meist manchmal, selten oft

Dank der Umstellung Berlins auf DVB-T und fehlendem Geld waren wir seinerzeit gezwungen, den Fernseher verstauben zu lassen und, später, wegzugeben. Erst dann begann ich, mich für Politik, abseits von Allgemeinplätzen und SPIEGEL-Propaganda zu interessieren. Wenn ich heute wo zu Besuch bin und ein Fernseher läuft, erkenne ich nachher, wie hypnotisch dieses Medium wirkt. Selbst den größten Scheiss, von Supernanny bis Bohlens Egowichse, tu ich mir an, weil’s kurzfristig unterhaltsam ist.

Es gibt so viele Möglichkeiten, diese Zeit besser zu nutzen.

Die TV-Macher sind sich dieses Effekts sicher bewusst und gestalten ihr Programm so, dass Inhalte stark vereinfacht dargestellt werden (wer fernsieht, will nicht denken). Eine Verzerrung der Realität findet statt, und die Medien wissen das auch für politische Zwecke zu missbrauchen.
Ein Beispiel: Bei den Ver.di-Streiks wurde jüngst in den Tagesthemen das Porträt einer Mutter skizziert, die aufgrund der Streiks ihr Kind nicht in den Kindergarten schicken konnte. Fast hätte sich Mutti extra einen (unproduktiven) freien Tag nehmen müssen, aber gottseidank war Omi ja da und hat sich um’s Töchterchen gekümmert. Motive für den Streik, die Art und Weise, wie sich Nullrunden oder Tariferhöhungen volkswirtschaftlich auswirken, die unter der Inflation liegen: Fehlanzeige. Stattdessen, ein emotionaler, einseitiger, subjektiver Teilausschnitt der Konsequenzen. Aber das ist eine Sprache, die jeder versteht.

Jetzt kommt’s: Vorhin habe ich auf InfoRadio (RBB-Nachrichtensender) ein Feature zu den CPE-Protesten in Frankreich und den damit einher gehenden Streiks gehört. Erzählt wurde von einer, namentlich genannten, jungen Mutter, die sich fast einen Tag frei nehmen musste, wenn sie ihr Kind nicht zur Oma hätte geben können.

Wer will mir erzählen, es stecke kein System dahinter?

Manipulation ist nicht bloßes Lügen. Es ist der Versuch, eine subjektive Ansicht, eine Meinung, als objektiv darzustellen. Das Instrumentarium ist vielfältig:
Auslassen bestimmter Teilaspekte eines Sachverhalts, Überbetonung anderer, suggestive Bilder, Untermauerung von Argumenten durch vermeintliche Experten, die Formulierung von Meinungen als rhetorische Frage, Statistiken (die häufig in beliebige Richtungen interpretiert werden können), emotionale Berichterstattung, das Präsentieren des “Gegners” auf herabwürdigende Weise (“Blaming”, “Bashing”), die Neudefinition positiv besetzter Begriffe (z.B. “sozial”, “Reform”), die negative Neudefinition von vom “Gegner” besetzte Begriffen (“Solidarität”, “Sozialstaat”), die Konstruktion eines “WIR” (damit gleichzeitig: Konstruktion eines “DIE”), eigentlich kontroverse Ansichten unkommentiert als evident – also in sich logisch und selbsterklärend – hinzustellen (Beispiele: In Berlin-Kreuzberg sei die Integration gescheitert, nachzulesen im SPIEGEL oder in der FAZ; Wir stünden vor einer demographischen Katastrophe, nachzulesen überall), und so weiter.

Wer das so nicht sieht, sollte sich wachen Auges mal mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft beschäftigen, die gute Kontakte in die Journalismusschmieden pflegt. Aber ein reflektierter Blick in BILD oder SPIEGEL reicht auch.

Anlass: René im Spreeblick-Blog: Die Rückkehr des Wortes.


Kleines Update: Auch der marktradikale Alibi-Grüne und INSM-Botschafter Oswald Metzger nutzt in seiner Propaganda-Kolumne seinem Blog bei Focus.de die Kindergarten-Mutti-Tränendrüsen-Argumentationslinie gegen die Streiks. Ach, wat isser doch bürgernah, der Ossi (“Ja, sind sie von Attac bezahlt?”). Nachtjall, ick hör Dir trapsen.

Wenn Du von ganz unten kommst
ist Gewinnen nicht alles …

(bedeutungsschwangere Pause)

Es ist das Einzige.

