meist manchmal, selten oft

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“Papi, Papi! Was ist Ironie?”

“Ironie ist, wenn du etwas sagst, manchmal sogar extra doll übertreibst, obwohl du doch das Gegenteil meinst. Wie vorhin beim Mittagessen, als Mami gefragt hat, ob ich noch Spaghetti haben will. Ich war ja schon total satt, habe aber gesagt: ‘Natürlich, noch drei Teller mindestens!’ Verstehst du?”

“Ah ja. Glaub’ das hab ich verstanden. Und was ist Sarkasmus?”

“Sarkasmus… Na du stellst Fragen. Sarkasmus ist irgendwie trockener, provokanter, entstammt extremeren Situationen. Galgenhumor, der ist meistens sarkastisch. Weißt du noch, als wir zu Tante Gabi nach Mannheim fahren wollten und uns auf der Autobahn der Motor abgeraucht ist? Da meinte Mama zu mir ‘Na immerhin müssen wir uns jetzt keine Ausrede einfallen lassen, warum wir zu spät kommen’. Ich glaube, das war schon recht sarkastisch.”

“Kapiert. Und was ist dann Zynismus?”

“Zynismus. Ich würde sagen, das ist ein übler, menschenverachtender Humor, oft auf Kosten von Leuten, die sich nicht wehren können. Fällt mir da ein Beispiel ein? … Ach ja, schau dir mal das Bild und die Unterschrift aus diesem Artikel in der Zeitung von gestern an, dann verstehst du’s vielleicht…”

Obdachloser mit Gucci-Tüte

Hey Telepolis,

Affe frisst Marula-Fruchtes gibt ja dies und das zu korrigieren bei euch dieser Tage. Fast tut’s mir ein wenig leid, dass ich da nicht hintan stehen kann. Es geht um… Suff. Von — u.a. — Tieren.

Dass Tiere dem Alkoholrausch nicht völlig abgeneigt sind, zeigen die bekannten Filme aus dem Kruger-Nationalpark in Südafrika, wo Gnus, Strauße, Affen oder Giraffen gerne die überreifen, vergorenen Früchte des Marula-Baumes verzehren (…).

Da muss ich mal klugscheißern. Der genannte Videoausschnitt stammt, wenn mich nicht alles täuscht, aus der südafrikanischen Doku “Die lustige Welt der Tiere” von 1974, fälschlicherweise oft den Disney-Naturfilmen zugerechnet. Aber die Elefanten waren nicht wirklich betrunken. Die englische Wikipedia-Seite[1] zum Film besagt (Übersetzung von mir):

In diesem Film werden einige Szenen gezeigt, in denen Elefanten, Warzenschweine und Affen durch den Verzehr fermentierter Marula-Früchte betrunken werden. Spätere Nachforschungen ergaben, dass diese Szenen kaum möglich und, aller Wahrscheinlichkeit nach, gestellt waren. Elefanten würden eine hohe Menge an fermentierten Marulas brauchen, damit diese einen Effekt haben. Andere Tiere bevorzugen die reife Frucht. Die Menge an Wasser, die Elefanten täglich trinken, würde die Auswirkungen der Frucht in einem Ausmaß abschwächen, dass sie davon ebenfalls überhaupt nicht beeinflusst würden.

Wie diese Szenen nun sonst entstanden sein sollen, ist nicht so leicht herauszufinden. Folgende Antwort, die ich in einem Forum fand, klingt aber zumindest plausibel:

Es wurden zufällig passende Bilder zusammengeschnitten,
bzw. Betäubungspfeile abgeschossen und die Tiere danach
gefilmt.

Künstliche Bedrogung von Tieren zwecks Publikumsbelustigung? Klingt irgendwie gar nicht mehr so lustig.

