meist manchmal, selten oft

Archiv für das Schlagwort ‘Gesellschaft’

iPhone App: Nearby Offenders

Vor etwas mehr als einem Jahr schrieb ich:

Stell dir vor, du holst deinen Laberziegel aus der Tasche, die synergische Mischung aus GPS, Google Maps und RottenNeighbor zeigt dir an, dass in dem Haus da drüben unzweideutig ein Sexualstraftäter haust, du öffnest die eingebaute Social Networking-Funktion und planst komfortabel (Multitouch, UMTS, angepasster Handybrowser) mit anderen besorgten Bürgern einen Spontanpogrom in anderthalb Stunden, um die Welt mal wieder ein kleines bisschen besser zu machen.

Kommt, sowas. Ganz sicher.

Nun gibt es eine Sex-Offender-iPhone-App, mit Umgebungskarte und rot markierten Ortsmarkern überall dort wo Sexualstraftäter wohnen. Und was kann die?[1]

«Immer informiert mit der Sexualstraftäter-App fürs iPhone» weiterlesen

  1. von mir übersetzt [zurück]

Das “Sieg Heil” in Wien, darauf folgendes Jubelgeschrei und ein Straßenbahnfahrer, der sich für eine Entgleisung entschuldigt. Krass.

[via Sebastian bei Twitter]

[Update:] Das Video ist offline, aber anderswo in Kopie vorhanden.

Fahrrad mit Kindersitz
Symbolbild: elecnix (cc)

Wer mich kennt weiß, dass ich eine naive, ja geradezu esoterische Sichtweise hinsichtlich der Rechte von Kindern pflege. Denn ich halte es für richtig, dass Kindern das Recht auf eine eigene Persönlichkeit zugestanden wird, mit allen Konsequenzen, ohne Gewalt psychischer und physischer Art.

Was mich gestern in dem Zusammenhang wirklich aufgeregt hat, war dieser Fall:

Mit blau angelaufenen Mundwinkeln sitzt ein 1 1/2 jähriges Mädchen nackt auf dem Kindersitz eines Fahrrades. Die Mutter, eine 32-jährige Rechtsanwältin aus Schwabing, radelte mit dem schlotternden Kind am letzten Montag bei windigen Wetterverhältnissen und 11 Grad Außentemperatur durch die Sandstraße, als sie einer Polizeistreife auffiel.

Den Polizisten erklärte die Juristin, dass sich ihre Tochter nichts anziehen lassen wollte. Da das Kind eigene Persönlichkeitsrechte habe, akzeptiere sie als Mutter dessen Wunsch. Außerdem meinte die 32-Jährige, sei es für das Kind nicht zu kalt, es sitze ja in ihrem Windschatten. Auf weitere Diskussionen wollte sie sich nicht einlassen.

Die Mutter wurde von den Beamten aufgefordert, ihrer nackten Tochter sofort Kleidung anzuziehen. Dieser Aufforderung kam sie ohne weiteren Widerspruch nach und zog dem Kind eine mitgeführte dicke Jacke über. Anschließend konnten Mutter und Kind die Fahrt fortsetzen. Die Beamten der Streife der Polizeiinspektion 42 (Neuhausen) erstellten eine Anzeige wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen.

«Eine Anwältin und ein nacktes Kind auf einem Fahrrad in München» weiterlesen

NCC-1701-DIn Star Trek, dessen (beste) zweite Serie S. und ich gerade wieder schauen, existiert ein Gesellschaftsmodell, dass nicht durch ökonomische Logik bestimmt ist. Es ist nicht der Zwang, ohne Leistung nicht weiterexistieren zu können, der den Menschen antreibt, Arbeit zu verrichten; es ist nicht das Verlangen, eine immer abstrakter werdende Entität wie Geld auf dem Rücken der Ausbeutung und ideologischen Verhohnepiepelung anderer zu akkumulieren, der das Individuum antreibt, nach oben zu kommen. Keiner muss, nachdem man sich auf der Erde einige Jahrhunderte lang die Köppe eingeschlagen hat, auf unserem blauen Planeten mehr Hunger leiden. Die Versorgung übernehmen Replikatoren, die aus — ich nehme mal ganz stark an, klimafreundlich gewonnener — Energie Essen erschaffen. Natürlich wird auch noch mit echtem Gemüse gekocht, aber nötig ist es nicht mehr. Dem möglicherweise dem Menschen in der Tat innewohnenden Bedürfnis nach Selbstoptimierung, Wettbewerb und Eigenverantwortung wird entsprochen, indem geistiger Fortschritt die Leitmaxime geworden sein wird: Jeder ist seines Glückes Schmied und man schmiedet besser, wenn man weiß, dass man im Notfall aufgefangen wird. Der Mensch zieht ins All, macht andere Planeten bewohnbar, er strebt nach Wissen, er erforscht seine Welt und zerstört sie nicht. Das ist, was Selbstverwirklichung im 24. Jahrhundert bedeutet. Klar gibt es äußere Bedrohungen (Wahlweise die Klingonen, Romulaner, Borg, das Dominion), aber so etwas schweißt zusammen.