Gesehen auf dem DVD-Cover von “Friday Night Lights”.

Grandios: Edmund Stoiber erzählt aus seinem Leben. Klick und das MP3 runterladen. Gefunden dank Side Effects.

Oje, jetzt gibt’s diese tollen MP3-Player schon seit einiger Zeit – und jetzt darf ich, V for Verbraucher, sie nicht mehr betanken. Das Aushebeln von Kopierschützen ist jetzt nämlich nicht mehr Bagatellbulette, sondern ein Verbrechen höheren Ranges.

Was nu?

  • Verzweifeln?
  • Statt “Mit dem Mofa nach England” mal mit dem Laptop nach Frankreich – Parkbank in Paris, den Tramper-Rucksack mit dem Gros sämtlicher erworbenen kopiergeschützten CDs gebuckelt und im rechtlich unfragwürdigen Milieu nach und nach in MP3 umwandeln? Wird ja auch gerade Frühling, ich seh da eine Marktlücke für die Tourismusindustrie!
  • CDs versehentlich so unsachgemäß lagern, dass sie mit herkömmlichen Mitteln ehwieso nicht mehr abspielbar sind. Ja, wieso denn das?

Zumindest für die letzten beiden genannten Taktiken gibt es da eine Möglichkeit. Zuerst sollte man wissen, dass Kopierschutzmaßnahmen für CDs reichlich unausgefuchst sind. Das Ding ist, es gibt noch Player von vor 20 Jahren, einer Zeit, in der an Kopierschütze noch längst nicht zu denken war. Damals gab’s zwar schon Auf-MC- und Radiomitschnittpiraterie, aber komischerweise hat die Industrie damals das enorme kriminelle Potential von Musikliebhabern noch gründlich unterschätzt. CDs müssen also auch auf alten Playern laufen, die mit Kopierschützen nicht umgehen können.

Es gibt höchstens rudimentäre Behinderungen, eine kopiergeschützte CD auszulesen und gegebenenfalls umzuwandeln. Das erste sind kleine Programme, die sich im Datenteil einer CD befinden können, und bei Installation das ordnungsgemäße Auslesen der Scheibe blockieren. Lustig: Oft sind diese Programme nur in Windows-Versionen auf den CDs vorhanden. Nicht zuletzt dank des riesigen Medienskandals um Sonys XCP-Rootkit, bei dem es sich eigentlich um genau so einen kleinen “Blockierer” handelte, der sich aber zum Scheunentor für Viren entpuppte, ist vielen Verbrauchern bewusst, dass sich solche kleinen Satansbraten von Progrämmchen besser gar nicht erst von selbst installieren. Was soll ich sagen – die CD-Autostartfunktion abschalten mit, z.B., XP-Antispy sollte man sowieso.

Das andere ist ein manipulierter TOC. TOC heißt Table of Content, also Inhaltsverzeichnis. Darin stehen Informationen über Länge, Start und Ende der Tracks sowie Titelinformationen. CD-Player lesen den TOC überwiegend nicht aus, viele (aber nicht alle) Autoradios und Laufwerke schon.
Die Industrie kam auf die Idee, TOCs so “umzuschreiben”, dass sie fehlerhafte Informationen enthalten. Mit dem Ergebnis, dass – wie erwünscht – die CDs in Laufwerken nicht mehr abgespielt werden können. Doch: Denkste! Einige CD-/DVD-Laufwerke lesen ihn einfach nicht aus. Dieses Feature ist legal, darf aber nicht beworben werden. Linux schert sich sowieso einen Dreck um den TOC, Macs genauso. Aber auch unter Windows gibt es eine Möglichkeit.

Das Programm Exact Audio Copy ist dafür gedacht, defekte – also zerkratzte CDs – so weit wie möglich zu “retten” und in ein Audioformat nach Wahl umzuwandeln. Dazu kann ein beliebiger Encoder verwendet werden, der extern eingebunden werden muss. Für MP3 z.B. ist der Lame-Codec empfehlenswert. Zur Routine gehört, neben dem mehrfachen und verlangsamten Auslesen von fehlerhaften Stellen auf der CD, auch den TOC zu überlesen.
EAC ist nicht gerade einfach zu installieren und zu konfigurieren, aber dafür gibt es auch umfangreiche Tutorials online. Und: einmal installiert, ist das Tool wahrhaft mächtig. Mit einer Online-Verbindung kann man sich sogar die lästige Eingabe von CD- und Tracktiteln ersparen, da sich das Programm die Informationen eigenständig aus der freedb-Datenbank holt.

