Über die Unterschicht

Karlsquell

Etwas Unterricht in Sachen Unterschicht für Münte, Söder und Freunde.

  • Unterschicht ist eine Kategorie in verschiedenen Modellen gesellschaftlicher Differenzierung.
  • Die Soziologie, genauer: die Sozialstrukturanalyse, kennt noch andere Kategoriensysteme zur gesellschaftlichen Differenzierung: Von Marxens alter Klassentheorie (etwas outdated) über Webers Stände, Dahrendorfs „Haus“ und Bourdieus Milieus bis hin zu aktuellen Marktforschungsinstrumenten wie den SINUS-Milieus.
  • Jedes dieser Systeme ist ein Modell: Ein vereinfachendes Abbild der Wirklichkeit, ein bisschen wie eine Brille mit farbigen Gläsern. Manche Farben sieht man, andere (die einen nicht interessieren) nicht. Modelle sind deswegen wichtig, weil man die ganze Komplexität der Welt wissenschaftlich nicht erfassen. Deswegen beschränkt man sich in einem Modell auf einige Aspekte der Wirklichkeit, um nur bestimmte Sachverhalte zu überprüfen: Für einen Marktforscher macht es wenig Sinn, den Bildungsgrad der Eltern eines potentiellen Kunden zu untersuchen, während das statistische Bundesamt zwar interessieren könnte, wieviel im Monat für Kleidung ausgegeben wird – aber nicht welcher Marke.
  • Der Begriff Unterschicht kommt in vielen dieser Modelle vor (z.B. hier). Seine negative Konnotation erhielt er, meine Vermutung, nicht zuletzt durch Harald Schmidt („Unterschichtenfernsehen“). Das ändert aber nichts an der Wertfreiheit des Begriffs in der wissenschaftlichen Sphäre. Er umfasst heutzutage im Allgemeinen neben einer ökonomischen Schlechterstellung auch Merkmale wie Bildungsarmut, Chancenlosigkeit, schlechte Gesundheit und Ernährung, Tendenz zu Süchten und Depressionen.
  • Dieser Schicht zu entrinnen ist in kaum einem Land so schwierig wie in Deutschland – sowohl auf individueller Ebene als auch zwischen den Generationen. Man spricht hier von fehlender bzw. ausschließlich nach unten weisender sozialer Mobilität .
  • Die Frage, ob eine Unterschicht existiert, ist also vom wissenschaftlichen Standpunkt her nicht klar zu beantworten. Es ist die Frage danach, mit welchem Modell man die Welt betrachtet. Vergleichbar ist das vielleicht mit Musikrichtungen: Gibt es „Emo“? Oder ist etwas „Rock“? „U-Musik“? „Krach“? Eine Frage, die keinen Sinn ergibt. Dennoch gibt es die einzelnen Phänomene. Nur weil man sie nicht benennen mag, weil sie ein Politikum darstellen, heißt das nicht, dass sie nicht existieren. Münteferings Sicht ist also in gewisser Hinsicht nachvollziehbar, spricht aber Bände über seine Fähigkeit, wahrzunehmen und zu abstrahieren, sprich: zu denken. Helfen könnte da aber bereits das schmale Heftchen „Sozialer Wandel in Deutschland“ von Rainer Geißler, das es seit Jahren kostenlos (auch für MdB!) bei der Bundeszentrale für Politische Bildung sowie den entsprechenden Landeszentralen gibt. Hier in Berlin ist das Ding am Anhalter Bahnhof.
  • Und – BITTE – ihr Euphemisten da oben. Erzählt mir nichts über stigmatisierende Begriffe. Soziale Hängematte wäre auch so einer. Parasiten. Mitnahmementalität. Oder asozial .
  • Leider wird die Diskussion in ein paar Tagen abgeebbt sein. Dabei umfassen ihre Konsequenzen heutzutage fast alle politischen Bereiche. Beinahe jede gesellschaftliche Diskussion der letzten Monate in Deutschland hatte sehr direkt mit Armut und Chancenlosigkeit zu tun. Der ansteigende Rechtsradikalismus, Politikverdrossenheit, Kindesmisshandlungen und -tötungen sind verschiedene Seiten der gleichen Medaille. Die Rütlischule litt unter genau dieser Problematik, aber mit dem Moslem-Bashing wurde ein willkommener Realitäts-Katalysator gefunden. Hört auf damit, liebe Politiker, über Begriffe zu schwadronieren. Setzt euch lieber mal ein Stündchen in eine Arbeitsagentur und hört euch an, was die Menschen zu sagen haben.

Eine okaye Radiosendung zum Thema ist der aktuelle hr2-Tag: Gefahr für Leib und Leben – Kindheit in Deutschland.

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