Nun also Wedding. Ich würde gerne etwas über die Umgebung schreiben können, aber dazu habe ich bis jetzt zu wenig davon gesehen. Klischees gibt’s ja viele, von einer Gegend mit marodierenden Talibanpubertierenden bis hin zur Brutstätte der Rotfrontarbeiterschaft, aber tatsächlich scheint es mir auf den ersteinhalbten Blick recht normal hier. Gut, in der U-Bahn ein Junkie oder vor dem Supermarkt-Pfandflaschenautomaten ein Häufchen Elend sind schon erblickbar, aber auch die alte Heimat Friedrichshain hatte so ihre Ecken, wo Autos brannten oder Abiturienten sich in Rage soffen. Lustig war, als wir neulich – es war schon fast Nacht – auf dem Balkon standen und eine Jugendtruppe, es waren wohl auch welche mit ausländischen Eltern dabei, auf der anderen Straßenseite in einem Hauseingang die etwa fünf Köpfe zusammensteckten. Wir mutmaßten im Scherz: Planen die Delikte die Drogen, Gewalt, einen Raubmord gar involvierten? Schließlich schauten Sie empor, drückten auf alle Klingelknöpfe und rannte johlend fort. Tja, so ist das, in unserem Bezirk, in den sich laut bürgerlich-alarmistischen Medienberichten keine Polizeistreifen mehr hineintrauen. Das ist natürlich geschwindelt, hier sieht man hin und wieder Polizisten, wenn auch nicht so oft wie im Friedrichshain (weil hier seltener Autos brennen, s.o.).

Weil wir nach 5 Jahren in dieser Bude immer noch keinen Couchtisch hatten und die Dinger bei den Schweden so unfassbar günstig sind, dass man geradezu zwangsweise annehmen muss, dass die Sofenbeisteller von vierjährigen rumänischen Kindern in zwei mal zwei Quadratmeter-Baracken unter perpetuierter Lösungsmittelbeschallung geschreinert wurden, was man in manchen Momenten aber einfach mal verdrängen muss, denn man hat ja selber nicht so viel Geld, haben wir uns am letzten Sonnabend zu IKEA begeben, wo mir nach dem obligaten Hackballspachteln und dem sinnhaft verknüpften Klobesuch auffiel, dass im Waschbeckenraum (nennt man das so?) an der Wand ein Kondomautomat, kurz Kondomat, hing, was ich mit dem familienfreundlichen Image, das sich die Möbelhauskette so penetrant-smuggig auf die Flagge schreibt, gar nicht mal komplett inkompatibel assoziiere, also nicht weiter wild, wurde ich bei genauerer Betrachtung Gewahr, dass neben den drei Sorten Präservativen dort auch ein ominöser “Rubbel Ring” und eine Reisevagina (“TravelPussy”) für je 3 € zu erstehen waren, und ich sagte im Stillen zu mir selbst: WTF! und außerdem: Möbelhaus, im Interesse der Kinder — DER KINDER! — wähle deine Sanitärraumbestückungshandelspartner zukünftig bedachter.

Wie schön es heute Nacht geschneit
die Stadt liegt da im Puderkleid
Doch was da rieselt zuckrig-weiß
ist morgen schon ein Schneematschscheiß

Ich könnte diesen Beitrag knallhart auf Berlinerisch verfassen, aber sind wir mal ehrlich, Folklore dieser Art wirkt immer albern. Einzige Ausnahme der Regel: die “Didi & Stulle”-Comics von Fil. Die Erlebnisse von Dieter Kolenda und Andreas Stullkowski werden in ihrem global recht derben Witz durch den rotzigen Slang nämlich bereichert. Alle zwei Wochen erscheint eine Seite der fortgesetzten Großstadtgroteske im Stadtmagazin Zitty und — da der Rest des Hefts oft unerträglich ist — dankenswerterweise jährlich in einem Sammelband. Bei uns im Haus ist Tradition geworden, dass der je aktuell erschienene Band unter dem Weihnachtsbaum liegt. Dieses Jahr erscheint schon Nummer “Achti” mit dem haarsträubenden Titel “Getötet vom Tod”, irgendwann so gegen Ende November, Anfang Dezember. Super: Der Reprodukt-Verlag, wo Fils Werk erscheint, hat jüngst in seinem Blog die ersten fünf Seiten daraus vorveröffentlicht. Etwas klein, aber mit Strg und + oder Leselupe haut det schon. Huch. Hier und da gibt’s auch noch Leseproben, aber aus anderen Epochen. Your mileage may vary.

