Verachtung

contempt
Foto: petulant_seraph (cc)

Die neue „Deutsche Zustände“-Studie von Wilhelm Heitmeyer, die sich mit gruppenbezogener Abwertung und Menschenfeindlichkeit befasst, ist veröffentlicht.

Während in der medialen Verarbeitung die Ergebnisse letztes Jahr eine Besorgnis erregende Zunahme der Islamophobie zentrale Beachtung fand, konzentriert sich die Aufmerksamkeit dieses Jahr auf die in der Studie neu integrierten Langzeitarbeitslosen. Bemerkenswert dabei ist, dass die Abwertung dieser häufig falsch mit Hartz IV-Empfängern gleichgesetzten Gruppe zunimmt, je niedriger der soziale Status des Befragten. Es scheint ein starker Wille zur Distinktion „nach unten“ zu bestehen.

Ebenfalls beachtenswert ist die generelle Zunahme ökonomistischer Einstellungen, welche sich z.B. dadurch auszeichnen dass Menschen zuvorderst nach ihrem gesellschaftlichen Nutzen bzw. persönlichem Vorteil bewertet werden.

Der forcierte Übergang von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft zeigt sich darin, dass ökonomistische Prinzipien wie Effizienz und Nützlichkeit das soziale Leben durchdringen und andere, nicht marktrelevante Grundsätze wie Empathie und Fürsorglichkeit überformen oder gar zurückdrängen. Ökonomistisches Denken ist die subjektive Verankerung kapitalistischer Logik in der Gesellschaft. Das hat zur Folge, dass sich ökonomistisches Denken in breiten Bevölkerungskreisen entwickelt und verankert hat. Ein Indikator ist dabei der von den Menschen wahrgenommene Flexibilitätszwang. Damit meinen wir, dass auch die Elemente des gesellschaftlichen Zusammenlebens, etwa soziale Beziehungen, einer Gewinnkalkulation unterzogen werden. (Heitmeyer in der Zeit)

15 Kommentare

  1. Auch wenn ich es gut finde, dass der Hass gegen (vermeintliche) Arbeitslose endlich von wissenschaftlicher Seite und an prominenter Stelle thematisiert wird, stört mich doch an dem Tagesschau-Interview, dass man mE von Seiten der Tagesschau den Eindruck zu erwecken scheint der Hass auf Arbeitslose habe den Ausländerhass abgelöst.
    Ich mache das vor allem an diesem Satz fest:

    Im 6. Band seiner Untersuchung „Deutsche Zustände“ stellt er fest, dass die Fremdenfeindlichkeit „signifikant“ gesunken ist – als Folge der gesunkenen Arbeitslosenzahlen.

    „Signifikant“ wird im allgemeinen Sprachgebrauch nur selten in seiner differenzierten Bedeutung verwendet, eher schon als Superlativ. Und jemand der das Interview kurz überfliegt könnte den Eindruck gewinnen, dass der Fremdenhass in Deutschland nun ja nicht mehr so schlimm sei. Dabei schreibt Heitmeyer in dem Zeit-Artikel:

    Die Islamophobie war mit leicht zunehmender Tendenz bis 2006 stabil und verbleibt auf diesem Niveau. Sexismus weist einen leicht abnehmenden Trend auf, ebenso wie die Abwertung von Homosexuellen. Bei der Abwertung von Obdachlosen ist kein Rückgang erkennbar. Antisemitismus, Rassismus und die Abwertung von Behinderten sind auf ihrem jeweiligen Niveau stabil oder haben sich nur unauffällig verändert.

    Mich ärgert das. Vor allem hätte tagesschau.de in Anbetracht der Studie eine Menge andere Themen als Intervieweinleitung wählen können.

  2. ich sehe leider meine schlimmsten befürchtungen bestätigt – wie um alles in der welt lassen sich solche prozesse nicht nur stoppen, sondern auch wirkungsvoll in andere richtungen drehen?

