meist manchmal, selten oft

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Musliminnen in London
(Regel Nr. 1 bei Zeitungsartikeln mit Islam-Bezug: Auf Symbolbildern nie lächelnde oder anderweitig normal wirkende Muslime zeigen)
Foto: cactusbones (cc)

Es gibt leider viele Artikel, die als Stichwortgeber für mehr Sicherheit im Schäuble’schen Sinne fungieren, indem sie den Duktus der Interpretation des Innenministeriums unreflektiert übernehmen. 14 Prozent, die mit der Rechtsstaatlichkeit “auf Kriegsfuß stünden” (SpOn) klingen nunmal auch alarmierender als 86 Prozent, die damit gut klarkommen, 40 Prozent “fundamental orientierte” klingt schlimmer als “60 Prozent der Religiösen interpretieren den Koran nach persönlichen Maßstäben”. Die junge Welt hat etwas angenehm Unhysterisches geschrieben, pamphlet.blogsport.de zitiert und fasst zusammen [via]. Ergebnis: Die Zahlen sind weitgehend mit denen aus der nicht-muslimischen Bevölkerung vergleichbar. Nebenbei: Bei von der Politik in Auftrag gegebenen Studien schwingt auch immer die Frage nach der Nützlichkeit der Ergebnisse mit. Solche, die unerwünschte Ergebnisse haben, wie diese über die Vorratsdatenspeicherung, verschwinden in der schweren Eichenholztruhe auf dem Dachboden des Bundestags. Die Frage, ob Wissenschaftler nicht auch Menschen und damit geneigt sind, die Methodik oder Deutung ihrer Ergebnisse so hinzubiegen, dass eine prominente Veröffentlichung wahrscheinlicher wird, sollte man (nicht bei diesen, aber anderen Fällen) im Hinterkopf behalten.

A propos Islamophobie: Dia taz seziert lesenswert, was die Solidaritätswelle für Marco, eigentlich ausmachte. Ich nehm’s Ergebnis mal vorweg:

Zum Gefangenen des Jahres wird man nur, wenn man in Feindesland im Knast festgehalten wird. Platte Islamfeindlichkeit und dumpfer Türkenhass sind der Resonanzboden, auf der Marcos Heldengeschichte gediehen ist.

Und noch einer. Malte erörtert auf Spreeblick nicht minder lesenswert das verquere Weltbild von Henryk M. Broders Busenkumpel Leon de Winter.

Das Deutschlandradio-Interview mit Heiner Rindermann und seinen wirren, teils rassistischen Thesen zur Verbindung von “Rasse” und Intelligenz, wirbelt Staub auf. Gestern erhielt ich eine E-Mail, der eine Pressemitteilung beigefügt war, in der sich das Institut für Ethnologie und Afrikastudien an der Uni Mainz scharf von Rindermanns Aussagen distanziert und das übrigens auf den Punkt gebrachter als ich es konnte. Hier ein Auszug:

In seinen Erklärungen auf Deutschlandradio Kultur macht Rindermann genetische Dispositionen bei “Menschenrassen” für unterschiedliche Ausprägungen von Intelligenz verantwortlich. Rindermann verfügt aber anscheinend weder über biologisches noch medizinisches Fachwissen, denn mit aktueller naturwissenschaftlich-medizinischer Forschung lassen sich seine Behauptungen nicht stützen. Dennoch beharrt er darauf, es gebe drei genetisch determinierte Menschenrassen – Weiße, Schwarze und Asiaten entsprechend den drei Hauptgruppen Europide, Negride und Mongolide früherer Rassentheorien. Dass Gene tatsächlich zwischen verschiedenen Bevölkerungen auf unterschiedlichen Kontinenten variieren, sieht Rindermann schlicht durch die Tatsache wahrnehmbarer Unterschiede wie z.B. die Farbe der Haut als bewiesen an. Dabei ignoriert Rindermann humangenetische Erkenntnisse, nach denen phänotypische Merkmale wie der Pigmentierungsgrad der Haut keine Rückschlüsse auf genetische Ähnlichkeiten zulassen. Ebenso unberücksichtigt bleibt, dass genetische Differenzen weltweit kontinuierlich variieren, in der Regel innerhalb lokaler Populationen sogar stärker sind als zwischen geographisch entfernten Gruppen. Als Konsens in der Forschung kann gelten, dass ein auf biologischen Kategorien basierendes Konzept menschlicher Rassen unhaltbar ist. Verwendet wird der Begriff für Menschen allenfalls in einem politischen Kontext zur Beschreibung von Fremd- und Selbstwahrnehmungen, die sich in gesellschaftlich erfahrbaren Realitäten manifestieren.

