Sozialisierung

Günther Grass war also bei der Waffen-SS. Solche Leichen hab ich nicht im Keller, aber gestehen möchte ich auch etwas: Ich war Pfadfinder.

KofiWirft man jemandem das an den Kopf, ist der zumeist so perplex, als hätte ich ihm gebeichtet, dass ich aus Prinzip nur Eier von Legebatteriehennen esse. Dann kommt mein Drang, mich zu erklären, ja – zu verteidigen. Die meisten Klischees stimmten gar nicht, wären in erster Linie aus den Fähnlein Fieselschweif-Geschichten gespeist würden, die wiederum von der US-Amerikanischen Scouting-Kultur geprägt wurden. Der Wettbewerbsaspekt mit Medaillen etc. existiere bei uns zum Beispiel gar nicht. Dann gehe ich über zu den geschichtlichen Hintergründen, erkläre, dass die Uniformen eigentlich Trachten oder Kluften heißen, dass die ursprüngliche Intention dahinter die Verdeckung von Klassenunterschieden war. Die negative Konnotierung von Jugend in uniformer Kleidung durch die Geschichte lässt sich auch dadurch negieren, dass in der HJ und bei den Jungpionieren viele Motive aus der Pfadfinderei übernommen wurden, nicht umgekehrt. Aber in meinem Verband herrsche ja nichtmal Pflicht zum Tragen der Kluft. Eine christliche Prägung trüge der Verband durchaus, er versucht aber niemanden zu bekehren (ich z.B. bin Atheist) und ist offen für alle Konfessionen. Schlussendlich komme ich dann auf den nicht unwesentlichen Vorteil zu sprechen, den die Pfadfinder auch den jungen Bewohnern urbaner Lebensräume bieten: regelmäßigen Kontakt mit dem, was man Natur nennt.

SonnenuntergangIch war lange nicht mehr aktiv bei den Pfadfindern, aber vor kurzem bin ich doch wieder für zwei Tage zu Besuch auf ein Bundeslager gefahren, das traditionell mehr als 4000 Teilnehmer aus dem Bundesgebiet und aller Welt hat. Und dabei ist mir mal wieder klargeworden, was dieses Umfeld für einen Einfluss auf mich in der Konstituierung meiner Persönlichkeit gehabt hat. Großgeworden in einem bürgerlichen Milieu, selbst aber Sohn einer Alleinerziehenden mit wenig Geld, hatte ich nicht viel zu lachen. Meine „Freunde“ definierten sich vorwiegend über Konsumgüter, von denen ich nicht viel bieten konnte. Mir war auch damals schon klar, dass mir etwas fehlte, aber ich wusste nicht was. Einen Ausgleich erfuhr ich, als ich mit 15 zum ersten Mal auf ein Bundeslager reiste. Ich war zuvor schon auf anderen Pfadfinder-Veranstaltungen, aber kein Ereignis hat mich so umgehauen und geprägt wie dieses. Hier erfuhr ich zum ersten Mal, dass es auch Menschen gibt, die mich als Person schätzen, dass ich kreatives Potential habe, dass ich mich mit Menschen auch über Themen unterhalten konnte, die mich wirklich bewegen. Ich verliebte mich zum ersten Mal unsterblich und trank meine erste Tasse Kaffee. Im folgenden gab eins das andere. Ich engagierte mich, knüpfte Kontakte überall hin, übernahm Verantwortung, und fand nach meinem Umzug vom Ruhrpott nach Berlin dank des VCP auch hier einen Anschlusspunkt abseits der Spackos in meiner Schule.

Manchmal habe ich in meinem stillen Kämmerlein komische Gedanken: Wie ich wohl ohne diese neun Tage im Sommer ’98 geworden wäre? Wenn ich mir diese Frage selbst beantworte, lächle ich und realisiere, dass es eigentlich unnötig ist, sich zu verteidigen.

Diese zwei Tage im Norden Brandenburgs vor kurzem waren schön. Die Tatsache, dass Menschen immer noch Freunde sein können, obwohl man sich Jahre nicht gesehen hat, lässt mich einen Satz da oben korrigieren wollen: Ich war nicht, ich bin Pfadfinder. Und werde es bleiben.

Flickr: Fotos vom VCP-BuLa 100pro in Großzerlang

2 Kommentare

  1. Erstaunliche Parrallen haben wir da, nur ich bin schon früher zu den Pfadfindern auch in NRW…“Jeden Tag eine gute Tat“ 😉

  2. Angefangen hatte ich Anfang der 90er – auch in NRW. In Bochum, um genau zu sein. Und selbst?

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