meist manchmal, selten oft

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Ich habe neulich das erste Mal ein Buch per BookCrossing “freigelassen”. BookCrossing heisst: Ich habe ein Buch gelesen und “schenke” es der Allgemeinheit. Ich klebe einen Sticker mit dem Modus Operandi in das Buch und lege es an irgendeinem öffentlichen Ort ab. Das Buch wartet nun auf seinen Finder, jener liest den Sticker im Buch und weiß daraufhin: “Aha, dieses Buch darf ich lesen, soll es dann aber an jemand anderes weitergeben und möchte doch bitte im Internet eintragen, wo ich es gefunden habe und ob es mir gefiel.”

ndWo sonst hätte ich nun das erste Buch besser in den Besitz der Allgemeinheit übereignen sollen als am Fuße des Redaktionshauses der merkwürdigen Kommunistenpostille “Neues Deutschland”? Auf einer Parkbank, um präzis’ zu sein. Jetzt bin ich gespannt, ob demnächst eine Mail aufschlägt, Betreff: The book you have registered has been read oder so. Einen Kullerkeks würde ich mich freuen. Wenn nicht, ist’s aber auch nicht schlimm, denn – und ich glaube ich habe hier die zentrale Problematik des BookCrossens entdeckt – natürlich mochte ich das Buch nicht die Bohne, das ich weggab. Gute Bücher behält man eben. Es handelte sich bei dem in die rohe Natur überlassenen Werk um “Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod”, den ersten Abschnitt von Bastian Sicks Pedanteriemarathon (über das ich bereits ablästerte). Hoffentlich nimmt sich das Werk keiner der Leser zu sehr zu Herzen. Das Buch war jedenfalls weg, als wir nach einer dreiviertel Stunde die Stelle erneut passierten, an der das Buch auf der verwitterten Bank wie ein hellblauer Fleck Himmel inmitten einer dunkelgrauen Gewitterwolkenwand gelegen hatte.

buchtitel piper

habt ihr eigentlich noch mehr Bücher mit dieser interessanten Illustration im Sortiment? Denn falls ausgerechnet die beiden einzigen ihrer Art, unabhängig voneinander in unser Bücherregal gespült wurden, wäre das ja eine stochastische Sensation! Was macht der illuminierte Mann da eigentlich mit seiner Zunge? Und noch etwas interessiert mich: Was Chomsky wohl dazu sagen würde, dass der Titel seines Buches ausgerechnet als Quasi-Zensurbalken für zwei Neonschriftfigurenpenen verwendet wird. Vermutlich würde er weise lächeln, so wie er weise lächelte, als ihn der venezolanische Präsident vor einem halben Jahr versehentlich für tot erklärte.

Wow, ich bin entgeistert. Während gewisse Blogs in Deutschland nicht müde werden, Suren aus dem Koran zu zitieren, um die angebliche Blutrünstigkeit dieser Religion zu belegen, stoße ich – als nicht sonderlich bibelfester Mensch – aus purem Zufall auf einige ganz schön heftige Stellen in der Bibel. Das 5. Buch Mose sagt nämlich unter anderem

Wenn jemand einen widerspenstigen und ungehorsamen Sohn hat, der der Stimme seines Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht und auch, wenn sie ihn züchtigen, ihnen nicht gehorchen will, so sollen ihn Vater und Mutter ergreifen und zu den Ältesten der Stadt führen und zu dem Tor des Ortes und zu den Ältesten der Stadt sagen: Dieser unser Sohn ist widerspenstig und ungehorsam und gehorcht unserer Stimme nicht und ist ein Prasser und Trunkenbold. So sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, daß er sterbe, und du sollst so das Böse aus deiner Mitte wegtun, daß ganz Israel aufhorche und sich fürchte.

My dear Mr. Singer’s Club, das erklärt einiges. Eine szenische Dramatisierung der Handlungsanweisung mit Legosteinen findet sich übrigens im Brick Testament.

[via]

Eigentlich kann ich verbitterten alten Damen nichts abgewinnen, aber das Interview von Thomas Knauf mit der soeben aus Jerusalem nach Berlin-Grunewald umgezogenen Angelika Schrobsdorff in der Berliner Zeitung ist einfach herrlich.

“Als Friedensaktivistin tauge ich insofern nicht, weil ich die Sprache der Politik nicht beherrsche und vor der geringsten Grobheit oder Vereinfachung der Dinge zurückschrecke.”

“Ich halte die Neonazis für eine unglückselige Gattung dummer Kerle, die mit Gewalt in die Medien wollen. Ich hoffe, nicht mit ihnen in Berührung zu kommen. Bedroht habe ich mich nur einmal gefühlt, nach dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Ich saß mit einer Freundin auf dem Kudamm im Autostau fest, umringt von kreischenden, fahnenschwenkenden Horden. Doch das waren keine Neonazis, sondern biedere, deutsche Bürger, die ihr aufgestautes Selbstvertrauen wiedergefunden hatten.”

“Ich will meine Ruhe, finde sie aber nicht, weil Journalisten wie Sie auch irgendwie leben müssen.”

- “Ich wollte nicht warten, bis ich einen Nachruf auf Sie schreiben darf.”

“Na bitte.”

Die Dame hat nachwievor Esprit. Vielleicht sollte ich mal ein Buch von ihr lesen.