Sehr aggressiv und aufreißerisch

Jetzt schlägt’s dreizehn. Der Staatsschutz ermittelt und ermittelt (und wird nicht kompetenter). Das Ziel ist diesmal eine Gießener Punkband.

Die Punkformation [Mono für Alle] aus Gießen stand aufgrund von kritischen Texten etwa beim Lied „Hallo Verfassungsschutz“ schon einmal im Zentrum der Aufmerksamkeit der bayerischen Staatsschützer, welche die Löschung der Songprosa von der Homepage der Musikgruppe verlangte. Nun meldet MfA, dass auch die Staatsanwaltschaften Stuttgart und Gießen seit knapp einem Jahr gegen sie aufgrund des Lieds „Amoklauf“ ermittle. Demnach soll der mit dem Fall beauftragte Staatsschutz das Umfeld der Bandmitglieder observiert, Schulakten durchforscht und Konzertveranstalter kontaktiert haben. Zudem habe sich ein Fahnder mit einer extra angelegten E-Mail-Adresse im Fanklub von MfA angemeldet. (…) Laut der inzwischen erfolgten Akteneinsicht starteten die Verdachtsmomente im Dezember 2006, als die Polizeidirektion Waiblingen auf den Song „Amoklauf“ gestoßen sei und diesen in einer E-Mail an die Stuttgarter Staatsanwaltschaft als „sehr aggressiv und aufreißerisch“ beschrieben haben soll. (…) Der Fall wandert an die Staatsanwaltschaft Gießen weiter, welche den Staatsschutz mit weiteren Ermittlungen beauftragt. Dieser unterstellt der Band ein „extrem konspiratives Vorgehen“, da es „keinerlei Anhaltspunkte zur Identifizierung der Mitglieder“ gebe. (…) Erst acht Monate nach dem Beginn der Ermittlungen kommen die Staatsschützer laut der Akte auf die Idee, eine Whois-Abfrage über die Domain der Band-Webseite zu stellen.
(heise online 16.11.2007, Hervorhebung von mir)

Verzeihung, aber: ROFLMAO. Ermittler, die zu dämlich sind, eine WHOIS zu starten? Darauf basierend Konspiration feststellen? Ding dong, das erinnert mich daran, wie ich einmal mit elf Jahren oder so in einem Laden stand und Batterien kaufte: „Vier Stück AA Mignon bitte.“ (Ich sprach Mignon französisch aus) Die ca. 30 Jahre ältere Verkäuferin: „Nee Kleiner, da vertuste dich jetzt aber. Guck mal, was da steht — Die Dinger heißen Mignon.“ (Sie sprach es Micknonn aus) Ich ließ sie in dem Glauben. Irgendwann machte der Laden zu und ich könnte mir gut vorstellen, dass die Dame mit solch einer Inkompetenz gesegnet heute bei diesem paranoiden Sicherheitsverein arbeitet.

Die Musik, gegen die da ermittelt wird ist meines Erachtens nicht mal BPjM-würdig. Trotz mieser Produktion handwerklich nicht schlecht, spricht aus den Texten eine Provokationshaltung, die in jugendlichen Kreisen nunmal ihre Fans hat. Ist ja auch im Rap- und im Metalbereich so, dass Tabubrüche nicht gerade verkaufshinderlich sind, da darf man ruhig auch mal bei den „Ärzten“ nachfragen. Vor dem Hintergrund, dass Jugendliche heute wie eh und je in einem Gefüge starker sozialer Regeln und Sanktionsmechanismen bei einer immer stärkeren Zukunftsunsicherheit erwachsen, ist es klar dass sie sich Wege suchen gegen etwas zu protestieren, dass sie als wenig fassbares individuelles, aber auch als Massenphänomen begreifen. Dieser Protest ist natürlich nahezu immer symbolischer Natur. Das „Amoklauf“-Video bei YouTube wurde über 25.000 Mal angesehen und dürfte dabei keinen einzigen echten Mord verursacht oder begünstigt haben. In dem Sinne halte ich Musik wie die von Mono für Alle und den damit verbundenen Lebensstil für ein Ventil zum Kompensieren von Frustration. Die Gesellschaft kann froh sein dass es sie gibt — wer weiß, wie sich der Teenage Anger sonst äußern würde? Nachher fangen die noch an, kluge Bücher zu lesen.

Wer sich selber ein Bild machen möchte:

Ferner im Angebot: 11. September, Amoklauf

Danke für den Hinweis an fefe, dessen Blog unersetzlich geworden ist.

5 Kommentare

  1. Das ist ja mal ’ne Li-La-Launeband. 😉

    Davon abgesehen kann ja wohl über die Identität zumindest des Sängers gar kein Zweifel bestehen: Eindeutig Riff Raff aus der Rocky Horror Show.

  2. Tja, Intelligenz und Polizeiarbeit – ich wage mittlerweile, deutlich an einem Zusammenhang zu zweifeln…

    Das mit den klugen Büchern nehme ich jetzt mal nicht persönlich 😉

  3. Punks not dead, höhö. Als Provokationskünstler in der Postmoderne hatte man es ja wirklich schwer, Hunde hinter dem Ofen hervorzulocken, aber die staatliche Paranoia gibt dem gemeinen Punkmusiker und seinem Rebellentum wieder eine Existenzberechtigung. Zerschlagt den Staat, juche!

  4. Da ist man (mal wieder) sprachlos. Das ist diese Bildmethode, wenn man seinen Namen nicht immer zu jeder Zeit herausbrüllt, ist es eine Verheimlichung, oder hier eben „extrem konspiratives Verhalten“. Auf die Idee, sich selbst zu informieren, anstatt den Namen herangetragen zu bekommen kamen die nach 8 Monaten. Die daraus resultierende Einschätzung finde ich fast noch schlimmer als die eigentliche Ermittlung. Obwohl, nein, eigentlich nicht.

    Wenn die jetzt den jungen Menschen unter Beobachtung stellen wollen, der „Scheiss Staat“ brüllt, gibt es eine Menge Arbeit. Waren die eigentlich nie jung?

  5. Pingback: Wie das Internetz unsere Kinder verdirbt - Craplog.de

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