Schwäbische Gehirnströme und Erziehungsfragen

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Foto (Ausschnitt): love not fear (cc)

Schwaben leiden zu einem weitaus größeren Prozentsatz unter psychosozialen Störungen als normale Menschen. Wer jemals das Vergnügen hatte, fünf Minuten in einem Berliner S-Bahn-Waggon mit einer Baden-Würtemberger Reisegruppe von Pubertierenden zu verbringen, dürfte das immer geahnt haben – aber hier ist der Beweis. Enthalten in einer öffentlich-rechtlichen Schleichwerbemaßnahme für irgendso ein Eliteprivatschülchen:

Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), früher auch „Zappelphilipp-Syndrom“ genannt: Zwischen 4 und 8% aller Schulkinder in Deutschland sind davon betroffen, in Baden-Württemberg sind es 10%.
(swr3 info: Deutschlands erste Schule für ADHS)

Ich habe das ja immer schon geahnt. Eine schwere Bürde muss das sein für die Spätzlefresser: Weltmarktführer in Sachen AD(H)S, der padägogischen Pest des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Aber man tut ja etwas dagegen. Eine Schule, natürlich privat, wird aufgemacht! In einem Interview mit dem SWR ließ dann die Schulleiterin folgendes auch leider nicht verlauten:

Unsere Klassenräume sind mit Gummiwänden ausgestattet. So ein Aah Deh Ess-Kind, oder auch: so ein Aah Deh Haa Ess-Kind neigt ja schon mal zur unkontrollierbaren Aggression, wenn man auf der eigenen Autorität beharrt, etwa durch die Forderung nach einem geräuschlosen Mittagessen. Das ist ganz schön, auch zur Lärmisolierung. Sperrt man es drin ein, kann es rumhüpfen wie ein Flummi im Hobbikeller – nichts dringt nach außen. Gerade wir Südwestdeutschen haben ja eine besondere historische Verantwortung, die Kinder müssen Disziplin lernen, Gehorsam, sich unterzuordnen, wenn sie später die Eliteschule Schloss Salem besuchen wollen. Zu unserem ganzheitlichen Konzept gehört freilich nicht nur die Möglichkeit, Aggression am unbelebten Objekt auszuleben, sondern auch eine Einbettung der regelmäßigen Ritalin-Dosis in einen fest strukturierten Tagesplan, sowie kreative Formen der Disziplinierung. Die reichen von „weicheren“ Formen des Protestbruchs wie das Schrubben unseres High Tech-Turnhallenbodens mit Zahnbürsten, die keine Borsten mehr haben, bis hin zu etwas härteren Maßnahmen wie Peitschenhieben. Nach einer solchen Spezialbehandlung sollen die Blagen erstmal sehen, wo sie noch Energie für einen ihrer nicht nachvollziehbaren Wutanfälle hernehmen. Aber auch Freizeitangebote bieten wir. Sollte ein Kind von seinen Eltern nachmittags abzuholen vergessen worden sein, sind wir von der Firma Sony äußerst spendabel mit sieben Spielkonsolen ausgestattet worden, so dass für zeitgemäße und Motorik fördernde Zerstreuung gesorgt ist, ohne dass der Zwang zu, stets schwieriger, sozialer Interaktion seitens des Pädagogen mit dem hirnkranken Kind besteht. Erste Experimente mit unserem Konzept an Kaninchen haben ergeben, dass drei Viertel der Probanden zwar nicht von ihrem Schwachsinn geheilt, aber die zum Funktionieren auf dem globalen Arbeitsmarkt notwendige Fähigkeit der Selbstaufgabe später durchaus aufzubringen imstande sind.

