Papaya, Papaya

Zeit für Geständnisse: Vor langer, langer Zeit, ich war so etwa 9, war auch einmal der Chefbefüllungsbeauftragte dieses kleinen Onlinejournals dem deutschen Schlager zugetan. Es lag daran, dass in Bochum der Radiosender WDR 4, bekannt als Ultrakurzfönwellensender mit Wohlfühlgarantie, auf einer einfach zu merkenden Frequenz lag: Hundert. Ich stellte mir das immer auf meinem Radiowecker ein als die Musik, mit der ich den Tag begann. Diese Melodeien von Bands wie Fernando Express, dem guten Matze Reim oder dem nunmehr toten Ibo verfolgten mich dann den ganzen Tag, man hatte einfach immer was zum Summen. Über die Jahrzehnte hinweg gar blieben einige Takte und Worte in meinen Synapsen hängen und tauchen heute unvermittelt wieder auf, so eingängig waren diese Lieder. Irgendwann wechselte ich jedoch auf die „Ruhrwelle Bochum“, auf der eher die englischen Versionen ähnlicher Lieder gespielt wurden und mein Schlagerfantum war vorüber.

Möglicherweise liegt es daran, dass sich auch die dunkle Seite der musikalischen Sozialisation über mich ergossen hat, dass ich später durchaus mit Volksmusik- und Schlagerverhohnepiepelungen etwas anfangen konnte, welche zwar irgendwo ironisch brachen, heute aber dennoch beinahe genauso peinlich sind. Mir gefiel die Technoversion des Milka-Mannes mit dem „It’s cool man“ (meine erste CD), ich mochte auch die Eurodance-Abräumer K2 mit dem heute schon sehr bizarr wirkenden Video zu „Der Berg ruft“. Später fieberte ich bei Nussecken und Himbeereis mit „Meister“ Guildo Horn beim Grand Prix und war sogar in Wattenscheidt auf einem seiner Konzerte.

So jetzt wisst ihr alles. Warum dieser Seelenstriptease in geschmackshistorischer Hinsicht? Ich will bloß, das ihr nachvollziehen könnt, warum ich den breakenden Schlageryuppie Alexander Marcus lustig finde und vermutlich den Rest des Abends mit einem debilen Grinsen im Gesicht „Papaya, Papaya, Coconut Banana“ vor mich hinträllern werde.

Seine anderen Hits, „1, 2, 3“ und „Ciao Ciao Bella“ sind, nebenbei, gleichsam sehenswert.

[via Bosch bei Twitter]

9 Kommentare

  1. Ab heute werde ich morgens andächtig dem Quäken des hiesigen Regionalsendezeitverschwenders lauschen und Gott dafür danken, dass es mich nicht so schlimm getroffen hat wie dich. Und ich Einfältiger hatte schon geglaubt, das morgendliche Hören von Radio Siegen wäre märtyrerhaft genug, um jeden Katholiken auf Gottes Schoss zu beamen.

  2. Oh 🙁 Das Ibo tot ist, habe ich nie wirklich mitbekommen.

    Den Alexander Marcus habe ich vor ein paar Monaten entdeckt. Der Typ ist überhaupt nicht greifbar. Ich verstehe das einfach nicht, was das ist, also ist dass jetzt fake oder echt oder was ganz anderes?
    Er ist sich des komischen Wahnsinns ja schon bewusst, allein diese Drogenszene im Video oben, mein Gott. Hab mal eine Homestory von ihm gelesen, danach war ich nur noch verwirrter.

    „Der Berg ruft“ habe ich immer etwas jenseits des Spaßtechnos wie „Eine Insel mit 2 Bergen“ gesehen. Genau wie Raumschiff Edelweiss war das einfach etwas sehr eigenes mit genug eigenen Ideen. Hach, man kann machen, was man will, auf Citronengras lande ich in den Kommentaren immer in den seligen Neunzigern…

  3. Pingback: Electrolore? - blong.de ~ liebe & stolz

  4. @bosch:

    Gegen Blumfeld ist ja nun wirklich nichts einzuwenden. Auch gegen traurige Liebeslieder nichts. So heteronormativ bin ich dann doch nicht besetzt. 🙂

  5. Ich glaube, mein lieber Blogvollschreiber, ich muss dich bald mal verklagen. Es ist längst pathologisch geworden, wie du mir die Birne mit grauseligen Ohrwürmern verstopfst. 😀
    Papaya, Papaya, Coconut, Banana…
    Wobei ich einräumen muss, an dem „I’m a DJ“-Ohrwurm, der wirklich sehr hartnäckig ist, warst du nur zum Teil Schuld. Vielleicht sollte ich da mal überlegen, ob ich Morrissey dafür dran kriegen könnte. Harhar.

  6. Auch ich sehe da keinen Grund für Rechtfertigungen. In meinem engsten Freundeskreis (selbstverständlich alles gebildete und höchst anspruchsvolle junge Kulturschaffende…) sind seit kurzem gesellige Zusammenkünfte ohne kollektives „Nichts ist heut verboten – Fideralala“-Gegröle nicht mehr denkbar.

    Was der lustige Kerl macht ist zwar alles prinzipiell nicht neu aber in der Kombination mit das Geilste, was deutsche Trashkultur in letzter Zeit hervorgebracht hat.

    Wer von den Anwesenden hat eigentlich schon die Gummimöse entdeckt?

  7. Auch wenn mir dieser Eintrag mal wieder eine der im Nachhinein verfluchten Nächte auf Youtube beschert hat, danke dafür. Da kamen große Erinnerungen hoch („It´s cool man“ wurde meinerseits noch aus dem Radio auf Kassette aufgenommen und trotzdem auf voller Lautstärke gehört).
    Und Alexander Marcus kommt ja gerade zur rechten Zeit, jetzt wo Deichkind nun schon regelmäßig in jedem „Club“ zu hören sind.

    Ich hätte sie ja ohne Hinweis nicht entdeckt, aber was ich noch interessanter finde (da du ja die nachdenkseiten in der Blogroll führst): direkt neben der Gummimöse liegt Albrecht Müllers „Die Reformlüge“ aufgeschlagen im Sand. Da bröckelt Alexanders BWL-Schnösel-Image doch ein wenig.

    Und da dies mein erster Kommentar hier ist: Schöne Website. Lob und Anerkennung!

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