Ubi bene, ibi patria

Meine erste bewusste Begegnung mit Derivaten patriotischer Leitkultur hatte ich im Kindergarten. Es war Frühling und es gab Karottensalat, den ich nicht mochte. Etwa 1987 war’s und eine Parade in Anwesenheit des Generalsekretärs der SED, Erich Honecker geplant. Auch Kinderchen sollten dabei sein und mitjubeln. Also wir. Jubeln im Imperativ. Wer jetzt denkt, diese Gruselaufläufe mit Hurra-Geschrei in Gleichschritt und geometrischer Genauigkeit, die habe es seinerzeit nur beim Adi, in Russland und heute in Indien, Pakistan oder China gegeben (Heissa, wir sind wieder wer! Dank nuklearer Waffentechnologie), irrt.

Unser Kindergarten in der Berliner Marie-Curie-Allee wurde also angewiesen, ordentlich was herzumachen und die Kindergärtnerinnen gaben die Order weiter an das untere Ende der Befehlskette. Neben Lach- und Winkbefehl gehörte auch das Schwenken selbstgebastelter Fähnchen dazu. Für diese wurde uns Papier gereicht, etwa DIN A5 in der Größe, das mit Wasserfarben in Schwarz-Rot-Gold mehr oder weniger präzise bemalt wurden. Dies alleine allerdings wäre ja Werbung für den Anti-Antifaschistischen Klassenfeind hinter dem Antifaschistischen Schutzwall gewesen, drum musste noch das Wappen der DDR draufgemalt werden: Schwarz-Rot-Gold mit Hammer, Zirkel, Ehrenkranz.

Wir nahmen ein Trinkglas als Schablone zu Hilfe, der Kranz sollte kreisrund sein. Dann Hammer und Zirkel in etwa den echten Proportionen entsprechend, allerdings als profane braune Striche mit einem mitteldicken Pinsel aufgetragen, mehr war selbst von sozialistisch behüteten, in ihrer Kreativität beinahe uneingeschränkten Kindern nicht zu erwarten. Die Fahne dann seitlich an einem langen Strohhalm mit dem DDR-Äquivalent von UHU Flinke Flasche fixiert, den eigenen Namen von der Kindergärtnerin mit Bleistift auf die Rückseite geschrieben bekommen – fertig war das patriotische Bekenntnis aus Kinderhand. Es sah etwa so aus:

ddrflagge

Ich erinnere mich komischerweise recht genau, wie wir an Honecker vorbeimarschiertengingen. Wie erstaunt ich war, dass es diesen Mann wirklich gab! Wir hatten ja nie die Aktuelle Kamera geschaut, immer nur die West-Nachrichten – aber auch da kam er manchmal vor. Die sozialistische Leitkulturideologie war omnipräsent. Rote Tulpen, die nationale Volksarmee und übererfüllte Pläne. Wir Kinder als Symbol der Zukunft. Oder eher der Hoffnung? Schließlich brach das System zwei Jahre später schon zusammen, ja – konnte sich zu diesem Zeitpunkt bereits nur knapp über Wasser halten aufgrund F. J. Straußens Spendierhosen. Aber in der Form hatte ich das damals nicht wahrgenommen: Ich war ja erst vier.

Moment… ich erinnere mich genauso an Erwachsene, die stolz die DDR-Fahne im Wind flattern ließen, die an das System glaubten, den real existierenden Sozialismus. Den meisten dürfte bewusst gewesen sein, dass das System bereits am Ende war, aber man wollte trotzdem glauben. Etwas haben, an dem man sich festhalten konnte. Eine Einheit, etwas, was einen mit dem Nächsten verband und von einer anderen, nebulösen, Gruppe trennte. Natürlich, es gab auch die Systemfeinde. Eine Minderheit, die den Blick für die Realität nicht verloren hatte. Solche Menschen gingen aber auch nicht auf Paraden und waren, wie gesagt, in der Minderheit.

Nichts schweisst besser zusammen als ein gemeinsamer Feind, so dürfte sich die „herrschende Klasse“ gedacht haben, als sie diese hysterische Form der Systemtreue mit Paraden und ständiger absurder Selbstverleugnung entwarf und – sicherlich ein klein bisschen wehmütig – an die Kameradschaft im Schützengraben zurückdachte. So kam es, dass der Sozialismus nur ein Surrogat für eine ähnlich abstrakte Idee wurde wie „die“ Nation als Identitätsstifter.

