schielend, vermag ich auch ein wenig meinen durch Eitelkeit lancierten Stolz nicht gänzlich zu verhehlen.
Dennoch wird das hier jetz kein Esel-Blog werden. Sowas bräuchte es zwar auch mal, aber wenn – dann würde ich (vielleicht) mitmachen, nicht machen. Gibt einfach zu viel anderes zu schreiben (wenn man denn die Zeit dazu hat). Ausserdem: Wer weiss, ob Zitronengras überhaupt noch so lange lebt? Keine Panik: Falls nicht, wird es sich in ein größeres Ganzes einschmelzen. So Borg-mäßig.
//edit:
Bin jetzt ebenfalls verewigt in den Gulli:News. Sehr abgefahren, das.