Der Gesetzgeber gibt nicht an, ob ein fehlerhafter TOC tatsächlich einen wirksamen Kopierschutz darstellt, da er ja nicht auf sämtlichen Betriebssystemen und auch nicht in allen Laufwerken wirksam ist. So ist das Auslesen und Umwandeln einer CD mit EAC (ein Programm, dessen Hauptzweck Datenrettung ist) meiner Meinung nach immer noch eine rechtlichen Grauzone. Das sollte man ausnutzen.

Da liegt man gemütlich in der Badewanne, denkt an nichts Böses, hört die Bundesliga-Konferenz, Bochum – Braunschweig 4:0, jipieh! Und dann kommen die Nachrichten.

Etwa eine Million Menschen hatten sich gestern (in Frankreich, d.Verf.) nach Gewerkschaftsangaben an den landesweiten Kundgebungen beteiligt. Die Proteste richteten sich gegen die von der Regierung geplante Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger. (nachzulesen auf inforadio.de)

Lockerung des Kündigungsschutzes? Mir geht der Hut hoch! Es handelt sich um eine Abschaffung!

Frisch abgetrocknet und an den Rechner gesetzt. Mal sehen, was die anderen Massenmedien so absondern.

Spiegel Online beschäftigt sich mit dem neuen Zusammenhalt der französischen Gewerkschaften, mit den taktischen Optionen Villepins in Hinsicht auf die Präsidentschaftswahlwahl und der Unmöglichkeit, die französischen Bürger von der “Notwendigkeit von Reformen” zu überzeugen. Sämtliche erdenklichen Aspekte dieses Themenkomplexes also. Nur die Motive der Millionen, die demonstrieren, werden in der “Analyse” (Selbstbezeichnung SpOn) außen vor gelassen. Lediglich eine Inkohärenz ihrer Interessen, mit Ausnahme ihres “Dagegenseins”, wird festgestellt und eine Entschuldigung der “Unreformierbarkeit” im taktisch unklugen Vorgehen Villepins sowie der historisch institutionalisierten französischen Protestkultur gefunden. Hm. Ich prognostiziere: Demnächst kommen die Demonstranten und ihre Anliegen, auch im SPIEGEL, noch schlechter weg. Auf’s “Blaming” und “Bashing” versteht man sich da ja gut.

Die Welt beschränkt sich in ihrer Berichterstattung überwiegend auf die ausgiebige Schilderung der “Krawalle”.

Interessant, was die Bild-Online-Redaktion zu sagen hat: nichts! Ich suchte die gesamte Start- und Newsseite ab, blieb an einigen Titten und bunt bebilderten Unterschichtskatastrophen hängen, zu CPE jedoch kein Wort. Ich gab “politik” in die interne Suche ein, aber ausser der Erkentniss, dass der Internetauftritt der INSM bei den Suchergebnissen (“Sponsored Link”) an erster Stelle steht – nichts. Ganz so schnell wollte ich jedoch noch nicht aufgeben. So suchte ich nach “frankreich”. Heureka! Ein Ergebnis. Jedoch sofortige Enttäuschung: Mir wird auf der vermeintlichen Artikelseite zwar der übliche BILD-Müll offeriert, aber nix zu den Protesten. Unerwünschter Inhalt vielleicht? Ein Schelm wer böses dabei denkt… Das sind sicher nur technische Störungen.

Merkwürdiges Suchergebnis bei bild.t-online.de

Nächste Station: Die Webseite der ZDF-heute-Nachrichten. Unter dem Titel Gewerkschaft droht nach Protesten mit Generalstreik wird dem Leser direkt mal das Bild von Magnesiumfackeln werfenden Autonomen entgegengeschmettert, damit er weiss, womit er’s zu tun hat. Ansonsten bewegt sich die tendentiöse Berichterstattung im normalen Rahmen von überwiegend auf die Nennung von Verletztenzahlen und Sachschäden fixierter Meinungsmache.
Bemerkenswert höchstens: Das ZDF befragt einen Experten.

“Eine radikale Veränderung bedeutet das Gesetz nicht”, sagt Wolfgang Neumann vom Deutsch-Französischen-Institut in Ludwigsburg zu heute.de. Die Ursachen für die Proteste lägen tiefer. “Die Arbeitswelt ändert sich und die jungen Leute spüren das. Sie werden es in Zukunft nicht einfach haben und sie befürchten, dass der so genannte Ersteinstellungsvertrag nur der Anfang ist und eine Reihe von Lockerungen nach sich zieht.”

