Archiv für das Schlagwort ‘Wolfgang Schäuble’
(via Jeriko)
Bald beginnt wieder die Zeit, da Papier, Kleister und Pressspan an den Bäumen und Pfählen der Republik verrotten. Ingredenzien, die nicht minder gammelige Produkte, nämlich unsere Parteien, anpreisen. Es geht um die Bundestagswahl 2009. Da zu erwarten ist, dass man im kommenden Wahlkampf wie immer mit Nullaussagen und bizarren Gestalten von schlecht geshoppten Plakaten angeschrien wird, die ja doch nur verschönert oder bis zur Totalvergilbung hängen gelassen werden, habe ich mich entschlossen hier hin und wieder einen Alternativvorschlag zu veröffentlichen. So wie den Herrn Schäuble oben, Parteisymbol und den Namen des Herrn habe ich aus purer Absicht, wegen der Viralität, weggelassen. Es wäre doch toll, sowas mal auf der Straße zu sehen. Mach doch auch mit! Eyecatcher und freche Slogans sind gefragt, Hauptsache, irgendwie unkonventionell — husch husch, ans Werk.

Mit Ganzkörperscannern will eine EU-Kommission zukünftig die Sicherheit an Flughäfen erhöhen. Auf den Bildern soll man einen Menschen dreidimensional quasi nackt erkennen können, inklusive der Genitalien. Wer hier einen Angriff auf die Würde des Menschen sieht, hat recht. Ein Generalverdacht gegenüber allen Bürgern und damit eine Umkehrung der Unschuldsvermutung ist die geistige Basis für solche Maßnahmen, ebenso wie übrigens bei der Vorratsdatenspeicherung.
Die andere Frage ist, welchen Mehrwert eine solche Maßnahme der Terrorbekämpfung bringt. Von Keramikmessern und Plastiksprengstoff ist die Rede, die bei den gängigen Untersuchungen per Metallscanner und Körperabtastung nicht entdeckt würden. Mal Butter bei die Fische: Offenbar haben die EU-Bürokraten im Sinn, dass sich ein zu allem bereiter Dschihadist derlei in den Mastdarm (Enddarm) schiebt — um es an Bord zu seinem schändlichen Vorhaben wieder hervor – äh, zu zaubern. Ganz ehrlich: Da mag der Sicherheitsindustrie noch so viel Knete verloren gehen, aber eine einfache Sitzprobe, bei der jeder Fluggast sich vor dem Abflug für zehn Sekunden auf einen unbequemen Schemel setzt, würde genauso effizient, billiger und erheblich strahlungsärmer sein.
Dass die Genitalbeschau aus Sicherheitsgründen völliger Unsinn ist, dürfte den meisten Leuten mit ungetrübtem Verstand klar sein. Bei Wolfgang Schäuble überrascht eine solch klare Einstellung aber doch. Eine seiner Sprecherinnen ließ sich mit den Worten “Ich kann Ihnen in aller Klarheit sagen, dass wir diesen Unfug nicht mitmachen” zitieren. Selbst Sicherheitsmaniac Wiefelspütz mag die Lösung nicht. Nun, ich mutmaße mal: Hätte der Boulevard das Thema am gestrigen Freitag nicht mit Empütterung belegt[1], wäre auch die Ablehnung von Airport-Peepshows durch jene Volksvertreter, die sonst für jeden Spaß zu haben sind, weit weniger hörbar gewesen. “Wir sind uns doch alle einig, dass die persönliche Intimsphäre unantastbar ist!” schwingt da im Subtext der hehren Worte, ausgesprochen von den Erfindern und Rechtfertigern der Antiterrordatenbanken, Computerschnüffelprogramme, Vorratsdatenspeicherung und wasweißichnochalles, mit. Misstrauen ist angebracht, wenn den Sicherheitsparanoikern unter den Volksvertretern die Möglichkeit gegeben wird, sich als erbitterte Verteidiger der Bürgerrechte zu inszenieren. Der nächste Schäuble-”Vorstoß” könnte von BILD und Rattenschwanz schon wieder als notwendiges Übel plus X abgefeiert werden. Wenn 10 Millionen Menschen, die täglich den größten Dreck der deutschen Journalismusgeschichte fressen, im Hinterkopf haben, dass alles ja nicht so schlimm sei und Wolfgang S. durchaus Grenzen kenne, dann hat dieses kleine Kabinettstückchen ihre Wirkung erreicht.
- aus dem verlinkten BILD-Artikel stammt die volkstümelnde Überschrift dieses Posts [zurück]

(Regel Nr. 1 bei Zeitungsartikeln mit Islam-Bezug: Auf Symbolbildern nie lächelnde oder anderweitig normal wirkende Muslime zeigen)
Foto: cactusbones (cc)
Es gibt leider viele Artikel, die als Stichwortgeber für mehr Sicherheit im Schäuble’schen Sinne fungieren, indem sie den Duktus der Interpretation des Innenministeriums unreflektiert übernehmen. 14 Prozent, die mit der Rechtsstaatlichkeit “auf Kriegsfuß stünden” (SpOn) klingen nunmal auch alarmierender als 86 Prozent, die damit gut klarkommen, 40 Prozent “fundamental orientierte” klingt schlimmer als “60 Prozent der Religiösen interpretieren den Koran nach persönlichen Maßstäben”. Die junge Welt hat etwas angenehm Unhysterisches geschrieben, pamphlet.blogsport.de zitiert und fasst zusammen [via]. Ergebnis: Die Zahlen sind weitgehend mit denen aus der nicht-muslimischen Bevölkerung vergleichbar. Nebenbei: Bei von der Politik in Auftrag gegebenen Studien schwingt auch immer die Frage nach der Nützlichkeit der Ergebnisse mit. Solche, die unerwünschte Ergebnisse haben, wie diese über die Vorratsdatenspeicherung, verschwinden in der schweren Eichenholztruhe auf dem Dachboden des Bundestags. Die Frage, ob Wissenschaftler nicht auch Menschen und damit geneigt sind, die Methodik oder Deutung ihrer Ergebnisse so hinzubiegen, dass eine prominente Veröffentlichung wahrscheinlicher wird, sollte man (nicht bei diesen, aber anderen Fällen) im Hinterkopf behalten.
A propos Islamophobie: Dia taz seziert lesenswert, was die Solidaritätswelle für Marco, eigentlich ausmachte. Ich nehm’s Ergebnis mal vorweg:
Zum Gefangenen des Jahres wird man nur, wenn man in Feindesland im Knast festgehalten wird. Platte Islamfeindlichkeit und dumpfer Türkenhass sind der Resonanzboden, auf der Marcos Heldengeschichte gediehen ist.
Und noch einer. Malte erörtert auf Spreeblick nicht minder lesenswert das verquere Weltbild von Henryk M. Broders Busenkumpel Leon de Winter.
… macht doch mal bessere Vorschläge!
(Im Video steht falsch “Außenminister”. Es müsste “Innenminister” heißen.)
