Provinzcowboywillkür gegen Jungvermählte

Polizeiauto
Symbolbild: tragesessel4350 (cc)

Die folgende Geschichte ließ mich gestern echt aus den Latschen kippen. Zwei Bekannte von mir hatten geheiratet und ihre Flitterwochen in der Lüneburger Heide verbracht. So weit, so schön – herzlichen Glückwunsch an die beiden nochmal. Am fünften Tag ihres Aufenthalts jedoch wurde die Wohnung von Polizisten gestürmt. Ohne Erklärung der Gründe, Komplettdurchsuchung, wie in einem schlechten Film.

„Polizei, bitte aufmachen“ rief es von draußen. Omar schloss die Tür auf und öffnete die Tür, als die Polizei auch schon in das Haus stürmte. Omar hielt einen Arm vor die Tür mit der Bitte „Einen Augenblick, meine Frau zieht sich grade an“. Ein großer Polizist in schusssicherer Kleidung drückte seinen Arm weg und ein älterer grauhaariger Herr (der befehlsführende Beamte) hielt Omar seine Dienstmarke vor das Gesicht. Der große und zwei andere Beamte preschten in der Zeit voran in das Haus. Der ältere Herr kam mit Omar in den Wohnraum. In der Zeit hatte ich es noch geschafft, mich anzuziehen und ging auf den Beamten zu und streckte ihm meine Hand zur Begrüßung entgegen, was aber nicht erwidert wurde. Omar und ich mussten uns dann hinsetzen aufs Sofa, während das Haus durchsucht wurde. Mindestens zwei Beamte gingen nach oben in die Schlafzimmer und kamen nach einer halben Minute wieder nach unten.

Warum das Ganze? Nun, die beiden sind Muslime. Kathrin ist Konvertitin und trägt ein Kopftuch, Omar sieht so aus, wie sich Lieschen Müller vom Dorfe wohl einen „Musel“ vorstellt: Dunkle Haut, schwarze Haare, Bart. Und das, stellte sich heraus, war anscheinend ausreichend für einen Einsatz dieser Art:

Der ältere Beamte der Kriminalpolizei in Soltau setzt sich nun auf das Sofa gegenüber von uns und erklärte uns, jemand hätte am selben Tag folgende Indizien gemeldet: Am Sonnabend sei ein orientalisch aussehendes Pärchen „im Dunkeln“ ohne Auto im Dorf angekommen. Das war alles. Beide Beamte, die mit uns sprachen machten einen netten und anständigen Eindruck auf uns. Dennoch war ich aufgrund der Verletzung unserer Privatsphäre tief erschüttert.

Halten wir mal fest: Die Islamophobie ist in der Lüneburger Heide an einem Punkt angelangt, dass bereits „anders“ auszusehen, in Verbindung damit im Dunkeln unterwegs zu sein, Terrorverdacht auslösen kann. Dass die potentiellen Terroristen ohne fahrbaren Untersatz unterwegs sind, ist zudem verdächtig. Vielleicht will man ja den Eindruck erwecken, schlecht organisiert zu sein? Na gut, mag man da einwenden, das sind die Paranoia eines Einzelnen. Aber weit gefehlt – die Polizei als staatliches Exekutivorgan hält ebenjene Paranoia für so weit plausibel, dass sie gleich in GSG9-Manier nach dem Rechten schauen will.

Uns wurden nun Fragen gestellt (…)

Der Beamte verlangte unsere Personalausweise und fragte telefonisch irgendwo nach, ob gegen einen von uns etwas vorläge. Währenddessen stellte Omar ein paar Fragen an den großen kräftigen Herrn in der schusssicheren Weste. Er sagte uns, dass sie mit acht Beamten (die eigens zu diesem Einsatz aus den Betten geholt wurden) angerückt sind. Vier umstellten das Haus, während vier weitere in das Haus eindrangen. Die Beamtin stand während der ganzen Zeit des Gesprächs still im Hintergrund. Der ältere Herr Borchers hatte etwas Probleme, die Nummern auf dem Personalausweis zu lesen, da er seine Brille nicht dabei hatte, er bat den großen Beamten sie ihm vorzulesen. Dann gab er diese dann an die andere Person am Ende der Leitung weiter und merkte dabei noch anerkennend an, dass Omar fließend und akzentfrei deutsch spricht, also schon als junger Mann nach Deutschland gekommen sein müsse. Er fragte auch noch nach seinem Herkunftsland und seinem Beruf. Omar wusste nicht was die Frage soll, da er ja Deutscher ist.