Nach etwas Recherchearbeit eine Überraschung: Wolfgang Neumann ist kein offizieller INSM-Botschafter! Lässt man aber den Blick über seine Veröffentlichungen schweifen, ereilt einem schon der Anflug einer Ahnung, wes Geistes Kind der Herr ist.
Berichterstattung in der “seriösen” Tagespresse: Süddeutsche, Zeit und FAZ: Variationen ein und derselben dpa-Meldung. Im Preis inbegriffen: historisch-selbststilisierendes Rumgewichse von Daniel Cohn-Bendit. Würg.

Kontextfremd frage ich mal in den Raum: Ist Deutschland noch zu retten? Zumindest, was das Ausmaß der markt(schrei)liberalen Medien in Deutschland angeht, offenbar nicht. Okay, immerhin gibt es ja noch die Bloggerszene und alternativen, kritischen Journalismus (wie die hervorragenden NachDenkSeiten von Albrecht Müller oder die, manchmal etwas kruden, aber oft auch hervorragenden Artikel eines G. Wisnewski. Nur leider kratzen diese Angebote leider nicht mal am Mainstream. Immerhin, die taz beweist, dass man sie doch manchmal lesen kann und die Berliner Zeitung, wie so oft, dass sie chronisch unterschätzt wird.

Nicht ganz, aber irgendwie doch passend: Ein Essay von Werner Schlegel zur Abschreibementalität in den deutschen Redaktionen, auch im Vergleich zur Situation in Frankreich. Doch Pierre Bourdieu hat vor Jahren selbst die französische Presse für exakt die gleichen Zustände kritisiert.

tunix vom eselkult.tk-Blog weist auf eine Veranstaltung am 30.3. im Berliner Mehringhof von FairSharing.de hin:

Jean-Baptiste Soufron von den Audionautes und Elizabeth Stark von Freeculture Harvard werden Vorträge halten und über die Situation und die vergangenen Debatten berichten.

Gehnwadahin? Dagehnwahin!

Die Situation in Frankreich jedenfalls ist haarig wie nie. War vor kurzem noch die Rede von einer Kulturflatrate und einer damit einhergehenden de-facto-Entkriminalisierung von Filesharing, scheinen nun die Lobbyisten das Heft in die Hand genommen zu haben. Man plant ein Verbot von Software, die zum illegalen Datenaustausch verwendet werden kann – beziehungsweise deren Entwicklung.

Die größten Auswirkungen dürfte ein beschlossener und nicht mehr für eine erneute Debatte geöffneter Änderungsantrag entfalten, der aufgrund seiner Herkunft und Lobby-Unterstützung allgemein nur noch als Vivendi-Universal-Paragraph bezeichnet wird. Ihm zufolge soll mit bis zu drei Jahren Haft und einer Geldstrafe von bis zu 300.000 Euro belegt werden, wer “wissentlich” und öffentlich Software verbreitet, die “offensichtlich darauf ausgerichtet ist”, den unautorisierten Zugang zu geschützten Werken oder anderen Objekten zu gestatten. (heise.de-Newsticker)

Was “offensichtlich” heisst, ist unklar. Browser, E-Mail und FTP kann man jedenfalls nicht verbieten. Die französischen eMule-Modder jedoch fühlen sich “offensichtlich” so bedroht, dass sie, wie man hört, – wenn überhaupt – nur noch im “Untergrund” weitercoden können/ wollen.

Bin eben durch Zufall auf einen sehr interessanten, wenngleich bereits etwas älteren, Artikel gestoßen.
Fredmund Malik im “Manager Magazin”: Muss der Kapitalismus vor den Kapitalisten gerettet werden? (27.4.2005)

“Wir haben längst nichts mehr, was in einer sinnvollen Weise als Kapitalismus bezeichnet werden kann. Wir haben etwas Schlimmeres, nämlich einen primitiv-vulgären Geldökonomismus, das heißt, ein Wirtschaftsdenken, das alles auf nur gerade eine Größe reduziert, nämlich Geld. Geld, und nicht Kapital ist es, was Denken und Handeln dominiert.”

