Wenn ich durch den Edeka flaniere, um Lebensmittelvorräte aufzustocken, bleibt mein Blick häufig am Zeitschriftenregal hängen. Neulich war Objekt meiner lüsternen Sehgeräte die “konkret”. Auf der Titelseite angepriesen wurde ein Kommentar von Kay Sokolowsky mit dem Titel “Fitnazis”. Ich wagte ein Blick in das Heft, das ich sonst eher, nun ja, rechts liegenlasse und las mir den Artikel durch. Was soll ich sagen? “konkret”, ja genau – die konkret, greift mit durchaus scharfen Worten die jüngste Ausstülpung kulturellen Rassismus’ auf, wirft — meines Erachtens gerechtfertigt — Broder, Ulfkotte, Wilders, PI und deren Satelliten wie die wohlbekannte “Grüne Pest” in einen Topf und kritisiert das, was bei diesen Leuten auch kritisiert gehört: Eine sich selbst Islamkritik schimpfende Folie altbekannter antisemitischer Denk- und Agitationsmuster. Ich war sprachlos, zumindest für kurz. Dass der Autor nicht ganz recht hat, wenn er behauptet, dass sich der kürzlich durch eine “Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit”-Äußerung in Bezug auf den NS hervorgetan habende Broder nicht von PI distanziert hätte (das hat er getan, wenn auch sehr halbherzig), sei ihm verziehen. Es weckt ein bisserl Hoffnung, wenn selbst die Antideutsche den braunen Ton so langsam hört. Der Artikel steht im aktuellen Heft 05/2008, aber leider nicht online zur Verfügung.

Es hat mal wieder gerappelt im Karton. Niggemeier macht das, was er am besten kann, nämlich islamophobe Rassisten aus der Reserve zu locken. Broder setzt sich in seiner Verteidigungsschrift richtig schön in die Nesseln, produziert etwas Innenraumklimaerwärmung und macht im Grunde nichts anderes als das, was er Niggemeier vorwirft: Kleinigkeiten herauspicken und versuchen, an denen eine wie auch immer geartete Idiotie des Kontrahenten festzumachen. Dabei sollte doch eigentlich klar sein, was Niggemeier ursprünglich meinte.
Es ist nämlich augenscheinlich, dass die wenigen Variationen, welche Broder seinen Texten noch gönnt, die aus dem Bereich “hard facts, welche eine Islamisierung und die zivilgesellschaftliche Einknickbereitschaft untermauern sollen”, sich bei näherem Hinsehen aber etwas zu häufig als Enten oder Übertreibungen entpuppen” sind. Ansonsten gilt beinahe ausnahmslos: Kennt man einen Text von Broder, kennt man alle. Ich gestehe, dass mir, selbst wenn das Thema noch so öde ist, Niggemeiers penible Rechercheleistungen tausendmal lieber sind als ein Text, in dem ich mich höchstens an zwei, drei gewitzten rhetorischen Clous ergötzen kann, mir aber ansonsten außer paranoiden Phantastereien überhaupt nichts mitgeteilt wird.
Broders uneindeutige Distanz zu Politically Incorrect durch die Formulierung “und ist er [Niggemeier] ganz besonders gut drauf, arrangiert er eine Verbindung zwischen PI und mir” sollte man dann aber doch nicht zu ernst nehmen. Die ideologischen Gräben zwischen den Parteien mögen durch eine neue Welle der Extremisierung seitens PI verursacht worden sein, grundsätzlich einig ist man sich in der Sache nach wie vor. Da muss HMB gar nicht so tun — die im Print-Spiegel verbreitete idiotische Geschichte von den Pluszeichen in Schulbüchern, gegen die angeblich Muslime in Österreich Sturm liefen konnte er bspw. nur von PI haben. Dementsprechend war das PI-Pack bis mindestens 10. März 2007 noch auf Broders Seite verlinkt. Ein Foto vom Gruppenkuscheln von u.A. Herre und Broder ist jüngst auch noch wieder aufgetaucht. Und: Wenn für Henryk M. Broder die Berichterstattung zu den in Mügeln gejagten Indern so skandalös und rassistisch war (in diesem Video ab ca. Minute 5:16), dass er sämtliche Seile zu PI kappte, würde mich ja mal interessieren, wo genau er die Unterschiede zu den PI-Artikeln über Muslime sieht.
[Bild: ikea.de]
[Hinweis:] Dieser Beitrag war ursprünglich im “Watchblog Islamophobie” erschienen, welches mittlerweile eingestellt worden ist. Ich habe den Artikel in mein privates Blog gespiegelt, damit er nicht verloren geht. –Der Admin, Januar 2008
Geehrter Herr Broder,
an dieser Stelle beglückwünsche ich Sie zur Verleihung des Börne-Preises durch Helmut Markwort. Jemand, über den die FAZ meint, “nein, nein, richtig lügen tut er nicht” muss durchaus einiges an kreativem und/oder stilistischem Potential besitzen, um noch als ehrbarer Journalist durchzugehen, gar Preise zu erhalten. Und weil ich ein wohlwollender Mensch bin, unterstelle ich ihnen auch im folgenden zitierten Abschnitt aus einem nagelneuen SPON-Artikel “nur” Recherchefehler, die in ihrer ja ausdrücklich nichtgutmenschlichen und Gonzo-journalistischen Methode durchaus mal durchschlüpfen können.
