meist manchmal, selten oft

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schmidtHelmut Schmidt äußert eine interessante Analogie zu Oskar Lafontaine und pflanzt einen neuen Setzling in das gut bewässerte Beet der albernen Dämonisierungen:

“Auch Adolf Nazi war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch.”, fügte Schmidt hinzu. Zudem verglich der Sozialdemokrat Lafontaine mit dem französischen Rechtspopulisten Jean Marie Le Pen. “Der eine ist links, der andere ist rechts. Aber vergleichbare Populisten sind Lafontaine und Le Pen schon”, sagte der Alt-Kanzler.

So ein Gehobel gehört sich natürlich im, äh, Feuilleton der Bild am Sonntag. Ich will da jetzt mal gar nicht den Godwin herbeizitieren, das wird ja auch irgendwann langweilig. Nur so viel: Apfelmus hat eine breiige Konsistenz. Durchfall auch. Und nicht nur Hitler hatte einen an der Klatsche. Ex-Kanzler, die sich in den widerlichsten Auswucherungen der deutschen Boulevard-Landschaft zum Leitwolf der Intellektualität hochjazzen lassen, ebenso.

Nachtrag: Chris von F!XMBR setzt das Schmidt-Zitat ins Verhältnis zu einem von vor zehn Jahren. Hm. Was… Geschwätz… gestern…

Foto vom Gemälde: thbl (cc)

Tempelhof: Platz der Luftbrücke und Flughafengelände
Foto: jaywaykay (cc)

Heute ist Wahltag. Auch die in diesem Haushalt lebenden Personen werden Kabine und Urne beehren. Um aus dem Wahlgeheimnis keine Mördergrube zu machen: Wir stimmen gegen den Erhalt des Flughafens Tempelhof.

Ich selbst kann nicht behaupten, dass das Ding im Herzen, oder vielleicht eher: der Milz Berlins, mich ganz kalt ließe. Umme Ecke, also quasi direkt daneben habe ich zwei Jahre meines Lebens gewohnt, in einer Wohnung, deren Auslegware grasgrün war. Ich erwähne das nur, weil das wohl die für mich prägnanteste Assoziation zu Tempelhof (dem Stadtbezirk) bleiben wird. Den Fluglärm überhört man wirklich mit der Zeit, man stumpft da ab wie ein Bestatter bei der Leichenpediküre. Kann mir vorstellen, dass der Lärm den Anwohnern eine Zeitlang sogar fehlen würde. Direkt am Zaun neben dem Flugfeld küsste ich einst eine längst verblichene Liebe zum ersten Mal, viele Male fuhr ich mit der S-Bahn von Neukölln zur Zivildienststelle in Tempelhof, mich stets aufs Neue wundernd, dass sich direkt am Flughafen etliche Leute freiwillig in zahlreichen Kleingartenkolonien ansiedelten. Mehr als einmal lief ich am Flughafen entlang und ergötzte mich an der Lichterflut, die nachts auf dem Rollfeld herrscht. Die immensen Dimensionen des Flughafengeländes weiß man, so finde ich, nur abzuschätzen, wenn man ihn einmal komplett zu Fuß umrundet hat.

Ja, ich wünsche mir, dass dieser Ort erkennbar erhalten bleibt. Auch die hässlichen “Germania”-im-Geiste-Prachtbauten aus der Nazi-Ära kann man meinetwegen stehen lassen. Aber herumbrummende Flugzeuge will ich da tatsächlich keine mehr haben.

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Ich war nie ein großer Dieb. Die für viele Persönlichkeiten konstituierende Phase, in der man “einklaufen” geht und in diversen Läden alles, vor allem Unnützes, mitnimmt, was nicht nag- und nietenfest ist, übersprang ich einfach. Grund: Panische Angst vorm Erwischtwerden und ein qua Erziehung möglicherweise übertrieben eingebleutes Empfinden für das, was recht ist und was nicht. Nur 2003 war es anders.