Bild “Affe frisst Marula-Frucht”: Brian Gratwicke (cc)

  1. Ich fand gerade leider keine zuverlässigere Quelle [zurück]

Blogging for DummiesIch blogge, du bloggst, er sie es bloggt. Der Spiegel bringt in seiner neuesten Ausgabe (Seiten 94 und 96, kann man prima im Laden lesen) ein Feature über deutsche Blogger, mutmaßlich für die mit dem Thema weniger vertrauten Leser. Ich freue mich für den Spiegelfechter und die NachDenkSeiten über sicherlich einige tausend Besucher mehr in dieser Woche, finde den Artikel selbst aber fad. Diese mit einer Prise Häme gewürzte ewige Vergleicherei mit den ach so influentiellen US-Blogs sowie der arrogante Grundton, mit dem da mit der Nennung von Jens’ beruflicher Haupttätigkeit und Wolfgang Liebs in der Tat etwas unglücklichen Nazivergleich versucht wird, deren zum Teil hervorragende Arbeit zu diskreditieren (bei der nebenbei auch schon dem Hamburger Nachrichtenmagazin einige Lapsi nachgewiesen wurden) — ach, das geht mir auf die Nerven. Liebe deutsche Blogger, könntet ihr mir nur dieses eine Mal den Gefallen tun und aus der dort zu Recht kritisierten Spirale der Selbstreferentialität ausbrechen? Aber ich fürchte ja, da wird wieder “unser” merkwürdiges kollektives Ehrgefühl getriggert und allerorten die wegen ihrer Verstaubtheit heftigst Husten anreizende “Blogs vs. Journalismus”-Diskussion aus der Mottenkiste gekramt. Seufz. (Na gut, ich habe ja mit diesem kleinen Post im Prinzip auch schon mitgemacht…)

Ein bestimmtes Blog wird im Spiegel-Artikel übrigens “Schlamm” genannt. Eine braune, zähflüssige und übelriechende Brühe also, die manchmal Blasen wirft — das kommt schon hin für PI. [via]

Bild: Somewhat Frank (cc)

Bild
Bild: Franco Foilini (cc)

Der von Olaf Scholz pre-releaste Armutsbericht beschäftigt die Gemüter. Und auch wenn noch niemand nix Genaues weiß, wird jetzt schon an allen Fronten relativiert. Am allermeisten von den, ja wie sag ich das jetzt am besten, Leuten, die vermutlich noch nie im Leben wirklich rumknapsen musste: Das wirtschaftsfreundliche Umfeld. Josef Joffe verweist in der “Zeit”, samt Sidekick auf die ach so Arbeitsplätze vernichtenden Mindestlöhne, auf die Neue Zürcher Zeitung. Jene argumentiert unter der Headline “Deutschland redet sich arm” auf der gleichen Linie wie die Arbeitgeber-Agitprop-Veranstaltung INSM: Deutschland verteile hocheffizient um, die Armutsbemessungsgrenze sei aufrund des Einkommensmedians hoch wie kaum irgendwo anders, die Zahlen integrierten den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten beiden Jahre nicht, parteipolitischer Populismus sei das, und so weiter. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt schließlich insistiert auf die Feststellung, dass es in kaum einem Land weniger Armut als in Deutschland gebe. Jaja, der Herr Hundt… Der Herr Hundt.

Mit Statistiken kann viel Schindluder getrieben werden. Ganz zu schweigen davon, dass es selbst unter Sozialwissenschaftlern keine einheitliche Definition von Armut gibt. Man kann das Problem aber nicht einfach mit dem Hineinwerfen einiger selektiver Zahlen in die öffentliche Diskussion wegmarginalisieren. Es gibt eben auch gefühlte Armut. Wer hart arbeitet und trotzdem Sozialleistungen beantragt (was zudem viele aus Stolz nicht machen), der fühlt sich arm, auch wenn er über dem Existenzminimum lebt. Hartz IV ist ja nun zum Stigma geworden. Wer Sozialtransfers bezieht, der arbeite eben nicht hart genug, der strenge sich nicht genug an und ist neidisch auf alle, die besser dran sind, röhrt’s im Walde. Armut trotz Arbeit? Achselzucken der Priveligierten, uns geht’s ja gut, oder noch besser: Ich hab auch wenig Geld und komm trotzdem damit klar! That’s eben Capitalism. Sozialneid nach unten nenne ich das. Wenn die Angestellte im Friseurladen nebenan sich darüber beklagt, dass sie mit Hartz IV mehr hätte und sich über dessen Höhe beklagt (steht ja so auch in der “Bild“), aber nicht auf die Idee kommt, dass vielleicht auch ihr Lohn menschenunwürdig gering ist. Die keinen blassen Schimmer haben, welcher existenzbedrohenden Willkür man als Hartz IV-Empfänger ausgesetzt ist. Wenn der der Name der Arbeitsmarktreform gleichbedeutend mit dem Bild vom asozialen Sozialschmarotzer geworden ist. Ganz zu schweigen von Politikern, die öffentlichkeitswirksam immer neue Wege suchen, den Empfängern von sozialen Hilfeleistungen auch den letzten Rest an Würde zu nehmen: 0-Euro-Jobs, Wer nicht arbeitet soll auch nichts essen, die Menüvorschläge des Thilo Sarrazin, um nur einige zu nennen. Hartz IV ist Stigma, ist eben auch Ausdruck des sozialen Ausschlusses.