  3. Mehr Stromberg, mehr Marius Jung, mehr Josef Hader!! Wir brauchen eine Medien-Revolution!!! Lasst uns Satire machen und mit Sahnetorten bewaffnet die großen TV-Sender überfallen, um den Geist von Eulenspiegel, Degenhard & Co. über den Äther zu schicken! Lasst uns Kirch mit den Fotos von der minderjährigen polnischen Zwangs-Prostituierten erpressen, lasst uns Jon de Mol entführen und in einem alten Kino non-stop laufenden Perlen der Kino- und Filmgeschichte aussetzen, bis er vor Scham flennt! (Dann kann man sich auch die Feuchtigkeits-Tropfen für die Augäpfel sparen… ;-)!)
    Lasst uns…

  4. Aha. „Nützlichkeit“ und „Effizienz“ sind jetzt also „ökonomistisch“, wenn nicht gar „kapitalistische Logik“. Ach Gottchen!

    Heitmeyers Islamophobiebegriff ist auch eine Sache für sich. Laut Wikipedia ist für ihn bereits die Ablehnung der folgenden Aussagen Indiz für eine islamophobe Einstellung:

    „Der Islam hat eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht.“
    „Die muslimische Kultur passt durchaus in unsere westliche Welt.“
    „Ich würde mein Kind auch in einer Schule anmelden, in der eine moslemische Frau mit Kopftuch unterrichtet.“
    „Es ist allein Sache der Muslime, wenn sie über Lautsprecher zum Gebet aufrufen.“

    Aber „berechtigte Islamkritik“ ist für ihn immerhin noch in Ordnung. Na dann.

  5. Tach Aidspokemon. Du machst es dir ein bißchen zu einfach. Effizienz und Nützlichkeit sind kapitalistische Logik und Ökonomismus, wenn man sie als Kriterium zur Bewertung von Menschen anwendet.

    Zu deiner Argumentation gegen Islamophobie: Wenn du mit der sozialwissenschaftlichen Methode vertraut sein solltest, weißt Du sicher, dass man zur Messung von Einstellung verschiedene Items entwerfen und umfangreich testen muss. Diese geben zum Schluss verschiedene Stärken der jeweiligen gemessenen Einstellung an. Soll heißen: Manch der abgefragten Items sind weniger, manche stärker als Indikator für Islamophobie zu werten.

    Übrigens finde ich jemanden, der Lehrerinnen mit Hajib nicht zutraut, sein Kind unterrichten zu können und die westliche Kultur mit dem Islam für unvereinbar hält, durchaus islamo-/ xenophob. Du nicht? Falls Du da Evidenzen siehst, gehörst Du höchstwahrscheinlich auch zu dem Viertel der Deutschen mit einem konsistent islamophoben Weltbild. Denn, das hat die „Deutsche Zustände“-Studie 2006 ergeben, ist das eine Form der Fremdenfeindlichkeit, die ungewöhnlicherweise zunimmt, je höher die soziale Schicht der Befragten.

    Bitte gib zukünftig eine valide E-Mail-Adresse an, sonst wird dein Kommentar nicht freigeschaltet.

  6. Ist Necla Kelek (Für mich ist der Islam als Weltanschauung und Wertesystem nicht in die europäischen Gesellschaften integrierbar) dann eigentlich auch „islamophob“?

    Übrigens irritiert es mich ziemlich, dass einerseits die Ansicht, der Islam sei ein einheitlicher monolithischer Block, als „Islamophobie“ gilt, während andererseits ganz selbstverständlich von „dem Islam“ gesprochen wird, der etwa mit der westlichen Kultur vereinbar sei. Wie passt das zusammen? Und wenn man davon ausgeht, dass der Islam aus ziemlich vielen und ziemlich verschiedenen Untergruppen besteht, ist es dann trotzdem noch verwerflich, wenn man einige von diesen für unvereinbar mit auf pluralistischen Grundsätzen basierenden Gesellschaften hält?

    Beim Christentum ist das ja auch nicht anders, da gab und gibt es einige Strömungen dieser Religion, die man ruhig als unvereinbar mit der Moderne ansehen kann. Würdest du dein Kind von einem Kreationisten unterrichten lassen, der Homosexualität für unnatürlich und außerehelichen Sex für widerwärtig hält und absolut davon überzeugt ist, dass seine Religion die einzig wahre ist und alle anderen Lebensweisen direkt ins Höllenfeuer führen?
    Ist jemand ein christophober Rassist, der es für sehr unwahrscheinlich hält, dass solche Leute ihre Ansichten völlig bei sich behalten können und seine Kinder deshalb diesem Einfluß nicht aussetzen möchte?