Vielleicht ist diese Form des Zusammenlebens, die Orientierung an gesamtgesellschaftlichen Fortschritt und Wissenserweiterung, eine reale Option für die Zukunft, nach der es sich zu streben lohnt? Klar, Nahrungsmittelreplikatoren sind utopisch. Aber wenn wir eins und eins zusammenzählen, reicht das Essen global schon jetzt aus, um alle zu ernähren.

Dieser kurze Gedankengang ist als Antwort an Martina gedacht, die unter .markus’ wirklich hochnotlesenswertem Beitrag “Kapitale Fehler” (ernsthaft: bitte lesen!) die Frage stellte, welche Gesellschaftsmodelle neben den zwei im letzten Jahrhundert dominierenden Wirtschaftsordnungen überhaupt noch denkbar seien.

Ahmad BatebiIm Schweizer “Magazin” gibt es ein sehr lesenswertes Interview mit dem iranischen Dissidenten Ahmad Batebi, welcher derzeit in den USA weilt. Das wühlt auf, vor allem wenn Batebi aus der Zeit seiner Haft erzählt, und verdeutlicht ziemlich gut, dass der Blick des Westens auf das Land am persischen Golf schief ist.

Wie gross ist die Geduld der iranischen Bevölkerung? Wie entfremdet sind die Massen vom Regime?

Der Iran ist nicht einfach zu verstehen. Dass die Bevölkerung nicht hinter der Regierung steht, weiss man. Millionen von Iranern verfolgen am Fernsehen die Sendungen von Voice of America in iranischer Sprache. Die Regierung unternimmt, was sie kann, um den Kontakt zur Aussenwelt über das Internet zu zensurieren. Mit wenig Erfolg. Aber gleichzeitig sind die Iraner ausgesprochen patriotisch. Im Fall eines Angriffs würden sie für ihr Land kämpfen. Deshalb weiss der Westen nicht recht, wie er mit dem Land umgehen soll.

Wie ist die Stimmung im Land?

Es gibt einen sichtbaren Iran, und gleichzeitig gibt es ein Land, das für den Rest der Welt kaum zu erschliessen ist. Die Bilder betender Menschen in den Moscheen, die man in den Reportagen sieht, sind ein journalistisches Klischee und nicht repräsentativ für die iranische Gesellschaft. Seltsamerweise decken sich hier die Interessen der Mullahs mit denen der ausländischen Journalisten: Beide sind darauf aus, einen fundamentalistischen Gottesstaat zu zeigen. Aber was die Regierung dem Rest der Welt vorführen will, hat wenig mit dem zu tun, was die Menschen in ihrem Alltag bewegt. Denn in diesen oberflächlichen Bildern kommt nicht zum Ausdruck, dass sich die Islamische Republik auf etwa sieben Prozent der Bevölkerung abstützt. Diese sieben Prozent werden von der Regierung bezahlt, sie erhalten Wohnungen, sie machen die Geschäfte, sie können ins Ausland reisen. Es gäbe aber auch andere Bilder.

Der Iran wird gleichzeitig beherrscht von einer elitären fundamental-islamischen Kaste und einer immer stärker werdenden Opposition, die wegen der brutalen Unterdrückung durch das Regime mehrheitlich in den Köpfen der Menschen stattfindet. Diese Opposition beinhaltet sowohl die Werte, die sich der Westen auf die Fahne schreibt (Ideale, die von der Realität viel zu oft nicht erfüllt werden) als auch die Option eines aufgeklärten, fortschrittlichen Islam. Nicht Bomben auf Teheran sind es, mit der man das Land befreien kann, sondern die Stärkung der iranischen Zivilgesellschaft.

