Ich habe neulich mal wieder eine Ausgabe in die Hände bekommen. Die Ausgabe 12 von letzter Woche, um genau zu sein. Ich weiß nicht genau, wie ich das sagen soll – Entweder ich habe Dich früher einfach nicht bewusst genug gelesen oder Du bist tatsächlich zu einem neokonservativen Propagandaorgan geworden.
Ich hatte schonmal einen Anlauf genommen, diesen Beitrag zu verfassen, aber irgendetwas blockierte mich, weiterzuschreiben. War es die große Resignation, die Verblüffung über eine Erkenntnis, die ich vielleicht schon früher errungen hatte, sich jetzt aber endlich massiv ihren Weg aus dem Unterbewusstsein bahnte? Ich war erschlagen von den massiven Manipulationskampagnen, mit denen Deine Redakteure meine Sicht der Realität zu ändern suchen. Einsicht alleine nützt wenig – man muss anderen davon erzählen. Andere sind korrumpierter als ich.
Pathos, vielleicht. Könnte auch einfach Faulheit gewesen sein. Dennoch: Ich muss das jetzt tun.
Auf Seite 18 bringst Du eine, soweit unerhebliche, Kurzmeldung über Susanne Osthoff. Auffällig ist aber, dass die Dame
- einmal “Susanne Osthoff”
- einmal “die Archäologin”
- fünfmal, Überschrift und Bildunterschrift eingerechnet, schlicht “Osthoff”
genannt wird. Mag sein, dass das zum journalistischen Grundrepertoire der Diskreditierung gehört, das kann aber keine Entschuldigung sein. Das Große spiegelt sich im Kleinen.
Wo fängt Menschenwürde an, wo hört sie auf? Kann eine Medienkampagne jemals zu Ende gehen?
Egal, weiter.
Über deine Berichterstattung zu den CPE-Protesten in Frankreich habe ich mich ja schonmal geärgert. Meine Prognose einer weitaus radikaleren Meinung im pseudoobjektiven Gewand ist dann auch eingetroffen (Seite 126 ff). Tendentiös wirfst Du Dinge zusammen, die nicht zusammengehören. Natürlich ist aus deiner Sicht, SPIEGEL, “eine Lockerung des Arbeitsmarktes (…) dringend nötig”. Die Millionen protestierenden Menschen seien in erster Linie gewaltbereit und blockierten Frankreichs Reformierbarkeit. Gerade die letzten drei Absätze des Artikels zeichnen ein sehr negatives Bild der Protestierenden.
Vor allem den Unterprivilegierten hätte der Ersteinstellungsvertrag von Villepin helfen sollen. Für junge Akademiker, so sieht es Léo Roche, 22-jähriger Geschichtsstudent an der Sorbonne, “bedeutet dieser Vertrag nur Ungleichheit und Unsicherheit”.
Er lehnt ihn ab, genau wie alles, was von dieser Regierung kommt. Roche hat Protesterfahrung. Vor drei Jahren war er schon in Evain dabei, um gegen den G8-Gipfel zu demonstrieren, er ist Mitglied bei Attac und überzeugter Pazifist.
Er sitzt auf einer abgewetzten Holzbank in einem Universitätshörsaal im V. Arrondissement. 200 Studenten haben sich nach den Krawallen hier getroffen, um Bilanz zu ziehen und das weitere Vorgehen zu planen. Sie brauchen eine Stunde, um eine Sitzungsleitung zu wählen, sie diskutieren über Abstimmungsverfahren, über den Diskussionsmodus, über die richtigen Gesten, um Zustimmung zu signalisieren – es ist alles, wie es immer schon war.
Nur dass diese Rebellen nicht wie die junge Hoffnung der Nation wirken, eher wie eine schlechte Kopie derer, die sie bekämpfen wollen. (…)
Wahnsinn, SPIEGEL. In so wenigen Zeilen Studenten-Bashing, Demonstrations-Bashing, Basisdemokratie-Bashing und Attac-Bashing unterzubringen, ist schon eine Leistung. (Man möge mir den Begriff verzeihen, aber “Bashing” ist ein fester Begriff im SPIEGEL-Kampagnen-Jargon).
Wenn man nicht genau hinschaut, bemerkt man gar nicht, wie hier Demonstrationen mit Krawallen gleichgesetzt werden. Und aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass – ehe ich mich mit den Inhalten der Organisation beschäftigte – ich ein sehr negatives Bild von Attac hatte. Heute weiss ich, dass dieses Image mediengesteuert und erwünscht war. Jeder ist ein Manipulationsopfer! Ich frage mich aber auch, wie man die Abschaffung von Arbeitnehmerrechten allen Ernstes als Instrument zur Chancenerhöhung von Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt sehen kann! Ich bin kein Ökonom, aber die volkswirtschaftlichen Folgen einer solchen Deform kann man sich doch auch als Laie logisch herleiten: Ständig in der Gefahr leben zu müssen, gekündigt zu werden, schafft Nervosität und wird die französische Konjunktur schädigen weil die jungen Menschen nicht wissen können, ob sie in einem Monat, in einer Woche ihren Job noch haben. Die Geburten werden aus eben diesem Grund zurückgehen. Junge Angestellte werden unter völliger Selbstaufgabe immer mehr Leistung für das gleiche Geld erbringen müssen, um im gnadenlosen Wettbewerb zwischen den unter-25-jährigen nicht die ersten zu sein, die gekündigt werden. Das wird tendentiell die Anzahl der Arbeitsplätze verringern, da die Arbeitgeber für das gleiche Geld mehr Leistung bekommen.