Während in Teheran und Islamabad die britischen Botschafter zur Entgegennahme von Protestnoten “einbestellt” und auf Massendemos in iranischen und pakistanischen Städten britische Flaggen und Puppen von Königin Elizabeth und Salman Rushdie verbrannt wurden, war das offizielle London von Ausmaß und Heftigkeit der Reaktionen “überrascht”. (Henryk M. Broder in Spiegel Online, 25.06.07, Hervorhebung von mir)
Vermutlich halten Sie mich für einen Korinthen-Ausscheider, wenn ich frage, welche Massendemonstrationen im Iran sie meinen? Bei mir ist davon jedenfalls nichts angekommen. Über das unfassbar geringe Ausmaß der hierzulande unfassbar wichtig genommenen Proteste in Pakistan und Kashmir hatte ich in diesem Blogbeitrag schon berichtet. Haben Sie sich eigentlich schonmal Gedanken gemacht, warum es von den Massenprotesten keine Luftbilder gibt? Gut, “Massenprotest” ist kein fest definierter Begriff, aber dann müssten im Verhältnis auch die allmontäglichen Hartz IV-Demos am Berliner Alexanderplatz immer noch als solcher durchgehen. Oder die ebenfalls ehrbaren Zusammenkünfte für die Abschaffung der Jagd.
Da wir dabei sind, bitte erklären sie mir diese Passage genauer:
Und was müsste künftig alles (im Westen -mXP) unterbleiben, um solche Reaktionen zu vermeiden? Der Genuss von Alkohol und der Verzehr von Schweinefleisch? Frauenfußball im Beisein von Männern und Schönheitswettbewerbe mit Bikini-Mädchen? Gemischter Sport- und Schwimmunterricht? (ebd.)
Ich verstehe hier nach wie vor nicht, was die Situation von Muslimen in Pakistan oder dem Iran mit unseren weltlichen Gewohnheiten in Europa zu tun hat, bzw. den ihrerseits halluzinierten Bestrebungen, diese durch die Hand radikaler Muslime abzuschaffen. Dazu die wilde Mischung mit der – sicherlich zum Teil gerechtfertigten Kritik – an allzu politisch korrekten Slogans in Politik und Medien, die in ihren Augen anscheinend jenen inexistenten Kräften in die Hand spielen sollen, welche die Scharia und flächendeckende Kopfbetuchung in Deutschland einführen wollen. Es ist ein lustiger Unfug, den sie da verbreiten, aber auch ein gefährlicher. Mag sein, dass Sie sich von einer Handvoll freundlich in die Kameras von Associated Press lächelnden Islamisten einschüchtern lassen, wenn diese dabei Strohpuppen verbrennen, die, wie auch immer das funktionieren mag, wie die Queen oder Salman Rushdie aussehen sollen. Und genau das ist ja auch das Ziel dieser paar Dutzend Demonstranten am anderen Ende der Welt – Angst, oder zumindest Eindruck, zu machen. Bloß legitimiert das immer noch nicht, dass Sie dem einen oder anderen Rechtsextremen hierzulande polemisch Legitimation von apokalyptisch-islamophoben Meinungen zuschustern.
Übrigens hatte ich vor noch zehn Jahren tatsächlich getrennten Sport- und Schwimmunterricht in der Schule. Das war in der grundsätzlich schwierigen Zeit der Pubertät und viele von uns Schülern waren dankbar dafür. Muslime gab es damals allerdings keine in meiner Klassenstufe.
Mit Verlaub, aber wenn man ihnen die Fähigkeit attestiert, ein “begnadeter Polemiker” zu sein, kann ich als als einzige Gnade, die ihnen gewährt worden scheint, die Nachsicht ihrer Arbeitgeber und Fans bei kleinen Fehlern und großen Vereinfachungen ausmachen. Hier allerdings,
Das Muster findet man schon bei Max Frisch: Die Brandstifter zündeln, und Biedermann will es nicht wahrhaben.
und damit möchte ich versöhnlich schließen, gebe ich Ihnen recht.
Mit Grüßen,
mXP
[Nachtrag Januar 2008:] Folgende zwei Kommentare aus dem Artikel im nunmehr gelöschten “Watchblog Islamophobie” halte ich in diesem Zusammenhang für so relevant, dass ich sie hier noch einmal zitieren möchte.
anonym64 sagt:
Juni 25, 2007 um 12:09 nachmittagsStichwort: Massendemos. Zahlen wurden z.B. von einer pakistanischen Zeitschrift genannt, in dem Artikel “2,000 rally across country against Rushdie’s knighthood” (). Danach waren es am Fr. 22.6.2007: 1000 in Karachi,
300 in Islamabad, 50 in Lahore, 300 in Quetta und mehrere 100 in der gesamten Region Srinagar. Die meisten der Städte sind Millionenstädte!Quelle: dailytimes.com.pk
bigberta sagt:
Juni 25, 2007 um 12:33 nachmittagsDanke! Dein Kommentar hat mich doch inspiriert, die Einwohnerzahlen mal nachzuschauen:
Du zitierst:
“2,000 rally across country against Rushdie’s knighthood” , das wären also:
2000 von mindestens 166 Millionen,
1000 in Karachi wären: 1000 von 11,6 Millionen
300 in Islamabad wären 300 von 1.169.000,
50 in Lahore wären 50 von fast 8 Millionen
300 in Quetta von 650.000,
Also bewegen sich die “Massen” im Promillebereich. Ähnliches hatte Urich Tilgner ja schon mal für die “Massen” in Teheran nachgewiesen.