Taxifahren

Taxifahren
Bild: tigoe (cc)

Wenn man in einem Taxi sitzt, hat man wenig Einfluss darauf, wie der Zeitraum in der Fahrgastzelle akustisch bepinselt wird. Als Kunde weiß man ja nicht, ob der Taxifahrer einer dieser berüchtigten „Berliner Originale“ ist, welcher etwa den Vorschlag, den Radiosender zu wechseln gleich als Angriff auf seine Souveränität wertet und loswettert („Ick hab hier Hausrecht!“). Die Folgen eines eingeschnappten Fahrdienstleisters könnten furchtbar sein: Ist der Fahrer erzürnt, fährt er besonders langsam oder einen Umweg über mindestens zwei unnötige Stadtteile („Is‘ grade Berufsverkehr, den umfahr ick besser“) und nachher zahlt man dann noch entsprechend mehr und das ist dann extra bitter.

So fuhren wir zwar schnell und auf direktem Wege, aber vom Krakeelen brünftiger Puter und dem Geröhre trächtiger Bachen begleitet — im Radio lief der auf „RnB“-Musik spezialisierte Berliner Sender Kiss FM — von Friedrichshain nach Neukölln. Der noch junge Tag war verhangen, es nieselte, außer der per Ultrakurzwelle übermittelten grotesken Laute vernahm man nur das leise Kricken und Kracken des Taxifunks und die Empörungsbekundungen unseres kleinen Katers (unbekannt, ob sie nun dem Radioprogramm oder dem Ziel der Fahrt galten: einer Tierarztpraxis unseres Vertrauens).

Die Stunde war voll und auf „Kiss“ kamen die Mary J. Blige unterbrechenden Wetter- und Verkehrsmeldungen, selbst noch unterbrochen von Nachrichten. Mit wenig Soul in der Stimme las eine Dame die Ereignisse des Tages vor.

In der letzten Sitzung des Bundesrats vor der Winterpause wurden heute noch einige Gesetze beschlossen, darunter auch das sogenannte BKA-Gesetz. Es sieht unter Anderem vor, dass Online-Durchsuchungen nur mit richterlicher Genehmigung angeordnet werden dürfen.

Falsch, stupid. Das Gesetz sieht zuerst mal vor, dass es Online-Untersuchungen überhaupt geben darf. Mal genauer hinschauen: Die Regierung bringt einen Misthaufen von einem üblen, grundgesetzwidrigen Gesetzespaket in die öffentliche Diskussion und schließlich ins Parlament ein. Und wie kanzelt man den Widerstand gegen die vor langer Zeit mal „Bundestrojaner“ genannte neuerliche Invasion der Privatsphäre ab? Vermittlungsausschüsse, „Zurückrudern“ genannte Lippenbekenntnisse. Der Staat geht zehn Schritte vor in Richtung des totalitären Überwachungsstaates und mit dem ach so tollen Richtervorbehalt wieder einen Schritt zurück, aber was in der Wahrnehmung der mit diesem Gesetz bedachten Masse klebenbleibt (nicht pauschal, aber in der Tendenz), ist nur der Schritt zurück. Die richterliche Überprüfung ist nichts weiter als Volksberuhigung und das weiß ein PR-geschulter Politiker auch, er kalkuliert damit. In der vorweihnachtlichen Zeit, die für die meisten Menschen eher Stress als Besinnung darstellt, ist es zudem noch einfacher so ein abartiges Gesetz an der Aufmerksamkeit der Bürger vorbei einzuführen.

Im nächsten Jahr sind Wahlen. Wie hoch wird der Prozentsatz der Wahlberechtigten sein, der an der Urne steht und sich des BKA-Gesetzes, der Vorratsdatenspeicherung, biometrischer Reisepässe, der §129a-Prozessfarcen, der Telefonüberwachungen und all der anderen Stachel im Fleisch der eigenen Privatsphäre erinnert?

Die Nachrichten waren vorbei und wir an unserem Ziel angelangt. Endlich. Es regnete nicht mehr, aber der Himmel war immer noch grau.

2 Kommentare

  1. Hiermit können wir also schlussendlich weltweit festlegen: Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus, Taxler vom Pluto 😉 Willkommen auf der Vega! #lmao

    PS: Freue mich hiermit noch mehr auf mein Berlin-Besuch mitte März 😉

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