
Der Libanonkrieg ist ein Jahr vorbei. Mich hat der seinerzeit sehr mitgenommen, mehr sogar als der US-Angriffskrieg im Irak ’03 – da verzweifelt man, wundert sich über die Kälte, mit der die Leute die Vernichtung von Lebensgrundlage, Lebensraum und Leben im allgemeinen euphemistisch als wie auch immer geartete Notwendigkeit auffassen (“Kollateralschäden”) und verliert schon einmal die Contenance.
Ich schrieb Dinge, die jemand, der es so verstehen wollte in einfachen Gut-Böse-Schemata auffassen konnte und – so kommt eins ganz schnell zum anderen – mir X-ismus oder Verharmlosung von Y unterstellt. Diese Beißreflexe sind nicht nur albern, sondern auch deswegen gefährlich, weil es die Geisteshaltung, die man legitimerweise so umschreibt, profanisiert. Es war eine Diskussion mit erschreckend bipolaren Sichten in den Politikteilen, Feuilletons und Leserbriefspalten, den Webforen letzten Sommer und es wurde auf beiden Seiten scheußlicher Unfug geschrieben, oft persönlich und emotional (was in solchen Diskussionen kein Prädikat ist), undifferenziert, die Sachverhalte ausblendend, die nicht ins eigene Bild passten und ohne ausreichend informiert zu sein. Ich nehme mich davon nicht aus – auch wenn ich mich bemüht habe, die Sachverhalte nicht zu einseitig zu betrachten war ich doch borniert. Relativ neu in der Materie des nahen Ostens, suchte ich nach Antworten für das was ich nicht fassen konnte, nach Entgegnungen auf Argumente die so metaphysisch schienen, dass ein einfaches “Nein, das ist menschenverachtender Bullshit” nicht gereicht hätte.
Wir, die Unterzeichner, sind schmerzerfüllt und am Boden zerstört über die zivilen Opfer in Israel und im Libanon, die es durch terroristische Handlungen gegeben hat, die von Terrororganisationen wie der Hisbollah oder der Hamas initiiert wurden.
Aus einer ganzseitigen Anzeige in der Los Angeles Times, unterzeichnet von Sylvester Stallone, Bruce Willis, Nicole Kidman, Michael Douglas, Danny DeVito, Dennis Hooper, Don Johnson, William Hurt, Ridley Scott, Serena Williams und Rupert Murdoch
Der Schauspieler Adam Sandler setzte sich vergangene Woche auch aktiv auf einer Veranstaltung des Konsulats für Israel ein. Zum Ende dieser Konferenz kündigte er zudem an, 100.000 Dollar und 400 Playstations an Kinder in Israel zu spenden.
Quelle: israelnetz.com
Sicherlich hätte Adam Sandler auch gerne Playstations in den Libanon verschickt. Vermutlich kämen sie aber nicht an, mangels Straßen und einem damit verbundenen funktionierenden Postwesen. Selbst wenn das möglich wäre, Strom und Fernseher ist bei den meisten Leuten auch nicht mehr. Wenn das Haus überhaupt noch steht. Und man nicht auf der Flucht ist. Und die Kinder noch leben.
Die PR-Maschine läuft an. In ein, zwei Monaten, wird keiner mehr wissen, wer da wen angegriffen hat. Keiner wird mehr wissen, dass es Kritik an der Unverhältnismäßigkeit der Mittel gab, dass UN-Soldaten bombardiert wurden. Dass Streubomben gefallen sind. Die Blogger freuen sich ja jetzt schon einen Ast, dass man das gefälschte Foto enttarnt hat, bloß vergisst man dabei allzu schnell, dass es dort tatsächlich Rauchschwaden gab. Ein Land wurde in Schutt und Asche gelegt. Der Kampf gegen den Terror, jaja… Böse ist immer noch, wer Böses tut.
