meist manchmal, selten oft

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Ich war nie ein großer Dieb. Die für viele Persönlichkeiten konstituierende Phase, in der man “einklaufen” geht und in diversen Läden alles, vor allem Unnützes, mitnimmt, was nicht nag- und nietenfest ist, übersprang ich einfach. Grund: Panische Angst vorm Erwischtwerden und ein qua Erziehung möglicherweise übertrieben eingebleutes Empfinden für das, was recht ist und was nicht. Nur 2003 war es anders.

Objekte meiner Liebsten, der meiner Compadres und der meinen Begierde: Bizarre Werbeplakätchen, die in den vor Kiosken drapierten Aufstellern eingelegt waren und dem Vorbeieilenden knackig-kurz das inhaltlich Relevante der neuesten Ausgabe von “Bild” appetitlich machen sollte. Verkürzt dargestellt Irrelevantes, in noch einmal komprimierter Form. Diese zweifarbig bedruckten Zettel im A3-Format ließen sich problemlos entfernen, selbst am hellichten Tage wurden wir nie angesprochen was wir da trieben. Dies war unsere ganz private Weise, Springer zu enteignen.

Ein paar Jahre zierten einige der Zettel unseren Wohnungsflur, als Tapete sozusagen. Waren sie nicht schön, so hatten sie doch zumindest einen Unterhaltungswert. Die skurrile Komik, die aus den behandelten Themen und der weit über das Nötige hinaus reduzierten Sprache entstanden, eingerahmt von den je neuesten Ergebnissen des “Super-Bingo”, boten ein super Thema bei diversen Zusammenkünften junger Leute in unserer Wohnung.

Vor einiger Zeit nahmen wir die Zettel ab — jeder Gag wird mal fad — und das Blau der Tapete erstrahlte wieder in seiner lange geschonten Pracht. Neulich, beim Spaziergang sahen wir jedoch mal wieder am Wegesrand ein Aufstellerchen mit einer “Message”.

Knut: Psychopat

Oje, dieses Viech schon wieder! Wir fühlten uns “getriggert”. Ich beschloß, die alten Plakate aus ihrer Schatulle zu holen und zu betrachten. Ein Gedanke flackerte auf. Warum die Sammlung nicht einem letzten, hehren Zwecke zuführen und der Weltöffentlichkeit präsentieren?

Hier also sind sie: Die durchsten Bild-Aufsteller-Teaserplakate aus, äh, einiger Zeit (grob Sommer bis Winter 2003).

Bild: Di durch

Di ging immer. Die arme. Aber Tote können sich ja nicht wehren. Die Geisteskrankheit kommt jedenfalls meines Erachtens automatisch, wenn man über Jahre hinweg die Zielmarkierungen der Paparazzikameras auf der Stirn fühlt und nicht ganz unsensibel für die erstunken und erlogenen Inhalte der Klatschpresse ist. Zu der darf sich meinetwegen auch “Bild” zählen. Falls man mich zwänge, die rhetorische Frage auf dem Titel zu beantworten[1], ich tät sagen: Ja klar. Habt ihr gut hingekriegt.

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  1. ist übrigens ein beliebter Trick am Boulevard: Aussagen, für die man verklagt werden kann, einfach als Frage formulieren [zurück]

Anchormen
Foto: laffy4k (cc)

Es ist doch auffällig, wie sehr sich das Spektrum der politischen Diskussion bei uns verändert hat: Wenn es in den späten sechziger Jahren “links” war, über die Enteignung von Springer, über die öffentliche Kontrolle der Grossbanken nachzudenken und die in der UNO diskutierte Neue Weltwirtschaftsordnung zu begrüssen, wird heute schon als “links” verschrien, wer die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes für Ältere verlängern will. Wir sind uns gar nicht bewusst, in welchem Ausmass hier eine Gehirnwäsche stattgefunden hat, die Themen jenseits des neoliberalen Mantras einfach nicht mehr zulässt. (…)

Meinungsumfragen gehören heute zum alltäglichen Handwerkszeug von Politikern. So wie die Fernsehforschung der GfK inzwischen sekundengenau die Präferenzen des TV-Publikums abbildet und damit Einfluss nimmt auf das vermeintlich werbefreie redaktionelle Programm, so helfen Meinungsumfragen den Politikern, ihre Verlautbarungen möglichst nahe am Mehrheitsgeschmack auszurichten. So sehen denn auch die Wahlprogramme der “Volksparteien” aus – überall die gleichen Formeln, überall die gleichen Widersprüche, überall der gleiche Anspruch, die Mitte zu repräsentieren. Der eigentliche politische Auftrag der Aufklärung war gerade das Gegenteil: die Schwachen vor der Ausbeutung durch die Starken zu schützen. Das kommt heute in den Medien nicht mehr vor. (…)