Zurück zum Problemfeld Statistiken. Mal abgesehen davon, dass jemandem, der Mitte des Monats nicht weiß, wie er sich den Rest des Monats ernähren soll, die genannten Zahlen von Hundt, INSM, IZA und Co wenig nützen, so wird auch mit dem Zahlenmaterial sehr viel herumgepanscht, in falsche Kontexte gesetzt, selektiv herausgegriffen. Tatasächlich profitieren vom wirtschaftlichen Aufschwung die wenigsten: Die Familien- und Kinderarmut vergrößert sich dramatisch, während das politische Entgegenwirken schöngerechnet wird. Deutschland ist nachwievor ein Land, in dem zum allergrößten Teil die soziale Herkunft darüber entscheidet, welche Bildungschancen ein Kind besitzt. Und auch die Arbeitslosenzahlen sollte man nur mit großer Vorsicht genießen.

Ein dringender Linktip zum Schluß: Der Spiegelfechter beleuchtet ausführlich und sachkundig die (sich stark ähnelnden) Argumente der Armuts-Abwiegler: Die INSM spint die Armut weg. Lesenswert!

Tempelhof: Platz der Luftbrücke und Flughafengelände
Foto: jaywaykay (cc)

Heute ist Wahltag. Auch die in diesem Haushalt lebenden Personen werden Kabine und Urne beehren. Um aus dem Wahlgeheimnis keine Mördergrube zu machen: Wir stimmen gegen den Erhalt des Flughafens Tempelhof.

Ich selbst kann nicht behaupten, dass das Ding im Herzen, oder vielleicht eher: der Milz Berlins, mich ganz kalt ließe. Umme Ecke, also quasi direkt daneben habe ich zwei Jahre meines Lebens gewohnt, in einer Wohnung, deren Auslegware grasgrün war. Ich erwähne das nur, weil das wohl die für mich prägnanteste Assoziation zu Tempelhof (dem Stadtbezirk) bleiben wird. Den Fluglärm überhört man wirklich mit der Zeit, man stumpft da ab wie ein Bestatter bei der Leichenpediküre. Kann mir vorstellen, dass der Lärm den Anwohnern eine Zeitlang sogar fehlen würde. Direkt am Zaun neben dem Flugfeld küsste ich einst eine längst verblichene Liebe zum ersten Mal, viele Male fuhr ich mit der S-Bahn von Neukölln zur Zivildienststelle in Tempelhof, mich stets aufs Neue wundernd, dass sich direkt am Flughafen etliche Leute freiwillig in zahlreichen Kleingartenkolonien ansiedelten. Mehr als einmal lief ich am Flughafen entlang und ergötzte mich an der Lichterflut, die nachts auf dem Rollfeld herrscht. Die immensen Dimensionen des Flughafengeländes weiß man, so finde ich, nur abzuschätzen, wenn man ihn einmal komplett zu Fuß umrundet hat.

Ja, ich wünsche mir, dass dieser Ort erkennbar erhalten bleibt. Auch die hässlichen “Germania”-im-Geiste-Prachtbauten aus der Nazi-Ära kann man meinetwegen stehen lassen. Aber herumbrummende Flugzeuge will ich da tatsächlich keine mehr haben.