Konsultieren:
- Israeli/Lebanese Coffin Counter
- Gleich nochmal: Peace, Propaganda and the Promised Land
- Drei mal hr2 – Der Tag:
- Der Libanon, das ewige Schlachtfeld (24. Juli 06)
- Um Himmels Willen, Israel! – Von unserer Schwierigkeit, im Nahost-Konflikt Position zu beziehen (27. Juli 06)
- Krieg gegen das eigene Image – Was Israel noch zu verlieren hat (11. August 06)
- Ein überraschend
guterhervorragender Artikel im Spiegel über PR, oder besser: Wahrheitsmanagement. Meister der Verdrehung (PDF). Jetzt bitte mal eins und eins zusammen zählen.
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Was ist eigentlich mit dem Existenzrecht des Libanon?
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Fassen wir mal zusammen (im folgenden wird der Terminus “Israel” als Synonym für “die israelische Regierung” bzw. “das israelische Militär” gebraucht):
- Die Gefangennahme der Israelischen Soldaten war legal, meint ein Völkerrechtsexperte des Schweizer Außenministeriums.
- Israel sieht die Zerstörung ganzer Städte, eines ganzen Landes offenbar als legitim an. Die Hisbollah befinde sich schließlich überall.
- Die Häuser und damit die Existenzen von Millionen Menschen sind zerstört. Unter dem Vorwand, militärische Infrastruktur zu zerstören, werden Seifenfabriken, Rinderställe, Brücken und die Tourismusindustrie, kurz: wird die gesamte Wirtschaft dem Erdboden gleichgemacht [1, 2].
- Eine humanitäre Katastrophe bahnt sich an. Israel treffe keine Schuld: Man habe ja Flugblätter als Warnung abgeworfen. Israel gibt der Hisbollah die Schuld für die durch die eigenen Angriffe Ermordeten.
- Das israelische Militär setzt Massenvernichtungswaffen ein.
- Israel schießt auf die UN.
- Israel schießt auf das Rote Kreuz.
- Israel schießt auf Flüchtlinge, tötet Kinder und zerstört Fluchtwege.
- Auch wenn man Tote nicht gegeneinander aufrechnen sollte, die Relationen sind schon wichtig. Das Verhältnis toter Israelis zu toten Libanesen
steht sich seit Tagen relativ stabil auf 1 zu 10ist gerade auf einen toten Israeli zu 14 toten Libanesen hochgeschnellt. Bloß hört man das in den Medien nicht. - Israel hat die möglicherweise schwerste Ölkatastrophe im Mittelmeer überhaupt verursacht.
Die Israelische Staatsführung lehnt jeglichen Waffenstillstand für humanitäre Zwecke ab.- Mit dem Libanon wird die einzige parlamentarische Demokratie der Arabischen Welt und eine liberale Hochburg, in der viele Religionen gut arrangiert miteinander leben konnten, dem Erdboden gleichgemacht.
- Die Wikipedia kennt eine Definition dessen:
Der Ausdruck Staatsterrorismus bezeichnet Gewaltakte, die als terroristisch eingestuft, und durch die ausübende Staatsgewalt z. B. Militär, Polizei, Justiz vollzogen oder durch eine souveräne Regierung gefördert werden. Staatsterrorismus bezeichnet insofern feindselige Aktionen außerhalb eines erklärten Krieges gegen zivile Ziele beziehungsweise unter bewusster Inkaufnahme ziviler Opfer beim angegriffenen Ziel; seien es Menschenleben oder lebenswichtige Einrichtungen.
- Al-Quaida und der Islamische Dschihad kündigen Terror und Selbstmordattentate als Mittel der Vergeltung an.
- Selbst die im Libanon lebenden Christen und liberale Intellektuelle wenden sich der Hisbollah zu.
- Dass dem Terror nicht mit Krieg gegen ein ganzes Land beizukommen ist, weiß man seit Afghanistan, spätestens seit dem Irak. Viele behaupten aber, es gebe dazu keine Alternative. Diese Menschen haben anscheinend noch nie von gelungenen Verhandlungen mit der PLO, von der Entwaffnung der IRA, dem schwindenden Einfluß der ETA gehört.
- Israel besitzt Nuklearbomben.
Nachtrag: Ein Glück, immerhin erstmal zwei Tage keine Luftangriffe. Die Empörung der Weltöffentlichkeit über das Massaker von Kana war anscheinend zuviel für Israel.
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