Das anarchische Element, der Ort des Widerstands ist heute das Internet. Allerdings: Da dort jeder und jede irgendeinen Quatsch als “Nachricht” einstellen kann, ist es mindestens ebenso schwierig wie in den konventionellen Medien, Relevantes von Irrelevantem, Aufhebenswertes von Belanglosem, Richtiges von Falschem zu unterscheiden. Wir haben also nicht nur das Problem des sog. “digital divide”, also des sozial ungleich verteilten Zugangs zu diesem Medium, sondern auch die Schwierigkeit der Internetnutzer zu entscheiden, was sie aus dem Meer der Belanglosigkeiten für wahr halten sollen. Es gibt nur zwei Wege, dieses Dilemma zu überwinden: Entweder man verbringt unendlich viel Zeit mit der Nachrichtenanalyse – oder man verlässt sich auf ein gänzlich antiquiertes Prinzip des Informationsaustauschs: Vertrauen in die Quelle. In jedem Fall kostet das Informieren über die Geschehnisse der Welt heute viel Zeit und viel Geld. Das können sich die meisten nicht leisten. … Informieren ist zu einem eigenen Beruf geworden, zu einem Privileg, das sich nur wenige leisten können. Wir leben, das ist nicht mehr zu übersehen, in einer manipulierten Gesellschaft.

Der Soziologe Bernd Hamm im TP-Gespräch über die ideologisch-politische Quasi-Gleichschaltung der Massenmedien. Interessanter, lesenswerter Artikel.

Zum zweiten Zitat möchte ich einwenden, dass sich auch “Bild” und ZDF durchaus noch auf die Seite des schwachen “kleinen Mannes” zu stellen bereit sind. Und zwar in jedem der unzähligen Ratgeber- oder Verbrauchermagazin-Formate. Nur sind diese Formate heute beinahe völlig austauschbar und politisch stets ungefährlich. Die Super-Nanny wird nie das Mantra der schulischen Leistungsbereitschaft in Frage stellen, ein Vergleich von Rentenzusatzversicherungen bestätigt im letzten Ende dieses System, Beiträge über Alltagsgefahren – vom Rauchen bis zum Killerspiel – sind populistisch und alarmistisch. In der Regel ist das Interesse hinter dieser Volksaufklärungsattitüde Bindung und Identifikation des Kunden mit dem Medium. Die Erziehung zum “mündigen” Konsumenten. Und natürlich Ablenkung von allem, was Relevanz haben könnte. Die Tatsache etwa, dass die öffentlich-rechtlichen Nachrichten und Informationsprogramme erst nachdem sie “durch” war, über die Vorratsdatenspeicherung umfassend zu berichten wusste, während das Thema vorher geradezu brüllend penibel vermieden wurde — im Gegensatz zu Knut-Schwachsinn und Vogelgrippe-Einzelfällen — finde ich frappant.

Im dritten Zitat hat Hamm eine Möglichkeit der Filterung übersehen: Die webgestützte kollaborative Erschaffung, Klassifikation und Bewertung von Nachrichten. Siehe Wikis, digg oder – weniger strukturiert – die Welt der Blogs und anderer partizipativer Internetmedien im Allgemeinen. Auch das funktioniert allerdings (noch?) nicht sonderlich, da sich der Großteil der Leute auch im Web nur für Mist interessiert. Da beißt sich der Hund in den Schwanz: Man kann keine Massenweisheit erreichen, ohne dass die Masse weise filtert. Das Ergebnis bleibt gleich.

blogging
Foto: Slice (cc )

Die Ausdauer und Vehemenz, mit der im Moment diverse klassische Medien, allen voran die Süddeutsche Zeitung gerade versuchen, eine vermeintliche Irrelevanz von Blogs zu belegen, stellt ja bereits einen Widerspruch in sich dar. Dem entspricht die diffuse Stoßrichtung der Kritik, wie sie etwa der Medienwissenschaftler Geert Lovink, der sogar ein Buch über ebenjene Irrelevanz geschrieben hat, im ZEIT-Interview äußert: Sind es nun die profanen Inhalte (Katzenblogging) oder die Ünüberschaubarkeit einer Kakophonie aus vielen Millionen Stimmen, die Blogs so unzumutbar machen? Zum ersten Ansatz kann man einwenden, dass es schon einen Grund gibt, warum Menschen digital ihr Mittagessen, ihre ganz persönliche politische Philosophie oder den Zustand ihres Stuhls thematisieren. Mag sein, dass es ein naives Geltungsverlangen ist. Ein ähnliches vielleicht, das uninteressante Menschen in die zahlreichen uninteressanten Reality-TV-Formate drängt. Man muss das nicht gut finden, aber es ist falsch, diese Kritik an ein spezifisches Medium oder ein Buzzword wie das Web 2.0 zu knüpfen. Denn es sind die Menschen, die sich zum Horst machen und Horst-Blogs neben Talk- und Castingshows nur eine mögliche Ausprägung der durchaus kritikwürdigen öffentlichen Ausstellung von Doofheit in weiten Teilen der konsumistischen Unterschicht.

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