Politisch vermutlich gewollt hingegen: Die beeindruckende Solidarität zwischen älteren und jüngeren Franzosen wird beginnen zu bröckeln, weil Unternehmen häufiger unterpriveligierte Jugendliche zu Dumpingtarifen einstellen werden, anstatt auf erfahrenere Kräfte zu setzen, die aber Arbeitnehmerrechte haben. Das schafft Konfliktpotential.
Warum, SPIEGEL, (ich weiß – ich wiederhole mich) beschäftigst Du dich überhaupt nicht mit dem Inhalt und den Konsequenzen von CPE, sondern nur mit den Protesten? Und wieso werden diese so einseitig dargestellt? Wie kannst Du es wagen, protestierende Studenten als Menschen darzustellen, die bei der Bestzung der Sorbonne “das Leben in vollen Zügen” genossen, die vom Rektor gestohlenen Champagner trinkend und einem Klavierkonzert lauschend den Sternenhimmel betrachteten? Neben der Frage, ob das überhaupt stimmt, stelle ich mir auch die, warum Du solche Details so stark betonst. Natürlich weiß ich die Antwort.
Und: Was hat der (Partikular-)Fall eines antisemitisch motivierten Mordes in Frankreich, den Du “irgendwie” mit den Protesten in Zusammenhang bringst, damit zu tun?
Fazit: Es kotzt mich an, dass der Abbau von Arbeitnehmer-, ja – Bürgerrechten, dieser Tage nur in des Kaisers Kleid, den wertfreien Begriff “Reform” gehüllt werden muss, und plötzlich ist alles geil. Die bittere Pille muss halt geschluckt werden, auch wenn sie Zyankali enthält. Wie scheiße seid ihr, Medien? Wie blöde sind wir, dass wir so etwas überwiegend unhinterfragt stehen lassen, Bürger? Beides: Sehr.
Thema Menschenrechte. Auf Seite 68 und den Folgenden befasst Du, SPIEGEL, dich mit der Global(l)isierung anhand eines Beispieles der pakistanischen Stadt Sialkot, in der 60% der Fussbälle weltweit produziert werden. Die Maxime des Artikels muss ich kaum zusammenfassen – das machst Du bereits an exponierter Stelle – in groß und grün – auf Seite 70:

Populistisch und kaum chiffriert ist, entspricht diese Aussage genau dem Tenor des Artikels. Kinderarbeit sei, im Sinne der globalisierten Konkurrenz, legitim. Lästige Prinzipien sollten aus ökonomischen Gründen schonmal über Bord geworfen werden dürfen – der Zweck heiligt schließlich die Mittel. Nur diese Menschenrechtsorganisationen, die das – nicht gerade werbewirksam – an die Öffentlichkeit bringen und die Konzerne, die aus Imagegründen darauf reagieren müssen, die nerven. Aber Du lässt auch mal eine der Näherinnen zu Wort kommen:
Wenn Akhtar und ihre Nachbarinnen hören, dass in Deutschland Kinder in den Betrieben ihrer Eltern mitarbeiten, dass Bauernsöhne im Stall helfen, bei der Ernte, fragt sie empört: “Wie kann das möglich sein? Ihr nehmt uns einen Teil unseres Einkommens, ihr verbietet unseren Kindern, auch nur einen einzigen Ball zu nähen, nach der Schule, aber ihr gestattet euren Kindern, dass sie ihre Familien unterstützen?”
Ist das vergleichbar? Gibt es in Deutschland auch für Bauernkinder eine Schulpflicht? Wie viele Kinder sind das überhaupt noch? Der deutsche Agrarsektor liegt doch brach! Gibt es nicht trotzdem sehr straffe arbeitsrechtliche Bedingungen für familiäre Mithilfe? Ist nicht vielleicht sogar das deutsche Recht in dieser Hinsicht verurteilenswert? Wird den Kindern “gestattet” zu arbeiten, oder ist es nicht vielmehr so, dass es den Eltern “gestattet” wird, ihre Kinder auszubeuten? Und Du, SPIEGEL, äußerst nicht mal, was für eine Belastung es für ein Kind sein muss, unter dem Leistungsdruck der Schule als einziger Chance und gleichzeitig dem Druck, die Familie miternähren zu müssen, zu stehen. Warum hast Du kein einziges Näherkind interviewt?