“Der echte Liberalismus schreibt niemandem vor, wonach er sich zu richten hat. Kein echter Liberaler hat je, wie viele Neoliberale es tun, Individualismus mit Egoismus verwechselt. Der Liberalismus ist im Gegenteil das einzige System, das es den Menschen freistellt, sich so zu verhalten, wie sie es wollen und jene Ziele anzustreben, die sie selbst wählen. Die Vorteile der Marktwirtschaft hängen nicht davon ab, dass sich die Menschen egoistisch verhalten. Jeder darf sich so altruistisch verhalten, wie er nur will.”

“Niemand hat deutlicher gesagt, als der große Liberale und Nobelpreisträger, Friedrich von Hayek, dass letztlich alle Ziele nicht-ökonomischer Natur seien. Wir würden viele einflussreiche Gegner, zum Beispiel Künstler, zu Befürwortern eines freien Wirtschaftssystems machen können, wenn wir von ihnen nicht ständig verlangten, alles rein ökonomischer Ratio unterzuordnen. Was der Liberalismus aber verlangt, ist, dass jeder für seine Handlungen einzustehen hat. Das muss auch für Manager gelten.”

“Man darf den Markt nicht überfordern, und man darf den Menschen nicht ständig predigen, die Marktwirtschaft sei das Beste aller Systeme. Wer so spricht, tut es aus einer privilegierten Position oder aus Unkenntnis. Das Gegenteil kommt den täglichen Erfahrungen der Mehrheit der Menschen näher. Eine Marktwirtschaft ist brutal, unerbittlich, gnadenlos und im Alltagsverständnis der Menschen ungerecht. Die großen Liberalen wussten das: Die Marktwirtschaft ist nicht das beste System, sondern ein miserables – nur sind alle anderen Systeme noch viel schlechter, wie die Geschichte bewiesen hat.”

Was soll man sagen? Schön, dass es noch ernstzunehmende Ökonomen (neben Albrecht Müller natürlich) gibt. Ein sehr schöner Artikel, der ein bisschen Mut macht – obwohl er vermutlich ungehört verhallt ist.
—–

… super! Du beschäftigst Dich in der Ausgabe von letzter Woche unter der offenbar wortwitzig gemeinten Headline “Ausgetauscht” ja mal etwas eingehender mit dem Phänomen und der Entwicklung von Peer2Peer-Tauschbörsen…

… und dann steht da doch nur wieder der übliche Propaganda-Mist der Anti-P2P-Lobby. Deren neue Taktik scheint ja offenkundig zu sein, Tauschbörsen als im Untergang zu begriffen dazustellen. Man hofft, scheint’s, auf eine Self-fulfilling prophecy. An einer Stelle wird in deiner Schilderung zwar leise Kritik deutlich, allerdings das recht inkonsequent.
Aber fangen wir doch da an, wo die “Qualität” des Artikels am deutlichsten zu Tage tritt: Bei sachlich falschen, ungenauen und, zwar relevanten, aber ausgelassenen, Informationen (im Volksmund nennt man das auch Manipulation).

“Einst war Rosso Chef der Online-Tauschbörse Grokster, einer Nachfolgerin der legendären Internet-Plattform Napster, nur größer und besser. Millionen Internet-Surfer tauschten dort täglich Filme, Dateien und vor allem Musik – illegal und ohne dafür zu bezahlen.”

  • Grokster war/ist keine Tauschbörse, sondern lediglich ein Client für das sogenannte FastTrack-Netzwerk, genau wie KaZaA übrigens.
  • Illegal war das Tauschen von Musik und Dateien bis vor einigen Jahren noch nicht, sondern eine rechtliche Grauzone. So auch zu Gründungszeiten von Grokster Ltd.

“Grokster ist schon weg, Limewire und Edonkey wollen demnächst aufgeben, Kazaa ist ein hoffnungsloser Fall, Bittorent hat bereits öffentlich der Illegalität abgeschworen.”