«Tempelhof» weiterlesen

Ich war nie ein großer Dieb. Die für viele Persönlichkeiten konstituierende Phase, in der man “einklaufen” geht und in diversen Läden alles, vor allem Unnützes, mitnimmt, was nicht nag- und nietenfest ist, übersprang ich einfach. Grund: Panische Angst vorm Erwischtwerden und ein qua Erziehung möglicherweise übertrieben eingebleutes Empfinden für das, was recht ist und was nicht. Nur 2003 war es anders.

Objekte meiner Liebsten, der meiner Compadres und der meinen Begierde: Bizarre Werbeplakätchen, die in den vor Kiosken drapierten Aufstellern eingelegt waren und dem Vorbeieilenden knackig-kurz das inhaltlich Relevante der neuesten Ausgabe von “Bild” appetitlich machen sollte. Verkürzt dargestellt Irrelevantes, in noch einmal komprimierter Form. Diese zweifarbig bedruckten Zettel im A3-Format ließen sich problemlos entfernen, selbst am hellichten Tage wurden wir nie angesprochen was wir da trieben. Dies war unsere ganz private Weise, Springer zu enteignen.

Ein paar Jahre zierten einige der Zettel unseren Wohnungsflur, als Tapete sozusagen. Waren sie nicht schön, so hatten sie doch zumindest einen Unterhaltungswert. Die skurrile Komik, die aus den behandelten Themen und der weit über das Nötige hinaus reduzierten Sprache entstanden, eingerahmt von den je neuesten Ergebnissen des “Super-Bingo”, boten ein super Thema bei diversen Zusammenkünften junger Leute in unserer Wohnung.

Vor einiger Zeit nahmen wir die Zettel ab — jeder Gag wird mal fad — und das Blau der Tapete erstrahlte wieder in seiner lange geschonten Pracht. Neulich, beim Spaziergang sahen wir jedoch mal wieder am Wegesrand ein Aufstellerchen mit einer “Message”.

Knut: Psychopat

Oje, dieses Viech schon wieder! Wir fühlten uns “getriggert”. Ich beschloß, die alten Plakate aus ihrer Schatulle zu holen und zu betrachten. Ein Gedanke flackerte auf. Warum die Sammlung nicht einem letzten, hehren Zwecke zuführen und der Weltöffentlichkeit präsentieren?

Hier also sind sie: Die durchsten Bild-Aufsteller-Teaserplakate aus, äh, einiger Zeit (grob Sommer bis Winter 2003).

Bild: Di durch

Di ging immer. Die arme. Aber Tote können sich ja nicht wehren. Die Geisteskrankheit kommt jedenfalls meines Erachtens automatisch, wenn man über Jahre hinweg die Zielmarkierungen der Paparazzikameras auf der Stirn fühlt und nicht ganz unsensibel für die erstunken und erlogenen Inhalte der Klatschpresse ist. Zu der darf sich meinetwegen auch “Bild” zählen. Falls man mich zwänge, die rhetorische Frage auf dem Titel zu beantworten[1], ich tät sagen: Ja klar. Habt ihr gut hingekriegt.

«“Bild” vor fünf Jahren: Super-Bingo, Super-Stars und Super-Sex» weiterlesen

  1. ist übrigens ein beliebter Trick am Boulevard: Aussagen, für die man verklagt werden kann, einfach als Frage formulieren [zurück]

Vor allem nicht denen im Staatsdienst. FAZ: 3,2 Millionen Arbeitslose gelten nicht als arbeitslos. Na sowas. Neu ist das nicht, aber die vom Aufschwung am Arbeitsmarkt Besoffenen krakeelen halt meist lauter.

gras
Bild: kissthis (cc)

Wir werden alle stööörben:

Die gesundheitlichen Risiken sind unübersehbar: Hirn- und Lungenschäden, psychische Abhängigkeit, die in der Nervenklinik enden kann, und Entzugserscheinungen, wie sie bisher nur bei den Konsumenten harter Drogen bekannt waren. Inzwischen stellen Marihuana-Raucher bereits einen beachtlichen Teil der Patienten, die von deutschen Drogenberatungsstellen und Entzugskliniken betreut werden. … Nach Recherchen von Report München könnten es bald noch mehr werden. Geschätzte 100 Tonnen Marihuana – “Gras” genannt – pumpen Dealerbanden Jahr für Jahr in die hiesige Drogenszene.