Diese Art von Berichterstattung ist schändlich und ekelhaft. Pfui, SPIEGEL!
Deine Titelstory, “W@RE LIEBE – Das Online-Geschäft mit der Sehnsucht”, scheint dagegen geradezu harmlos zu sein. Nackte Tatsachen auf der Titelseite machen sich in letzter Zeit auch bei Dir ganz gut als Verkaufsargument. Egal, Du wirst schon wissen, an welche Zielgruppe Du dich richten möchtest. Max Goldt nannte diese einst nicht umsonst “Dr. Lieschen Müller”. Zwei Sachen sind mir dann aber doch aufgefallen.
- Als erstes: Dass sich momentan unter der Rubrik “Surftipps” (Anzeige) auf Spiegel-Online überall Werbelinks auf die Online-Singlebörse “parship” befinden
- Und zweitens: Dass diese Berichterstattung irgendwie schon das von Dir proklamierte Bild der kinderlosen Gesellschaft unterstützen zu scheint. Okay, Du schaffst es schließlich sogar, in einer Polemik auf die diesjährige Echoverleihung den Satz “Die Menschen hier werden immer älter, es werden so wenig Kinder geboren wie noch nie seit 1945, es gibt Probleme mit dem demographischen Faktor” unterzubringen. Aber man meint irgendwie schon, da will einem jemand eine Ideologie einhämmern, die nachweislich alarmistischer Schrott und Schleichwerbung für Schirrmachers neues Machwerk ist. Dazu: Gerd Bosbach, hr2 – “der Tag” als MP3 zum Anhören
Statistiken sind immer gut. Sie können oftmals beliebig zur Untermauerung einer gewünschten These verwendet werden. Ein gutes Beispiel sind die Grafiken und Statistiken in Deinem, SPIEGEL, Leitartikel. Wäre der Duktus des Artikels etwa gewesen “Der Begriff der Singlegesellschaft ist überschätzt, es gab in den letzten Jahren einen höchstens kaum bemerbar höheren Anteil an Singles in der Bevölkerung”, hätte die Grafik auf Seite 81 das sehr gut illustrieren können. Freilich hätte man die blaue Kurve (“Einpersonenhaushalte in Deutschland” dabei weglassen müssen – aber die hat eh nichts mit dem Thema zu tun. Bei der roten Kurve “Einpersonenhaushalte der 25- bis 44-jährigen” hätte man, zur Makulatur, einen weniger besorgnisverursachenden Maßstab auf der Y-Achse wählen und auf der X-Achse die verfälschenden Jahresdaten von 1961 bis 1990 weglassen können. Dem Statistikör ist nichts zu schwör.
So oder so, man sieht – wenn man die Zahl der Einpersonenhaushalte tatsächlich als Bemessungsgrundlage für die Ausprägung einer Singlegesellschaft heranziehen will (ich wollte es nicht), man erkennt, dass es nur minimal mehr Einpersonenhaushalte von 25- bis 45-Jährigen als Mitte der 90er gibt: Heute 4,5%, das sind 45 von 1000!
Auch Deine niedlichen Grafiken (Prozentuale Steigerung vor Herzchenhintergrund) auf Seite 92 zur Teilnehmersteigerung beim Online-Dating seit 2003 wirken weit weniger imposant, wenn man bedenkt, dass auch die Zahl der deutschen Haushalte mit Internetanschluss immens gestiegen ist. Komischerweise hast Du diesen Faktor neulich in deinem Artikel über das vermeintliche Aussterben der Internet-Tauschbörsen mit einfließen lassen. Na gut, eines will ich dir zugestehen: Vielleicht ist Online-Dating ein Trend, aber sicher kein gesellschaftsumwälzender, der dieser Tage einen Leitartikel wert wäre.
Der größte Aufreger SPIEGEL 12/06, für mich, ist die Art und Weise, wie Du Stimmung gegen den Islam machst. Damit beschäftige ich mich allerdings später.
Bis bald!
maloXP
Dank der Umstellung Berlins auf DVB-T und fehlendem Geld waren wir seinerzeit gezwungen, den Fernseher verstauben zu lassen und, später, wegzugeben. Erst dann begann ich, mich für Politik, abseits von Allgemeinplätzen und SPIEGEL-Propaganda zu interessieren. Wenn ich heute wo zu Besuch bin und ein Fernseher läuft, erkenne ich nachher, wie hypnotisch dieses Medium wirkt. Selbst den größten Scheiss, von Supernanny bis Bohlens Egowichse, tu ich mir an, weil’s kurzfristig unterhaltsam ist.
Es gibt so viele Möglichkeiten, diese Zeit besser zu nutzen.
Die TV-Macher sind sich dieses Effekts sicher bewusst und gestalten ihr Programm so, dass Inhalte stark vereinfacht dargestellt werden (wer fernsieht, will nicht denken). Eine Verzerrung der Realität findet statt, und die Medien wissen das auch für politische Zwecke zu missbrauchen.