  • Rechtschreibung: Mal abgesehen davon, dass hier auf die CamelCase-Namen der Filesharing-Clients überhaupt keine Rücksicht genommen wird (LimeWire, eDonkey, KaZaA, BitTorrent), wird BitTorrent auch mit Doppel-R geschrieben. Es handelt sich hier nämlich nicht um “mietbares” Bit sondern um einen metaphorischen Sturzbach aus eben diesen.
  • eDonkey hat bereits aufgegeben. Genauer: Sam Yagan hat im September letzten Jahres die Weiterentwicklung des Clients eingestellt. Allerdings hört man im eDonkey-Forum auch schon wieder Gegenteiliges.
  • Selbst wenn die Entwicklung eines Clients eingestellt wird, heisst das nichts. Dezentrale (also Server-unabhängige) Netze haben es nämlich so an sich, dass sie auch bei Einstellung des Projekts weiterfunktionieren. Man frage mal bei Sherman Networks, den Entwicklern von Skype (und auch KaZaA) nach.
  • Wo wir gerade bei KaZaA sind… “Kazaa ist ein hoffnungsloser Fall” ist eine so dermaßen sinnentleerte Aussage, dass man sich fragt, ob sich der Autor kurz vorm Verfassen seinen journalistischen Anspruch zum Abwischen des Hinterns verwendet und das WC heruntergespült hat. Hier ein Alternativvorschlag: “KaZaA und das FastTrack-Netz hatten unter den Folgen einer massiv durch die von der Industrie in die Netze eingespeisten Flut von falschen Dateien, sogenannten ‘Fakes’ zu leiden, weswegen viele Benutzer zu technisch besseren Netzen wie eD2K ‘abwanderten’.”
  • Dass eDonkey “aufgibt” hat im Grunde überhaupt keine Bewandnis, denn es existiert bereits seit 2002 eine technisch wesentlich bessere Client-Software: eMule. Das tolle daran ist, dass sie Open Source ist und dessen Entwicklung deswegen sicherlich nicht so schnell eingestellt wird. Selbst zu “Lebzeiten” von eDonkey waren bereits ein Vielfaches der Clients im Netzwerk die sogenannten “Mulis”. Diese Entwicklung vor Augen dürfte auch die LimeWire-Macher bewegt haben, ihre Quelltexte offenzulegen, auf dass ein neuer Client namens “FrostWire” auf OpenSource-Basis entstünde. Vielleicht sogar unter der Prämisse: So, RIAA – verbietet DAS!
  • Der, sicherlich gewollte, Denkfehler, den Musikindustrie-Lobbyisten gerne den Schreiberlingen vermitteln, ist, dass Filesharingnetzte per se illegal und zu verurteilen sind. Tatsächlich – und das sieht man am besten im Beispiel BitTorrent – ist es nicht die Software, die illegal ist, sondern der User, der die Software für illegale Zwecke missbraucht. BT ist vielmehr ein technisch hochentwickeltes, wegweisendes Datendistributionstool. Dass selbst die Filmindustrie das erkannt hat und mit dem BitTorrent-Entwickler Bram Cohen kooperiert, dürfte Beweis genug sein. Anderes Beispiel: Das nagelneue Tool “Democracy“, das Video-Bloggern dank BT-Support erleichtert, qualitativ höherwertige Videos zu verteilen. Zukünftig wird dennoch Copyright-geschützter Content via BT getauscht werden, das ist abzusehen – und liegt mutmaßlich gar nicht im Sinne des Erfinders. Aber beeinflussen lässt sich’s nicht.
    Das öffentliche Abschwören von illegalen Inhalten betreffend: Ebenso wird mit Google auch die vielzitierte Anleitung zum Bombenbau gefunden. Google: lieb / BitTorrent: böse?

“Nur: Ist dieser Optimismus wirklich gerechtfertigt? Wurden zuletzt nicht noch immer monatlich fast eine Milliarde illegale Downloads und angeblich bis zu neun Millionen tägliche Nutzer von Online-Tauschbörsen gezählt? Und wandern die Nutzer
dichtgemachter Tauschbörsen nicht einfach zu neuen Orten im Internet ab, um sich weiter kostenlos Musik zu holen?”

JA!
Das waren die kritischen Gedanken des Artikels.

“Kennedy kennt die Zahlen. Er weiß, dass im Januar noch 885 Millionen Songs in Tauschbörsen angeboten wurden, deutlich weniger als die 1,1 Milliarden Mitte 2003, obwohl sich die Zahl der schnellen Breitbandanschlüsse seither mehr als verdoppelt hat.”

