Tempelhof

Tempelhof: Platz der Luftbrücke und Flughafengelände
Foto: jaywaykay (cc)

Heute ist Wahltag. Auch die in diesem Haushalt lebenden Personen werden Kabine und Urne beehren. Um aus dem Wahlgeheimnis keine Mördergrube zu machen: Wir stimmen gegen den Erhalt des Flughafens Tempelhof.

Ich selbst kann nicht behaupten, dass das Ding im Herzen, oder vielleicht eher: der Milz Berlins, mich ganz kalt ließe. Umme Ecke, also quasi direkt daneben habe ich zwei Jahre meines Lebens gewohnt, in einer Wohnung, deren Auslegware grasgrün war. Ich erwähne das nur, weil das wohl die für mich prägnanteste Assoziation zu Tempelhof (dem Stadtbezirk) bleiben wird. Den Fluglärm überhört man wirklich mit der Zeit, man stumpft da ab wie ein Bestatter bei der Leichenpediküre. Kann mir vorstellen, dass der Lärm den Anwohnern eine Zeitlang sogar fehlen würde. Direkt am Zaun neben dem Flugfeld küsste ich einst eine längst verblichene Liebe zum ersten Mal, viele Male fuhr ich mit der S-Bahn von Neukölln zur Zivildienststelle in Tempelhof, mich stets aufs Neue wundernd, dass sich direkt am Flughafen etliche Leute freiwillig in zahlreichen Kleingartenkolonien ansiedelten. Mehr als einmal lief ich am Flughafen entlang und ergötzte mich an der Lichterflut, die nachts auf dem Rollfeld herrscht. Die immensen Dimensionen des Flughafengeländes weiß man, so finde ich, nur abzuschätzen, wenn man ihn einmal komplett zu Fuß umrundet hat.

Ja, ich wünsche mir, dass dieser Ort erkennbar erhalten bleibt. Auch die hässlichen „Germania“-im-Geiste-Prachtbauten aus der Nazi-Ära kann man meinetwegen stehen lassen. Aber herumbrummende Flugzeuge will ich da tatsächlich keine mehr haben.

Warum? Na, ich denke der amerikanischen Rosinenbomber-Großzügigkeit kann man auch ohne Flugbetrieb gedenken. Ebenfalls halte ich das Argument, wonach Tempelhof wirtschaftlich Sinn ergäbe, für nicht nachvollziehbar. Hab jetzt keine Lust das plattzuwalzen, klaubs dir aus der $beliebige_zeitung zusammen. Schönefeld wird schon seit einiger Zeit ausgebaut und das soll ja auch seinen Sinn haben. Ich denke, man könnte wesentlich bessere Dinge mit dem Gelände anstellen. Ob’s nun ein Lunapark ist, ein Erholungsgebiet, eine Shopping Mall — verdammt nochmal: Alles ist besser als so eine innerstädtische Kerosinregen-Produktionsgenossenschaft. Na gut, Shopping Mall muss nun doch nicht sein. Wenn man mich jetzt, wie die Flughafenbefürworter es seit Wochen tun, lokalpatriotisch packen will und erklärt: Willst Du Bewohner einer Kreis- oder Weltstadt sein?, dabei darauf verweist, dass – oho – Helsinki auch einen Innenstadtflughafen besitzt, dann fühle ich mich eher von dem jeglichen Understatement vermissen lassenden Argumentationsmuster in meiner kosmopoliten Seele negativ penetriert, als dass ich das irgendwie annehmen könnte. Max Goldt hat mal sinngemäß gesagt, dass diejenigen die schlimmsten Pharisäer sind, die ständig für sich den Status „Weltstadt“ beanspruchen, damit hat er recht.

Einer der widerlichsten Akteure in der vorliegenden Causa ist natürlich Friedbert Pflüger. Nicht genug, dass seine CDU vor 12 Jahren unter Diepgen den Tempelhof-Shutdown selbst beschlossen hat. Nein, der Kerl muss sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit dieser Tage als Kreuzritter des Bürgerwillens inszenieren, als letzter aufrechter Demokrat im Berliner Senat sozusagen. Man möge es mir verzeihen, aber: lol. Dieses Volksbegehren ist auf seinem Mist gewachsen, Pflügers Profilneurose kostet die Bürger Millionen von Euro. Sollte man vielleicht nicht ganz außer acht lassen.

Und da schau her: Folker F. aus Münster/Westf schreibt einen Leserbrief an die Berliner Zeitung!

