Patt

schach

Der Libanonkrieg ist ein Jahr vorbei. Mich hat der seinerzeit sehr mitgenommen, mehr sogar als der US-Angriffskrieg im Irak ’03 – da verzweifelt man, wundert sich über die Kälte, mit der die Leute die Vernichtung von Lebensgrundlage, Lebensraum und Leben im allgemeinen euphemistisch als wie auch immer geartete Notwendigkeit auffassen („Kollateralschäden“) und verliert schon einmal die Contenance.

Ich schrieb Dinge, die jemand, der es so verstehen wollte in einfachen Gut-Böse-Schemata auffassen konnte und – so kommt eins ganz schnell zum anderen – mir X-ismus oder Verharmlosung von Y unterstellt. Diese Beißreflexe sind nicht nur albern, sondern auch deswegen gefährlich, weil es die Geisteshaltung, die man legitimerweise so umschreibt, profanisiert. Es war eine Diskussion mit erschreckend bipolaren Sichten in den Politikteilen, Feuilletons und Leserbriefspalten, den Webforen letzten Sommer und es wurde auf beiden Seiten scheußlicher Unfug geschrieben, oft persönlich und emotional (was in solchen Diskussionen kein Prädikat ist), undifferenziert, die Sachverhalte ausblendend, die nicht ins eigene Bild passten und ohne ausreichend informiert zu sein. Ich nehme mich davon nicht aus – auch wenn ich mich bemüht habe, die Sachverhalte nicht zu einseitig zu betrachten war ich doch borniert. Relativ neu in der Materie des nahen Ostens, suchte ich nach Antworten für das was ich nicht fassen konnte, nach Entgegnungen auf Argumente die so metaphysisch schienen, dass ein einfaches „Nein, das ist menschenverachtender Bullshit“ nicht gereicht hätte.

Die politisch instrumentalisierte Suche nach Vergeltung gab es auf beiden Seiten. Auf beiden Seiten waren diejenigen zu schwach, die davor warnten, dass durchgeführte Vergeltung es – wie stets – nur noch schlimmer werden ließe. In puncto Zerstörungskraft, nicht aber ideell besteht ein Unterschied zwischen Katjuscha-Rakete und Streubombe. Leben zu zerstören, um sich selbst und seinem Leid Linderung zu verschaffen ist zwar nachvollziehbar, aber noch lange nicht rechtens. Wer sich verteidigt, indem er die Mittel des Angreifers übernimmt, gar verstärkt, der hat schon verloren. Nichts davon kann man, wenn man Moral nicht nur als obsolete Verbalpeitsche im Sinne von Benimmregeln aus der Kaiserzeit sondern im philosophischen Kontext begreift, gutheißen. Warum sollte ein zerstörtes Haus, eine getötete Tochter für eine Person auf der einen Seite geringere Tragik besitzen als für die andere? Nur weil das Opfer in dem Land geboren wurde, das wir als Schurke gewordenen Staat klassifizieren? Nur weil es auf dieser Seite des Konflikts weniger Opfer zu beklagen gab? Leid ist universell. Und: Nicht die Art, wie der Krieg durchgeführt wird ist barbarisch, der Krieg an sich – die Methode der Opferung von Menschenleben, das gewalttätige Niederzwingen eines „Feindes“, die Schaffung von Angst und Hass zu übernehmen, also die Geisteshaltung, die dahintersteht – das ist Barbarei. Man sollte ganz einfach nicht den Fehler machen, Verstöße gegen Menschen- und Völkerrecht gutzuheißen, „nur“ weil sie als Reaktion auf ebensolche der anderen Seite geschahen. Wenn es um Gründe geht, naja – die finden sich für einen Krieg immer.

Daher finde ich den Artikel in der aktuellen jungen Welt zum Thema viel zu einseitig, so einseitig wie ich ihn vor einem Jahr sicher noch nicht gefunden hätte. Als unbedarfter Leser könnte man hier den Eindruck gewinnen, die Hisbollah wäre ein friedlicher Vorstadt-Schützenverein. Genauso wenig, wie man in dem Konflikt zwischen der Hisbollah und Israel einen eindeutigen Aggressor ausmachen konnte, sollte man verdrängen, dass die (nicht demokratisch legitimierte Herrschaft ausübende!) Hisbollah wesentlich schärfer angegriffen hätte, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte. Wenn es nach Nasrallah und seinen Macho-Buddies gehen würde, wäre es aus mit dem liberalen Libanon. Die Hisbollah ist genauso ein mieser Verein wie die israelischen Entscheidungsträger, die zivile Häfen und Fluchtwege im Libanon bombardieren ließ.

Gut vor diesem Hintergrund finde ich, wie sich red.cloud gegen einen Nachwuchsislamisten positioniert, der ihn (aufgrund seiner Kritik an extremistischer Islamkritik) verlinkt hatte: Extremismus der einen Seite abzulehnen bedeutet nicht, den Extremismus der anderen Seite nicht abzulehnen. Daran sollten sich einige ein Beispiel nehmen – lernen, Dinge differenzierter als nach dem Schema „Schachbrett“ zu sehen.

