meist manchmal, selten oft

Archiv für das Schlagwort ‘Metablogging’


Foto: insunlight (cc)

Hallo liebe potentiellen Leser, die ihr über Spreeblick oder die Frankfurter Rundschau in mein beschauliches Weblog fandet. Es heißt ja immer, hierzulande gäbe es keine Dienstleistungsmentalität. Stimmt nicht! Erstens bin ich ganz froh darüber, dass mir an der Supermarktkasse keine Eurojobber gequält grinsend die Pferdewürstchen indiskret in henkellose Papiertüten werfen, denn Service ist das für mich nicht; zweitens werfe ich jetzt mal einige Gegenbeispiele in den Raum, die die in meinen Augen hanebüchene These, in Deutschland gäbe es keine politische Blogszene, widerlegen sollten. Diese Beispiele entstammen größtenteils dem links-liberalen Spektrum. Mir fehlt die Muße, alle politischen Blogs aufzuzählen, die ich kenne (jene, die ich vergesse, mögen sich bitte nicht auf den Schlips getreten fühlen), aber alleine über die Blogrolls der genannten sollten zumindest so viele weitere Weblogs aus zu erreichen sein, dass man bereits einige Stunden mit Stöbern zubringen kann. Hier also nur meine kleine subjektive Auswahl, in alphabetical order. «Wo sind sie denn nun, die politischen Blogs?» weiterlesen

Gehen wir mal davon aus, dass Katzen- und Strickblogger nicht bei einer Bloggermesse auf dem Podium sitzen und darüber referieren, wie sie Katzencontent bloggen. Auch wenn das aus meiner Sicht spannender wäre als merkwürdige semijuristische Diskussionen über Ethik. Warum tun sie es nicht? Weil man sie belächelt. Wer belächelt sie? Die wahrgenommene öffentliche Meinung. Wer sitzt dann auf dem Podium? Die, die die öffentliche Meinung bestimmen.

Auf dem Podium sitzen Leute, die das Bloggen nicht nur als weiteren Kommunikationskanal mit einigem Potenzial sehen, sondern die dem Bloggen einen weltanschaulichen Platz einräumen. Es sind zum Teil Freaks mit zum Teil exorbitanter Intoleranz entgegen dem Freiheitsgedanken, den sie predigen. Die anderslautende Meinungen abbürsten. Und die eine gedankliche Atmosphäre schaffen, in der Katzenblogger lieber leise sind, weil sie glauben, damit gegen die Mehrheit zu sprechen oder auch nur nicht so cool zu sein, weil es zum Coolsein gehört, dass man krauses Insider-Zeug schreibt.

Gedanken zur “Leitkultur” bestimmter Weblogs, Katzenblogs und der Selbstwahrnehmung einzelner Blogger. Interessante Aspekte bei Thilo Baum. [via]

Und als nächstes… machen wir Björn zum A-Blogger. Alle mal verlinken, bitte. Sorry Björn, ich konnt’ nich anders.

René von nerdcore.de versucht, sich seines Blogosphären-Impacts zu versichern. Finde ich durchaus peinlich, sowas.

Wie kommt es eigentlich, dass die A-Bloggerschaft nachwievor der Meinung ist, in Deutschland gäbe es kaum eine politische Bloglandschaft? Das fand ich neulich schon Quatsch, als Johnny das in einer der Spreeblick-Radiosendungen verlautbarte und jetzt war das auch noch Thema auf dieser Konferenz. Tja, ihr da oben im Krähennest, Pustekuchen: Wir haben in Deutschland sowohl eine relativ gut organisierte rechte Bloggerszene als auch eine in letzter Zeit immer schneller wachsende Blog-Linke, die schon aus Tradition selbstverständlich intern stärkere Konflikte auszutragen haben als nach aussen.

Wie auch immer, es gibt sie jedenfalls, die Politikblogs – und zwar zahlreich. Wer das nicht glaubt, muss eben tiefer wühlen und sollte aufhören sein eigenes Umfeld (auch wenn es nur “virtuell” ist) auf einen wie auch immer garteten Gesamtraum “Blogosphäre” auszudehnen. Sind wir doch mal ehrlich, eine politische Diskussion in Blogs zu moderieren oder gar mitzuführen kann sich als ganz schön anstrengend herausstellen, schreckt mitunter gar den nicht einverstandenen Teil der Besucher auf ewig ab, wenn sich der Blogger klar positioniert und nicht bloß mantraartig wiederholt, dass es ja “gut” sei, dass man “darüber diskutiert”. Die Reaktionen, als Spreeblick die RAF thematisierte, waren ja durchaus heftig – in alle Richtungen. Wäre es also denkbar, dass es eine unbewusste Angst vor der Ernsthaftigkeit bei den höheren technorati-Rängen gibt?

