Supermarktnovelle

Die folgende Geschichte schrieb ich gestern Abend für ein informelles Literaturprojekt. Sie besitzt eine derb-fäkale Note. Ich bitte um Verzeihung und die Zartbesaiteten unter meinen Lesern darum, wegzulesen.

„Macht dann Dreizehn Fümmunneunzich.“

Sie war jetzt in einer Phase angelangt, in der sich alles in ihrem Unterleib verkrampfte. Trotz des enormen Drangs, sich der in ihr angestauten Exkremente endlich zu entledigen, brachte Frau Wesolowski es noch fertig, zu kassieren. Nun gut, dies war im Grunde nichts Bemerkenswertes, da sie das Kassieren im Traum beherrschte – und das im wahrsten Wortsinne. Ware um Ware über den Scanner ziehen, Summe ansagen, das Geld annehmen, eintippen und Rückgeld herausgeben (im Falle von Kartenzahlung stattdessen das obligat genuschelte „Pin eingeben, mit Grün bitte bestätigen“), einen schönen Tag wünschen – es war ein Automatismus, den man sich nach dreiundzwanzig Jahren Tätigkeit als Kassiererin nun mal angeeignet hat. Eine Art zu Handeln, die sich so tief in ihre Instinkte eingefräst hatte, dass Frau Wesolowski die Abfolge dieses Kreislaufs selbst dann ohne zu zögern hätte hervorbeten können, wenn man sie nachts um halb drei aus einer REM-Tiefschlafphase geweckt hätte.

„Fuffzehn, macht ein Euro fünf zurück.“

Nein, Kassieren – das konnte sie. Aber so dringend auf die Toilette zu müssen, ohne dass auch nur im Mindesten eine Chance bestanden hätte, diesem Bedürfnis innerhalb der nächsten Dreiviertelstunde nachzukommen, das war einfach zuviel. Frau Wesolowski war dabei nicht nervös, jedenfalls nicht mehr. Als es angefangen hatte zu drücken und sie die bis zum Gondelkopf am hinteren Ende des Getränkegangs reichende Schlange hinter dem aktuellen Kunden sah, das war vor etwa einer Stunde, da lief es ihr noch eiskalt den Rücken herunter und eine vage Ahnung von Verzweiflung hatte sie beschlichen. Mittlerweile nahm sie die auf- und abebbenden Gezeiten aus Drücken und Ziehen, Schmerz und Krampf, beinahe gleichgültig wahr, wie ein Mörder, der sich angesichts des unzweifelhaft begangenen Verbrechens im Angesicht des Strangs in sein Schicksal fügt. Aus dem wilden Wollen war ein resigniertes Nicht-Können geworden. Stattdessen machte sie sich Gedanken, wer denn nun eigentlich die Schuld an dem Schlamassel trug.

„Kundenkarte, Pfandbon? Sammeln Sie Treueherzen?“

War es die Schuld des latent wichtigtuerischen Marktleiters Herrn Diepenbrock aus Westdeutschland, der gänzlich unbedarft ihrer Kollegin Gitti eine Urlaubswoche genehmigt hatte, obwohl er doch wusste, dass ihre andere Kollegin Marleen zuverlässig zum Eintreten der Grippesaison stets für mindestens eine Woche ausfiel, so dass sie nun allein mit dem Chef und zwei minderjährigen Aushilfskräften den Laden schmiss, die zu nichts anderem als dem Stapeln von Getränkekisten zu gebrauchen waren? War es die Schuld der großen Regierungskoalition, die mit einem Handstreich die Ladenöffnungszeiten ausgeweitet hatte, ohne auch nur den entferntesten Gedanken an die berufliche Realität einer gewöhnlichen Supermarktkassiererin zu verschwenden? Moment – das könnte auch die vorherige Regierung gewesen sein, Frau Wesolowski war sich plötzlich nicht mehr sicher.
War es die Schuld der dauerjunggebliebenen Investoren, die unbedingt fünfzig Meter schräg gegenüber ihres Supermarktes ein Haus ockergelb anmalen und dort eine Jugendherberge eröffnen mussten, so dass Sie sich mehrmals täglich mit pubertierenden Nichtdeutschen abgeben musste, die sich nicht nur grundsätzlich in Schulklassengröße mit Getränken für den Abend eindeckten, sondern dies auch noch stets in unangemessen erhöhter Lautstärke kommentieren mussten?
War es die Schuld von Egon Krenz? Schließlich hatte er damals ohne Rücksprache mit dem ZK der SED öffentlich geäußert, dass die Grenzen nun geöffnet seien. Wer weiß, möglicherweise wäre dies, wenn der 9. November 1989 nur sachte anders verlaufen wäre, immer noch eine DDR-Kaufhalle der HO-Kette, in der man einer ohnehin kaum von übermäßigen Servicebemühungen verwöhnten Kundschaft durchaus einmal fünf Minuten zusätzliche Wartezeit für ein nur allzu menschliches Bedürfnis zumuten konnte.
Ist es die Schuld des Vaters? Er war es gewesen, der vor etwas mehr als dreißig Jahren darauf bestanden hatte, dass seine Tochter Rosi einen ehrbaren Beruf erlernte, anstatt dieses brotlosen Unfugs mit Oboen und Panflöten.