Dass Kiffen für einen Teil der Konsumenten beträchtliche Probleme mit sich bringt, unbenommen. Dass Kiffen auch Psychosen verursachen kann, unbenommen. Aber dennoch, liebe Leute von tagesschau.de, ist euer mit Anekdötchen aus dem Fahndungsalltag angereicherter Alarmismus, Zielgruppe “über Fuffzich, leicht zu vergnatzen”, reichlich peinlich. Denn bereits seit vielen Jahrzehnten sind angeblich die “Risiken des hohen THC-Gehalts noch nicht erforscht”. Die Massen der — nennen wir sie User — hingegen konsumieren hin und wieder und kommen bei der Risikobewertung durchaus zu Ergebnissen. Der VOLKSWIRTSCHAFTLICHE SCHADEN ™ durch Schnaps und Cerveza wäre im Vergleich zu Rasen und Harz selbst dann wesentlich höher, wenn sich Alkoholtrinker und Kiffer mengenmäßig die Waage hielten und überhaupt… “Marihuana – ‘Gras’ genannt” – hat doch auch Rechte! Es will vorgelassen werden an die Sturmfront der Gehirnzellenmassakkeroptionen mit staatlicher Duldung. Ihr, meine Herren Politiker, seid es doch, die sich liberal nennen und bei jeder Gelegenheit von Eigenverantwortung schwadronieren. Gäb’s das Zeug bei Edeka im Regal neben Underberg und Nordhäuser Doppelkorn, bräucht’s auch keine illegalen Importe aus dem Ausland mehr. Fiskus, mein alter Kupferstecher, denk doch nur mal an die Perspektive einer Steuer auf THC. Damit lässt sich einiges an Krieg führen.

Ehrlich gesagt, Herr Oberstfeldwachtmeister, wenn man doch hört, wie freizügig man anderswo mit dem Kiffen umgeht, wenn man erkannt hat dass sich der hierzulande trotzdem illegale Konsum “durch alle Gesellschafts- und Alterschichten” zieht – “vom Schüler bis zum Bankkaufmann” und wenn man sich dann noch über ein “Unrechtsbewusstsein gleich null” bei den Erwischten echauffiert — dann müsste der gedankliche Schritt, einzusehen dass vielleicht man selber der mit dem Knick in der Optik ist, doch gar nicht so weit sein. Vielleicht sollten Sie’s mal selber probieren.

Das folgende Lied hat nichts mit Obst zu tun. Ich widme es meinem Buddy Walter Thälert.

In Fernsehserien machen die Polizisten Razzien immer so, dass die mutmaßlich Kriminellen überrascht und überrumpelt werden. Per definitionem gehört da der Überraschungsmoment dazu. Meist kommen viele am Ende der Veranstaltung in Handschellen raus. Typisch TV, total unrealistisch!

In echt ist das nämlich ganz anders: Auf den Titelseiten der Blätter stand heute früh überall, dass gegen die Steuergauner im Laufe des Tages speziell in Berlin Hausdurchsuchungen durchgeführt werden. Find ich schön. Wenn sie es in den letzten Tagen noch nicht getan haben, konnten sie sich wenigstens heute tagsüber seelisch ein bißchen drauf einrichten. Nimmt einen ja schon mit, wenn die Polente in den privaten Unterlagen rumschnüffelt. Ich bin gespannt, wie viele Beweise heute bei den Razzien überhaupt gefunden wurden. Bestimmt nix und die sind alle unschuldig.