Ein Beispiel: Bei den Ver.di-Streiks wurde jüngst in den Tagesthemen das Porträt einer Mutter skizziert, die aufgrund der Streiks ihr Kind nicht in den Kindergarten schicken konnte. Fast hätte sich Mutti extra einen (unproduktiven) freien Tag nehmen müssen, aber gottseidank war Omi ja da und hat sich um’s Töchterchen gekümmert. Motive für den Streik, die Art und Weise, wie sich Nullrunden oder Tariferhöhungen volkswirtschaftlich auswirken, die unter der Inflation liegen: Fehlanzeige. Stattdessen, ein emotionaler, einseitiger, subjektiver Teilausschnitt der Konsequenzen. Aber das ist eine Sprache, die jeder versteht.
Jetzt kommt’s: Vorhin habe ich auf InfoRadio (RBB-Nachrichtensender) ein Feature zu den CPE-Protesten in Frankreich und den damit einher gehenden Streiks gehört. Erzählt wurde von einer, namentlich genannten, jungen Mutter, die sich fast einen Tag frei nehmen musste, wenn sie ihr Kind nicht zur Oma hätte geben können.
Wer will mir erzählen, es stecke kein System dahinter?
Manipulation ist nicht bloßes Lügen. Es ist der Versuch, eine subjektive Ansicht, eine Meinung, als objektiv darzustellen. Das Instrumentarium ist vielfältig:
Auslassen bestimmter Teilaspekte eines Sachverhalts, Überbetonung anderer, suggestive Bilder, Untermauerung von Argumenten durch vermeintliche Experten, die Formulierung von Meinungen als rhetorische Frage, Statistiken (die häufig in beliebige Richtungen interpretiert werden können), emotionale Berichterstattung, das Präsentieren des “Gegners” auf herabwürdigende Weise (“Blaming”, “Bashing”), die Neudefinition positiv besetzter Begriffe (z.B. “sozial”, “Reform”), die negative Neudefinition von vom “Gegner” besetzte Begriffen (“Solidarität”, “Sozialstaat”), die Konstruktion eines “WIR” (damit gleichzeitig: Konstruktion eines “DIE”), eigentlich kontroverse Ansichten unkommentiert als evident – also in sich logisch und selbsterklärend – hinzustellen (Beispiele: In Berlin-Kreuzberg sei die Integration gescheitert, nachzulesen im SPIEGEL oder in der FAZ; Wir stünden vor einer demographischen Katastrophe, nachzulesen überall), und so weiter.
Wer das so nicht sieht, sollte sich wachen Auges mal mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft beschäftigen, die gute Kontakte in die Journalismusschmieden pflegt. Aber ein reflektierter Blick in BILD oder SPIEGEL reicht auch.
Anlass: René im Spreeblick-Blog: Die Rückkehr des Wortes.
Kleines Update: Auch der marktradikale Alibi-Grüne und INSM-Botschafter Oswald Metzger nutzt in seiner Propaganda-Kolumne seinem Blog bei Focus.de die Kindergarten-Mutti-Tränendrüsen-Argumentationslinie gegen die Streiks. Ach, wat isser doch bürgernah, der Ossi (“Ja, sind sie von Attac bezahlt?”). Nachtjall, ick hör Dir trapsen.
Da liegt man gemütlich in der Badewanne, denkt an nichts Böses, hört die Bundesliga-Konferenz, Bochum – Braunschweig 4:0, jipieh! Und dann kommen die Nachrichten.
Etwa eine Million Menschen hatten sich gestern (in Frankreich, d.Verf.) nach Gewerkschaftsangaben an den landesweiten Kundgebungen beteiligt. Die Proteste richteten sich gegen die von der Regierung geplante Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger. (nachzulesen auf inforadio.de)
Lockerung des Kündigungsschutzes? Mir geht der Hut hoch! Es handelt sich um eine Abschaffung!
Frisch abgetrocknet und an den Rechner gesetzt. Mal sehen, was die anderen Massenmedien so absondern.
Spiegel Online beschäftigt sich mit dem neuen Zusammenhalt der französischen Gewerkschaften, mit den taktischen Optionen Villepins in Hinsicht auf die Präsidentschaftswahlwahl und der Unmöglichkeit, die französischen Bürger von der “Notwendigkeit von Reformen” zu überzeugen. Sämtliche erdenklichen Aspekte dieses Themenkomplexes also. Nur die Motive der Millionen, die demonstrieren, werden in der “Analyse” (Selbstbezeichnung SpOn) außen vor gelassen. Lediglich eine Inkohärenz ihrer Interessen, mit Ausnahme ihres “Dagegenseins”, wird festgestellt und eine Entschuldigung der “Unreformierbarkeit” im taktisch unklugen Vorgehen Villepins sowie der historisch institutionalisierten französischen Protestkultur gefunden. Hm. Ich prognostiziere: Demnächst kommen die Demonstranten und ihre Anliegen, auch im SPIEGEL, noch schlechter weg. Auf’s “Blaming” und “Bashing” versteht man sich da ja gut.
