Schächtet die Sozialschmarotzer!

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Foto: teamsteam (cc)

Der Staat hat heute keine Fürsorgepflicht dem Bürger gegenüber mehr. Es mag vielen nicht aufgefallen sein, aber im Zuge der Arbeitsmarktreformen dürfen jemandem, der mehrmals Jobs ablehnt, sämtliche Leistungen aberkannt werden. Zu Deutsch: Dem Staat ist’s egal, ob jemand psychisch krank ist, beim Job gemobbt wird, ob der Sachbearbeiter den „Klienten“ leiden kann oder nicht – wenn man der Stelle fernbleibt, für die jemand anders definiert, dass sie zu einem passt, gibt’s kein Geld mehr, nach dem Gusto „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Das hat Konsequenzen. Vor Hartz IV war das nicht denkbar – Vater Staat durfte niemanden willentlich verhungern lassen. Heute… naja, den ersten „tragischen Einzelfall“ gab es bereits – und da werden vermutlich noch mehr kommen. Wie gut, dass es die vom Metall-Arbeitgeberverband mit vielen Millionen Euro Jahresetat ausgestattete PR-Agitprop-Initiative für die Totalökonomisierung der Gesellschaft, INSM gibt. Deren hochbezahlter Professor Mengele Oberender ließ nämlich bereits im Dezember einen ebenso einfachen wie nützlichen marktregulierten Lösungsweg für das genannte Dilemma verlauten:

Wenn jemand existenziell bedroht ist, weil er nicht genug Geld hat, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren, muss er meiner Meinung nach die Möglichkeit zu einem geregelten Verkauf von Organen haben.

Jawoll. Man muss den Untermenschen Menschen die Freiheit geben, sich eigenverantwortlich gegen den Hungertod zu entscheiden und mit einem Abverkauf des eigenen Organkapitals als Sekundäreffekt die Wertschöpfungskette des Humankapitals zu optimieren. Denn Freiheit, ja – Freiheit, ist unser wichtigstes Gut. Durchgewunken, weitergemacht. [via]

17 Kommentare

  1. Oberender scheint die Organvergabe schon praktiziert zu haben. Herz & Hirn erfolgreich entfernt!

  2. also also. da ich gerade mich mit diesem thema auseinandergesetzt habe:
    nach mehrmaliger ablehnung der angebotenen jobs ist eine kürzung aller bezüge, geld- und sachleistung vorstellbar. diese gründe sind aber nochmal verschärft worden. und erst werden 30% gekürzt, dann wohl nochmal 30% und dann kann es zu 3 monaten sperre kommen. der herr da meinte aber auch, dass die „fallmanager“ eher selten diese sanktionen durchdrücken, da die menschen da vor ihnen schon am existenzminimum leben würden. desweiteren sorgen verfehlungen beim vorstellungsgespräch für eine absage seites des arbeitgebers -> keine sperre. und wenn jemand doch alle transferleistungen verliert, kann er sich noch immer lebensmittelgutscheine abholen und irgendwas steht ihm daneben auch noch zu, auch wenn das dann nicht mehr viel ist. aber verhungern muss in diesem land niemand, wenn man denn das letzte bisschen fürsorge des staates annimmt. also nur um da den staat mal in den schutz zu nehmen, da das ja so ein einseitiges in den hungertodtreiben auch nicht ist, was du aber auch weißt, denn diese polemik ist ja nur der hinweis für die organsauerei da. aber dazu äußer ich mich jetzt mal nicht.

    (jetzt könnte ich mein gerade abgesendetes exzerpt irgendwie verbessern. was da wieder alles einem einfällt, auf das man gerade nicht mehr kam…)

  3. @ goron: Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass schon einiges geschehen muss, bis hier einer verhungert. Klar ist das ’ne Polemik, da hab ich schon ordentlich geklotzt. Aber die Tatsache allein, dass die alte Fürsorgepflicht (weiß nicht, ob das auf der Ebene ‚Staat‘ so hieß) sang- und klanglos abgeschafft wurde, das es also vom Prinzip her möglich ist, dass der Staat dich verhungern lassen kann, weil es außerhalb dessen Verantwortungsbereich fällt – das ist es was ich kritisiere. In meinem Umfeld gibt es ‚Fälle‘ von Depressionen, ich kenne es am eigenen Leib, dass Menschen nicht grundsätzlich funktionieren, wie sie sollen. Die Termine nicht wahrnehmen, Briefe nicht öffnen, für die bereits elementare Dinge wie Essen eine kaum zu überwindende Hürde ist. Wie soll so jemand beim Amt Essensgutscheine beantragen und die Scham überwinden, mit den Dingern einzukaufen? Kann der Sozialpsychatrische Dienst dafür sorgen, dass lebenslang verschleppte Traumata von so jemandem im Nichts verpuffen und der „Kranke“ im Nu wieder einen konstruktiven Beitrag für die Gesellschaft leistet? Du bist Soziologe, goron, dir muss ich nichts über die blinden Flecken in Webers Bürokratiemodell erzählen. Der mündige Bürger ist eben doch nur ein Idealtypus. Was ich meine: Klar verhungert ein eigenverantwortlicher Mensch hier nicht, aber es gibt ja auch verdammich viele, die sind nicht eigenverantwortlich genug.

    Ferner musst Du auch ganz praktisch sehen, dass wir in Berlin noch vergleichsweise liberale Hartz IV-Regelungen haben. Ein Unsinn wie kostenintensive Umzüge in günstigere Wohnlagen, nur um dem Hartz IV-Rahmen zu entsprechen wird hier noch nicht verordnet. In Bayern ist das möglicherweise ganz anders.