Der Bogen ins Heute. Im Angesicht der Fußballweltmeisterschaft wird in den Feuilletons konstatiert, dass der Nationalstolz wieder da sei. Hui, wie progressiv. „Nationalstolz“ dabei fast immer im gleichen Atemzug mit den Vokabeln „endlich,“ „wieder“ und „gesund“. Lustig, wurde das nicht erst vor drei Jahren festgestellt, als Mia. diesen komischen Hit hatten? Als Ratzi Papst wurde? Und ich Deutschland? Viele lesen’s entzückt und strömen in der fussballfreien, aber ladenoffenen Zeit in die Kaufhallen der Republik um für wenige Pfennige ein Stück buntes Textil zu erstehen. Diese hängen, noch etwas verknittert, aus Fenstern, an Autoantennen und rufen: „Schaut her, ich bekenne: Ich bin für Deutschland, denn ich habe eine Fahne!“
oder auch „…zwei Fahnen!“
oder auch „… drei Fahnen!“
oder auch „… vier Fahnen, wenn man die meinem Bierkonsum geschuldete mitzählt!“

Ich hab da ja nichts gegen. Sollen sie doch hängen. Es hat schließlich was mit Stolz zu tun. Und wenn man nun nichts anderes, etwas echteres hat, auf das man stolz sein könnte, als ein Land.

Ich glaube wirklich, dass das Fahnenthema der Ausdruck einer kollektiven (Achtung, neues Lieblingswort:) Profilneurose ist. Sicher, Frankreich hat die Trikolore, die USA haben ihr Star-Spangled Banner und sie zeigen die auch gern – aber muss das denn gut sein? Wann ist denn in der Geschichte durch das Überhöhen einer Nation und der damit einhergehenden Unterordnung des Individuums irgendwann etwas Gutes erreicht worden?

Was soll mit Privatbeflaggung ausgedrückt werden? Loyalität mit der deutschen Mannschaft? Nun, ich glaube nicht, dass die Herrschaften das in ihrem Kabuff wirklich wahrnehmen. Allenfalls die durch BILD und andere Hurra-Medien aufgeschäumte Pseudo-Euphorie. Oder vielleicht nur: Ich bin für „uns“ – ganz wertfrei? Nun, die WM findet im eigenen Land statt, man kann auch ohne empirische Befunde davon ausgehen, dass der Großteil der Masse (ich übrigens auch) einem Finalsieg der deutschen Elf nicht gerade abgeneigt wäre. Nein, darum geht es nicht.

Die Flaggenflut ist ein Zeugnis davon, dass viele Menschen sich nie von der Nation als Sinnstifter der eigenen Existenz lösen konnten, obwohl sie in dieser Zeit der globalen Vernetzung, der globalen Wirtschaftsbeziehungen und der fortgeführten globalen Ausbeutung anderer Länder im globalen Wettbewerb einen ideellen Halt suchen. Das war zu Zeiten des kalten Kriegs der Sozialismus und der Kapitalismus, vorher Hitlers Rassenideologie, wieder vorher der Glaube an das Christentum, an dem die Welt genesen sollte, indem man in das osmanische Reich einfiel, und noch früher der Glaube an das allmächtige römische Reich.

Problem: So richtig toll ist Deutschland nicht. Aber die Fußball-WM, die ist schon super ausgerichtet und alle in der Welt sehen, wie freundlich und sauber hier alles ist. Halloho°0oO, was hast Du dazu beigetragen? Wie kannst einen Satz ausstoßen wie „Wir haben ein Tor in der 92. geschossen“, wie kannst Du stolz auf die kulturellen Leistungen von Goethe, Schiller, Stefanie Hertel oder sonstwem sein, wie kannst Du dich für Hitler schämen? Du hattest nichts, aber auch rein gar nichts damit zu tun! In jeder Gemeinschaft gibt es geniale Köpfe, genauso wie Misanthropen, Nihilisten und Kinderschänder. Die Nation ist ein Trugbild. Sie ist eine – erwünschtermaßen – sinnüberladene, aber (über die Jahrzehnte betrachtet auch nicht sonderlich stabile) geographische Grenzziehung. In diese Grenzen ist man zufällig hineingeboren. Nüchtern betrachtet, ist es in etwa genau so sinnvoll zu sagen „Ich bin stolz, im Jahr 1956 geboren zu sein, denn der 56er Jahrgang hat herausragende Persönlichkeiten hervorgebracht: Günter Jauch, Olli Dittrich, Marc Dutroux“ wie zu sagen, dass man stolz auf die kulturellen Leistungen Deutschland sei.

Natürlich sind nicht alle hier aufrechte Patrioten, auch solche mit Fahne oder schwarzrotgoldenen Jester’s Caps und das ist beruhigend. Es gibt nämlich auch solche, die zwar Fußballanhänger und deutsch sind, sich aber auch anderer Qualitäten ihrer Persönlichkeiten bewusst sind: Sie sind gute Familienväter, können gut bowlen, bloggen nicht nur irrelevantes Zeugs oder haben einen Dachschaden im positiven Sinn. Diese Menschen sind sich der Tatsache bewusst, dass es tausende anderer Leute in aller Welt gibt, mit die sie mehr verbindet als dem rülpsenden, gröhlenden Gartenzwergfanatiker von nebenan – der zufällig auch Deutscher ist.

„Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.“

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit, Kap. IV, Von dem, was einer vorstellt

6 Kommentare

  1. TITLE: Sehr gut
    Und wichtig, was du schreibst. Nur eines:
    Wann ist denn in der Geschichte durch das Überhöhen einer Nation und der damit einhergehenden Unterordnung des Individuums irgendwann etwas Gutes erreicht worden?
    – Bei der Französischen Revolution, würde ich behaupten.
    Die Nation als Konstrukt kann denke ich, um schlechte politische Zustände zu überwinden, schon sinnvoll sein (so auch im Unabhängigkeitskampf von vielen Kolonien). Nur ist es wichtig, dass dieses Konstrukt später auch wieder abgelegt wird.
    Und ich sehe wie du, dass Patriotismus viel zu oft mit dem verwechselt wird, was die Menschen in diesem Land eigentlich brauchen: Ein gutes Gefühl, Selbstbewußtsein; aber wenn, dann schon wahrhaftig; nämlich individuell!
    Die jetzt oft gerühmte „Rückkehr in die Normalität“, die der verstärkte Patriotismus (wenn das tatsächlich der Fall sein sollte) sei, ist auch und gerade ein Rückfall in die Unreflektiertheit und Unmündigkeit!

  2. Bitte nur Generalsekretär der SED! Auch von Arthur: „Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“. Diese Nationalismus/Patriotismus-Debatten könne einem irgendwan ganz schön auf den Sender gehen. Der Mensch ist ein Herdentier und sucht automatisch nach ähnlichen Merkmalen in der Gruppe. Ich finde Religion, die wirklich tief ins Unbewusste reinhaut und Schlimmes anrichten kann, schlimmer als die oberflächliche Identifikation mit einem Land.
    Kennst Du „Unsere Heimat“ von Hans Naumilkat? Mal ganz entspannt.

  3. TITLE: Was auch die Debatte
    um das Deutschlandlied beweist. Der Vorschlag
    von Walter Jens, die Kinderhymne von Bertolt Brecht als Nationalhymne anstelle des vorbelasteten Liedes von Fallersleben zu verwenden und die Zustimmung hierzu durch die Lehrergewerkschaft GEW hat nämlich zu einem unsachlichen und schlicht bescheuerten rechtskonservativen Aufschrei
    geführt.
    Dieser Vorschlag, das ist doch mal eine Idee!
    Mehr dazu bei netzzeitung.de.

  4. TITLE: Nee,
    ich würde sagen, dass es Hunger und Abscheu vor der absolutistischen Dekadenz war, die die Menschen auf die Bastille trieb. Ich schätze eher, ein großer Teil des französischen Nationalstolzes beruht auf der Französischen Revolution, kam also erst danach.

    Die Unabhängigkeit der Kolonien lass ich nicht gelten. Soll hier ein „Problem“ mit Hilfe von Nationalismus gelöst worden sein, welches ohne Nationalismus gar nicht erst entstanden wäre?

    Für ein individuelles Selbstbewusstsein plädiere ich ebenfalls, sehe allerdings auch, dass die Menschen in ihrem täglichen Kampf ums Überleben, in unserer Konsumwelt, dem omnipräsenten Wettbewerbsgedanken und der narkotischen Wirkung des Fernsehens, gar keine Möglichkeit mehr haben, sich auf eine persönliche Sinnsuche zu begeben.

    Meine Vorschläge für die Nationalhymne: „Lied gegen die Schwerkraft“ vom PeterLicht oder „Komm in meinen Wigwam“ von Heino. In der Hinsicht bin ich Nihilist. 😉

  5. TITLE: Danke
    für den Hinweis, ist gefixt.

    Mir gehen sie auch auf den Sack, die Debatten. Vor allem, wenn sie so plump daherkommen wie bei Stoiber, Söder und Merkel.

    Den Song kenn ich. Du bist die Heimat, Du bist die Fische im Wasser. Word. 😉

  6. TITLE: Der Turmbau zu Babel
    war aber eine Strafe, keine Chance, die der Herrgott zur Distinktion geschaffen. 😉
    Klaro, Sozialsysteme sind gut – auch wenn sie sich seit den 90ern auflösen. Weil die aber im schon immer stark im Wandel waren (Wilhelm II -> Bismarck -> Hitler -> Adenauer -> Ehrhardt -> KohlSchröderMerkel), kann man die nicht als Nationalgefühl konstituierendes Element sehen.

    Ich sage: Verabschiedung im Viertelfinale gegen Argentinien.

    Ahoi back,
    m.

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