Die Welt beschränkt sich in ihrer Berichterstattung überwiegend auf die ausgiebige Schilderung der “Krawalle”.
Interessant, was die Bild-Online-Redaktion zu sagen hat: nichts! Ich suchte die gesamte Start- und Newsseite ab, blieb an einigen Titten und bunt bebilderten Unterschichtskatastrophen hängen, zu CPE jedoch kein Wort. Ich gab “politik” in die interne Suche ein, aber ausser der Erkentniss, dass der Internetauftritt der INSM bei den Suchergebnissen (“Sponsored Link”) an erster Stelle steht – nichts. Ganz so schnell wollte ich jedoch noch nicht aufgeben. So suchte ich nach “frankreich”. Heureka! Ein Ergebnis. Jedoch sofortige Enttäuschung: Mir wird auf der vermeintlichen Artikelseite zwar der übliche BILD-Müll offeriert, aber nix zu den Protesten. Unerwünschter Inhalt vielleicht? Ein Schelm wer böses dabei denkt… Das sind sicher nur technische Störungen.

Nächste Station: Die Webseite der ZDF-heute-Nachrichten. Unter dem Titel Gewerkschaft droht nach Protesten mit Generalstreik wird dem Leser direkt mal das Bild von Magnesiumfackeln werfenden Autonomen entgegengeschmettert, damit er weiss, womit er’s zu tun hat. Ansonsten bewegt sich die tendentiöse Berichterstattung im normalen Rahmen von überwiegend auf die Nennung von Verletztenzahlen und Sachschäden fixierter Meinungsmache.
Bemerkenswert höchstens: Das ZDF befragt einen Experten.
“Eine radikale Veränderung bedeutet das Gesetz nicht”, sagt Wolfgang Neumann vom Deutsch-Französischen-Institut in Ludwigsburg zu heute.de. Die Ursachen für die Proteste lägen tiefer. “Die Arbeitswelt ändert sich und die jungen Leute spüren das. Sie werden es in Zukunft nicht einfach haben und sie befürchten, dass der so genannte Ersteinstellungsvertrag nur der Anfang ist und eine Reihe von Lockerungen nach sich zieht.”
Nach etwas Recherchearbeit eine Überraschung: Wolfgang Neumann ist kein offizieller INSM-Botschafter! Lässt man aber den Blick über seine Veröffentlichungen schweifen, ereilt einem schon der Anflug einer Ahnung, wes Geistes Kind der Herr ist.
Berichterstattung in der “seriösen” Tagespresse: Süddeutsche, Zeit und FAZ: Variationen ein und derselben dpa-Meldung. Im Preis inbegriffen: historisch-selbststilisierendes Rumgewichse von Daniel Cohn-Bendit. Würg.
Kontextfremd frage ich mal in den Raum: Ist Deutschland noch zu retten? Zumindest, was das Ausmaß der markt(schrei)liberalen Medien in Deutschland angeht, offenbar nicht. Okay, immerhin gibt es ja noch die Bloggerszene und alternativen, kritischen Journalismus (wie die hervorragenden NachDenkSeiten von Albrecht Müller oder die, manchmal etwas kruden, aber oft auch hervorragenden Artikel eines G. Wisnewski. Nur leider kratzen diese Angebote leider nicht mal am Mainstream. Immerhin, die taz beweist, dass man sie doch manchmal lesen kann und die Berliner Zeitung, wie so oft, dass sie chronisch unterschätzt wird.
Nicht ganz, aber irgendwie doch passend: Ein Essay von Werner Schlegel zur Abschreibementalität in den deutschen Redaktionen, auch im Vergleich zur Situation in Frankreich. Doch Pierre Bourdieu hat vor Jahren selbst die französische Presse für exakt die gleichen Zustände kritisiert.
… super! Du beschäftigst Dich in der Ausgabe von letzter Woche unter der offenbar wortwitzig gemeinten Headline “Ausgetauscht” ja mal etwas eingehender mit dem Phänomen und der Entwicklung von Peer2Peer-Tauschbörsen…
… und dann steht da doch nur wieder der übliche Propaganda-Mist der Anti-P2P-Lobby. Deren neue Taktik scheint ja offenkundig zu sein, Tauschbörsen als im Untergang zu begriffen dazustellen. Man hofft, scheint’s, auf eine Self-fulfilling prophecy. An einer Stelle wird in deiner Schilderung zwar leise Kritik deutlich, allerdings das recht inkonsequent.
Aber fangen wir doch da an, wo die “Qualität” des Artikels am deutlichsten zu Tage tritt: Bei sachlich falschen, ungenauen und, zwar relevanten, aber ausgelassenen, Informationen (im Volksmund nennt man das auch Manipulation).