Sollte irgendein naives Seelchen bis zu diesem Punkt noch davon ausgegangen sein, die Beamten hätten hier nur ihre Pflicht getan – man müsse ja vorsichtig sein seit Sauerland, Kofferbombern, 9/11 usw. usf. etc. pp – müsste derjenige spätestens an diesem Punkt einsehen, dass es sich um plumpen und stupiden Rassismus handelt, der da den Polizisten beseelte. Ich meine – Hallo?!?! – „Sie sprechen aber gut Deutsch“ zu einem Deutschen zu sagen ist eine Form der Konstruktion von „Andersheit“, die in anderen Ausprägungen schon viel zu oft in der Geschichte Menschenleben gekostet hat. Und überhaupt… Kotzen möchte ich, wenn ich sowas höre!

Für mich ist dieses Ereignis absurd und schockierend zugleich. Absurd deswegen, weil Kathrin und Omar so ziemlich das absolute Gegenteil von gängigen zerrbildern des Islam darstellen: Beide sind studiert und modern. Weder wollen sie irgendwen bekehren, noch sind sie intolerant Andersgläubigen gegenüber. Kathrin trägt ihr Kopftuch aus freien Stücken, beide sind durchaus kritisch manchen muslimischen Strukturen gegenüber. Beide bemühen sich um Dialog und Transparenz, versuchen ihre Erfahrungen als Muslim in Deutschland in Weblogs öffentlich zu machen (Kathrin schreibt auf musafira.de, Omar auf toomuchcookies.net).

Schockierend finde ich die Geschichte, weil ich immer mehr, auch im Alltag, den Eindruck gewinne, dass dieses Zerrbild vom Fundamentalisten und möglichen Attentäter (die zwar existieren mögen, aber in einer verschwindenden Minderheit) die Sicht deutscher Nicht-Muslime auf Menschen islamischen Glaubens als Negativfolie kontinuierlich stärker beherrscht, dies sogar das Handeln von Institutionen wie der Polizei betrifft. Was soll das? Sind wir wirklich schon wieder so weit?

Zurück zu Kathrins Schilderung der Ereignisse:

Ich fing an zu weinen, weil ich diese ganze Aktion nicht fassen konnte und geschockt war. Ich fragte ihn was diese Aktion denn jetzt sollte? Er sagte, dass dies mit einer ganz normalen Kontrolle – wie etwa der Alkoholkontrolle bei Autofahrern – zu vergleichen sei. Wir konnten nicht fassen, dass es einen solch großen aufwändigen Polizeieinsatz aufgrund dieser lächerlichen „Indizien“ gab. Das Telefon klingelte und es schien nichts Nennenswertes über uns zu geben, was wir dem Kommentar „Leider haben wir tatsächlich ein Paar in ihren Flitterwochen gestört“ entnahmen. Ich fragte den Beamten in was für einem Land wir eigentlich leben und er antwortete „In einem sicheren“. Zum Schluss wurde uns dann auch die Hand gereicht.

Ganz ehrlich, Sicherheit ist das letzte, was uns durch diese Aktion vermittelt wurde …

… und nur allzu verständlich dass die beiden deswegen ihre Flitterwochen abbrachen. Dass die Bouverlardjournaille hier keine Topstory wittert, schließlich sind die Opfer ja Muslime, ist zu erwarten (aber vielleicht auch besser so). Hoffentlich hat das Ereignis aber trotzdem ein kleines Medienecho zur Folge und ein Nachspiel für die dortigen Entscheidungsträger. Eine Entschuldigung pekuniäre Entschädigung für den vermiesten Urlaub wäre das Mindeste, was die beiden erhalten sollten.

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