Prosa, wie sie sein soll: Auf der Arbeit

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Ich las in der Zeitung und bemerkte die beiden erst, als sie direkt vor dem Tresen standen. Beide in blond, beide in Rosa gekleidet, beide nach preisgünstigem Parfüm duftend, schienen sie nicht im Geringsten bestrebt, dieses bestimmte Klischee zu durchbrechen, welches durch behendes Kaugummikauen unterstrichen wurde. Ich hob den Kopf.

Ich wusste und weiss nichts über die zwei Ladys. Aber wenn man, so wie ich es jetzt tue, eine bestimmte Situation Revue passieren lässt, stellt man sich automatisch die Dinge so vor, wie sie sein könnten, ja – wahrscheinlich sogar sind. Am Ende eines langen Tages macht es keinen Sinn zu unterscheiden, ob eine Person, deren Lebensweg den meinen nur einmal und nur wenige Minuten schnitt, nun Cindy (29) oder Mandy (28) war.

Cindy war 29. Ihre Cousine, die sie begleitete, sprach hingegen nicht gerne über ihr Alter. Ein albernes Gehabe, das Maren sich angewöhnt hatte seitdem sie kurz nach der Wende eine Fernsehdokumentation über Elizabeth Taylor gesehen hatte. Jeder in ihrem Bekanntenkreis wusste, dass sie „kurz vor der großen, bösen Vier vorne“ stand, wie häufig hinter nur leidlich vorgehaltener Hand gemunkelt wurde.

„Hallo, haben sie Playstation-Spiele?“ grüßte mich die Jüngere sachorientiert, ohne allerdings die Pause auszusprechen, die das Komma im Satz gebietet.
„Nein“, antwortete ich perplex, der unbequemen Wahrheit verpflichtet.

Die folgenden Sekunden kamen mir zäh vor. Es arbeitete in Cindys Gesicht, das sah man. Die Situation begann schon unangenehm zu werden, als sie endlich beschloss, ihren geistigen Output verbal aufzubereiten.

„Echt?“ fragte sie larmoyant. Offensichtlich rang sie nach Fassung. Am Schlüsselbund in ihrer Hand hingen mehrere Stofffetzen, die den Klimperschall abdämpften, als sie damit wedelte. Ich besann mich meiner humanistischen Ideale und beschloss, ihr vorerst nicht die Pest an den Hals zu wünschen.

„Echt“ echote ich. Im vollen Bewusstsein darüber, dass die Dame offenbar ihre Zeit für die Verarbeitung von Informationen brauchte, wartete ich eine weitere Sekunde bevor ich auf unsere reichhaltige Auswahl an PC-Spielen hinwies. Doch weder Cindy noch Maren nahmen Notiz davon.

Die Sonne schien unbarmherzig und ließ uns stark schwitzen. Ein einzelner Tropfen rann, den Gesetzen der Schwerkraft ewig unterlegen, in das Tal, welches Marens PushUp-gestütztes Grand Canyon-Dekolleté durchzog. Sie fühlte den Drang, „auch mal was“ zu sagen.

„Nawatmachnwa’njetz?“ Ihre Stimme bekam etwas unangenehm Schrilles.
„Weeßickdò-óh-nich“, antwortete Cindy genervt. Niemand führt Statistik darüber, aber man kann davon ausgehen, dass dieser Satz einer von denen war, die sie in ihrem bisherigen Leben am häufigsten verwendet hat. Ich hatte den irrationalen Eindruck, die zwei von Mandy auf dem Tresen deponierten Tiefkühlpizzen billigster Produktion fingen an, sich zu verflüssigen.

Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke* und mir wurde ein kurzer Einblick in ihre Form nonverbaler Kommunikation gewährt, die sich nicht grundlegend von der zwischen Lemuren üblichen unterschied. „Wie wichtig sind Playstation-Spiele für euer Leben?“ fragte ich die Gestalt gewordene Unterschicht leider nicht – waren ja immer noch Kunden.

„Kennste vielleicht ’ne andere Videothek, die Playstation-Spiele hat?“, so Cindy barsch.
„Na, aber sicher!“ dachte ich und antwortete „Nein“. Wie dumm wäre ich denn, jemandem einen direkten Konkurrenten zu empfehlen? Wie dumm sind die denn, das von mir zu erwarten? „Tut mir leid“, log ich erneut.

Wortlos wurden die weichen Pizzakartons vom Tresen genommen. Es wurde sich gepackt, pflegt man dazu anderswo zu sagen. „Tschüssi!“ rief ich, mir selbst gedanklich für den in diesem Wort versteckten Sinn für Ironie auf die Schulter klopfend, hinterher und wandte mich erneut der Zeitung zu, in der Geschichten standen, die interessanter sind als dieser Blogeintrag.

Based on the truth.


* Der Halbsatz „Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke“ ist so ein schlimmer Allgemeinplatz, ich bin überrascht, dass er es nur auf sechs Google-Treffer (demnächst sieben) bringt. Weniger überraschend, dass fast alle Treffer offenbar irgendwie mit Harry Potter zusammenhängen.

10 Kommentare

  1. Dfg! Die armen Dinger. Ihr Vorteil dennoch: Sie bemerken nicht, wie übel ihnen die Welt mitspielt. Und leben damit oft komfortabler als ironieempfängliche Zeitgenossen. Ansonsten: Immer lustig, wenn zwei Welten aufeinanderprallen.Zumindest für eine Seite. Ich arrogante Sau. Tschüssikowski

  2. Ich besann mich meiner humanistischen Ideale und beschloss, ihr vorerst nicht die Pest an den Hals zu wünschen.

    Für diesen Satz ein doppeltes Plusplusplus von mir.

  3. Was heißt Dfg?
    Und: Stimmt. Dumme Leute haben keine Depressionen.
    Und: Ich zock ja auch ganz gern (am Personal Computer). Bei GTA San Andreas bin ich sogar ziemlich weit gekommen. Insofern gibt es doch Überschneidungen zwischen meinem C2- und deren B3-Milieu. Tschö mit Ö!

  4. Lob ist immer fein, da freu ich mich drüber.

    Ich wollte Dich auch für dein sinnbeladenes Deutschland-Foto loben, aber dein Spamfilter mag mich, scheint’s, grad gar nicht.

  5. Deutsche Forschungsgemeinschaft? Nein, das war’s nicht. Irgendwas fieses.

  6. Based on the truth …ja, ich hätte es Dir sogar auch ohne diesen Zusatz geglaubt, was wieder beweist, wie normal doch diese traurigen Gestalten geworden sind…^^

  7. Naja, meine Intention hinter Based on the truth war eher darzustellen, dass ein gewisser Anteil auch erfunden war. 😀 Ein bisschen wie beim „Exorzismus der Emily Rose“.

  8. hehe…okay, dann rate ich mal, dass z.B. das mit den Pizzen nicht so stimmt…das wär schon krass prollig…oder ist gerade deswegen doch wahr? hm…*grübel*, egal, das ist jetzt mein Tipp…:-)

  9. Pingback: Penetranz vs. Filmvergnügen - Craplog.de

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