“Einst war Rosso Chef der Online-Tauschbörse Grokster, einer Nachfolgerin der legendären Internet-Plattform Napster, nur größer und besser. Millionen Internet-Surfer tauschten dort täglich Filme, Dateien und vor allem Musik – illegal und ohne dafür zu bezahlen.”
- Grokster war/ist keine Tauschbörse, sondern lediglich ein Client für das sogenannte FastTrack-Netzwerk, genau wie KaZaA übrigens.
- Illegal war das Tauschen von Musik und Dateien bis vor einigen Jahren noch nicht, sondern eine rechtliche Grauzone. So auch zu Gründungszeiten von Grokster Ltd.
“Grokster ist schon weg, Limewire und Edonkey wollen demnächst aufgeben, Kazaa ist ein hoffnungsloser Fall, Bittorent hat bereits öffentlich der Illegalität abgeschworen.”
- Rechtschreibung: Mal abgesehen davon, dass hier auf die CamelCase-Namen der Filesharing-Clients überhaupt keine Rücksicht genommen wird (LimeWire, eDonkey, KaZaA, BitTorrent), wird BitTorrent auch mit Doppel-R geschrieben. Es handelt sich hier nämlich nicht um “mietbares” Bit sondern um einen metaphorischen Sturzbach aus eben diesen.
- eDonkey hat bereits aufgegeben. Genauer: Sam Yagan hat im September letzten Jahres die Weiterentwicklung des Clients eingestellt. Allerdings hört man im eDonkey-Forum auch schon wieder Gegenteiliges.
- Selbst wenn die Entwicklung eines Clients eingestellt wird, heisst das nichts. Dezentrale (also Server-unabhängige) Netze haben es nämlich so an sich, dass sie auch bei Einstellung des Projekts weiterfunktionieren. Man frage mal bei Sherman Networks, den Entwicklern von Skype (und auch KaZaA) nach.
- Wo wir gerade bei KaZaA sind… “Kazaa ist ein hoffnungsloser Fall” ist eine so dermaßen sinnentleerte Aussage, dass man sich fragt, ob sich der Autor kurz vorm Verfassen seinen journalistischen Anspruch zum Abwischen des Hinterns verwendet und das WC heruntergespült hat. Hier ein Alternativvorschlag: “KaZaA und das FastTrack-Netz hatten unter den Folgen einer massiv durch die von der Industrie in die Netze eingespeisten Flut von falschen Dateien, sogenannten ‘Fakes’ zu leiden, weswegen viele Benutzer zu technisch besseren Netzen wie eD2K ‘abwanderten’.”
- Dass eDonkey “aufgibt” hat im Grunde überhaupt keine Bewandnis, denn es existiert bereits seit 2002 eine technisch wesentlich bessere Client-Software: eMule. Das tolle daran ist, dass sie Open Source ist und dessen Entwicklung deswegen sicherlich nicht so schnell eingestellt wird. Selbst zu “Lebzeiten” von eDonkey waren bereits ein Vielfaches der Clients im Netzwerk die sogenannten “Mulis”. Diese Entwicklung vor Augen dürfte auch die LimeWire-Macher bewegt haben, ihre Quelltexte offenzulegen, auf dass ein neuer Client namens “FrostWire” auf OpenSource-Basis entstünde. Vielleicht sogar unter der Prämisse: So, RIAA – verbietet DAS!
- Der, sicherlich gewollte, Denkfehler, den Musikindustrie-Lobbyisten gerne den Schreiberlingen vermitteln, ist, dass Filesharingnetzte per se illegal und zu verurteilen sind. Tatsächlich – und das sieht man am besten im Beispiel BitTorrent – ist es nicht die Software, die illegal ist, sondern der User, der die Software für illegale Zwecke missbraucht. BT ist vielmehr ein technisch hochentwickeltes, wegweisendes Datendistributionstool. Dass selbst die Filmindustrie das erkannt hat und mit dem BitTorrent-Entwickler Bram Cohen kooperiert, dürfte Beweis genug sein. Anderes Beispiel: Das nagelneue Tool “Democracy“, das Video-Bloggern dank BT-Support erleichtert, qualitativ höherwertige Videos zu verteilen. Zukünftig wird dennoch Copyright-geschützter Content via BT getauscht werden, das ist abzusehen – und liegt mutmaßlich gar nicht im Sinne des Erfinders. Aber beeinflussen lässt sich’s nicht.
Das öffentliche Abschwören von illegalen Inhalten betreffend: Ebenso wird mit Google auch die vielzitierte Anleitung zum Bombenbau gefunden. Google: lieb / BitTorrent: böse?
“Nur: Ist dieser Optimismus wirklich gerechtfertigt? Wurden zuletzt nicht noch immer monatlich fast eine Milliarde illegale Downloads und angeblich bis zu neun Millionen tägliche Nutzer von Online-Tauschbörsen gezählt? Und wandern die Nutzer
dichtgemachter Tauschbörsen nicht einfach zu neuen Orten im Internet ab, um sich weiter kostenlos Musik zu holen?”