«[Update:] Heiner Rindermann über Rasse und Intelligenz» weiterlesen

contempt
Foto: petulant_seraph (cc)

Die neue “Deutsche Zustände”-Studie von Wilhelm Heitmeyer, die sich mit gruppenbezogener Abwertung und Menschenfeindlichkeit befasst, ist veröffentlicht.

Während in der medialen Verarbeitung die Ergebnisse letztes Jahr eine Besorgnis erregende Zunahme der Islamophobie zentrale Beachtung fand, konzentriert sich die Aufmerksamkeit dieses Jahr auf die in der Studie neu integrierten Langzeitarbeitslosen. Bemerkenswert dabei ist, dass die Abwertung dieser häufig falsch mit Hartz IV-Empfängern gleichgesetzten Gruppe zunimmt, je niedriger der soziale Status des Befragten. Es scheint ein starker Wille zur Distinktion “nach unten” zu bestehen.

Ebenfalls beachtenswert ist die generelle Zunahme ökonomistischer Einstellungen, welche sich z.B. dadurch auszeichnen dass Menschen zuvorderst nach ihrem gesellschaftlichen Nutzen bzw. persönlichem Vorteil bewertet werden.

Der forcierte Übergang von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft zeigt sich darin, dass ökonomistische Prinzipien wie Effizienz und Nützlichkeit das soziale Leben durchdringen und andere, nicht marktrelevante Grundsätze wie Empathie und Fürsorglichkeit überformen oder gar zurückdrängen. Ökonomistisches Denken ist die subjektive Verankerung kapitalistischer Logik in der Gesellschaft. Das hat zur Folge, dass sich ökonomistisches Denken in breiten Bevölkerungskreisen entwickelt und verankert hat. Ein Indikator ist dabei der von den Menschen wahrgenommene Flexibilitätszwang. Damit meinen wir, dass auch die Elemente des gesellschaftlichen Zusammenlebens, etwa soziale Beziehungen, einer Gewinnkalkulation unterzogen werden. (Heitmeyer in der Zeit)

Harvard Graduation 2006
Foto: anzowitty (cc)

Intelligenz meint, ein gegebenes Problem möglichst geschickt, also mit so geringem Aufwand wie möglich und unter Einbeziehung und Abstraktion bestehender Ressourcen und Erfahrungen, zu lösen. Würde ich sagen. Die Tatsache, dass verschiedene Kulturen unterschiedliche Arten zu Denken entwickeln mussten, um bestangepasst in ihrer Umwelt zu bestehen, ist erst einmal profan. Ein australischer Ureinwohner muss nicht viel von Algebra oder dem syntaktischen Aufbau eines Sonnets verstehen — er ist intelligent, wenn er sich geschickt anhand der Gestirne orientieren, in der Wildnis überleben und ein Feuer entfachen kann. Darüber, ob die jeweils vorteilhaften Individualeigenschaften sozial, genetisch oder in einer Mischung aus beidem vererbt werden, dürfte sich streiten lassen.

Im Deutschlandradio-Interview mit Bildungsforscher Heiner Rindermann (zum Hören: Flash | mp3) zieht der Interviewte zu dieser Frage lässig die vom Burt-Skandal geschüttelte Zwillingsforschung heran — nicht sonderlich seriös. Eine unseriöse Basis hat dessen Untersuchungsobjekt — Intelligenzunterschiede zwischen den Rassen — auch deswegen, weil, obwohl eingangs das Gegenteil behauptet wird, als Maßstab eben genau die westlich dominierte Version von Intelligenz angelegt wird. Diese sind freilich dank der omnipräsenten Skala “IQ” schon eindimensional genug ist. Das Ergebnis, es gebe über- und damit unterlegene Rassen, ist so zwangsläufig. Metaphorisch: Man stelle sich vor, eine Flasche Moet Chandon mit einer Flasche Wodka Gorbatschow zu vergleichen und als einziges Kriterium den Alkoholgehalt heranzuziehen.

