
Gestern nacht hatte ich im Blog people-in-motion.org kommentiert, das in einem Beitrag eine starr marktradikale Perspektive auf das Thema Mindestlöhne vertrat. Der Kommentar wurde unversehens etwas länger. Da ich ungern “auf Halde” schreibe und ich dort einige grundsätzliche Positionen skizziere, die ich gegenüber ungebremsten Märkten und Kapitalismus vertrete, gebe ich ihn hier nochmal wieder.
Zeitgeistscheiß.

Was das ist, erfuhren wir den Tag vor gestern am eigenen Leib. Meine Freundin war seit einiger Zeit invalid und ließ sich von mir zur Arztpraxis begleiten. So inkompetent wie die dort Niedergelassene konnten die halbwegs alarmierenden Laborergebnisse (die Leukozyten schienen eine wilde Sause zu feiern) gar nicht sein; sie wurde, nein – wir wurden ins Krankenhaus gegenüber geschickt. Es stellte sich ein Warten ein. Nach der 16 kam die 17 zur 18 eine 19, schließlich die 20. Mehr als drei dieser Stunden dauerte meiner geliebten Dame die Kanüle, die allen Neuankömmlingen in der Notaufnahme, anscheinend als Standardprozedere, in die Ader gelegt wird. Das jedenfalls, was in dieser Zeit passierte, passierte nur den anderen, aber viel war das auch nicht. Ich ging zur Arbeit und kam zurück. Ich kaufte Hühnersuppe in der Dose und kam zurück. Irgendwann fragte S. bei den dortigen Autoritäten nach ihrem zu erwartenden Schicksal, das Sitzfleisch sei mager, die strukturelle Armbeugenintegrität rar. Die Schwester konnte auch nicht sagen, wann’s denn soweit sei. Viele Notfälle in der Inneren gäb’s, alles ist sehr beschäftigt. Mag sein, dachte ich bei mir, es sieht aber doch nach normalem Tagesbetrieb aus?
Ich werde gerade den Eindruck nicht los, dass unser wahrer Kanzler Oskar Lafontaine heißt. So wie sich die “Etablierten” dieser Tage panisch versuchen, irgendwie abzugrenzen, müsste Lafo eigentlich nur laut das Gegenteil von dem äußern, was er wollte, und sein Wunsch stünde stantepede auf der SPD-Agenda.
Da bringt die Linke etwa einen SPD-Vorschlag zum Mindestlohn ein und die interessanterweise immer noch in der “Sozialistischen Internationale” organisierten Anstecknadel-Sozialdemokraten schreien “Argh, Pariah! Also wenn die das fordern…” und wollen nicht mal mehr davon etwas wissen, dass sie mal zumindest sittenwidrige Löhne zu verbieten planten. Ganz besonders eifrig im Distanzierungswahn: Andrea Nahles, die aufgrund von zwei oder drei originär sozialdemokratischen Positionen überall als “Parteilinke” abgefeiert wird – plötzlich aber gar nichts mehr vom Mindestlohn wissen will, wenn die Falschen ihn vertreten. Nun, die Koalition einigte sich auf einen Kompromiss, mit dem alle leben können – bis auf die Niedriglöhner. Und rate mal, wie sich olle Brummbär Beck, der für jedes Publikum stets die passenden Worte frisch aus dem Zuckerwatteautomaten zu holen in der Lage ist, jetzt an die Gewerkschaften ranschmeißt – na?
Der Staat hat heute keine Fürsorgepflicht dem Bürger gegenüber mehr. Es mag vielen nicht aufgefallen sein, aber im Zuge der Arbeitsmarktreformen dürfen jemandem, der mehrmals Jobs ablehnt, sämtliche Leistungen aberkannt werden. Zu Deutsch: Dem Staat ist’s egal, ob jemand psychisch krank ist, beim Job gemobbt wird, ob der Sachbearbeiter den “Klienten” leiden kann oder nicht – wenn man der Stelle fernbleibt, für die jemand anders definiert, dass sie zu einem passt, gibt’s kein Geld mehr, nach dem Gusto “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen”. Das hat Konsequenzen. Vor Hartz IV war das nicht denkbar – Vater Staat durfte niemanden willentlich verhungern lassen. Heute… naja, den ersten “tragischen Einzelfall” gab es bereits – und da werden vermutlich noch mehr kommen. Wie gut, dass es die vom Metall-Arbeitgeberverband mit vielen Millionen Euro Jahresetat ausgestattete PR-Agitprop-Initiative für die Totalökonomisierung der Gesellschaft, INSM gibt. Deren hochbezahlter Professor Mengele Oberender ließ nämlich bereits im Dezember einen ebenso einfachen wie nützlichen marktregulierten Lösungsweg für das genannte Dilemma verlauten:
Wenn jemand existenziell bedroht ist, weil er nicht genug Geld hat, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren, muss er meiner Meinung nach die Möglichkeit zu einem geregelten Verkauf von Organen haben.
Jawoll. Man muss den Untermenschen Menschen die Freiheit geben, sich eigenverantwortlich gegen den Hungertod zu entscheiden und mit einem Abverkauf des eigenen Organkapitals als Sekundäreffekt die Wertschöpfungskette des Humankapitals zu optimieren. Denn Freiheit, ja – Freiheit, ist unser wichtigstes Gut. Durchgewunken, weitergemacht. [via]
Gestern hierüber gestolpert:
Industriekommissar Günter Verheugen (SPD) schlägt wie der Europaabgeordnete Alexander Radwan (CSU) vor, [das Milliarden teure Satellitensystem] Galileo nach dem Vorbild von GPS militärisch zu nutzen. So ließe sich wenigstens ein Teil der Kosten für die Mitgliedstaaten wieder hereinholen.
Schade dass hier nicht genauer darauf eingegangen wird, wie denn ein geographisch besser orientiertes Militär mehr Kohle machen will. Aber da gibt’s sicher Wege, gell?