Meinen Bericht zur “Freiheit statt Angst”-Demo gibt’s bei Gulli. Fotos bei Flickr. Doktor Motte ist mir auf den Wirsing gegangen, sonst war’s sehr schön.
Ich habe gerade etwas sehr Merkwürdiges entdeckt. Man kann Flickr-Fotos Ortsmarkierungen zuweisen. Auf der jeweiligen Fotoseite steht dann rechts unten am Rand die Stadt in der es aufgenommen wurde. Nehmen wir zum Beispiel mal dieses Foto, das auf einem Friedhof in unmittelbarer Nähe meines Wohnorts geschossen wurde:
Bitte mal auf die Ortsangabe in der Leiste rechts achten:

Friedrichshain, Berlin. Das stimmt so weit. Nun habe ich allerdings in Flickr aus reiner Nostalgie nicht die deutsche, sondern die englische Sprachversion an (kann man am unteren Rand auf jeder einzelnen Seite einstellen). Und auf der englischen Fotoseite steht verblüffenderweise:

Terrorgefahr “Public Viewing”. Bild: tetedelacourse (cc)
Heute spielen die Türken gegen Schland. Dabei ist natürlich von Terror Massenzusammenkünften auszugehen. Am besten dürfte sein, man geht heute gar nicht auf die Straße, wenn man der US-Botschaft glauben schenkt:
Menschenmassen, die bisherige Deutsche oder Türkische Siege gefeiert haben, blockierten bereits Straßen und schüttelten Autos, welche versuchten, durch sie hindurchzukommen. Wir erinnern die Amerikanischen Bürger daran, dass selbst Massenzusammenkünfte und Demonstrationen, die eigentlich friedlich sein sollen, konfrontativ werden und möglicherweise in Gewalt ausarten können. Amerikanische Bürgern sind daher aufgefordert, Gegenden solcher Demonstrationen zu vermeiden und Vorsicht walten zu lassen, wenn sie sich in der Nähe solcher Umgebungen befinden. Amerikanische Bürger sollten sich mit Hilfe der Medienberichterstattung über örtliche Ereignisse auf dem Laufenden halten und sich stets ihrer Umgebung gewahr bleiben. (Übersetzung: ich)
Also, liebe US-Bürger: Heute abend stets das Transistorradio am Ohr (wegen Public Viewing-Gefahr, Ausschreitungen), keinen Döner kaufen (biologische Waffen, Gammelfleisch) und vor allem: Nicht in Kreuzberg oder Neukölln aufhalten (Stau, Schleudertrauma)!
[via Hauptstadtblog, Frederic bei twitter]
Lutz Schramm hat in seinem Fotostream bei Flickr einige Fotos aus DDR-Zeiten, die ich sehr schön finde. Vor allem wenn man weiß, wie es da heute aussieht und vieles wiedererkennt, während manche Details geradezu absurd durch den sozialistischen Chic verzerrt wirken. Wobei: Der sozialistische Chic herrscht ja auch heute noch vor, etwa am Alexanderplatz. Verzerrt bloß durch hässliche New Age-Businessbauten, die pseudoretrohingekackte Alexa und den an pompöse Naziarchitektur gemahnenden “neuen” Kaufhof. Aber egal, zurück zu Lutz’ Fotos, derer ich mich hier frech habhaft mache (sie stehen nicht alle unter CC-Lizenz, aber ich nehme dieses Statement mal als Erlaubnis, sie hier einzubinden).