JA!
Das waren die kritischen Gedanken des Artikels.
“Kennedy kennt die Zahlen. Er weiß, dass im Januar noch 885 Millionen Songs in Tauschbörsen angeboten wurden, deutlich weniger als die 1,1 Milliarden Mitte 2003, obwohl sich die Zahl der schnellen Breitbandanschlüsse seither mehr als verdoppelt hat.”
Diese Zahlen, ebenso wie die auf Seite 180 stehende Grafik, stammen von der IFPI. IFPI bedeutet “International Federation of the Phonographic Industry”. Ahnst Du, SPIEGEL, worauf ich hinauswill? Jau, traue niemals Lobby-Statistiken! Würdest Du den Angaben der US-Regierung zu den bei Luftschlägen auf den Irak getöteten Zivilisten Glauben schenken?
(Ups, vermutlich würdest Du das tatsächlich…)
Na jedenfalls spricht die slyck.com-Statistik eine andere Sprache. Hast Du die IFPI mal gefragt, ob in die Statistik auch Datei-Archive mit ganzen Alben oder gar Diskographien mit einflossen? Ob die Dateien nach der Anzahl der Quellen oder einzeln gezählt wurden? Da steht nämlich nur etwas von “Musikdateien” – ein dehnbahrer Begriff. Die steigende Anzahl von Breitbandanschlüssen (und auch die immer höheren Geschwindigkeiten derer) könnten auch ein Grund sein, dass Musikdownloads schneller “fertig” sind und damit aus den “Shared Files” schneller entfernt werden. Dass das sinnvoll ist, wiss man als “Gefahren”-bewusster Filesharer seit einiger Zeit.
Aber, wie man Statistiken hinbiegt, um eine politisch erwünschte Aussage zu untermauern, muss man dir ja wohl nicht erklären. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen IFPI und Slyck, ich tendiere aber eher zu Werten, die näher an letzterer Quelle liegen.
“Nur die Internet-Piraten sind schwer zu überzeugen. ‘Daran müssen wir arbeiten’, (…)”
- Wie jetzt? Solch wundervolle Kampagnen wie Hart, aber gerecht sind trotz ruchloser Desinformation (implizite Gleichsetzung Filesharing = gewerbliches Handeln mit Schwarzkopien, Strafmaß entsprechend § 108a UrhG) kein Erfolg? Der Ottonormal-eMule-Nutzer nimmt das nicht ernst? Ich kenne diese Lobby-Schlawiner doch! Nachher streuen die sogar die Information ein, dass jede medial wirksam inszenierte, aber vollständig lächerliche neue Werbekampagne dazu führen würde, dass noch mehr Menschen überhaupt erst darauf aufmerksam werden, dass man Musik auch kostenlos aus dem Internet herunterladen kann. LOL!
Neinnein, jetzt mal ernsthaft. Für die Musikindustrie gibt es selbstverständlich noch einiges, was man in puncto Manipulation von Statistiken, Desinformation, Maßlosigkeit bei/ Unverhältnismäßigkeit von Vergleichszahlungen und Gängelung der eigenen Kunden hinzulernen könnte. - Begriffe wie “Filesharer” oder “Tauschbörsennutzer” sind Dir, SPIEGEL, offenbar zu wertfrei. Statdessen übernimmst Du den Industriellen-Jargon, sprichst von “Piraten” und leistet als Nachrichtenmagazin mit Millionenauflage einen der wichtigsten Beiträge zur Stigmatisierung von Filesharing als Kapitalverbrechen.
“Für viele Internet-Piraten geht es beim kostenlosen Musikgenuss auch ums Prinzip: Künstler sind ohnehin alle Millionäre, CDs viel zu teuer und Plattenbosse
skrupellose Abzocker. Warum also ein schlechtes Gewissen haben, wenn man für Musik nicht bezahlt?”
“Die, das sind Musikkonzerne wie EMI, Jahresumsatz 2,8 Milliarden Euro, Plattenfirma von Coldplay und den Beatles.”
Siehst Du, SPIEGEL, in diesen Aussagen einen gewissen Widerspruch? Eben, ich auch nicht. Ach ja: South Park-Statement-Download bei David Levine (gefunden bei fairsharing.de).
“Die Plattenbosse wollen sich aber nicht darauf verlassen, dass die Kundschaft von selbst zu den Bezahlangeboten findet. ‘Ein bisschen erziehen’ müsse man die Leute schon, sagt Klein. Dafür sind in der Musikindustrie Profis wie Clemens Rasch zuständig, Anwalt und Geschäftsführer der Firma Promedia mit dem vielsagenden Untertitel ‘Gesellschaft zum Schutz geistigen Eigentums’.”
Schade, dass Du an dieser Stelle nicht erwähnst, dass Vollprofi Clemens Rasch in der “Szene” bereits seit einiger Zeit durch seinen mangelhaften Sachverstand (z.B. bei der Abmahnung von Betreibern winziger eDonkey-Server [RegReq]), die GVU durch das Einsetzen krimineller Methoden (Anbieten von illegalem Content auf eigenen Payservern) aufgefallen sind.