Es ist sicher nicht einfach, den Iran und seine Gesellschaft zu verstehen. Wer es versuchen will, dem empfehle ich das hervorragende Buch “Wir sind der Iran” von Nasreen Alavi und die wundervolle Comicverfilmung “Persepolis” von Marjane Satrapi.

Gehäuse einer mobilen Festplatte
Foto: pigpoqm (cc)

Das gibt’s ja nicht, wer hätte denn damit rechnen können:

Hard-Drive-Partys, so heißt das neue Schreckgespenst der Musikindustrie. Hinter diesem Begriff verbergen sich Partys, bei denen die Gäste den Inhalt ihrer mobilen Festplatten austauschen. Und das können ohne weiteres 500 Gigabyte werden, denn so groß sind mittlerweile handliche und kostengünstige Geräte. Zehntausende oder sogar Hundertausende Songs wechseln dann mitunter den Besitzer.

Süddeutsche: Millionenspiel bei Bier und Wein [via]

Gerade keine Lust, meine alten Beiträge zu durchwühlen, in denen ich prognostizierte, dass bei wachsender Filesharing-Prohibition die Kids eben auf dem Schulhof ihre mobilen Festplatten tauschen. Und es kommt ja noch dicker, denn auch Handys haben immer dickere Kapazitäten nebst Bluetooth und WLAN-Modulen. Da muss nur mal ein Hersteller die softwareseitigen Einschränkungen wie bei iPhone und Zune-Player in die Tonne kloppen und da lässt sich gar nix mehr kontrollieren.

Ich glaube aber eher, dass the next big Filesharingtechnik F2F- also Friend-to-Friend-Darknets sein werden, wie etwa in Alliance oder RetroShare. Das sind im Prinzip klassische Peer2Peer-Netzwerke, allerdings mit der Einschränkung dass nur mit Benutzern, denen man explizit vertraut, getauscht werden kann. Dritte kommen nur rein als Freunde von Freunden (Alliance) oder per Turtlehopping (Daten nehmen Zwischenstationen, RetroShare). Beide Programme funktionieren, sind jedoch noch längst nicht perfekt. Aber lass da mal die große Killerapplikation kommen.

Conclusio: Filesharing lässt sich nicht eindämmen, weder technisch noch mit Propaganda dem moralischen Zeigefinger. Es ist längst Teil der Alltagskultur geworden. Es wird Zeit für “Gesundschrumpfung” und neue Geschäftsmodelle, Industrie.

Kleine Erklärung: Den folgenden Text verfasste ich letzte Nacht für die Gulli:News. Leider hatte ich das — mea culpa — in unserem Kommunikationskanal versäumt zu erwähnen, mein geschätzter Kollege 020200 saß nämlich an einem Artikel zum gleichen Thema und war zudem schneller im Veröffentlichen. Was ich leider erst bei fortgeschrittenem Artikelstatus merkte. Damit meine Dublette nicht ungenutzt vergammelt, veröffentliche ich sie hier. Resteverwertung quasi.

Esel mit PCs
Bild: Dave Sag (cc)

Während hierzulande bis dato erst wenige Anbieter von Internetanschlüssen aufgefallen sind, die ihren Kunden die Geschwindigkeit bei Traffic-intensiven Anwendungen wie P2P herabstufen, ist die Diskussion in den USA dank Comcast und Co. in vollem Gange. Jetzt wirft Google sein Gewicht in die Waagschale und will Kunden mit einem speziell entwickelten Programm unterstützen, ihre Provider auf Trafficbremsereien zu überprüfen.

Google ist schon seit längerem dafür bekannt, klare Statements in puncto Netzneutralität zu machen. Mit dem neuen Tool lassen die Webdienstleister Taten folgen. Richard Whitt, als Senior Policy Director für Ankündigungen von Google verantwortlich, erklärte auf einer Podiumsdiskussion am 12. Juni an der Santa Clara University in der Nähe von San Francisco, Kalifornien:

Wir versuchen Tools, Software-Tools zu entwickeln, die den Menschen ermöglichen, herauszufinden, was mit ihren Breitbandanschlüssen passiert, damit sie ihre Provider wissen lassen können, dass sie mit dem, was sie bekommen, nicht glücklich sind – dass sie denken, dass sich bei bestimmten Diensten eingemischt wird.