DDR-Fahne
Bild: Gabriele Kantel / schockwellenreiter (cc)

Jetzt habe ich also dieses One Year Ago-Plugin installiert und dann kommen nur Tage, an denen ich auch im letzten Jahr nix geschrieben habe und der zeigt deswegen da auch nix an, nur die Überschrift. Toll! Ihr müsst mich ja für total debil halten:

“Steht da jetzt ‘Lange her’ in der Sidebar beim maloXP (ach nee, der heißt ja jetzt anders) und nüscht drunter. Is’ aber auch verdamp’ lang her, dass da überhaupt mal was Gutes kam bei dem. Die fliegt jetzt aus meinem Feedreader, die Franksau, die alte!”

Tja liebe Leser, im Hirn ist Tundra. Oder Taiga? Ich könnte ja was schreiben, über die bescheuerten Kommunisten und die hysterischen Antikommunisten, aber mehr über ersteres, weil diese Stasi-Checker, ’schuldige, -Tscheka ja wirklich Idioten sind, von denen ich welche persönlich kenne, die auch mal abgedrehte Kommentare in diesem Blog hinterlassen, aber der Bock vergnügt sich gerade auf einer anderen Wiese und ich vergrab’ mich lieber in irgendwelche Themefrickeleien für noch ungeborene Projekte, als dass ich meine lange nicht gewartete Assoziationsmaschine und den inneren Thesaurus anwerfe. Ist besser so, denn die Tante — sie wirkt auf mich wie eine Alkoholikerin, gerade auf dem Sprung von Bier auf Schnaps — ist ja nun auch aus der SED Niedersachsen geschmissen worden. Pardon: Geworfen worden. Worüber sich also aufregen? Ist doch auch völlig egal, ob sie nun die Stasi gemeint hat oder nicht, wichtig waren die Dinge, die sie sonst noch gesagt hat. Beziehungsweise nicht gesagt! Alles opportun für Totalitaristen, die nicht totalitär wirken wollen: Wir verteidigen uns ja nur selbst. Aber gegen wen denn eigentlich? Die Leute, für die der Sozialismus gedacht war? Musste man sie also zwingen zu ihrem Glück? Die DDR war ein Regime ohne demokratische Partizipation, ohne einen Austausch von differierenden Meinungen, ein System, dass Misstrauen und Denunziantentum institutionalisierte. Viele haben es gehasst, nicht dorthin fahren zu können, wohin man einfach fahren wollte, nicht die Tagesschau gucken zu dürfen, das Neue Deutschland dem Spiegel vorziehen zu müssen — allein Kritik daran zu äußern konnte einem jedoch schon eine “Befragung” in Hohenschönhausen einbringen, eine Akte, ein wachsames Auge von Freunden, Nachbarn und Bekannten. Deswegen haben alle die Klappe gehalten, deswegen gab es keine Räume zur freien Entfaltung: weil jede offene Kritik gleich staatsfeindlich und Konspiration war. Das gesamte ideologische Gebilde der DDR fußte auf der Lüge vom systemtreuen Bürger, letzten Endes einer enormen Verdrängungsleistung der Eliten. Die, die heute noch daran glauben, wirken auf mich wie einer jener Ladenbesitzer, der die ehedem bunte Luftballondekoration nicht abnehmen will, obwohl die meisten Ballons doch schon erschlafft, luftleer und zerknittert an der Markise hin und her baumeln. Ich habe die DDR noch bewusst erlebt und bilde mir ein, dieses Urteil fällen zu können, abseits von Lippenbekenntnissen und symbolischer Betroffenheiten. Es gibt keinen Grund für Realsozialismus-Romantik. Ja klar, alle hatten was zu essen. Dafür musste man aber bei Franz-Josef Strauß nach Krediten betteln gehen, Würde ist was anderes. Worauf ich hinauswollte: Hätte die Linkspartei weiterhin mit dieser Kadertrulla geliebäugelt, meine durchaus vorhandene Sympathie für die Leute wäre ins Nichts, und zwar das aus der Unendlichen Geschichte, verpufft.