Die Grenzziehung, die Rindermann vornimmt ist eine “zwischen Weißen, zwischen Schwarzen und zwischen Asiaten als die drei Großgruppen” und damit willkürlich, weil sie bereits auf einer rassistischen Grundannahme konsistenter kultureller Eigenschaften auf Basis der Hautfarbe, Kopfform oder sonstwas[1] beruht. Mal abgesehen davon, dass die Umwelt und Ausprägungen des Wissens eines durchschnittlichen Japaners in Tokio und der eines europäischen Großstadtbewohners heute einander wesentlich näher sind als die desselben Japaners und, etwa, eines chinesischen Bauern, lässt der Forscher auch außer Acht, dass seine Einteilung keine Übergänge, keine Mischungen der Rassen einbezieht und auch nicht der Frage nachgeht, wie groß der Anteil der genetischen Voraussetzungen, sprich: das Talent, im Vergleich zu den Faktoren Umwelt und Bildung auf die Intelligenz des Individuums sind.

Der dickste Hund allerdings ist der, dass Rindermann, anders als er sich zum Schluß verteidigt, meines Erachtens keineswegs im Sinne des Postulats wissenschaftlicher Wertfreiheit forscht.

Gut, Sie haben jetzt aber gefragt, warum man so etwas erforschen sollte. Die OECD, die macht ja beispielsweise international vergleichende Schulleistungsstudien, um festzustellen, wo Schüler mehr lernen, wo sie über höhere Kompetenzen verfügen, und man nimmt an, dass diese Kompetenzen – auch unter dem Begriff Humankapital – zum Beispiel relevant sind für Wirtschaftswachstum, für wirtschaftliche Produktivität, aber auch für andere, positiv bewertete, gesellschaftliche Phänomene wie zum Beispiel Demokratie, oder auf individueller Ebene zum Beispiel Gesundheit.

Nicht nur seien, so Rindermann, manche Völker bzw. Rassen demokratiefähiger als andere, was im Grunde schon Kulturalismus par Excellene ist. Nein — hier blitzt für einen kurzen Moment unverhohlen auf, worum es eigentlich geht. Die Nutzbarmachung des Menschen als Rohstoff, seiner Arbeitskraft, seiner Produktionseffizienz. In der Summe ein auf Rasse und Effizienz reduziertes Menschenbild das hier als positiv und Identität stiftend hingestellt wird.

Ja, sie [die Unterschiede zwischen den Kulturen] sind nicht unveränderlich, das ist höchstwahrscheinlich richtig, aber wir wissen nicht, ob nicht das Muster der Unterschiede immer gleich bleibt. Es könnte zum Beispiel sein, dass in 100 Jahren auf einem höheren Niveau weiterhin solche Unterschiede bestehen, zum Beispiel, weil Ostasiaten besonders fleißig sind und sie einer Kultur angehören, die Fleiß sehr honoriert und diese Art von Kultur ändert sich auch nicht so schnell im Vergleich zum Beispiel zur europäischen oder schwarzafrikanischen oder sonstigen Kulturen.

Fleiß (eigentlich: Fleiß im Sinne der Produktion[2] ) ist ein anerzogener bzw. gesellschaftlich oktroyierter Wert, keine genetisch beeinflusste Eigenschaft. Fleiß zu naturalisieren bedeutet, den Unfleißigen Widernatürlichkeit zu unterstellen. Wenn es nicht so abgedroschen klänge, würde ich an dieser Stelle sagen, dass die Forschung Rindermanns Ausdruck des immer totaler werdenden Primats einer nach nach ökonomischen Kriterien ausgerichteten Weltanschauung ist. Die Tatsache, dass selbst intelligente Leute zu blind sind, das nicht als Ideologie zu sehen ist Ergebnis der vollendeten Naturalisierung. Und ziemlich traurig.