Auch deutschen Kunden könnte dieses Programm Nutzen bringen. Zwar ist noch nichts vom so genannten “Traffic Shaping” im großen Stil bekannt, allerdings haben auch hierzulande schon Anbieter wie Kabel Deutschland, Strato und Tiscali die Nutzung von P2P-Tauschbörsen behindert. Man kann spekulieren, dass Google mit der Entwicklung solcher Programme durchaus opportunistisch handelt, denn mittlerweile produziert YouTube einen nicht unerheblichen Teil des weltweiten Traffics.

Es geht jedoch um weit mehr als Komfort und Geschwindigkeit beim alltäglichen Torrent-Download. Insbesondere der prominente und in den Tech-Blogs der Welt heiß diskutierte Fall des US-Amerikanischen Internetproviders Comcast ist mittlerweile synonym geworden mit eklatanten Eingriffen in Verbraucherrechte und Datenschutz. Provider, die bestimmte Protokolle wie BitTorrent drosseln, müssen den Netzverkehr ihrer Benutzer mittels Deep Packet Inspection analysieren. Auch wenn dabei zumeist argumentiert wird, dass man mit dieser Vorgehensweise die Leistung für alle Kunden auf gleichem, hohen Niveau halten will, kann einem als Kunden schon mulmig werden bei dem Gedanken, dass der ISP genau weiß, was man mit seinem Internetanschluss macht. Drosselungen sind aber auch auf globaler Ebene problematisch: Stichwort Netzneutralität Wenn es Kontrollinstanzen gibt, die entscheiden, welche Dienste und Protokolle bevorzugt und welche benachteiligt werden, wird das Internet nicht mehr in seinem Wesen frei und offen, also letzten Endes demokratisch sein.

Um das anhand eines Worst Case-Szenarios zu illustrieren: Heute würde “nur” BitTorrent gebremst, morgen IPTV bevorzugt, übermorgen gibt es ungedrosselte Premium-Internetzugänge für Leute mit dickem Geldbeutel und irgendwann wird aus ökonomischen oder politischen Gründen einem ganzen Land der Zugang zum internationalen Internet verwehrt. In dem Sinne ist diese die Verbraucher unterstützende Initiative Googles zu begrüßen.

[via BoingBoing]

Neihbourhood WatchErnst Corinth verweist in einem aktuellen TP-Artikel auf diverse Denunziationsportale im Web 2.0. Unter anderem auch (über einen älteren Artikel) auf die Seite RottenNeighbor (kein Link hier), wo jedermann seinem Ärger mit den lieben Nachbarn Luft machen kann. Egal ob einer den Müll schon rausstellt, obwohl die Müllabfuhr erst am nächsten Tag kommt, der Rasen trotz Wasserknappheit gesprengt wird, jemand Polizeibesuch hat oder ein “heroinabhängiger Looser” im Nachbarhaus wohnt — hier kann der besorgte Bürger der Welt mitteilen, welcher Vergehen sich der nette Kerl von nebenan schuldig macht. Diese Meldungen sind dank Städtesuchfunktion und Google Maps-Anbindung auch für jedermann mit Internetanschluss einsichtig. Allein das schon beängstigend genug, finden sich auf der Seite auch immer mehr Daten aus dem Ausland, natürlich auch Deutschland.

Gleicht man dieses Horrorkabinett mit der aktuellen technischen Entwicklung, ich sage nur iPhone 3G, ab, steht zu befürchten, dass sich solche Dienste demnächst auch als Location Based Service etablieren. Stell dir vor, du holst deinen Laberziegel aus der Tasche, die synergische Mischung aus GPS, Google Maps und RottenNeighbor zeigt dir an, dass in dem Haus da drüben unzweideutig ein Sexualstraftäter haust, du öffnest die eingebaute Social Networking-Funktion und planst komfortabel (Multitouch, UMTS, angepasster Handybrowser) mit anderen besorgten Bürgern einen Spontanpogrom in anderthalb Stunden, um die Welt mal wieder ein kleines bisschen besser zu machen.

Kommt, sowas. Ganz sicher.