Ach, es bringt doch einfach nichts, dachte Frau Wesolowski und ließ den Blick schweifen. Die Schlange ertreckte sich immer noch bis weit hinter die Waldmeisterbrause. Wider besseren Wissens nahm sie einen Schluck aus der Seltersflasche, die der Marktleiter ordnungsgemäß abgezeichnet hatte, natürlich quittiert mit der üblichen und selten variierten Phrase „Niemand nimmt an, dass hier jemand von der Belegschaft Waren entwendet. Aber es ist immer gut, auf Nummer Sicher zu gehen.“ Der zweite Satz ekelte sie besonders an.

„Die sind für Sie.“

Der aktuelle Kunde hielt einen Strauß Primeln in der Hand. Nicht hier gekauft, dachte Frau Wesolowski unwillkürlich, ohne die Situation auch nur im Ansatz zu erfassen.
Sie schwieg.
„Hier. Für… für sie.“ Der Mann streckte ihr die Primeln entgegen. Sie kannte ihn, wenn auch noch nicht so gut, dass sie eines der Produkte benennen könnte, die er regelmäßig in den Einkaufswagen zu legen pflegte. Er trug ein Jacket aus hellbraunem Leder, darunter einen schwarzen Rollkragenpullover. Er war mindestens zwanzig Jahre jünger als sie und hatte gut gepflegte Fingernägel, wie sie ohne besonders darauf zu achten bemerkte.
Normalerweise hielt Frau Wesolowski auch Taktiken für Situationen parat, die vom regulären Kassieren abwichen. Etwa, wenn Sie die Eingabenummer für ein neues exotisches Obst noch nicht kannte, ein larmoyanter Kunde sich über das in seinen Augen zu gering herausgegebene Rückgeld beschwerte oder sie von einem Alkoholisierten gebeten wurde, den Spirituosenschrank zu öffnen. Das hier jedoch war anders.
„Für… Wieso hab ich das denn verdient?“ Auch das noch, sie geriet ins Stammeln.

„Es ist, weil… Ich finde, Sie sind immer so freundlich. Ich wollte fragen, ob Sie mal etwas mit mir…“ Er unterbrach den Satz, der Mann war sichtlich aufgeregt. Das übliche Stimmengewirr in der Schlange hinter ihm war über mehrere Meter hinweg verstummt. Irritation lag im Raum wie das dick aufgetragene Billigdeodorant eines vierzehnjährigen Jugendherbergskunden. Frau Wesolowski spürte, wie sie rot wurde und keine passende Antwort fand.

Und dann geschah es. Einer besonders heftigen Blähung nicht unähnlich spürte Frau Wesolowski, wie sie die Kontrolle über ihren Schließmuskel verlor.

5 Kommentare

  1. Es war allerdings nicht Egon Krenz, sondern Günther Schabowski, der am 9.November 1989 abends bei einer Pressekonferenz versehentlich die Öffnung der Grenzen verkündet hat.

  2. Frau Wesolowski ist politisch desensibilisiert, da kann ihr schon mal elementarstes Geschichtswissen entgleiten.

  3. Ich kann Dir das fiese Ende nur verzeihen – und ich finde es nicht etwa fiese, weil es „derb-fäkal“ ist, was es nicht ist –
    indem ich mir vorstelle, daß der junge Mann ein noch unerkannter, FIESER Serienkiller ist und sie somit, Glück im Unglück, dem schlimmsten entronnen ist.

  4. Ich würde ja zu gern wissen, woher der Autor die Inspiration für diesen Text genommen hat. Aber über Autorenintentionen darf man ja nicht spekulieren…

  5. Wirklich vorzügliche Kurzgeschichte! Erscheint sowas öfter in diesem Blog? Ich lese hier noch nicht so lange.

    Greetz,
    mete

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