Retten Sie den Flughafen!
Wir fliegen bei jedem Besuch nach Tegel oder Tempelhof. Schönefeld kommt für uns wegen seiner abgelegenen Lage als Flughafen nicht infrage – und so denken alle unsere Freunde in Münster und Brüssel. Leider können wir nicht mit abstimmen. Also retten Sie Tempelhof!

Ein Grund mehr, dagegen zu sein.

Der wichtigste Grund aber, warum ich bei meinem Nein-Kreuz nachher den Kuli ganz besonders fest aufdrücken werde, ist meine aufrichtige Abscheu gegen die Fuzzis aus dem Hause Axel Springer. Seit Tagen, seit Wochen produzieren diese Schaumschläger ein kaum fassbares Propagandafeuerwerk für den T’hof-Erhalt.

Barth: Tempelhof = Berlin
Ausriss: Bild.de

Da werden dutzende Pseudopromis angekarrt, grenzdebile Listen mit Pro-Argumenten wie „(weil) Schauspieler Tom Cruise hier mit seinem Helikopter zu den Dreharbeiten nach Brandenburg abhob“ kompiliert, die Jugend rapt auch drüber, da wird nicht das kleinste Gegenargument zugelassen, die Titelseiten mit Manipulationskleister zugemüllt — kurz: Der Leser wird in vier verschiedenen Tageszeitungen (BZ, Bild, Welt, Morgenpost) ohne Sinn und Verstand eingeschworen, ja das Kreuz für den „Flughafen der Herzen“ (Bild) zu machen. Für mich, der sonst aus Egalheit (der Flughafen wird vermutlich auch bei einem positiven Volksbegehren stillgelegt) vielleicht gar nicht zur Wahl gegangen wäre, ist es jetzt eine Frage der Ehre, dagegen zu stimmen. Die Feuerprobe darauf, wieviel Macht das amoralische Pack aus der Drecksbude Springer wirklich hat. Ich hoffe das Beste, ahne jedoch das Schlimmste.

9 Kommentare

  1. Pingback: Duckhome

  2. Prinzipiell alles richtig, korrekt und nachvollziehbar. Ich folge unter dem Strich aber eher der Einschätzung vom schockwellenreiter, dass das, was nach dem Flughafen kommt, schlechter sein wird. Lieber den Flughafen, folgert er.

  3. Was folgen wird, ist evtl. erstmal jahrelang eine olle Industrieruine. Was schöneres gibt es fast nicht.

  4. Oh wie schön. jemand mit einer identischen einschätzung der dinge. *wink* 🙂

    Ich war überrascht wie voll es vorhin im lokal war. Mal sehn, wie die beteiligung ist. Interessant fand ich den draussen angebrachten hinweis, dass die mindestens 600K JA-stimmen auch auch die der NEIN-stimmen zusammen mit den ungültigen übertreffen müssen. Auf deutsch, man könnte auch seine kritik an der ganzen sache ausdrücken, ohne sich für etwas entscheiden zu müssen. Also auch mal sehn wieviel % so eine variante wählen..

  5. Muhahaha. Mario Barth ist doch wirklich das Urböse. Friedbert Pflüger ja sowieso.
    Das hast du herrlich auf den Punkt gebracht, mein Gutester. Mit Pläsier werde ich mein Kreuzchen gleich gegen Tempelhof machen.

  6. Tempelhof soll bleiben weil: siehe BZ & Co.

    Der Schwachkopf, dessen Wahn in Tempelhof versteinert herumsteht, soll einmal gesagt haben: „Berlin sei keine Stadt, sondern eine Ansammlung von Dörfern.“ Da hatte er wohl ein einziges Mal recht. Auf jeden Fall wird Berlin anscheinend überwiegend von Dörflern bewohnt. Um eine richtige Metropole zu sein, hilft, bei so viel Kleinkariertheit, auch kein innerstädtischer Flughafen.

    Guter Artikel mit vernünftiger Schlußfolgerung. Noch scheint Berlin nicht total verloren.

  7. Der Friedbert Pflüger muss in der Schule gefehlt haben, als gerade durchgenommen wurde, wie man eine Niederlage eingesteht… Sowas Peinliches aber auch! Am meisten freue ich mich ja darüber, dass das gemeine Berliner Volk dem ganzen Springer- und CDU-Pack gezeigt hat, dass es noch selbst zu denken imstande ist. Allerdings fand ich Wowereits Äußerungen vorher auch ziemlich daneben, und ich könnte mir vorstellen, dass einige Ja-Stimmen seiner Arroganz zu verdanken sind – egal, wie man das jetzt auch immer bewerten will.

  8. Pingback: medienlese.com » Blog Archiv » Politikjournalismus: Wer ist denn hier apolitisch?

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