Tocotronic

Mein Verhältnis zu Tocotronic war immer ambivalent. Deren Lieder fand ich anfangs unzugänglich; zumindest war mein erster solcher Eindruck eine sich für Jahre selbst erfüllende Prophezeiung. Mit zwölf, 13 – back there in NRW – kam abends im Radio immer der „Kultkomplex“ und brachte die, als ich eigentlich Captain Hollywood Project hören wollte. Eurodance ging aus meinem Leben, aber es sollte noch dauern bis die Rockmusik kam.

Die End-Neunziger, eine Zeit, in der ich mich von vielem emanzipieren wollte. Vergangenheit, Familie, falsche Freunde. Mit dem Ausklingen der Pubertät wuchs auch meine Verärgerung gegenüber vielem, weil die beste Technik, mit mir klarzukommen die Projektion nach aussen war. Nirvana, Radiohead und auch ein paar Lieder von Tocotronic, die damals noch das genaue Gegenteil von abstrakt waren und deren Slogans in mir das wohlige aber seltene Kribbeln des Verstandenwerdens in den Bauch zauberte. Botschaften, die wirkten: Gehn die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam? als ich mit enormer Wut im Bauch den Tempelhofer Damm nach Süden marschierte. Die Idee ist gut doch die Welt noch nicht bereit auf der Gitarre, am Lagerfeuer in Schweden. Ich bin ganz sicher schonmal hiergewesen in einem Moment, als ich nach 600 Kilometern Trampen durch’s Land ernüchtert feststellte, dass sich wenig verändert hatt. Und Ich weiß nicht wie konnte das geschehn war gut, weil’s eloquenter Quatsch war; natürlich hörte ich es zum ersten Mal in einer Nacht als ich nicht schlafen konnte.

2002. Ich als Fallbeispiel für Liebeskummer in derselben „Brigitte Young Miss“, in der Tocotronics selbstbetiteltes Album vorgestellt wurde. Klingt komisch, aber damals war die Young Miss etwa das was heute jetzt.de oder die NEON ist, Tiefgangsimulationsmedium für Teens und Twens, die doch immer wieder auf glühende Liebesgeschichten hinauslaufen. Peinlich ein bisschen, aber auch nicht sehr. Ich denke, Tocotronic halten’s ähnlich.

Die Band sah ich nur einmal, auf einem Festival: immergutrocken ’02, This Boy is Tocotronic, Flirten mit dem Klischee und Abdriften in eine Richtung, die vielen nicht gefiel. Ein albernes Video. Damals fand ich es arrogant, als sie sich das Stagediven der besoffenen Meute bei ihrem Auftritt verbaten, heute macht sie mir das umso symphatischer. „Diskursrock“ schrieb und schreibt die Spex bestimmt dauernd; mir Latte wie das heißt. Und Hi Freaks, für mich ein Lied wider die Borniertheit von Subkultur-Prolos, das ist so gut, das geht gar nicht; das kann man als Antwort darauf nehmen. Dirk von Lowtzow vertritt öffentlich politische Positionen, das ist selten. Nicht für’s Marketing, nicht für’s Ego, hat man den Eindruck, sondern weil’s geht. Zum Thema Patriotismus zum Beispiel, da hör ich lieber Dirk als Miez zu, da steckt Substanz dahinter. Eine Band, die ich hoffentlich irgendwann richtig entdecke.

tocotronic

Goron hat kürzlich Tocotronic fotografiert. Die Bilder findet man hier und hier. Alle Rechte bei ihm, danke für die Erlaubnis.

2 Kommentare

  1. Das gefällt mir ja glatt… Gute Musik, wirklich. Besonders vom Text her, aber nicht nur – eine gesunde Mischung. Danke für eine neue Impression!

  2. bei miez fällt mir ein, dass ich unbedingt zirkus von denen hören muss. tatatatadam. gute nummer.

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