Objekte meiner Liebsten, der meiner Compadres und der meinen Begierde: Bizarre Werbeplakätchen, die in den vor Kiosken drapierten Aufstellern eingelegt waren und dem Vorbeieilenden knackig-kurz das inhaltlich Relevante der neuesten Ausgabe von “Bild” appetitlich machen sollte. Verkürzt dargestellt Irrelevantes, in noch einmal komprimierter Form. Diese zweifarbig bedruckten Zettel im A3-Format ließen sich problemlos entfernen, selbst am hellichten Tage wurden wir nie angesprochen was wir da trieben. Dies war unsere ganz private Weise, Springer zu enteignen.

Ein paar Jahre zierten einige der Zettel unseren Wohnungsflur, als Tapete sozusagen. Waren sie nicht schön, so hatten sie doch zumindest einen Unterhaltungswert. Die skurrile Komik, die aus den behandelten Themen und der weit über das Nötige hinaus reduzierten Sprache entstanden, eingerahmt von den je neuesten Ergebnissen des “Super-Bingo”, boten ein super Thema bei diversen Zusammenkünften junger Leute in unserer Wohnung.

Vor einiger Zeit nahmen wir die Zettel ab — jeder Gag wird mal fad — und das Blau der Tapete erstrahlte wieder in seiner lange geschonten Pracht. Neulich, beim Spaziergang sahen wir jedoch mal wieder am Wegesrand ein Aufstellerchen mit einer “Message”.

Knut: Psychopat

Oje, dieses Viech schon wieder! Wir fühlten uns “getriggert”. Ich beschloß, die alten Plakate aus ihrer Schatulle zu holen und zu betrachten. Ein Gedanke flackerte auf. Warum die Sammlung nicht einem letzten, hehren Zwecke zuführen und der Weltöffentlichkeit präsentieren?

Hier also sind sie: Die durchsten Bild-Aufsteller-Teaserplakate aus, äh, einiger Zeit (grob Sommer bis Winter 2003).

Bild: Di durch

Di ging immer. Die arme. Aber Tote können sich ja nicht wehren. Die Geisteskrankheit kommt jedenfalls meines Erachtens automatisch, wenn man über Jahre hinweg die Zielmarkierungen der Paparazzikameras auf der Stirn fühlt und nicht ganz unsensibel für die erstunken und erlogenen Inhalte der Klatschpresse ist. Zu der darf sich meinetwegen auch “Bild” zählen. Falls man mich zwänge, die rhetorische Frage auf dem Titel zu beantworten[1], ich tät sagen: Ja klar. Habt ihr gut hingekriegt.

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  1. ist übrigens ein beliebter Trick am Boulevard: Aussagen, für die man verklagt werden kann, einfach als Frage formulieren [zurück]

Hey, dachte ich, wie komm ich denn zu der Ehre? Auf den Internetseiten zweier Zeitschriften für die pubertierende Jugend, namentlich denen von “Yam!” und “Mädchen”, fand sich ein Artikel, beiderseits gleichen Inhalts, der mich verlinkte. Er thematisierte die “Bloggermania”, jenen “neue(n) Trend im Web”, wie fetzig[1] das sei und toll. Dabei wurde Citronengras neben zwei mittelmäßigen und einem guten anderen als Lieblingsblog von Denise (20) angegeben, “die selbst eine coole Page hat” und Tips (“Ich mag witzige Alltagsituationen”) zum Schreiben eines Webblogs (sic!) feilbot. Das alles fänd’ ich ja noch halbwegs schmeichelhaft, wenn… Ja – wenn da nicht ein störendes Detail wäre. Yam! und Mädchen werden vom Axel-Springer-Verlag vertrieben und mit diesem Pack will ich nun absolut überhaupt nichts zu tun haben.

«Die Mädchenliteratur und ich» weiterlesen

  1. Das Wort “fetzig” habe ich hier absichtlich eingefügt, denn ich gehe steil auf abgegriffene Wendungen der Jugendsprache. Im Prinzip machen auch diese Zeitschriften nix anderes – das wiedergeben, wovon die Redakteure glauben, es sei modern, ohne Rücksicht darauf, dass ein Begriff der Jugendsprache in dem Moment obsolet ist, da mehr als drei Erwachsene ihn in ihren aktiven Wortschatz eingemeinden. Dann schon lieber altmodisch, aber dazu stehen. [zurück]