Terrorhysterie und Provinzcowboywillkür, ein Jahr danach

If you see something, say something
Bild: ekai (cc)

Es ist eklatant, mit welchem Feuereifer medial immer nach den neuesten terroristischen Bedrohungen gesucht wird, während Fällen, in denen sich der Terrorverdacht als unbegründet herausstellt, weit weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird. Im Falle eines gefassten Verwirrten wird jeder Stein umgedreht und komplettestens berichtet, bis die Gefahr in der wir uns befanden möglichst greifbar, gleichsam möglichst weit entfernt, nämlich von uns unbeeinflussbar, dargestellt ist. Erinnert sich einer an die Sauerländer Terroristen und die Kofferbomber im Jahr 2007? Natürlich erinnert ihr euch, denn so etwas bleibt haften.

Ich bin weit davon entfernt, zu unterstellen, dass „die“ Medien dabei als Erfüllungsgehilfe des Staates fungieren, um Hysterie und Angst zu schüren, die neue Einschränkungen der Bürgerrechte erst möglich machen. Davon auszugehen, dass es sich bei der hundertzehnprozentigen Terrorberichterstattung um ein abgekartetes Spiel handelt, entworfen bei konspirativen Treffen von Programmchefs und Chefredakteuren in irgendwelchen Hinterzimmern, ist mir dann doch eine Spur zu verschwörungstheoretisch.

Es ist wohl sinnvoller anzunehmen, dass das ganze ein systeminhärenter Selbstläufer ist. Terror ist Panik ist Sensation ist Quote. Whatever, es kommt auf’s gleiche raus: Berichte, wonach die Terrorgefahr eben doch nicht so gefährlich war, in denen vielleicht gar Fälle beschrieben werden, wo die omnipräsente Hysterie zu Kollateralschäden in Form von Aktionen gegen gänzlich Unschuldige führte, werden in der medialen Öffentlichkeit weit weniger thematisiert, ich würde sogar sagen: totgeschwiegen. Ein Beispiel sind die zahlreichen §129a-Verfahren gegen Leute, denen die Mitgliedschaft in der linksradikalen „militanten gruppe“ nachgesagt wurde. Dabei wurden zum Teil über Jahre hinweg Menschen observiert und abgehört, unter absurden Indizien festgenommen. Die Verfahren wurden in jüngster Zeit sang- und klanglos eingestellt, berichtet wurde darüber wenig. Auch eine vielbeachtete Polizeiaktion gegen zwei Somalier, die im Verdacht standen, in ein Terrorcamp nach Pakistan reisen zu wollen, entpuppt sich, weit weniger öffentlichkeitswirksam, als auf fehlinterpretierten Indizien beruhender politischer Aktionismus.

Im letzten Jahr hat mich auch der Fall von Kathrin und Omar auf die Palme gebracht, die ihre Flitterwochen in der Lüneburger Heide verbringen wollten. Ein Sondereinsatzkommando stürmte aus dem Nichts heraus ihre Ferienwohnung, ausschließlich weil einem Tippgeber der Polizei ihr „fremdländisches“ Aussehen, die beiden sind Muslime, verdächtig vorkam. Die Polizei rechtfertigte sich im Nachhinein eher schlecht als recht, eine Entschuldigung gab es keine. Neben offensichtlichen Schwindeleien seitens der Polizei wurde den beiden sogar vorgeworfen, dass sie den Fall per Internet, daraus resultierend auch per Presse, an die Öffentlichkeit brachten.

Das ganze als Provinzposse abzutun wäre fahrlässig, denn die Ereignisse zeigen, dass die Hysterisierung der Öffentlichkeit auch vor staatlichen Institutionen wie der Polizei nicht haltmacht — einer Instanz, von der man mehr als bei vielen anderen Sensibilität und Augenmaß erwarten sollte. Mal abgesehen von vielen Blogs, die den Fall aufgriffen, war in den traditionellen Printmedien, außer der taz und Lokalblättchen, darüber nichts zu lesen.

Omar hat jetzt die Ereignisse seit Oktober letzten Jahres, als der „Zugriff“ stattfand, zusammengefasst. Wie sich Justiz und Polizei dabei winden ist mal wieder haarsträubend. Ich wünsche Kathrin und Omar auf diesem Weg Zuversicht und Durchhaltevermögen auf dem Weg durch die Instanzen. Es wäre fair und hätte Signalcharakter, wenn die örtliche Polizei ihre Fehler eingestehen würde.

3 Kommentare

  1. Pingback: Quasipresseschau 137 | NIGHTLINE

  2. Mich wundert das Verhalten der Presse ebenfalls. Vor allem, da ich nicht glaube, dass kritisches Nachhaken und „Was wurde eigentlich aus…“-Artikel weniger Quote bringen. Selbst die Bildzeitung gibt doch gern damit an, ihren LeserInnen zum Recht zu verhelfen.

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