Das fand ich ja mal sowas von eine super Aktion. Wie verwirrt der Thierse in dem Video vor sich hinstammelt… herrlich. Friedliches, aber spektakuläres Stören halte ich für eine gute Taktik.
[UPDATE:] [via]
Was euren Sicherheitsfundamentalismus betrifft, stoßt ihr gerade in Schäublesche Gewässer. Während es früher Einzelfälle waren, dass Kunden unserer Videothek ausgeliehene Filme nicht anschauen konnten (obwohl keine nennenswerten Kratzer draufwaren), ist das Phänomen “Kopierschutz killt Filmerlebnis” in den letzten Wochen aus meiner Warte massiv angestiegen.
Bitte bedenkt: Gerade Kassenknüller wie “Das Parfum” oder “Casino Royale” wollen gesehen werden. Wenn das selbst auf herkömmlichen DVD-Playern nicht klappt, dann seid ihr einfach blöde. Ich wage es kaum zu erwähnen – es gibt auch Leute wie mich, die DVDs auf ihrem Computer anschauen. Die reagieren ganz besonders allergisch darauf, wenn sich beim Einlegen der DVD irgendwelche fiesen kleinen Malware-Programme installieren, wie beim Film “Mr. and Mrs. Smith” geschehen. Und weil viele Computer-Benutzer auch nicht doof sind, installieren sie sich nach einer kurzen Google-Recherche für’s nächste Mal sogar AnyDVD[1] und haben nie wieder Probleme. Oder sie besorgen sich ihre Filme gleich aus anderen Quellen. Das wollt ihr sicher auch nicht, oder? Dann lasst verdammtnocheins diese Kundengängelungen! Die fehlende Einsicht in begangene Fehler nennt man Starrsinn. Jemand der sich auskennt, wird weiterhin eure Filme kopieren können – aber eure “legalen” Kunden und mich als beschwichtigenden Videotheken-Mitarbeiter treibt ihr in den Wahnsinn. Und sogar die Musikindustrie ist euch voraus.
- Auf die Seite des Herstellers SlySoft darf in Deutschland nicht verlinkt werden, da die Firma Programme herstellt, mit denen man kopiergeschützte Filme
anschauenkopieren kann. [zurück]

Foto: “Ronald McDonald / Stephen King’s ‘It’”: PartsnPieces (cc)
Ein ziemlich dicker Hund, den lobbycontrol.de da aufgedeckt hat: Die Frankfurter Rundschau gründet mit dem Projekt “FRiSCH” eine Initiative, mit der Schüler Artikel für die Zeitung schreiben. Soweit okay. Dabei werden sie journalistisch von einem “Projektbüro” begleitet. Etwas nebulös heißt es in der Selbstbeschreibung
Auf Wunsch organisiert unser Projektbüro für Sie Recherchetermine in Unternehmen oder kulturellen Einrichtungen. Hier können die Schüler hinter die Kulissen schauen, mit Experten diskutieren und sich über Ausbildungsmöglichkeiten informieren.
“Recherchetermine in Unternehmen” bedeuten in diesem Zusammenhang PR-Termine bei McDonald’s, denn die Fast Food-Kette ist “Medienpartner” der Aktion und nie um gute PResse verlegen:
Für die aktuelle Beilage wurden die jugendlichen Reporter eingeladen, einen Blick „hinter die Kulissen von McDonald zu werfen“. Sie durften einen Tag Burger braten, den Weg der Fleischproduktion mitverfolgen und ein Interview mit dem Chef von McDonald`s führen. Bei diesem durften sie sogar die gewünschten „kritischen“ Fragen stellen nach niedrigen Löhnen und Mitbestimmung. Aber mit guter Rhetorik gelang es dem Manager, McDonald’s als soziales Unternehmen darzustellen, das seinen Mitarbeitern gerne höhere Löhne zahlt und mit seiner Ronald McDonald Stiftung die Welt verbessert. (lobbycontrol)

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