Die jüdische Anti-Defamation League (ADL) hat mit Krach (“Poisoning the Web”[1]) und Radau (“virtuelle Kristallnacht”) durchgesetzt, dass Google antisemitische Inhalte auf ihren US-amerikanischen und israelischen Seiten mit einem “Offensive search results” markiert. Klingt erstmal krass, aber beim genaueren Nachdenken ganz fair, wenn man bedenkt dass in Deutschland Naziseiten gleich gar nicht aufgelistet werden. Rachel Whetstone von Googles Abteilung Öffentlichkeitsarbeit gibt dazu ein paar interessante Einblicke in die Zensurpraxis der Suchmaschine. Man beachte den Seitenhieb auf Deutschland, aber auch die etwas schwammigen Formulierungen in Bezug auf Regimekritik (think of China) Schrägstrich Geschichtsklitterung (think of Türkei/ Armenien):
In einigen Fällen ist es ganz einfach. Wir haben zum Beispiel ein produktübergreifendes Verbot gegen Kinderpornographie, die in nahezu allen Ländern illegal ist. Aber wenn es zu politischem Extremismus kommt, ist das nicht so einfach. Verschiedene Länder ziehen verschiedene Schlüsse, wie man mit diesem Thema umgeht. In Deutschland gibt es ein Verbot zur Verherrlichung von Nazismus — also entfernen wir Nazi-Inhalte von allen Produkten unter Google.de (unserer Domain für deutsche User). Die Geschichte anderer Länder macht es besonders sensibel, bestimmte Themen anzusprechen oder zu kritisieren. Und wieder andere Länder glauben, dass die beste Art und Weise, Extremisten zu diskreditieren ist, den öffentlichen Vortrag ihrer Argumente zu erlauben.[2]
Allerdings stellen sich mir auch nach der Lektüre des lesenswerten Statements im offiziellen Google-Blog noch eine Frage. Wer definiert für Google, ob ein Inhalt nun extremistisch ist? Es geht ja immerhin darum ob eine Site im Index auftaucht oder nicht bzw. zumindest mit Hinweisen versehen wird, die die Rezeption der Informationen der Website in jedem Fall beeinflussen. Passiert das auf Zuruf bzw. Beschwerde? Sicher gibt es in den meisten Fällen objektive Kriterien. Wenn auf einer Website steht “Ausländer, diese stinkenden Parasiten, nehmen uns aufrechten Ariern die Arbeitsplätze weg”, dürfte wohl nicht einmal Günther Oettinger an der Gesinnung des Autors zweifeln. Was aber wenn es um die Antisemitismus geht, dessen Definition schon seit langem politisch bitter umkämpft ist. Es gibt Leute, für die ist das schon das Tragen eines Palituchs (nicht draufklicken, dämlichster TP-Artikel seit langem). Wird da einfach eine Liste abgearbeitet, die die ADL einreicht? Wer prüft und wer richtet da? Und was ist mit der Verbreitung von Hetze bzw. Vorurteilen gegen andere Gruppen? Die Meinung von Lobbyisten sollte da nicht das Zünglein an der Waage sein. Konsequenterweise müsste Google auch z.B. die Seite des Ku-Klux-Klans mit einem Hinweis versehen und das tun sie nicht. Meines Erachtens wäre es falsch, auf diese Art eine Hierarchie von “besseren” oder “schlechteren” Ausprägungen des Rassismus zu erstellen. Conclusio: Ich halte es da ganz mit den liberalen unter den Staaten, zu denen Deutschland und die USA leider nicht gehören, und finde — wenn es auch politisch gesehen utopisch ist — überhaupt nichts zu filtern immer noch die schlichteste und beste Lösung.
- Dürfte ein nicht ganz geschmacksicheres Wortspiel sein. “Poisoning the web” lehnt sich an “Poisoning the well” und damit an den uralten antisemitischen Mythos der Brunnenvergiftung an. [zurück]
- Die Übersetzung stammt von mir. Im Original heißt es:
In a few cases it’s straightforward. For example, we have a global all-product ban against child pornography, which is illegal in virtually every country. But when it comes to political extremism it’s not as simple. Different countries have come to different conclusions about how to deal with this issue. In Germany there’s a ban on the promotion of Nazism — so we remove Nazi content on products on Google.de (our domain for German users) products. Other countries’ histories make commentary or criticism on certain topics especially sensitive. And still other countries believe that the best way to discredit extremists is to allow their arguments to be publicly exposed. [zurück]
[Hinweis:] Dieser Beitrag war ursprünglich im “Watchblog Islamophobie” erschienen, welches mittlerweile eingestellt worden ist. Ich habe den Artikel in mein privates Blog gespiegelt, damit er nicht verloren geht. –Der Admin, Januar 2008
Ich werfe alle paar Tage einen Blick auf das sich selbst euphemistisch “pro-westlich” und “Islam-kritisch” nennende Weblog “Politically Incorrect”. Es ist ein merkwürdiger Drang, mich mit der Tatsache zu konfrontieren, dass nicht jede Ecke der deutschen Blogosphäre kuschelig liberal ist, sondern dass es hier und da knallhart rassistisch zur Sache geht, der mich dazu treibt, das immer wieder zu tun.
Zur Räson dieses Blogs gehört die prinzipielle Ablehnung des Islam, da er als unzivilisierte, blutrünstige, frauenverachtende (usw.) politische Ideologie gesehen wird, die die totale Unterjochung des Westens und Vernichtung der Juden anstrebe. Differenzierungen in fundamentalistische und gemäßigte Moslems gibt es im Weltbild von PI und seinen Kommentatoren nicht, also auch keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus. Ein Moslem ist erstmal nur ein Moslem, Abstufungen, andere Wesenszüge, Art der Religionsausübung, persönliche Biographien oder Charaktereigenschaften treten bei der Bewertung von Menschen dieser Religionszugehörigkeit, die oft “Musel” genannt oder ironisch als “Kulturbereicher” verhöhnt werden, völlig in den Hintergrund. PI misst jedem straffälligen Moslem mehr Beachtung zu als hunderten, die nie an Kriminalität nur dächten oder jedem Nicht-Moslem, der eine identische Straftat begeht. Berlin-Neukölln und Kreuzberg beispielsweise werden als Stadtteile geschildert, in die sich die Polizei nicht mehr hereintraue und in denen die Scharia herrsche. An all diesen Problemen und einer konstatierten zu islamfreundliche Haltung der Politik, seien zudem “die Linken” schuld – “Gutmenschen” wie die häufig verhöhnte Claudia Roth, die in ihrem “Dhimmitum” eine “Appeasement”-Politik verträten. Auch hier kennt PI keine Differenzierungen – Sämtliche Schattierungen des linken Spektrums, ob Grüne oder Linkspartei, Sozialist oder Umweltschützer, Globalisierungsgegner oder RAF-Terrorist, sie sind identisch in der Feindbild-Wahrnehmung der PI-Autoren und -Klientel. Diese Haltung fände Widerhall in den – natürlich – “links durchsetzten” Medien, die der für PI relevanten Religionszugehörigkeit eines Straftäters (wenn er Muslim ist) zu wenig Bedeutung beimäßen und diese Information aus Gründen der “Political Correctness” unter den Tisch fallen ließen. (Hierzu kritisch Quellen sammelnd: Limited)