Es geht zu Ende. Rasch ist sicher: ‘In einigen Jahren werden wir über den Tauschbörsenspuk reden wie über den New-Economy-Hype. Wir werden nicht verstehen, dass es so etwas überhaupt einmal gab.’”
Das klingt ja fast wie Honecker anno ’89!
Soviel dazu.
Schade, dass Du, SPIEGEL, in dieser Rezitierung der Industriepropaganda nicht auf die Nachteile von legalen Downloadshops wie iTunes eingegangen bist. Mittlerweile scheint sich im Nerd-Jargon nämlich “DRM-Verkrüppelung” als feststehender Begriff zu institutionalisieren. Soll heissen: Ein gekaufter Song gehört noch lange nicht mir. Mittels technischer Maßnahmen werde ich als Endbenutzer immer noch mit Anti-Kopiermaßnahmen als potentieller “Pirat” gegeißelt. Diese sind zwar mit Programmen wie EAC für technisch versierte Zeitgenossen leicht auszuhebeln, dennoch verhindern sie das Abspielen einer legal erworbenen CD in PC-Laufwerken, Autoradios, etc.
Mit online gekauften Songs verhält es sich ähnlich: Es wird festgelegt, auf welchem PC ich die Tracks abspielen darf, kann sie nur auf bestimmte Hardware-Player aufgrund einer enormen Varietät an proprietären Formate übertragen, darf sie nicht oder nur eingeschränkt auf Mix-CDs brennen, usf. Und wenn meine Festplatte wegen eines über das Sony-Rootkit eingeschleppten Virus neu formatiert werden muss, ist die Mucke gleich mit über’n Jordan.
Tja, SPIEGEL, was hörst Du denn für Musik? Starte doch einfach mal eine eMule-Suche nach “Norah Jones”, Dateityp “Archiv”. Auf einen Blick hast Du jetzt eine Auswahl von allen möglichen Formaten und Bitraten, aus denen Du Dir die für deine Bedürfnisse passende Datei aussuchen kannst. Doppelklick – und in einer guten halben Stunde hast Du im Idealfall die passenden Dateien auf deinem Rechner – ohne DRM-Müll. Ist das komfortabel? Ich denke schon. Der von C. Rasch kurz angesprochene russische Online-Musikshop (den Namen nenne ich hier besser nicht) ging in puncto Formatvielfalt eine sehr ähnliche Richtung und war dazu noch sehr variabel im Preismodell. Leider lernt man daraus nicht und bietet ähnliche Services an, sondern kriminalisiert ihn. Willkommen in der Globalisierung.
Mir ist mal meine Blur-Best Of zerkratzt. War ‘ne Special Edition mit Bonus-Live-CD. Was habe ich getan? Sie mir “illegal” aus dem Internet heruntergeladen! Was machen die armen Gestalten, die sich eine kopiergeschützte CD gekauft haben, sich diese auf ihren iPod übertragen wollen, aber nicht wissen, wie man EAC installiert und so einrichtet, dass der manipulierte TOC nicht ausgelesen wird? Sie laden sich die passenden Dateien aus dem Internet!
Ich benutze Filesharing wie früher Radio. Ich lerne neue Musik kennen, höre entspannt hinein und entscheide mich dann, sie zu kaufen. Oder eben nicht. Ist das alles moralisch verwerflich, bin ich deswegen ein “Internet-Pirat”? Warum kommen EMI/BMG/Sony nicht auf die Idee, die Tracks ihrer CD gleich als MP3 mit auf die CD zu backen? Und: Warum gehst Du, SPIEGEL, auf diese Fragen nicht ein?
Eine Sache ist noch zu klären: Warum stellt die Industrie Filesharing als ein aussterbendes Phänomen dar? Bis vor kurzem waren KaZaA und Co. doch noch die Geißel der Musikwirtschaft, Vernichter zahlreicher junger Bands, Arbeitsplatzvernichter allererster Kajüte (und natürlich Unterstützer des internationalen Terrorismus)! Ganz einfach: Die Gewinne ziehen an, die Verbraucher wissen eine Original-CD wieder (?) zu schätzen. Die Musikindustrie gerät in Legitimationsnot. Wie kann es sein, dass trotz des regen Getausches der Mob in die Plattenläden drängt, sich online Musik kauft? Da lässt sich das Bild der wirtschaftsfeindlichen “Raubkopierer” nur halten, wenn man den Erfolg als Konsequenz der eigenen Bemühungen hinstellt. Solche Faktoren, SPIEGEL, hätte ich mir in deiner “Analyse” gewünscht – nicht die stumpfe Wiedergabe von Lobbyparolen. Investigativer Journalismus geht anders.
(alle Zitate, sofern nicht anders gekennzeichnet: Spiegel 11/06)