Na gut, das ist übertrieben. Hier, warum ich derart unke: Ich glaube, dass es ADS bzw. ADHS in diesem Ausmaß und dieser Form gar nicht gibt. Da klappt der Unterkiefer runter, gell? Genauso wie andere en Vogue-Krankheitsbilder, vor allem im psychischen Bereich, finde ich, werden hier Symptome auf einen Haufen geworfen und mit einem Label versehen, um daraufhin Behandlungen nach Schema F vornehmen zu können. Das Kind kann sich nicht konzentrieren und bekommt Tobsuchtanfälle? Eindeutig ADHS. Die Dame ist impulsiv und leidet unter Stimmungsschwankungen? Das muss Borderline sein! Das Kerlchen geht nicht mehr zur Schule, kapselt sich ab und meidet die Menschen, die ihm doch nur „das Beste“ wollen? Soziophobie! Aber ist ja auch logisch: Die Krankenkasse will Rechenschaft, der – Achtung! – Behandlungserfolg muss messbar[1] sein, da passt eine individuelle Betreuung und das Ergründen von Ursachen nicht ins Bild. Stattdessen braucht man eine Schublade für den Menschen, anhand derer eine einfaches, schnelles „Health Management“ möglich und das effiziente Funktionieren innerhalb des Rahmens sozialer Normen neu erreicht wird. Für alles gibt es Medikamente: Antidepressiva, Stimmungsaufheller, Sedativa und Tranquilizer, Diazepam und Halperidol, Verhaltenstherapien und Positiv-Denken-Ratgeberbücher, was weiß ich.

Krame ich in meiner Vergangenheit, fällt mir D. aus meiner Grundschule ein. Es war kein leichtes Klassen-Beieinander mit ihm. Er war ein unheimlicher Querulant – das etwa, was man heute als klassischen ADHS-Fall klassifizieren würde. Er ging jedem auf die Nerven, fluchte, prügelte sich und legte sich selbst mit unserer grundgütigen Klassenlehrerin an. Ich weiß wirklich nicht, was mich ritt, ihn einmal nach der Schule mit zu mir zu nehmen. Wir spielten mit Lego, alberten herum und D. war wie umgekrempelt. Geradezu nett! Irgendwann musste er gehen und am nächsten Tag war sein Verhalten wieder wie sonst. Irgendwann bekam ich en passant mal etwas von seiner Familiensituation mit, als seine Mutter, Unterschicht und überfordert, im Vertrauen zwar, aber etwas zu laut, unserer Klassenlehrerin zugestand, dass sie dem Jungen bei allzu frechem Benehmen doch ruhig „eine runterhauen“ könne. Das tat meine Lehrerin gottseidank nicht und man sah ihr die Fassungslosigkeit aufgrund dieses Vorschlags durchaus an. Stellt sich die Frage, ob die Dame – selbst wenn die Diagnostik Anfang der Neunziger AD(H)S bereits als Schublade entdeckt und D.s Lebendigkeit entsprechend mit Ritalin behandelt hätte – eine bessere Mutter geworden wäre. Nach der Vierten habe ich nie wieder etwas von D. gehört. Gibt man seinen Namen bei Google ein, landet man in Foren von rechtsradikalen Waffennarren.

Weiter waren da schon die Eltern meines Bekannten B. Seine Mutter hasste ihn schon in frühen Jahren. Er mag temperamentvoll, aufsässig gewesen sein, aber es dürfte auch schwierig für ein Kleinkind sein, zur Mutter eine Bindung aufzubauen, wenn diese nicht in der Lage ist, ihm im Babyalter körperliche Nähe zu geben, den Dialog durch Augenkontakt, Reaktionen auf Kontaktaufnahmeversuche, Empathie, das Gefühl der Wertschätzung eigener Bedürfnisse durch den, auf den man mit Haut und Haar angewiesen ist und andere essentielle Dinge zu gewähren. Diese wurde nämlich über B.s Mutter berichtet, von einer damaligen Nachbarin, die manchmal auf ihn aufpasste, ihrerseits jedoch beim Babysitten nie „Probleme“ mit B. hatte. Bei B. wurde irgendwann ADS festgestellt und er bekam ein paar Jahre Ritalin. Später, als er das Ritalin nur noch vor Arbeiten und Klausuren morgens von seiner Mutter mit versteinerter Miene in die Hand gedrückt bekam, verlagerte sich die Medikation: B. kiffte sich völlig die Birne zu, konnte ohne nicht mehr funktionieren. Ich bin überzeugt davon, dass das nicht nur Suchtverlagerung war, sondern auch ein Ausdruck der Frustration und Trauer darüber, das er eine Mutter hatte, die ihn nie als Menschen, sondern immer nur als Belastung sah.

