…und das ist auch gut so?

csdAls ich heute an der Karl-Marx-Allee und am Potsdamer Platz (Berliner gehen da auch manchmal hin) einige Ausläufer des Christopher Street Day mitbekam, erwischte ich mich bei dem Gedanken, dass der Teil Demonstranten, die sich da knallbunt in die Blickfelder der Betrachter drängten, ihren Geschlechtsorientierungsgenossen einen wahren Bärendienst erweisen. Denn diese Veranstaltung vergrößert die Distanz zwischen Homos und Heten. Für die einen ist es Party mit wohldosierter Provokation, für die anderen ein Ereignis mit Stadtfestcharakter und wohldosierter Exotik. Die „bunten Vögel“ oben auf dem Wagen werden betrachtet von den „normalen“ Gestalten da unten, oder noch schlimmer: Bunt gefiltert, auf 40 Sekunden Werbecliplänge in der Tagesschau heruntergebrochen, für Omi und Opi auf dem Fernsehsofa daheim. Aufmerksamkeit brauchen Lesben und Schwule heute nicht mehr, schocken werden die Bilder von sich küssenden Männern die meisten auch nicht mehr. Für die Akzeptanz von Homosexualität als etwas völlig Normales, Alltagskompatibles dürften fünf Staffeln „Six Feet Under“ weitaus mehr getan haben als alle CSD-Partys auf der Welt.

Foto: jÖrg (cc)

7 Kommentare

  1. Nunja, schaden sich die Gewerkschaften mit dem 1. Mai? Wenn der CSD „normal“ ist – und das ist er für große Gesellschaftsteile nicht – dann ist wirkliche Akzeptanz erreicht. Und ich finde kaum, dass man vor verknöcherten Konservativen zurückstecken sollte, die sich an einer Veranstaltung stören. Weder im Fall des CSD noch bei irgendeiner anderen Veranstaltung von wem auch immer.

  2. schaden sich die technoanhänger auf der loveparade? vergrößert sich da eine diskrepanz?
    und ein schwuler auf dem land hat es heute noch immer nicht leicht. da wird auf ein paar tausned schwule und lesben mit sicherheit mit großer verwunderung und auch ablehnung reagiert. also, also, da wäre ich ja gerade vorsichtig…

  3. @ Simon: Was den ersten Mai angeht, ehrlich gesagt weiß ich’s nicht. Ist halt alles Symbolpolitik und Positionierung… Aber die Gewerkschaften würden vermutlich auch ohne weiterexistieren und genausoviel oder -wenig Einfluss auf Tarifverhandlung haben. Ist eben ein Event, Traditionspflege. Weiß nicht, wie ich das bewerten will.

    Welche verknöcherten Konservativen haben denn gegen den CSD protestiert? Jemand, der das täte, würde – zu Recht übrigens – sanktioniert und gebrandmarkt. Ich bin allerdings ambivalent, was mir lieber wäre, das smuggige Grinsen und Toleranzgeheuchel der Konservativen oder ein ehrliches Eingeständnis der eigenen Rückständigkeit, damit wenigstens die Fronten klar sind.

    @ goron: Da hast Du recht, auch wenn ich es an sich besser weiß ist es doch immer wieder (ein bisschen zu) naheliegend zu denken, Homos gänge es in Leinfelden-Echterdingen genauso gut wie in Berlin-Friedrichshain. Das habe ich oben nicht richtig bedacht. Fraglich ist aber doch, wie die Tagesschau-Bilder vom CSD auf den homophoben schwäbischen Rentner wirken. Bewirken sie überhaupt etwas, und wenn, dann nicht etwas negatives, nämlich eine Reproduktion alter Klischees? Sind daran eher die Medien schuld, als die CSD-Feiernden? Kann sein.

    Ich stand gestern im rappelvollen H&M am PoPl und sah da einen jungen Mann in der Kassenschlange stehen, mit nichts als einem silbernen Tanga und Engelsflügeln bekleidet. Ich glaube, er kaufte sich ein T-Shirt. Da dachte ich: Mensch Junge, wenn Du eine politische oder gesellschaftskritische Aussage hast, dann trag die anders vor. Das ist im Prinzip, was ich mit dem Artikel meine.

    In der Tat würde ich von den Loveparade-Besuchern behaupten, dass das politische Motto immer irgendwie pseudo war und dass sie keine Einstellung zu irgendwas nach aussen trugen. Die Loveparade hat dem Techno insgesamt geschadet, ja. Gut dass das Kapitel jetzt mit Gelsenkirchen, dem furchtbaren, ad acta gelegt ist.

    @ beide: Schocken, okay. Aber seit Jahren auf die gleiche Art? Und: was bringt’s denn noch außer Party und gegenseitiger Selbstversicherung? Wäre das genug? Unerträglich Realo klingt das, ich weiß.

  4. Andere Betrachtungsweise (Kölner Sicht, in Berlin war ich dieses Jahr nicht): Die Parade ist schrill, zu aufgesetzt und schon länger zu kommerziell. Vollkommen klar – schwullesbischer Karneval im Sommer. Sehen auch viele der Teilnehmer so, die sich auch wünschen würden, dass das ganze mehr der „alten Qualitäten“ (politische Statements etc.) übernehmen würde.

    Großes ABER: das politische findet statt. Die Diskussionen im Vorfeld des Kölner CSDs, ob nun das „Pascha“ (Bordell) oder ein Wagen einer Bareback-Produktionsfirma mitgehen sollten und dürften waren nicht ohne. Die Stände auf dem Straßenfest sind immer noch themenbezogen, prangern Misstände an, wirken integrativ.

    Nur: die Parade ist telegener. Schock ist telegener. Und ich bin mir insgesamt nicht sicher, ob die Wahrnehmung der Paraden am tatsächlichen Erscheinungsbild liegt, oder am klassischen „Die Lauten fallen mehr auf“-Effekt…

  5. Ich glaube, so lange diskutiert wird, ob der CSD produktiv oder kontraproduktiv ist und nicht einfach nur sein kann, ist die Akzeptanz von gleichgeschlechtlicher Liebe noch weit entfernt.

  6. @ Pantoffelpunk: Vielleicht sollte ich an der Stelle nochmal explizieren, dass ich den CSD nicht nicht akzeptiere. Ich finde ihn nur zum Teil der Form halber schwierig, die zu mir als Außenstehendem gelangt. diaet hat ja ausgeführt, dass es die Inhaltlichkeitsdiskussion auch intern gibt.

    Klar, meine Wahrnehmung ist gefiltert. Ach, vielleicht sollte ich mir wirklich kein Urteil bilden, weil ich ja auch nicht involviert bin. Es lässt sich nur nicht vermeiden und da liegt, jetzt mal gesamt-gesellschaftlich, der Hase im Pfeffer.

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