Bild “Neighbourhood Watch-Sticker”: exfordy (cc)

Jesus am KreuzDie Sache mit der Religion ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite plädiere ich dafür, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, daran zu glauben, was er möchte und auch die Komplexität der Welt in einem für ihn angemessenen Rahmen zu erklären. Niemand sollte für das, was er glaubt, diskriminiert werden, solange er damit nicht andere selbst diskriminiert, einschränkt, beschädigt, nervt oder zu bekehren versucht. Der aus den Ideen der Aufklärung hervorgegangene Status von Religion als Privatsache ist einer, den ich voll und ganz unterstütze. Ich habe nach, in der Tat sorgfältiger Abwägung, für mich beschlossen, nicht zu glauben — an keine höhere Wesenheit, keinen Teufel, keine ausserirdischen Wesen, die mein volles Potential freisetzen, keine Glaskugeln und Tarot-Karten, kein diffuser Schicksalsbegriff, kein abstrus-esoterischer Engelkram, wie er momentan etwa von Kanal Telemedial und behaupte.es-Nervbacke Shambala proklamiert wird. Wenn ihr daran glauben wollt, okay, ich lasse euch in Ruhe, wenn ihr mich in Ruhe lasst.

Auf der anderen Seite finde ich es schwierig, geradezu schändlich, wenn Kinder in dieses enge, religiöse Korsett gezwängt werden. Die Fähigkeit, kritisch die Glaubensgrundsätze der Eltern zu hinterfragen, wird mit dem pseudoevidenten Vorleben von Glauben beinahe unmöglich gemacht. Wenn jemand behauptet: Selbst schuld, wer an den Schmarrn glaubt, ist das eben nur die halbe Wahrheit. Ich würde soweit gehen zu sagen, dass die familiäre “Vererbung” von Glauben durch die Eltern der Hauptboden ist, auf dem religiöse Identität geschichtsübergreifend reifte und reift. Kinder haben keine Wahlmöglichkeit. Sie bekommen die grausamen Geschichten von Noahs Arche oder Abrahams Bereitschaft, Isaak zu opfern, vorgelesen und die einzige Interpretation, welche ihnen — entgegen dem gesunden Menschenverstand — zugestanden wird, ist: Gott existiert, er ist barmherzig (!), befolge die Zehn Gebote und du kommst in den Himmel. Klar, ab dem Alter von 14 Jahren herrscht hierzulande Religionsfreiheit, aber hast Du schonmal versucht, in einem bayerischen Bergdorf als Pubertierender der katholischen Messe fernzubleiben, mitten in einer erzkonservativen muslimischen Community das Kopftuch abzulegen, trotz Eltern, die Zeugen Jehovas sind, deinen Geburtstag zu feiern, Messdiener zu sein und dich als homosexuell zu outen? Religion eint, indem sie mit Spaltung droht. Würde sie ihren fundamentalistischen Charakter im Privaten verlieren, gäbe es sie bald nicht mehr.

Ein bedrückendes und lesenswertes Zeugnis dieser ambivalenten Funktion von Religion als sozialem Kitt und sozialer Spaltaxt las ich gerade im englischsprachigen Blog Kari’s Headspace: Yes, I Am A Preacher’s Kid. Kari schreibt darüber, wie es ist, Kind eines Priesters zu sein. Was ich nicht wusste: Preacher’s Kid oder kurz PK ist ein feststehender Begriff und als solcher mit einer Menge sich selbst erfüllender Klischees verbunden. In dieser Rolle gefangen, komplett und unbezahlt in die Gemeindearbeit involviert und aufgrund der Schmähungen von außen keinen Zugang zu Personen außerhalb der Gemeinde findend, konnte Kari keine eigene Identität, nicht mal einen eigenen Zugang zum Christentum zu finden, wie er? sie? in der Retrospektive feststellt. Sehr nahegehend schildert Kari ihr/sein zielloses Erwachsensein, den Ausschluß aus dem sozialen Gefüge und die Verlorenheit in dieser Welt, die immer nur eine Schublade für ihn bereithielt. Angenehm an diesem Text ist, dass er auch nicht in das Horn der sich auch immer weiter fundamentalisierenden Atheisten tutet und Religion als solche ideologisch in Frage stellt, sondern auf der Ebene des eigenen Erlebens verharrt. Mag sich jeder sein eigenes Urteil bilden, schwingt da im Subtext mit. Wie gesagt, sehr lesenswert.