    Klar hat nicht jede verschleierte Moslemin solche Ansichten. Aber wie ist es mit denen, die sich strikt weigern, ihr Kopftuch abzulegen und eher ihren Beruf wechseln würden, als das zu tun? Hälst du es wirklich für wahrscheinlich, dass sie nur diese eine Regel ihres Glaubens so strikt beachten und das ganze andere eklige Zeug im Islam für bedeutungslos halten?

  7. Meine Mailadresse ist übrigens absolut gültig, auch wenn sie etwas seltsam aussieht.

  8. Die von Heitmeyer gestellten Fragen waren nicht so differenziert gestellt. Die Differenzierung muss der Beantwortende vornehmen, indem er bei den Antworten im Rahmen des Polaritätsprofils mehr oder weniger stark zustimmt. Eine Antwort „Stimme überhaupt nicht zu“ auf die Frage „Ich würde mein Kind auch in einer Schule anmelden, in der eine moslemische Frau mit Kopftuch unterrichtet“ entspricht dann beispielsweise einer starken und undifferenzierten Ablehnung von Menschen muslimischen Glaubens, die nicht mehr mit einer Aussage wie „Es gibt einige Gruppen im Islam, die ich für bedenklich halte“ korrespondiert.

    Was findest Du am Kopftuch schlimm?

  9. Zu Necla Kelek: Ich halte die Kritik, die sie äußert für berechtigt und gut. Ich würde nicht allem zustimmen. Die Tatsache, dass sie ihre eigene, scheint’s, furchtbare Kindheit in der Konsequenz etwa auf die gesamte islamische Welt ausdehnt, erscheint mir gewagt. Wann ist sie geboren, 1957? Deutschland und Europa waren in Sachen Modernität seinerzeit nur unwesentlich weiter. Und die schwarze Pädagogik, die sie zu Recht angreift, hatte mit dem Werk von Bernhard Bueb im letzten Jahr hier ein Deutschland ein furioses und übrigens gerade von der FAZ abgefeiertes Comeback.

    Das ist es, was ich kritisieren würde an der immer größer werdenden Horde engagierter Islamkritiker: Die unheimliche Bigotterie, die hinter ihren kulturalistischen Angriffen steckt: Wir wissen ja, was Freiheit ist. Wir achten die Menschenwürde. Und wir erziehen unsere Kinder zu mündigen Bürgern, die selber das Recht haben, ihre Religion frei auszuüben. Vorratsdatenspeicherung, Irak, Guantanamo, Lob der Disziplin, religiöse Fundamentalisten, Schulgottesdienste. Schaut man mal genauer hin, verpuffen diese Ansagen zu eloquent hinmasturbierten Selbstbelügungen, die auch „den“ Westen lang nicht mehr so gut dastehen lassen.

  10. Was man über die Kelek vielleicht noch wissen sollte, wenn man ihr Schaffen beurteilen will, findet sich in dem Offenen Brief von Mark Terkessidis und Yasemin Karakasoglu aus der Zeit, der nicht von eben wenigen Migrationsforschern unterzeichnet wurde.
    Ein Auszug:

    (…)
    Die Literatur ist unwissenschaftlich und arbeitet ganz offensichtlich mit unseriösen Mitteln. Necla Kelek beispielsweise hat vor etwa drei Jahren ihre Dissertation zum Thema Islam und Alltag vorgelegt, in der sie zu ganz anderen Ergebnissen kommt als in Die fremde Braut. Sie stellte damals fest, dass der Islam für die jungen Leute türkischer Herkunft vor allem ein Mittel der sozialen Identifikation sei – und weniger eine unhinterfragte religiöse Tradition. In den Islamvorstellungen der von ihr interviewten jungen Leute zeige sich eine Modernisierung des Islam – eine Anpassung an die hiesigen Lebensumstände und eine Subjektivierung des Hergebrachten.
    Dass sie in Die fremde Braut das genaue Gegenteil behauptet, scheint für Necla Kelek kein Problem zu sein. Sie verwendet sogar Interviewmaterial aus ihrer früheren Untersuchung – allerdings wird es nun neu gedeutet. (…)
    Offenbar wurden hier die eigenen – und zwar wissenschaftlich abgesicherten – Erkenntnisse mutwillig verbogen, um am Buchmarkt einen Erfolg zu landen und sich dabei selbst als authentischen und vorgeblich wissenschaftlich legitimierten Ansprechpartner für alles, was mit »den Türken« oder »dem Islam« zu tun hat, in Szene zu setzen. Das Kalkül geht auf, von der taz bis zur ZEIT wird Kelek gern konsultiert, wenn es darum geht, »türkische« oder »islamische« Verhaltensweisen zu deuten. Sie darf gewalttätige Übergriffe türkischer Fußballnationalspieler gegen die Schweizer Mannschaft unreflektiert auf die islamische Religionszugehörigkeit der türkischen Spieler zurückführen oder Vandalismus von jungen Migranten nach französischem Vorbild mit Hinweis auf das Unvermeidliche der »türkisch-islamischen Kultur« auch für Deutschland prognostizieren. Dabei sind die »Analysen« nichts mehr als die Verbreitung billiger Klischees über »den Islam« und »die Türken«, angereichert durch schwülstige Episoden aus Keleks Familiengeschichte.
    (…)