    Hoffe, das war jetzt nicht zu wirr. Ist ja auch schon spät. 🙂

  4. Was der Oberender da zusammengeschwafelt hat, ist ein Skandal – keine Frage.

    Aber:

    „Dem Staat ist’s egal, ob jemand psychisch krank ist, beim Job gemobbt wird, ob der Sachbearbeiter den “Klienten” leiden kann oder nicht – wenn man der Stelle fernbleibt, für die jemand anders definiert, dass sie zu einem passt, gibt’s kein Geld mehr, nach dem Gusto “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen”. „

    Das ist eine überzogene Darstellung. Wer psychisch Krank ist und daher nicht arbeiten kann, steht dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verfügung, ergo bekommt er oder sie auch kein ALG II, sondern Sozialhilfe nach SGB XII.

  5. Wer definiert die Kriterien für „psychisch krank“, wo liegt der Unterschied zu „einfach faul“? Was ist, wenn in ein oder zwei Legislaturperioden ein ganz besonders gewitzter Arbeitsminister beschließt, die Kriterien für ersteres noch mal etwas anzuziehen? Was ist mit denen, die aufgrund ihrer psychischen Krankheit nicht zum Arzt gehen können, um sich dort ihre ebenjene bescheinigen zu lassen? Wie sollen diese protestieren?

    Btw: Ist noch nie jemandem aufgefallen, dass „Arbeitsmarkt“ ein ziemlich abartiges Wort ist, dass man sich ihm „zur Verfügung stellt“ noch fieser? Die Arbeit hat uns, nicht umgekehrt. Marx hatte recht mit der Entfremdung des Menschen von der Arbeit.

  6. „Arbeitsmarkt“ entspricht eben genau dem Zeitgeist des heutigen Verhältnisses vom Menschen zur Arbeit und das ganze Arbeitsmarkt-Vokabular ist ziemlich befremdlich.

    Was Marx dazu meinte, weiß ich nicht, aber Entfremdung, klingt sehr zutreffend.

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  8. Wenn ich mich richtig an meine Vorlesung in Psychopathologie erinnere (finde momentan im Internet keine URL als Bestätigung dieser Aussage), so schätzt man, dass circa die Hälfte aller depressiv Erkrankten ihre Depressionen nicht behandeln lassen, weil sie schlicht deswegen nicht zum Arzt gehen, also auch keine Sozialhilfe bekämen. Es ist halt das Teuflische an dieser Erkrankung, dass – wie Malo schon schilderte – die Leute aufhören, sich um sich selbst zu kümmern. Sie jammern zwar, sind aber unfähig, etwas zu tun.

    Hartz IV hat nun das proaktive Handeln des Staates verboten. Die Initiative muss vom vormals Betreuten aus kommen. Und genau dazu sind Depressive häufig nicht in der Lage. Wenn Depressiven also ein soziales Umfeld (Familie, Freunde) fehlt, dass dieses proaktive Handeln übernimmt (häufig gegen Widerstände des Erkrankten!), dann könnte ich mir durchaus vorstellen, dass sich ähnliche Fälle wie der von Sascha K. wiederholen (wobei ich jetzt nicht weiß, ob Sascha K. an Depressionen litt oder an einer anderen psychischen Krankheit).

    Hinzu kommt, dass in ungünstigen Fällen bei Wegfall jeder Unterstütztung ja auch noch bei Nichtzahlen der Miete die Wohnung verloren gehen kann bei derartigen Leistungskürzungen. Und aus der Krankenkasse flogen diese Menschen bislang auch raus (keine Ahnung, ob sich da seit der Gesundheitsreform wieder was geändert hat dran).

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  14. Demnächst auf dem Sozialamt: “Haben Sie denn schon eine Niere gespendet? Nein? Na, dann kann es Ihnen ja noch nicht so schlecht gehen!”

  15. Prof. Oberenders Aussagen beziehen sich nicht auf Deutschland, sondern auf Gegenden der sogenannten dritten Welt. Sollen wir es einem Inder verwehren, seine Organe gegen Geld weiterzugeben? Wenn nicht, muessten wir alternativ fuer seine Existenzsicherung sorgen. Tun wir das, haetten wir eine Situation wie in Deutschland:

    Deutschland kann es sich leisten, seine Buerger so abzusichern, dass keiner aus Existenzgruenden seine Organe spenden muss.
    Die Frage ist, ob man Ihnen darueber hinaus die Moeglichkeit geben sollte, gegen Geld seine Organe zu geben – das ist dann eben die liberale Haltung … Wichtig ist, dass dazu keiner gezwungen werden darf (auch nicht indirekt aus Existenzgruenden).

    Aber wenn einer sein Organ fuer 50.000 geben wuerde, sollten wir das verbieten?

  16. Wow, ich bin begeistert. Schickt die INSM ihre PRopaganda-Profis anscheinend schon in kleine, unbekannte Weblogs zum Kommentieren. Willkommen dann.

    Zu deinem Kommentar, „Frank Fröhlich“: Selbstverständlich darf kein aufrechter Nationaler seine Niere verticken. Dafür gibt’s doch Hartz IV. Entwicklungshilfe? Beseitigung sozialer Ungleichheit? Ach, kommt mir doch nicht mit diesen naiven Sozialutopien… Es ist absolut legitim im Sinne unseres Wahlspruches „Fascism can also be fun (if you’re in the superior class)“, dass wir von den Indern und anderem Untermenschen-Schlachtvieh verlangen, dass sie gefälligst ihre Organe eigenverantwortlich (!!!) auf den freien Markt werfen, wenn sie nicht verhungern wollen. Immer diese naiv-moralischen Einwände vom Humanisten-Pack – zum Kotzen.

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