Bild: lanier67 (cc)

Bild
Bild: Franco Foilini (cc)

Der von Olaf Scholz pre-releaste Armutsbericht beschäftigt die Gemüter. Und auch wenn noch niemand nix Genaues weiß, wird jetzt schon an allen Fronten relativiert. Am allermeisten von den, ja wie sag ich das jetzt am besten, Leuten, die vermutlich noch nie im Leben wirklich rumknapsen musste: Das wirtschaftsfreundliche Umfeld. Josef Joffe verweist in der “Zeit”, samt Sidekick auf die ach so Arbeitsplätze vernichtenden Mindestlöhne, auf die Neue Zürcher Zeitung. Jene argumentiert unter der Headline “Deutschland redet sich arm” auf der gleichen Linie wie die Arbeitgeber-Agitprop-Veranstaltung INSM: Deutschland verteile hocheffizient um, die Armutsbemessungsgrenze sei aufrund des Einkommensmedians hoch wie kaum irgendwo anders, die Zahlen integrierten den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten beiden Jahre nicht, parteipolitischer Populismus sei das, und so weiter. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt schließlich insistiert auf die Feststellung, dass es in kaum einem Land weniger Armut als in Deutschland gebe. Jaja, der Herr Hundt… Der Herr Hundt.

Mit Statistiken kann viel Schindluder getrieben werden. Ganz zu schweigen davon, dass es selbst unter Sozialwissenschaftlern keine einheitliche Definition von Armut gibt. Man kann das Problem aber nicht einfach mit dem Hineinwerfen einiger selektiver Zahlen in die öffentliche Diskussion wegmarginalisieren. Es gibt eben auch gefühlte Armut. Wer hart arbeitet und trotzdem Sozialleistungen beantragt (was zudem viele aus Stolz nicht machen), der fühlt sich arm, auch wenn er über dem Existenzminimum lebt. Hartz IV ist ja nun zum Stigma geworden. Wer Sozialtransfers bezieht, der arbeite eben nicht hart genug, der strenge sich nicht genug an und ist neidisch auf alle, die besser dran sind, röhrt’s im Walde. Armut trotz Arbeit? Achselzucken der Priveligierten, uns geht’s ja gut, oder noch besser: Ich hab auch wenig Geld und komm trotzdem damit klar! That’s eben Capitalism. Sozialneid nach unten nenne ich das. Wenn die Angestellte im Friseurladen nebenan sich darüber beklagt, dass sie mit Hartz IV mehr hätte und sich über dessen Höhe beklagt (steht ja so auch in der “Bild“), aber nicht auf die Idee kommt, dass vielleicht auch ihr Lohn menschenunwürdig gering ist. Die keinen blassen Schimmer haben, welcher existenzbedrohenden Willkür man als Hartz IV-Empfänger ausgesetzt ist. Wenn der der Name der Arbeitsmarktreform gleichbedeutend mit dem Bild vom asozialen Sozialschmarotzer geworden ist. Ganz zu schweigen von Politikern, die öffentlichkeitswirksam immer neue Wege suchen, den Empfängern von sozialen Hilfeleistungen auch den letzten Rest an Würde zu nehmen: 0-Euro-Jobs, Wer nicht arbeitet soll auch nichts essen, die Menüvorschläge des Thilo Sarrazin, um nur einige zu nennen. Hartz IV ist Stigma, ist eben auch Ausdruck des sozialen Ausschlusses.

Zurück zum Problemfeld Statistiken. Mal abgesehen davon, dass jemandem, der Mitte des Monats nicht weiß, wie er sich den Rest des Monats ernähren soll, die genannten Zahlen von Hundt, INSM, IZA und Co wenig nützen, so wird auch mit dem Zahlenmaterial sehr viel herumgepanscht, in falsche Kontexte gesetzt, selektiv herausgegriffen. Tatasächlich profitieren vom wirtschaftlichen Aufschwung die wenigsten: Die Familien- und Kinderarmut vergrößert sich dramatisch, während das politische Entgegenwirken schöngerechnet wird. Deutschland ist nachwievor ein Land, in dem zum allergrößten Teil die soziale Herkunft darüber entscheidet, welche Bildungschancen ein Kind besitzt. Und auch die Arbeitslosenzahlen sollte man nur mit großer Vorsicht genießen.

Ein dringender Linktip zum Schluß: Der Spiegelfechter beleuchtet ausführlich und sachkundig die (sich stark ähnelnden) Argumente der Armuts-Abwiegler: Die INSM spint die Armut weg. Lesenswert!