Diese Zahlen, ebenso wie die auf Seite 180 stehende Grafik, stammen von der IFPI. IFPI bedeutet “International Federation of the Phonographic Industry”. Ahnst Du, SPIEGEL, worauf ich hinauswill? Jau, traue niemals Lobby-Statistiken! Würdest Du den Angaben der US-Regierung zu den bei Luftschlägen auf den Irak getöteten Zivilisten Glauben schenken?
(Ups, vermutlich würdest Du das tatsächlich…)
Na jedenfalls spricht die slyck.com-Statistik eine andere Sprache. Hast Du die IFPI mal gefragt, ob in die Statistik auch Datei-Archive mit ganzen Alben oder gar Diskographien mit einflossen? Ob die Dateien nach der Anzahl der Quellen oder einzeln gezählt wurden? Da steht nämlich nur etwas von “Musikdateien” – ein dehnbahrer Begriff. Die steigende Anzahl von Breitbandanschlüssen (und auch die immer höheren Geschwindigkeiten derer) könnten auch ein Grund sein, dass Musikdownloads schneller “fertig” sind und damit aus den “Shared Files” schneller entfernt werden. Dass das sinnvoll ist, wiss man als “Gefahren”-bewusster Filesharer seit einiger Zeit.
Aber, wie man Statistiken hinbiegt, um eine politisch erwünschte Aussage zu untermauern, muss man dir ja wohl nicht erklären. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen IFPI und Slyck, ich tendiere aber eher zu Werten, die näher an letzterer Quelle liegen.

“Nur die Internet-Piraten sind schwer zu überzeugen. ‘Daran müssen wir arbeiten’, (…)”

  • Wie jetzt? Solch wundervolle Kampagnen wie Hart, aber gerecht sind trotz ruchloser Desinformation (implizite Gleichsetzung Filesharing = gewerbliches Handeln mit Schwarzkopien, Strafmaß entsprechend § 108a UrhG) kein Erfolg? Der Ottonormal-eMule-Nutzer nimmt das nicht ernst? Ich kenne diese Lobby-Schlawiner doch! Nachher streuen die sogar die Information ein, dass jede medial wirksam inszenierte, aber vollständig lächerliche neue Werbekampagne dazu führen würde, dass noch mehr Menschen überhaupt erst darauf aufmerksam werden, dass man Musik auch kostenlos aus dem Internet herunterladen kann. LOL!
    Neinnein, jetzt mal ernsthaft. Für die Musikindustrie gibt es selbstverständlich noch einiges, was man in puncto Manipulation von Statistiken, Desinformation, Maßlosigkeit bei/ Unverhältnismäßigkeit von Vergleichszahlungen und Gängelung der eigenen Kunden hinzulernen könnte.
  • Begriffe wie “Filesharer” oder “Tauschbörsennutzer” sind Dir, SPIEGEL, offenbar zu wertfrei. Statdessen übernimmst Du den Industriellen-Jargon, sprichst von “Piraten” und leistet als Nachrichtenmagazin mit Millionenauflage einen der wichtigsten Beiträge zur Stigmatisierung von Filesharing als Kapitalverbrechen.

“Für viele Internet-Piraten geht es beim kostenlosen Musikgenuss auch ums Prinzip: Künstler sind ohnehin alle Millionäre, CDs viel zu teuer und Plattenbosse
skrupellose Abzocker. Warum also ein schlechtes Gewissen haben, wenn man für Musik nicht bezahlt?”

“Die, das sind Musikkonzerne wie EMI, Jahresumsatz 2,8 Milliarden Euro, Plattenfirma von Coldplay und den Beatles.”

Siehst Du, SPIEGEL, in diesen Aussagen einen gewissen Widerspruch? Eben, ich auch nicht. Ach ja: South Park-Statement-Download bei David Levine (gefunden bei fairsharing.de).

“Die Plattenbosse wollen sich aber nicht darauf verlassen, dass die Kundschaft von selbst zu den Bezahlangeboten findet. ‘Ein bisschen erziehen’ müsse man die Leute schon, sagt Klein. Dafür sind in der Musikindustrie Profis wie Clemens Rasch zuständig, Anwalt und Geschäftsführer der Firma Promedia mit dem vielsagenden Untertitel ‘Gesellschaft zum Schutz geistigen Eigentums’.”

Schade, dass Du an dieser Stelle nicht erwähnst, dass Vollprofi Clemens Rasch in der “Szene” bereits seit einiger Zeit durch seinen mangelhaften Sachverstand (z.B. bei der Abmahnung von Betreibern winziger eDonkey-Server [RegReq]), die GVU durch das Einsetzen krimineller Methoden (Anbieten von illegalem Content auf eigenen Payservern) aufgefallen sind.

Es geht zu Ende. Rasch ist sicher: ‘In einigen Jahren werden wir über den Tauschbörsenspuk reden wie über den New-Economy-Hype. Wir werden nicht verstehen, dass es so etwas überhaupt einmal gab.’”

Das klingt ja fast wie Honecker anno ‘89!