Einen angenehm uneuphorischen Erlebnisbericht über einen Tag auf der r3:publ1ca[1] hat, nebenbei bemerkt, Nadine: “Ich mag keine Blogger”

  1. Name verfremdet, da ich auf den Technorati-Traffic verzichten kann [zurück]

den man nicht begehen sollte, ist, sich länger als 10 Minuten die Blogs der Kommentatoren in den so genannten A-Blogs (das sind die ganz oben in den deutschen Blogcharts) anzuschauen. Ich habe mich eben schon wieder schwarz geärgert über Plattitüden, Ressentiments, Populismus, Profanes, Effektheischerei, unreflektiertes und unbezahltes Apple-Produktpalette-Angepreise, 10 YouTube-Videos untereinander, 10 Spreeblick/Nerdcore/digg.com-Contentübernahmen untereinander, ja-und-Amen-Beiträge zu A-Blogger-Meinungen, Trackback-Speichelleckereien oder die üblichen Zusammenfassungen des neuesten StudiVZ-Skandälchens. Man bekommt immer mehr den Eindruck, die meisten Blogs werden nur zum Zweck der Selbstversicherung betrieben: “Schaut her. Ich bin wer, [liebe Bürokollegen, liebes Spiegelbild,] ich habe ein Blog! Ich bin nicht so langweilig wie ihr, ich habe Trackback-Freunde!” Klaro, ich glaube schon, dass man eine narzisstische Ader zum Blogger-werden und Blogger-bleiben braucht. Bloß krieg ich die Krätze beim zehnten Blog, das ich lese, welches nicht einmal meinem geringen Ansprüchen an Inhalt genügt. Verständlich isses schon, wenn frische Blogs sich erst einmal mit Ideen und Konzepten füllen müssen und dabei ausgestanzte Wege beschritten werden, beinahe jeder hat so angefangen (ich auch). Wer aber nichts zu sagen hat, der soll es bitte lassen, zumindest nicht den täglichen Pro-Forma-Post raushauen. Es gibt andere Methoden sich mitzuteilen: Telefon, Fax, herkömmliche Briefe, Skype, Flickr, Hand- und Rauchzeichen, ja – gar Schweigen kann Kommunikation sein. Denn für die allermeisten Dinge, die heute in Blogs stehen, braucht’s leider kein Blog.

Die gleiche Windrichtung hat ein Artikel von .markus, der beschreibt, warum er sich nicht als Teil einer irgendwie mit übereinstimmenden Charaktereigenschaften gesegneten Gruppe, die von aussen und zunehmend auch von innen als “die” Blogosphäre typisiert wird. Spontan kommen dabei in mir Assoziationen zur sommerlichen Patriotismus-Scharade auf mit ihrem verkrampften “hach, sind wir unverkrampft patriotisch”-Paradigma. Falsch an einem Satz “Wir Blogger sind gefährlich für die etablierten Medien”, den man gerne auch mal aus Bloggerkehlen hört ist nämlich nicht die eigentliche Aussage, auch nicht die Drohung im Subtext, nicht die darin steckende Selbstüberschätzung, sondern das verallgemeinernde “wir”.

Eine Frage bleibt aber: Wie abgrenzen? Über die Blogging-Software geht’s sicher nicht, über das Design vielleicht, aber nicht nachhaltig. Nee, ich hätte ‘ne andere Idee: Weniger Meta-Content, mehr selber schaffen. Also los, marsch, marsch!

Ab morgen will die Kanzlerin ein Video-Blog starten. Abgefahren.

[Danke]

Videocast Nummer 1 stelle ich mir in etwa so vor:

merkel_anim

Meine lieben Bürgerinnen und Bürger, liebe Kinder.

Nachdem mein veehrter Herr Kollege, General und Sekretär Volker im letzten Jahr mit seinem iKauder völlig neue Wählerschichten erschossen, pardon, erschlossen hat, habe ich mich entschossen, pardon, entschlossen, mich auch auf diesem, dem multimedialen nämlich, Wege, an sie, verehrte Bürgerinnen und Bürger, liebe Kinder, zu wenden.

Die Erfordernisse der Globalisierung, äh, erfordern von uns, liebe Bürgerinnen und Bürger, verehrte Kinder, dass wir uns an die Erfordernisse der Globalisierung anpassen.

Uns steht mit der Fussball-Weltmeisterschaft ein Ereignis ins Haus, wie es seit den sportlichen Festivitäten der Jahre 1936 und 1972 in Deutschland keines mehr gegeben hat. Diese Ereignisse hatten damals den anderen Staaten gezeigt: Wir sind wieder wer, wir packen die Dinge an. Lassen sie es uns uns, verehrte Bürgerinnen und Bürger, liebe Kinder, und den anderen in der Welt zeigen: Wir gehen optimistisch an den Ball und grätschen auch mal rein und das meine ich, durchaus, nicht nur im übertragenen Sinne. Mit Mut und Menschlichkeit. Denn Du, liebe Bürgerinnen und Bürger, verehrte Kinder, Du bist Oliver Kahn. Du bist Angela Merkel. Du bist Belgien, pardon: Deutschland.

Wir haben viel erlitten, zum Beispiel im Finale der letzten Fussballweltmeisterschaft, aber auch viel erreicht, zum Beispiel das Finale der letzten Fussballweltmeisterschaft. Ich drücke uns, verehrte Kinderinnen und Kinder, liebe Bürger, alle Daumen, die ich habe und andere Körperteile, falls nötig. Ich bin bereit, Opfer zu bringen, meinen Teil dazu beizutragen, dass wir ins Finale kommen. Wir sind, das versichere ich ihnen, auf dem richtigen Weg und können es aus eigener Kraft schaffen. Die deutsche Fussballnationalmannschaft in ihrem Lauf hält weder Ochs’ noch Costa Rica auf.

Ich würde gerne nach Berlin fahren, aber ich bin ja leider schon da.

Herzlichst, ihre

Angela Merkel

[UPDATE:]
Die Realität ist besser als die Satire.