    @Mo
    Ich sehe ehrlich gesagt auch schwarz. Im Großen und Ganzen scheint kaum Problembewusstsein vorhanden zu sein – daran ändern wohl auch die Studien „lebensfremder Soziologen“ nichts.
    Und die Zeitungen werden es mit Sicherheit wieder mal hinbekommen auf der einen Seite Betroffenheitskitsch á la „Die armen Armen werden auch noch ausgegrenzt“ zu bringen, bloß um drei Seiten weiter zu verbreiten: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ .

  11. Ei, diese Sache mit der Kelek hab‘ ich wohl verdrängt. Auch wenn ihre Motive aus persönlicher Perspesktive nachvollziehbar sind, ist es unaufrichtig und unwissenschaftlich, die Deutung wissenschaftlicher Erkenntnisse an Zeitgeist und Markt auszurichten. Danke @ Lotta.

  12. „Aha. “Nützlichkeit” und “Effizienz” sind jetzt also “ökonomistisch”, wenn nicht gar “kapitalistische Logik”. Ach Gottchen!“

    Immer schön verkürzen, wenn man keine Argumente hat, nicht, aidspokemon?

    Es geht um die Frage, inwieweit wirtschaftlich-funktionale Kriterien wie Effizienz, Verwertbarkeit, Funktionalität und Nützlichkeit mittlerweile auf das soziale und zwischenmenschliche Geschehen übertragen werden. Das heißt bei Habermas Kolonialisierung der Lebenswelt und bedeutet nicht, dass Nützlichkeit und Effizienz im okonomischen Bereich keinen Sinn machen.

    Heitmeyer macht nur auf die Auswirkung aufmerksam, die entstehen, wenn ökonomische Kriterien immer mehr das menschliche Zusammenleben bestimmen: „Die Ergebnisse zeigen, dass über ein Drittel der Deutschen den Aussagen tendenziell zustimmen, die Gesellschaft könne sich wenig nützliche Menschen (33,3 Prozent) und menschliche Fehler nicht (mehr) leisten (34,8 Prozent). Etwa 40 Prozent der Befragten sind der Ansicht, in unserer Gesellschaft würde zu viel Rücksicht auf Versager genommen. Zu viel Nachsicht mit solchen Personen gilt 43,9 Prozent als unangebracht, und etwa ein Viertel stimmt der Aussage zu, dass »moralisches Verhalten (…) ein Luxus (ist), den wir uns nicht mehr leisten können« (25,8 Prozent).“

    Im übrigen verstehe ich nicht, wie man die Studien von Heitmeyer als „lebensfremd“ bezeichnen kann, Lotta. Der ist ne ganz andere Hausnummer als Nolte oder Müller-Hilmer…

  13. Mark, da hast du mich aber gründlich missverstanden.
    Mein Verweis auf Münteferings Äußerung war nur als Anspielung auf die allgemeine Bereitschaft gedacht, derartige Erkenntnisse, wie die der Heitmeyer-Studien, zwar theoretisch zu diskutieren aber kaum ins politische und gesellschaftliche Handeln einfließen zu lassen.

  14. Zu Münte und „Unterschicht“ vor einem guten Jahr hier und hier mehr. Übrigens fand ich, dass aus Lottas Äußerung durchaus deutlich herauskam, dass sie sich die Wertung „lebensfremd“ nicht zu Eigen macht.

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