Ja klar, die Diskussion ist trotzdem verlogen. Wenn konservative Idioten neben Rassismus auch eine McCarthyeske Angst vor den Roten einsetzen, um einen emotionalen Wahlkampf zu führen. Und was ist mit der Angst des Staates vor dem Bürger, ist heute besser als gestern, ist Schäuble ein wackerer Rechtstaatler als UlbrichtHoneckerKrenz? Mal ehrlich, wir torkeln sehenden Auges in einen totalen Überwachungs- und Sicherheitsstaat hinein, nur dass der global ist, die Staatssicherheit anders heißt, vernetzt und wesentlich besser organisiert ist. Omar war Opfer des staatshysterischen Terrorwindmühlenkampfes und hat etwas Kluges geschrieben:

Es ist höchst interessant zu beobachten, wie … Christel Wegner von allen Seiten kritisiert wird, wenn man sich vergegenwärtigt, in welcher datenschutzrechtlichen Realität wir heute – dank Teilen der Abgeordneten, die heute Frau Wegner kritisieren – leben. Ich finde es gut, wenn eine Abgeordnete mit einer solchen Einstellung zu Freiheit aus dem Landtag verschwindet, aber müssten dann nicht ehrlicher weise viele andere Abgeordnete aus Landtag und Bundestag ebenfalls verschwinden?

Aber wir sind inzwischen nichts anderes gewohnt: Kritik an der Symbolik und Zustimmung in der Praxis..

Man möge sich als datenschutzrechtlich halbwegs aufgeklärter Bürger für eine halbe Minute die Frage stellen, was für Daten von/über Leute wie Omar in irgendwelchen Datenbanken irgendwo auf der Welt gespeichert sind. Einfach nur, weil sie bspw. männliche Muslime sind, und in ein bestimmtes Raster fallen, da mag er als einzelner noch so ein netter Kerl sein. Na? Biometrie, Fluggastdaten, Telekommunikation, Bewegungsprofile per Handyüberwachung und CCTV, Konsumprofile mit Paybackschrott, vielleicht “Terrordatei”, Mautdaten und so weiter. Huch, das meiste davon betrifft ja auch Otto Normal! Und das sind nur die Daten, von denen wir etwas ahnen. Was wir wissen über die, die alles wissen wollen, ist doch nur die Spitze des Eisbergs.

Ach, es ist doch immer wieder dieselbe Leier. Ich geb’s ja zu — kann’s auch nicht mehr hören. Es ist traurig, “Stasi 2.0″ war ein nettes Schlagwort zu einem netten Reizthema, aber der nächste “Stern” hat schon wieder einen neuen Titel. Volkskrankheit Kopfweh oder so. Was kann man denn noch mehr predigen als den zivilen Ungehorsam, der heute ja schon darin besteht, seine Daten zu verschlüsseln und nicht CSPDU, some people know them as the lesser evil , zu wählen? Vor allem, wenn alle Appelle in Bälde vom Winde verweht werden?

Vor knapp zehn Jahren hatte ich einen Haufen Brieffreundschaften. Da schrieben wir immer TW und das hieß nicht etwa Torwart, sondern: Themawechsel, ein Verlegenheitskürzel, wenn ein Thema nervte oder schlicht nicht pointiert zu Ende gebracht werden konnte. TW. Theme-Frickeleien. Die hasst der Goron. Allein die Syntax für Uhrzeit und Datum bei der Übersetzung des Theme von Englisch nach Deutsch. O Tempora, o data! Goron hasst aber auch Blogs überhaupt. Das geht schon klar. Man sollte sich diese ganze chrommetallbesetzte und zuckerwatteunterfütterte Luftblase jedoch auch nicht ganz verknusen, sonst verpasst einer wieder mal so gute Artikel wie den, nein, die vom Alarmschrei-Sebastian. Moment… Nur gut? Ja, ich verwende hier absichtlich kein Superlativ, denn die benutze ich viel zu oft — ich werde versuchen mich zukünftig all den fantastischs, grandios’ und unfassbars zu widersetzen, auch wenn’s hart wird, aber in Zeiten des allgegenwärtigen Sprachgigantismus, vor allem in Blogs, heißt es ja auch mal zu opponieren. Also: Gegen die vulgäre Aufweichung von Wertungen, für einfach auch mal “gut”. Gut sowieso, dass es Hagen Rether gibt. [via]

Oh, jetzt habe ich ja doch was geschrieben.