Soviel dazu.

Schade, dass Du, SPIEGEL, in dieser Rezitierung der Industriepropaganda nicht auf die Nachteile von legalen Downloadshops wie iTunes eingegangen bist. Mittlerweile scheint sich im Nerd-Jargon nämlich “DRM-Verkrüppelung” als feststehender Begriff zu institutionalisieren. Soll heissen: Ein gekaufter Song gehört noch lange nicht mir. Mittels technischer Maßnahmen werde ich als Endbenutzer immer noch mit Anti-Kopiermaßnahmen als potentieller “Pirat” gegeißelt. Diese sind zwar mit Programmen wie EAC für technisch versierte Zeitgenossen leicht auszuhebeln, dennoch verhindern sie das Abspielen einer legal erworbenen CD in PC-Laufwerken, Autoradios, etc.
Mit online gekauften Songs verhält es sich ähnlich: Es wird festgelegt, auf welchem PC ich die Tracks abspielen darf, kann sie nur auf bestimmte Hardware-Player aufgrund einer enormen Varietät an proprietären Formate übertragen, darf sie nicht oder nur eingeschränkt auf Mix-CDs brennen, usf. Und wenn meine Festplatte wegen eines über das Sony-Rootkit eingeschleppten Virus neu formatiert werden muss, ist die Mucke gleich mit über’n Jordan.
Tja, SPIEGEL, was hörst Du denn für Musik? Starte doch einfach mal eine eMule-Suche nach “Norah Jones”, Dateityp “Archiv”. Auf einen Blick hast Du jetzt eine Auswahl von allen möglichen Formaten und Bitraten, aus denen Du Dir die für deine Bedürfnisse passende Datei aussuchen kannst. Doppelklick – und in einer guten halben Stunde hast Du im Idealfall die passenden Dateien auf deinem Rechner – ohne DRM-Müll. Ist das komfortabel? Ich denke schon. Der von C. Rasch kurz angesprochene russische Online-Musikshop (den Namen nenne ich hier besser nicht) ging in puncto Formatvielfalt eine sehr ähnliche Richtung und war dazu noch sehr variabel im Preismodell. Leider lernt man daraus nicht und bietet ähnliche Services an, sondern kriminalisiert ihn. Willkommen in der Globalisierung.
Mir ist mal meine Blur-Best Of zerkratzt. War ‘ne Special Edition mit Bonus-Live-CD. Was habe ich getan? Sie mir “illegal” aus dem Internet heruntergeladen! Was machen die armen Gestalten, die sich eine kopiergeschützte CD gekauft haben, sich diese auf ihren iPod übertragen wollen, aber nicht wissen, wie man EAC installiert und so einrichtet, dass der manipulierte TOC nicht ausgelesen wird? Sie laden sich die passenden Dateien aus dem Internet!
Ich benutze Filesharing wie früher Radio. Ich lerne neue Musik kennen, höre entspannt hinein und entscheide mich dann, sie zu kaufen. Oder eben nicht. Ist das alles moralisch verwerflich, bin ich deswegen ein “Internet-Pirat”? Warum kommen EMI/BMG/Sony nicht auf die Idee, die Tracks ihrer CD gleich als MP3 mit auf die CD zu backen? Und: Warum gehst Du, SPIEGEL, auf diese Fragen nicht ein?

Eine Sache ist noch zu klären: Warum stellt die Industrie Filesharing als ein aussterbendes Phänomen dar? Bis vor kurzem waren KaZaA und Co. doch noch die Geißel der Musikwirtschaft, Vernichter zahlreicher junger Bands, Arbeitsplatzvernichter allererster Kajüte (und natürlich Unterstützer des internationalen Terrorismus)! Ganz einfach: Die Gewinne ziehen an, die Verbraucher wissen eine Original-CD wieder (?) zu schätzen. Die Musikindustrie gerät in Legitimationsnot. Wie kann es sein, dass trotz des regen Getausches der Mob in die Plattenläden drängt, sich online Musik kauft? Da lässt sich das Bild der wirtschaftsfeindlichen “Raubkopierer” nur halten, wenn man den Erfolg als Konsequenz der eigenen Bemühungen hinstellt. Solche Faktoren, SPIEGEL, hätte ich mir in deiner “Analyse” gewünscht – nicht die stumpfe Wiedergabe von Lobbyparolen. Investigativer Journalismus geht anders.

(alle Zitate, sofern nicht anders gekennzeichnet: Spiegel 11/06)