Foto „big chess“ von emmaline (cc)

4 Kommentare

  1. Ach citronengras! Du konntest keinen „eindeutigen“ Agressor ausmachen im letzten Libanonkrieg?
    Wie wäre es damit:
    -Die zwei zionistischen Soldaten wurden auf libanesischen Gebiet gefangengenommen.
    -Diese Tatsache wurde vom Westen und den Zionisten unterdrückt und geleugnet.
    -Die angeblichen „Entführungen“ der Soldaten wurden für etwas benutzt was der Judenstaat schon von langer Hand vorbereitet hatte.
    Und zwar die Zerschlagung der einzigen wirklich effektiven und erfolgreichen Widerstandsorganisation im Nahen Osten = Die HISBOLLAH (Wer schaffte es das die Zionisten den Süden Libanons fluchtartig verliessen?)
    Möge die Hisbollah nicht „westlich – demokratisch“ legitimiert sein wird die Hisbollah jedoch von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung im Süden des Libanons getragen.
    Es gibt genügend Regierungen die sind demokratisch legitimiesiert, und? Die scheren sich einen Dreck um die Bevölkerung die sie gewählt hat. Legitimisation durch „demokratische“ Wahlen? Pah!! Was bringt es. Wenn nichtt gewählt wird wie es den Zionisten und Westlern beliebt wird einfach das Ergebniss einer „demokratische Wahl“ ignoriert. Beispiele gefällig? Algerien und zuletzt Palaestina!
    So wird der Westen niemals dort Freunde finden!!!

  2. Du konntest keinen “eindeutigen” Agressor ausmachen im letzten Libanonkrieg?

    Meines Wissens hat die Hisbollah ihre Katjuschas schon vor der Gefangennahme abgefeuert. Dem sind sicher auch Provokationen vorausgegangen und es sitzen ja auch tausende Palästinenser und Libanesen als Faustpfand ohne Prozess in israelischen Knästen. Nur: Es bringt nichts, im Nahostkonflikt nach dem, der angefangen hat eindeutig Schuldigen zu suchen. Die gibt es nicht. Das Problem ist genau deswegen immer weiter hochgeschaukelt. Dass Israels Angriff völkerrechtswidrig und in der Heftigkeit vollständig überzogen war, steht für mich übrigens ausser Frage. Aber man sollte zwischen den Entscheidern differenzieren und denen, die ein Land bewohnen – das ist es, was ich mit meinem Artikel ausdrücken wollte.

    -Die zwei zionistischen Soldaten wurden auf libanesischen Gebiet gefangengenommen.
    -Diese Tatsache wurde vom Westen und den Zionisten unterdrückt und geleugnet.
    -Die angeblichen “Entführungen” der Soldaten wurden für etwas benutzt was der Judenstaat schon von langer Hand vorbereitet hatte.

    Die zionistische Idee ist per se nichts Falsches. Das Problem ist, dass der Begriff heutzutage als Synonym für „eine auf Aggression und Eskalation seitens des israelischen Militärs bedachte Verteidigungsstrategie vertretend“ oder aber auch im antisemitischen Sinn „typisch jüdisch“ verwendet wird. Es gab genug Zionisten (im ursprünglichen Wortsinn), die nach dem Sechtagekrieg gegen Scharon protestierten. Ich möchte dich bitten, den Begriff vorsichtiger zu verwenden.

    Dazu unterstellst Du längerfristige Planungen und Informationsunterdrückung. Dir sollte bewusst sein, dass das zumindest im Ansatz verschwörungstheoretisch klingt. Mir z.B. war und ist die Tatsache durchaus bewusst, dass die beiden israelischen Soldaten auf libanesischem Territorium gefangengenommen wurden.

    Und zwar die Zerschlagung der einzigen wirklich effektiven und erfolgreichen Widerstandsorganisation im Nahen Osten = Die HISBOLLAH (Wer schaffte es das die Zionisten den Süden Libanons fluchtartig verliessen?)

    „Widerstandsorganisation“ finde ich euphemistisch. Wenn es nur darum ginge, stünde bei Hisbollah nich der Islamismus ideologisch im Hintergrund. Die Hisbollah hat durchaus Dreck am Stecken. Im Iran etwa dient sie als williger inoffizieller Handlanger der islamistischen Mullahs, um die massiven Einschränkungen der Bürgerrechte durchzusetzen. Die kommen da mit ihren Motorrädern und lösen gewaltsam friedliche Demonstrationen auf. Sie weigern sich die Volksherrschaft anzuerkennen (in meinen Augen gibt es nachwievor keine Alternative zu Demokratie) und nutzen die Fragilität des libanesischen Systems aus, um einen Staat im Staat zu errichten.

    Möge die Hisbollah nicht “westlich – demokratisch” legitimiert sein wird die Hisbollah jedoch von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung im Süden des Libanons getragen.

