Szenen

Im Garten schwirren ganze Wolken von Stechmücken um ihn herum. Manfred hat sich die deutsche Fahne um die Schulter gelegt. Seine Freunde sollen wissen, auf wessen Seite er steht. „Den Ithaka machen wir platt“ erwähnt er wie beiläufig, als die deutsche Nationalhymne aus dem Fernseher klingt und fordert ein weiteres Steak auf den Grill: „Heinz, ma‘ ma‘ no‘ eins!“
„Deutschland!“ skandiert Heinz und legt das Steak auf den Grill. Seine Frau Birgit hat ihm extra einen dieser spaßigen Hüte „mit den Schwarz-Rot-Gold drauf“ gekauft. Das Gold allerdings tendiert mehr ins Zitronengelbe. Diesen Hut trägt er seit Stunden, aber es wird langsam unerträglich, wegen der Hitze. „Langsam wird dat unerträglich, Biggi, mit die Hitze“. Heinz nimmte einen tiefen Schluck aus der Flasche, legt den Daumen auf die Öffnung und lässt schüttelnd das Gebräu auf die zahlreichen Fleischstücke spritzen. Laut zischt es. „Sei still, Heinz. Fängt an getz!“ meint Birgit. Manni rülpst.

~

~

Das letzte Mal geweint hatte er vor vielleicht 10 Jahren. Es muss in der ersten Klasse gewesen sein, ja. Ein Drittklässler hatte ihm auf dem Schulhof sein Micky Maus-Heft aus der Hand und in Stücke gerissen. Seitdem hatte er sich immer zusammengerissen, selbst als seine Oma starb, selbst als Deutschland 2002 das Finale verloren hatte. Nun aber zogen seine Tränen Schlieren durch die, auf den Wangen trotz massiven Schwitzens sichtbar gebliebene, schwarz-rot-goldene Theaterschminke. Das Zuckeln der S-Bahn warf ihn und seine Freunde hin und her. „Daran werde ich mich nie gewöhnen“, versuchte er mit versagender Stimme die mit ihm in Trauer verbundenen Mitgereisten aufzumuntern, während er ihnen durch den nachgeschobenen Halbsatz „dabei bin ich schon zum dritten Mal in Berlin dieses Jahr“ imponieren wollte. Die vier waren jetzt in einem Alter, in dem man sich betont desinteressiert gab; in dem solch jämmerliche Versuche, Eindruck zu schinden nicht mal für schwäbische Provinzler mehr etwas galten. Der vor dem Spiel aus Freude und nach dem Spiel aus Frust gekippte Alkohol verursachte in Tateinheit mit der immer noch in der Bahn stehenden Hitze, der Apathie zum Anfassen allerorten und der Verbrauchtheit der besprechbaren Themen eine dumpfe Ödniss in Marcos Gedanken.
„Hab Hunger“ unterbrach Sabrina.
„Zoo ist McDonalds“ antwortete Dennis.
„Spinnst Du? Wir gehen Burger King! Bei MCD sind die Pommes scheiße“ warf Tobi entrüstet ein.
Kein Protest erhob sich, die Bahn hielt an und die Tür öffnete sich.
„Sheis Taljehna!“ rief ein Hereintorkelnder und fuhr fort: „Die Spaghettifr… fresa. Sinnoch alles A- Arshlöcha. Die Sheis Pizza…scheise“ gingen dem Glatzköpfigen die Beleidigungen aus.
Jemand, der ihn kannte, versuchte zu trösten: „Bleib cool, Mike – Werden wir halt Dritter.“
Weinerlich, doch mit aggressivem Unterton gab Mike zu verstehen, dass er selbst daran zweifelte.
„Dritter!“ rief Marco nun entschlossen. Seine Augen funkelten in der fahlen S-Bahn-Beleuchtung. Ein Zeigefinger zeigte solidarisch auf Mike, der sich wiederum auf den mitgebrachten, leeren Bierkasten fallen ließ. Verstohlen erbrach sich Mike. Im Wagon kehrte Ruhe ein.

~
cora

(Ausriss/Screenshot: bild.t-online.de)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.