Hier der Alex in den 80ern. Damals standen dort noch keine Drecks-Scientologen rum. Es war also nicht alles schlecht in der DDR.
Heute ist Wahltag. Auch die in diesem Haushalt lebenden Personen werden Kabine und Urne beehren. Um aus dem Wahlgeheimnis keine Mördergrube zu machen: Wir stimmen gegen den Erhalt des Flughafens Tempelhof.
Ich selbst kann nicht behaupten, dass das Ding im Herzen, oder vielleicht eher: der Milz Berlins, mich ganz kalt ließe. Umme Ecke, also quasi direkt daneben habe ich zwei Jahre meines Lebens gewohnt, in einer Wohnung, deren Auslegware grasgrün war. Ich erwähne das nur, weil das wohl die für mich prägnanteste Assoziation zu Tempelhof (dem Stadtbezirk) bleiben wird. Den Fluglärm überhört man wirklich mit der Zeit, man stumpft da ab wie ein Bestatter bei der Leichenpediküre. Kann mir vorstellen, dass der Lärm den Anwohnern eine Zeitlang sogar fehlen würde. Direkt am Zaun neben dem Flugfeld küsste ich einst eine längst verblichene Liebe zum ersten Mal, viele Male fuhr ich mit der S-Bahn von Neukölln zur Zivildienststelle in Tempelhof, mich stets aufs Neue wundernd, dass sich direkt am Flughafen etliche Leute freiwillig in zahlreichen Kleingartenkolonien ansiedelten. Mehr als einmal lief ich am Flughafen entlang und ergötzte mich an der Lichterflut, die nachts auf dem Rollfeld herrscht. Die immensen Dimensionen des Flughafengeländes weiß man, so finde ich, nur abzuschätzen, wenn man ihn einmal komplett zu Fuß umrundet hat.
Ja, ich wünsche mir, dass dieser Ort erkennbar erhalten bleibt. Auch die hässlichen “Germania”-im-Geiste-Prachtbauten aus der Nazi-Ära kann man meinetwegen stehen lassen. Aber herumbrummende Flugzeuge will ich da tatsächlich keine mehr haben.
Auf dem schwarzen Kapuzenpulli des Kunden in der Videothek wölbten sich die Worte “Area Code” über die Nummer 030, Berlins Telefonvorwahl. Ich halte zwar wenig von Lokalpatriotismus, besser als der peinlicherweise mit Strass besetzte Schriftzug Hauptstadtrocker auf von Prekarianerweibchen aufgetragenen Cordjacken — mir nicht bekannt, ob es dieses Kleidung gewordene Verbrechen nun bei Orsay, C&A oder New Yorker gibt — ist das jedoch allemal.
Nun fiel mir nach kurzem Grübeln auf, dass mich auch diese vergleichsweise dezente Variante der Beifallsbekundung für hauptstädtische Lebensart störte: Nicht nur, dass, übersetzt ins Deutsche, “Telefonvorwahl 030″ irgendwie nicht mehr ganz so cool klingt, es wird doch auch die Festnetztelefonie mehr und mehr verdrängt. Im Bereich des möglichen ist es durchaus, dass diese in zehn Jahren nur noch ein Nischendasein fristet und sich die Leute an ihre eigene Vorwahl bloß noch erinnern wie ein Relikt aus längst vergessener Zeit, vergleichbar etwa mit den Postleitzahlen aus der prä-fünfstelligen Ära. W-1000 Berlin 90 schrieb man damals auf Postkarten, die man unter Zwang aus dem Ferienlager verschickte. Arm dran sind die Leute jedenfalls, die in zehn Jahren noch Pullover mit “Area Code – 030″-Verzierung besitzen. Im Sinne der Evolution von Moden wäre es dementsprechend bloß folgerichtig, dass die Kapuzenpullover der mittleren Zehner Jahre Aufdrücke tragen wie “My mobile provider’s number prefix – 0177″ o.ä. Damit der Lokalpatriotismus nicht zu kurz kommt, könnte C&A sein Angebot an Strass besetzten Cordjacken ja noch diversifizieren: “Kreisstadtraver” oder schlicht “Dorfpomeranze” hätten bestimmt auch einen Absatzmarkt.


