Saugen 2007

100 8490Sie gibt sich echt Mühe, die Industrie, Filesharer weiter als Raubkopierer zu stigmatisieren. Und mit spektakulären Polizeiaktionen erzeilt sie ja auch kurzfristige PR-Erfolge. Allerdings leiden viele der Lobbyisten an gehörigem Realitätsverlust, wenn sie laut äußern, ein illegal heruntergeladener Song verursache einen Schaden von 150.000 $. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Konsument den Kulturindustriellen noch Glaubhaftigkeit oder gar moralische Integrität zurechnet. Ich denke, Kulturindustrie ist begrifflich bereits ein Widerspruch in sich und P2P wird ebenjene mittelfristig auf ein gesundes Maß eindampfen.

Ich als Filesharer habe durchaus ein schlechtes Gewissen, wenn ich lese, dass Tapete oder GHvC unter großen Problemen leiden, da gibt’s kein Vertun. Aber warum finde ich auf keiner Website eines Labels oder einer Band eine Art Ablass-Button, über den ich per PayPal oder so zumindest einen Soli-Beitrag leisten kann, wenn mir etwas gefällt? Glauben die, das wäre eine indirekte Entkriminalisierung? Nun, in kaum einem anderem Fall als beim Filesharing gibt es eine so offensichtliche Diskrepanz zwischen dem (Un-)Rechtsempfinden der Bürger auf der einen Seite und dem von Gesetzgeber und Industrie auf der anderen. Egal, wie man dazu stehen mag: Filesharing existiert, es ist nicht wegzusanktionieren, es soll sogar Polizisten geben, die sich ihre Musik saugen. Illegale Downloads werden immer einfacher, sicherer, schneller und der Aktionismus der Lobbyisten beschleunigt diese Vorgänge nur noch mehr. Der Katzenjammer aus der Richtung der Kulturindustriellen wäre heute vielleicht etwas leiser, wenn man sich von Anfang an an den Bedürfnissen der Kunden ausgerichtet hätte. Das bedeutet: Ein Modell wie die Kulturflatrate nicht per se abzulehnen, Kopierschutzmechanismen und DRM-Systeme zu vermeiden, die aus Medien unabspielbaren Datenmüll machen, kurzum: das Scheitern vieler legaler Downloadangebote nicht auf die „Piraten“ zu schieben sondern darin die eigenen Unzulänglichkeiten erkennen.

Filesharing ist innerhalb eines halben Jahrzehnts zu einem Selbstläufer, vielleicht sogar zu einer Kulturtechnik geworden. Wenn man bedenkt, dass ein Volk wie die Iraner sich ihre Nähe im Westen trotz staatlicher Unterdrückung bewahren, indem sie westliche Filme und Musik herunterladen und damit auf einem unüberblickbaren Schwarzmarkt handeln, so dass auch Nicht-Filesharer davon profitieren, bekommt man ansatzweise einen Eindruck von der politischen Dimension von eMule, BitTorrent und Co. Viel zu selten wird in den Diskussionen darauf hingewiesen, dass gerade das eD2K-Netz ein riesiges Kulturarchiv ist, vielleicht sogar das größte der Welt. Ohne den im Netz herrschenden Anarchismus und die Trägheit der Zustandswahrer wäre es heute nicht möglich, an TV-Dokumentationen aus den 60er Jahren, Bootlegs von kaukasischen Indie-Bands oder eben auch die gerade erst gelaufene Folge US-amerikanischer TV-Serien zu gelangen. Ich kann von mir behaupten, dass mein politisches Interesse auch durch Dokus erwacht ist, die ich „aus dem Esel“ habe. Selektives Herunterladen, bspw. von Filmen, die sowieso im Öffentlich-Rechtlichen TV kommen, ist ein Komfort, auf den ich nicht verzichten mag, dafür schaue ich eben kein herkömmliches Fernsehen mehr. Moralisch fühle ich mich im Recht, auch wenn ich es juristisch nicht bin.

Selbst wenn die Plattenbosse und Filmstudios heute überall Kopierschutzsysteme einbauen, morgen jede einzelne Tauschbörse verbieten, werden die Kids übermorgen auf dem Schulhof ihre MP3-Sammlungen per Fingernagelgroßem Terabyte-Speicherchip tauschen. That’s life. Industrien sterben, wenn sie von neuen Techniken eingeholt werden. Man denke an all die Schriftsetzer, Bergmänner und Mechaniker, die umschulen mussten, weil der böse technische Fortschritt oder die Konkurrenz von irgendwo ihre Berufsbilder wegrationalisiert hat. In meinen Augen ist es nur fair, dass es jetzt die Plattenfritzen sind, die ihren Job verlieren. Im Kontrast zu den vorher genannten und einigen sicherlich tragischen Einzelfällen innerhalb des Businesses sind das nämlich überwiegend überbezahlte Arschgeigen. P2P kommt, mit seiner Gang aus Direktvertrieb, iTunes und MySpace und wird seinen Job machen. Und gute Konzerte wird es immer geben.