    Dass die Hisbollah teilweise die Aufgaben der Sozialsysteme übernommen hat, spricht gegen die Regierung bzw. die Situation des Landes, aber nicht für die Hisbollah. Die Frage stellt sich doch, woher sie das Geld dafür hat. Und die Tatsache, dass die feinen Herrschaften dort Kindergärten betreiben, bekommt einen bitteren Beigeschmack, wenn man bedenkt, dass die Kinder sicher nicht ideologisch neutral erzogen werden. Übrigens ist das auch eine Taktik der NPD in Teilen Ostdeutschlands: Sich volksnah geben, soziales Engagement in Elternbeiräten, Vereinen usw. heucheln um Berührungsängste abzubauen. Trotzdem sind beides destruktive, machistische Cliquen, die auf menschenverachtenden Ideologien beruhen.

    Es gibt genügend Regierungen die sind demokratisch legitimiesiert, und? Die scheren sich einen Dreck um die Bevölkerung die sie gewählt hat. Legitimisation durch “demokratische” Wahlen? Pah!!

    Was bringt es. Wenn nichtt gewählt wird wie es den Zionisten und Westlern beliebt wird einfach das Ergebniss einer “demokratische Wahl” ignoriert.

    In diesen Zitaten widersprichst du dir selbst hinsichtlich deiner Einstellung gegenüber demokratischen Wahlen. Was denn nun – hältst Du sie für unnötig/lachhaft oder willst du, dass man deren Ergebnisse respektiert? Drüben bei novaexpress vertrittst Du gar die Ansicht, dass der islamische Gottesstaat die beste Staatsform sei. Also bitte, entweder oder…

    Davon abgesehen stimme ich mit dir zumindest dahin gehend überein, dass die Machthaber die Voten in Palästina und Algerien respektieren sollten. Gerade Gespräche mit dem politische Arm der Hamas könnte ein Schlüssel zum Frieden sein, ähnlich wie es bei Sinn Fein war – wer da diplomatische Scheuklappen aufsetzt, macht alles nur noch schlimmer. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Hamas einen guten Regierungsstil hinlegen würde. Wenn die Wahlen frei blieben und die Fatah aus ihrem Korruptionssumpf rauskäme oder sich eine echte demokratische Kultur in Palästina entwickelt, wäre der Spuk vielleicht bald zu Ende.

    So wird der Westen niemals dort Freunde finden!!!

    Oh, die weiß er sich schon zu machen. Mit Waffengeschenken an die Parteien, die er 20 Jahre später zu bekämpfen gedenkt. 😉

    Wie gesagt, Ahmed, ich kann mich red.cloud nur anschließen – Du solltest die Welt nicht so schwarz-weiß sehen. Ich bin davon überzeugt, dass ein Mittelweg zwischen Islamismus und Unterdrückung genauso möglich ist wie ein Dialog zwischen den Kulturen. Dass der Westen seine neokoloniale Attitüde endlich fallen lassen muss und aufhören sollte zu behaupten, man wolle Demokratie und Freiheit in den nahen Osten bringen – unbenommen. Zumal diese Werte auch hierzulande nur noch Zerrbilder der Realität zu sein scheinen. Nur: Es müssen sich beide Seiten aufeinander zubewegen und die Flucht aus der Unterdrückung in religiösen Fanatismus auf „eurer“ Seite ist neben einem Aufbau eines Bollwerks der Islamophobie auf „unserer“ das falscheste, was man tun kann.

    Du bist ja nicht blöd, vielleicht nimmst Du ja ein paar Buchtips an. Zur Rolle der Hisbollah im Iran enthält das Buch „Wir sind der Iran“ ein paar „eindrucksvolle“ Passagen. Das Buch „Jerusalem war immer eine schwere Adresse“ schildert das Leben einer leicht neurotischen jüdischen Deutschen in Jerusalem während des Ausbruchs der ersten Intifada, die, was ihr Verhältnis zu den Palästinensern angeht, so gar nicht in gängige Klischees passen will.

    Grüße,
    m.

  3. Zu „Dazu unterstellst Du längerfristige Planungen und Informationsunterdrückung. Dir sollte bewusst sein, dass das zumindest im Ansatz verschwörungstheoretisch klingt.“
    möchte ich auf meinem Blog die Rubrik LIBANON empfehlen wo man nachlesen kann das dieser letzte Libanon-Krieg sehr wohl geplant war. Die Zionisten brauchten nur einen Grund um nicht als Agressor dazustehen.
    Den Rest deines Beitrages möchte ich im Moment nicht kommentieren. Alleine schon der NPD-Vergleich ist ja eigentlich schon eine schwere Beleidigung gegenüber der Hisbollah.

  4. möchte ich auf meinem Blog die Rubrik LIBANON empfehlen

    Der geneigte Leser wird sich dein Blog selber ergoogeln müssen. Der Verfassungsschutz ermittelt hierzulande auch schon aus weit geringeren Anlässen als islamistischer Propaganda.

    Alleine schon der NPD-Vergleich ist ja eigentlich schon eine schwere Beleidigung gegenüber der Hisbollah.

    Sicherlich sehen NPD-Funktionäre diesen Vergleich ähnlich kritisch.

    Und damit ist diese Diskussion beendet.