Intelligenz meint, ein gegebenes Problem möglichst geschickt, also mit so geringem Aufwand wie möglich und unter Einbeziehung und Abstraktion bestehender Ressourcen und Erfahrungen, zu lösen. Würde ich sagen. Die Tatsache, dass verschiedene Kulturen unterschiedliche Arten zu Denken entwickeln mussten, um bestangepasst in ihrer Umwelt zu bestehen, ist erst einmal profan. Ein australischer Ureinwohner muss nicht viel von Algebra oder dem syntaktischen Aufbau eines Sonnets verstehen — er ist intelligent, wenn er sich geschickt anhand der Gestirne orientieren, in der Wildnis überleben und ein Feuer entfachen kann. Darüber, ob die jeweils vorteilhaften Individualeigenschaften sozial, genetisch oder in einer Mischung aus beidem vererbt werden, dürfte sich streiten lassen.
Im Deutschlandradio-Interview mit Bildungsforscher Heiner Rindermann (zum Hören: Flash | mp3) zieht der Interviewte zu dieser Frage lässig die vom Burt-Skandal geschüttelte Zwillingsforschung heran — nicht sonderlich seriös. Eine unseriöse Basis hat dessen Untersuchungsobjekt — Intelligenzunterschiede zwischen den Rassen — auch deswegen, weil, obwohl eingangs das Gegenteil behauptet wird, als Maßstab eben genau die westlich dominierte Version von Intelligenz angelegt wird. Diese sind freilich dank der omnipräsenten Skala “IQ” schon eindimensional genug ist. Das Ergebnis, es gebe über- und damit unterlegene Rassen, ist so zwangsläufig. Metaphorisch: Man stelle sich vor, eine Flasche Moet Chandon mit einer Flasche Wodka Gorbatschow zu vergleichen und als einziges Kriterium den Alkoholgehalt heranzuziehen.
Die Grenzziehung, die Rindermann vornimmt ist eine “zwischen Weißen, zwischen Schwarzen und zwischen Asiaten als die drei Großgruppen” und damit willkürlich, weil sie bereits auf einer rassistischen Grundannahme konsistenter kultureller Eigenschaften auf Basis der Hautfarbe, Kopfform oder sonstwas[1] beruht. Mal abgesehen davon, dass die Umwelt und Ausprägungen des Wissens eines durchschnittlichen Japaners in Tokio und der eines europäischen Großstadtbewohners heute einander wesentlich näher sind als die desselben Japaners und, etwa, eines chinesischen Bauern, lässt der Forscher auch außer Acht, dass seine Einteilung keine Übergänge, keine Mischungen der Rassen einbezieht und auch nicht der Frage nachgeht, wie groß der Anteil der genetischen Voraussetzungen, sprich: das Talent, im Vergleich zu den Faktoren Umwelt und Bildung auf die Intelligenz des Individuums sind.
Der dickste Hund allerdings ist der, dass Rindermann, anders als er sich zum Schluß verteidigt, meines Erachtens keineswegs im Sinne des Postulats wissenschaftlicher Wertfreiheit forscht.
Gut, Sie haben jetzt aber gefragt, warum man so etwas erforschen sollte. Die OECD, die macht ja beispielsweise international vergleichende Schulleistungsstudien, um festzustellen, wo Schüler mehr lernen, wo sie über höhere Kompetenzen verfügen, und man nimmt an, dass diese Kompetenzen – auch unter dem Begriff Humankapital – zum Beispiel relevant sind für Wirtschaftswachstum, für wirtschaftliche Produktivität, aber auch für andere, positiv bewertete, gesellschaftliche Phänomene wie zum Beispiel Demokratie, oder auf individueller Ebene zum Beispiel Gesundheit.
Nicht nur seien, so Rindermann, manche Völker bzw. Rassen demokratiefähiger als andere, was im Grunde schon Kulturalismus par Excellene ist. Nein — hier blitzt für einen kurzen Moment unverhohlen auf, worum es eigentlich geht. Die Nutzbarmachung des Menschen als Rohstoff, seiner Arbeitskraft, seiner Produktionseffizienz. In der Summe ein auf Rasse und Effizienz reduziertes Menschenbild das hier als positiv und Identität stiftend hingestellt wird.
Ja, sie [die Unterschiede zwischen den Kulturen] sind nicht unveränderlich, das ist höchstwahrscheinlich richtig, aber wir wissen nicht, ob nicht das Muster der Unterschiede immer gleich bleibt. Es könnte zum Beispiel sein, dass in 100 Jahren auf einem höheren Niveau weiterhin solche Unterschiede bestehen, zum Beispiel, weil Ostasiaten besonders fleißig sind und sie einer Kultur angehören, die Fleiß sehr honoriert und diese Art von Kultur ändert sich auch nicht so schnell im Vergleich zum Beispiel zur europäischen oder schwarzafrikanischen oder sonstigen Kulturen.
Fleiß (eigentlich: Fleiß im Sinne der Produktion[2] ) ist ein anerzogener bzw. gesellschaftlich oktroyierter Wert, keine genetisch beeinflusste Eigenschaft. Fleiß zu naturalisieren bedeutet, den Unfleißigen Widernatürlichkeit zu unterstellen. Wenn es nicht so abgedroschen klänge, würde ich an dieser Stelle sagen, dass die Forschung Rindermanns Ausdruck des immer totaler werdenden Primats einer nach nach ökonomischen Kriterien ausgerichteten Weltanschauung ist. Die Tatsache, dass selbst intelligente Leute zu blind sind, das nicht als Ideologie zu sehen ist Ergebnis der vollendeten Naturalisierung. Und ziemlich traurig.
- hab im Rassenkunde-Unterricht nicht aufgepasst [zurück]
- Das musste ich an dieser Stelle verdeutlichen, weil ich nämlich auch jemanden, der stundenlang vor dem PC sitzt, um seinen “World of Warcraft”-Charakter hochzuleveln, fleißig finde. Ähnlich verhält es sich mit Disziplin/ Unterordnung, die es nicht nur in Schule und Job gibt, sondern auch im Counterstrike-Clan. [zurück]