  1. hab im Rassenkunde-Unterricht nicht aufgepasst [zurück]
  2. Das musste ich an dieser Stelle verdeutlichen, weil ich nämlich auch jemanden, der stundenlang vor dem PC sitzt, um seinen “World of Warcraft”-Charakter hochzuleveln, fleißig finde. Ähnlich verhält es sich mit Disziplin/ Unterordnung, die es nicht nur in Schule und Job gibt, sondern auch im Counterstrike-Clan. [zurück]

Wirklich hervorragend, die Untersuchung “Deutsche Zustände 2006″ des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer (Zusammenfassung in der ZEIT), in dem die aktuellen Ausprägungen von Rassismus in Deutschland untersucht werden, den er zutreffend “gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” nennt. Beklemmend finde ich, dass er meine subjektive Erfahrung und Deutung dahin gehend vollständig empirisch bestätigt. Heitmeyer benennt eine sprunghaft angestiegene irrationale Furcht vor allem vor Muslimen in den letzten Jahren, sowie erhöhte Empfänglichkeit für abgrenzend-verallgemeinernde Charakterzuweisungen auf ganze Volks-, Religionsgruppen und Ethnien, die durch Faktoren wie Patriotismuskampagnen (“Du bist Deutschland”, “gesunder” Patriotismus bei der WM), Wohnen in strukturschwachen, ländlichen Regionen und die Zugehörigkeit zur Mittelschicht verstärkt werden. Abgrenzung nach “unten” sei dabei ein Motiv für Letztgenannte. Das Interview mit Heitmeyer in der taz ist in Bezug auf die gesellschaftlich absolut salonfähige Islamophobie ebenfalls aufschlussreich:

Leute, die Vorurteile haben, (springen oft). Heute sind sie gegen Juden, morgen gegen Homosexuelle. Es nutzt nicht viel, nur Antisemitismus oder Rassismus abzufragen. Man muss alles – also das, was wir “gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” nennen – in den Blick nehmen.

und

(…) normalerweise gilt: je höher die Bildung, umso weniger Abwertung. Das stimmt in Bezug auf Obdachlose, Homosexuelle, Juden, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Rassismus. Nur beim Islam ist das anders. Dort schützt Bildung weniger vor der generalisierten Abwertung der Kultur des Islam.

Manchmal stelle ich mir vor, dieser Tage ein türkischstämmiger Muslim zu sein. Alle würden von mir verlangen, irgendeine ominöse Leitkultur zu akzeptieren. Ständig müsste ich mich rechtfertigen, Muslim zu sein und ständig würde ich mit Argusaugen betrachtet – ich könnte ja ein Terrorist sein. Die wenigen in meinem Kiez die “Deutsch” aussehen, leben mir genausowenig ein auf Toleranz basierendes Wertesystem vor wie meine Eltern. In der Schule bin ich von vornherein auf Arbeitslosigkeit programmiert. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendjemandem in diesem Land etwas wert bin, so sehr ich mich auch anstrenge. Denn jeder, der mir auf der Straße entgegenkommt, sieht in mir – nein, nicht den jungen Mann, nein, nicht den Hip Hopper, nein, auch nicht den hedonistischen Konsummaterialisten. Für mich gibt es im Alltag ausserhalb meiner Community nur eine Kategorie: Türke. Oder Moslem, was im Prinzip gleichbedeutend ein negatives Attribut ist. Der einzigen Weg, den ich beschreiten kann, ist der innerhalb meines Milieus, denn jahrzehntelang wurde es politisch versäumt, dieser Entwicklung zur Parallelgesellschaft entgegenzuwirken. Und heute wagt es irgendein FAZ-Feuilletonist, ein CSU-Mann, der noch schlechter Deutsch spricht als ich oder ein Brandenburger Neonazi, von mir Integration zu verlangen?

Man kann es durchaus mit der Angst bekommen, in Deutschland zu leben. Diese Studie ist sehr gut und zeigt zudem warum die Soziologie eben doch nicht so lebensfern ist. Davon abgesehen finde ich, dass eine Betrachtung der Medien in dem Mosaik fehlt. Das Bild von Migranten, Juden, Muslimen, Homosexuellen, etc. wird maßgeblich von ihnen bestimmt, gerade in Gegenden und Milieus, die keinen persönlichen Kontakt zu genannten Gruppen, sei es aus Gründen der Distinktion oder schlicht der Wohnumgebung, haben. Und wenn der SPIEGEL bspw. vom Islam sehr ausführlich, aber grundsätzlich in negativen oder abwertenden Kontexten berichtet, sieht man auch einen Ausgangspunkt für solche Meinungen, die sich mehr und mehr im Mainstream verhärten.

Karlsquell

Etwas Unterricht in Sachen Unterschicht für Münte, Söder und Freunde.