Das sind bloß zwei Fälle, dass Ritalin und Drogenkonsum, zerrüttete Kindheit und AD(H)S-Diagnose Hand in Hand gehen, habe ich aber durchaus öfter beobachtet. Ich bin da ganz d’accord mit der psychoanalytischen Schule – das, was man gemeinhin als charakterliche Defizite klassifiziert, liegt in meinen Augen häufig in der frühen Kindheit der betreffenden Person begründet. Die Tatsache, dass sich viele Eltern nicht damit konfrontieren wollen, dass auch sie Verursacher der Störungen im Sozialverhalten ihres Kindes sein könnten, mag mit der unbewussten Angst vor dem Aufarbeiten der eigenen schmerzvollen Geschichte zu tun haben (niemand wird als schlechter Mensch geboren, genausowenig als schlechtes Elternteil), aber auch damit, neben der organisatorischen und finanziellen Belastung zusätzlich für die seelische/emotionale Gesundheit des heranwachsenden Wesens verantwortlich zu sein. Eine Diagnose AD(H)S mag dann später ein willkommener Ablassbrief sein, wenn das Kind im Sinne der Norm verhaltensauffällig wird. „Wir tragen keine Schuld, es ist die Krankheit“ und das Mittel zur Abstumpfung der einzigen Protestform, die einem Kind zur Verfügung steht, wird zur Medizin.

Aber wer bin ich, als Nicht-Vater, darüber zu urteilen? Menschen sind unterschiedlich, Kinder mit unterschiedlichen Temperamenten gesegnet. Elternteil zu sein ist so ziemlich das schwierigste, was ich mir in meinen immer noch jungen Jahren vorstellen kann. Fehler zu machen ist da sicher usual business. Bestimmt gibt es auch organische Gründe dafür, warum ein Kind hyperaktiv wird[2]. Aber als ein solches Massenphänomen will ich es nicht ansehen, dagegen sprechen die Dinge die ich beobachte und auch geradezu beängstigende Threads in Elternforen, bei deren Lektüre man unwillkürlich den Eindruck erhält, in deutschen Kinderzimmern lebten „Tyrannen“ in einer dauernden „Trotzphase“, die von Grund auf und bereits im Kleinkindalter böse sind, ständig „bocken“ oder „zicken“ (üblicher Jargon), ihren Eltern das Leben zur Hölle machen. Warum fragen sich junge Mütter, ob sie in den „Erziehungs-Kampf“ treten sollten, weil ihr 15 Monate altes Kind beim Essen schmatzt? Irgendetwas läuft doch grundlegend falsch in der deutschen Erziehungskultur. Gut vorstellbar, dass da manche Eltern lieber geradezu nach Ärzten suchen, die eine sie entlastende Diagnose stellt, wenn ein Kind sein Recht auf Liebe und Respekt einfordert. Aber ist es wirklich so schwer, Eltern zu sein? Muss man ein Kind, das ohne Frage Anstrengungen verursacht, denn medikamentös ruhig stellen (egal ob es mit Ritalin oder „was Homöopathischem“ ist)? Wäre es nicht besser, es mit den Konsequenzen seines Handelns zu konfrontieren, es emphatisch zu erziehen, Grenzen in erster Linie da zu setzen wo sie notwendig und nachvollziehbar sind (vgl.: Schmatzen), zu erklären, anstatt es zu bestrafen, es als Mensch zu sehen und zu behandeln mit eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Meinungen? Nun, vermutlich ist es wirklich schwer, wenn man das selbst nie erfahren oder die Defizite in der eigenen Erziehung nie reflektiert hat. Trotzdem: Ich bin nachwievor der Meinung, dass das, was man unter dem etwas plakativen Sammelbegriff antiautoritäre Erziehung bezeichnet, sinnvoll ist – nicht jedoch die im Zerrbild des grassierenden 68er-Bashings neokonservativer Lackaffen und Spiegel-Schreiberlinge geäußerte Kritik an ihr, die diese absichtlich mit einem Laissez-faire-Erziehungsstil gleichsetzt.

  1. Mit Schrecken erinnere ich mich an meine Zivi-Zeit zurück: handtellerdicke Werke, die im Krankenhaus-Schwesternzimmer ausliegen und minutiös beschreiben, welche Krankheit wie behandelt werden muss, damit der Patient möglichst schnell entlassen werden kann und die Krankenkasse die Kosten deckt [zurück]
  2. Man hört konträr dazu auch immer wieder von Süßspeisen und Fastfood, die eine solche Entwicklung begünstigen sollen [zurück]