Replik aus der Vergangenheit

Folgender Auszug aus einer Medienanalyse von Mark Terkessidis ist zwar schon fünf Jahre alt, eignet sich aber trotzdem gut als Erklärungsversuch für den aktuellen „SPIEGEL“.

1992 bezeichneten Daniel Cohn-Bendit und Thomas Schmid den „Umgang der Deutschen mit der moslemischen Minderheit“ als „Nagelprobe“ für die multikulturelle Gesellschaft. Schnell stellte sich heraus, dass der offenbar als Einheit betrachtete „Islam“ als Problem definiert wurde. Die Autoren wollten diesen zwar keineswegs auf Fundamentalismus reduzieren, aber doch als Hemmnis für den Multikulturalismus verstanden wissen: Der Islam sei nämlich „nicht nur eine Religion, sondern auch eine theokratische Vision“ – der Prozess der Säkularisierung stehe noch bevor. Dieses Bild von „dem Islam“ ist in den neunziger Jahren in den Medien unendlich reproduziert worden, wobei zumal in der Bildsprache stets eine Mischung zwischen Rätselhaftigkeit und Bedrohung suggeriert wird. Beispielhaft dafür steht ein Titelbild von „Spiegel Special“ aus dem Jahre 1998, das eine verschleierte Frau zeigt, deren Augenbraue sich in ein Schwert verwandelt hat. Der Titel lautete: „Weltmacht hinterm Schleier: Rätsel Islam.“ Im Innern fand sich eine weitere Illustration mit einer verschleierten Frau, die eine Teekanne reichte, wobei ihr unverschleierter, also demaskierter Schatten im Hintergrund anstatt der Kanne eine Pistole in der Hand hielt. (…)

Inbesondere nach den Anschlägen vom 11. September wurde auf die suggestive Wirkung solcher Bilder gesetzt. Die Titelbilder von großen Illustrierten im Oktober – „Weltmacht Islam“ („Focus“), „Geheimnis Islam“ („Stern“), „Mohammeds zornige Erben“ („Stern“) – sowie die Bilder zu den Artikeln reduzierten „den Islam“ auf wenige, leicht wiedererkennbare Merkmale: Menschenmassen, Verschleierung, wütende Männer. Dazu kamen brennende Fahnen, Karten der so genannten islamischen Welt und historische Schlachtenbilder. Der imaginäre Text ist von atemberaubender Eindeutigkeit: Eine weltweit verbreitete, verschlossene, fanatische Religiosität, die schon seit Jahrhunderten expansive Bestrebungen hat, bedroht „uns“ mit Flamme und Schwert. Ähnliches wurde auch verbal geäußert – etwa vom ehemaligen Staatsminister für Kultur bei „Sabine Christiansen“ am 14. September, der von einer Milliarde nicht säkularisierter Menschen sprach – doch die Bilder wirken weitaus evidenter. Zweifelsohne handelt es sich hier um das bekannte Repertoire des „Orientalismus“, und Edward Said hat wohl Recht behalten, als er 1978 in der Einleitung seines gleichnamigen Buches die globale Massenkultur nicht als Antidot gegen das Klischee verstehen wollte – im Gegenteil: „One aspect of the electronic, postmodern world is that there has been a reinforcement of the stereotypes by which the Orient is viewed.“

Die wenigen Merkmale, mit denen der Islam dargestellt wird, ergeben eine Art Syndrom, das wie ein Spiegel funktioniert – eine glatte Fläche, in der wiederum in strategischem Sinne das Fremde umgekehrt das Eigene reflektiert: Dass „sie“ in Massen auftreten, fanatisch und verschlossen sind, zeigt „uns“ unsere Individualität, Vernunft und Offenheit. Das Gegenbild begrenzt die Maschine des Differenzkonsums und schafft so ein virtuelles Terrain erlaubter und kontrollierter Differenz. Freilich ist die Beziehung zwischen jenen Merkmalen, welche den Islam repräsentieren sollen, und dem Signifikat „der Islam“ völlig ungesichert. Nicht nur, dass wir nicht wissen, ob Massen, Fanatismus und Verschleierung tatsächlich mit „dem Islam“ in Verbindung stehen – wir wissen nicht einmal, ob das Signifikat „der Islam“ als ein Ganzes überhaupt existiert. Daher lässt sich feststellen, dass hier Fremdheit im strategischen Sinne erfunden wird – der „weiße Blick“ (Frantz Fanon) legt nicht nur die Merkmale fest, an denen Fremdheit zu erkennen ist, sondern er füllt diese Fremdheit auch mit einem spezifischen Inhalt und bewertet sie – zumindest implizit. Fremdheit in der Bedeutung des „gesunden Menschenverstandes“ – das, was wir nicht kennen – ist längst ein Relikt der Vergangenheit. Es gibt kaum noch einen Ort, eine Gruppe, eine Position, die nicht durch tausende von Details, Anekdoten und Erzählungen des westlichen Diskurses bekannt sind.

Terkessidis, Mark: Der lange Abschied von der Fremdheit. Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 12/2002

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