  • Unterschicht ist eine Kategorie in verschiedenen Modellen gesellschaftlicher Differenzierung.
  • Die Soziologie, genauer: die Sozialstrukturanalyse, kennt noch andere Kategoriensysteme zur gesellschaftlichen Differenzierung: Von Marxens alter Klassentheorie (etwas outdated) über Webers Stände, Dahrendorfs “Haus” und Bourdieus Milieus bis hin zu aktuellen Marktforschungsinstrumenten wie den SINUS-Milieus.
  • Jedes dieser Systeme ist ein Modell: Ein vereinfachendes Abbild der Wirklichkeit, ein bisschen wie eine Brille mit farbigen Gläsern. Manche Farben sieht man, andere (die einen nicht interessieren) nicht. Modelle sind deswegen wichtig, weil man die ganze Komplexität der Welt wissenschaftlich nicht erfassen. Deswegen beschränkt man sich in einem Modell auf einige Aspekte der Wirklichkeit, um nur bestimmte Sachverhalte zu überprüfen: Für einen Marktforscher macht es wenig Sinn, den Bildungsgrad der Eltern eines potentiellen Kunden zu untersuchen, während das statistische Bundesamt zwar interessieren könnte, wieviel im Monat für Kleidung ausgegeben wird – aber nicht welcher Marke.
  • Der Begriff Unterschicht kommt in vielen dieser Modelle vor (z.B. hier). Seine negative Konnotation erhielt er, meine Vermutung, nicht zuletzt durch Harald Schmidt (“Unterschichtenfernsehen”). Das ändert aber nichts an der Wertfreiheit des Begriffs in der wissenschaftlichen Sphäre. Er umfasst heutzutage im Allgemeinen neben einer ökonomischen Schlechterstellung auch Merkmale wie Bildungsarmut, Chancenlosigkeit, schlechte Gesundheit und Ernährung, Tendenz zu Süchten und Depressionen.
  • Dieser Schicht zu entrinnen ist in kaum einem Land so schwierig wie in Deutschland – sowohl auf individueller Ebene als auch zwischen den Generationen. Man spricht hier von fehlender bzw. ausschließlich nach unten weisender sozialer Mobilität .
  • Die Frage, ob eine Unterschicht existiert, ist also vom wissenschaftlichen Standpunkt her nicht klar zu beantworten. Es ist die Frage danach, mit welchem Modell man die Welt betrachtet. Vergleichbar ist das vielleicht mit Musikrichtungen: Gibt es “Emo”? Oder ist etwas “Rock”? “U-Musik”? “Krach”? Eine Frage, die keinen Sinn ergibt. Dennoch gibt es die einzelnen Phänomene. Nur weil man sie nicht benennen mag, weil sie ein Politikum darstellen, heißt das nicht, dass sie nicht existieren. Münteferings Sicht ist also in gewisser Hinsicht nachvollziehbar, spricht aber Bände über seine Fähigkeit, wahrzunehmen und zu abstrahieren, sprich: zu denken. Helfen könnte da aber bereits das schmale Heftchen “Sozialer Wandel in Deutschland” von Rainer Geißler, das es seit Jahren kostenlos (auch für MdB!) bei der Bundeszentrale für Politische Bildung sowie den entsprechenden Landeszentralen gibt. Hier in Berlin ist das Ding am Anhalter Bahnhof.
  • Und – BITTE – ihr Euphemisten da oben. Erzählt mir nichts über stigmatisierende Begriffe. Soziale Hängematte wäre auch so einer. Parasiten. Mitnahmementalität. Oder asozial .
  • Leider wird die Diskussion in ein paar Tagen abgeebbt sein. Dabei umfassen ihre Konsequenzen heutzutage fast alle politischen Bereiche. Beinahe jede gesellschaftliche Diskussion der letzten Monate in Deutschland hatte sehr direkt mit Armut und Chancenlosigkeit zu tun. Der ansteigende Rechtsradikalismus, Politikverdrossenheit, Kindesmisshandlungen und -tötungen sind verschiedene Seiten der gleichen Medaille. Die Rütlischule litt unter genau dieser Problematik, aber mit dem Moslem-Bashing wurde ein willkommener Realitäts-Katalysator gefunden. Hört auf damit, liebe Politiker, über Begriffe zu schwadronieren. Setzt euch lieber mal ein Stündchen in eine Arbeitsagentur und hört euch an, was die Menschen zu sagen haben.

Eine okaye Radiosendung zum Thema ist der aktuelle hr2-Tag: Gefahr für Leib und Leben – Kindheit in Deutschland.