Verantwortung

Es muss für viele Japaner verstörend sein, sollte sich die traditionell enge gesellschaftliche und familiäre Zuwendung in ihrer Gesellschaft in einer Form verflüchtigt haben, wie sie in diesem Film beschrieben wird. (iceman3000)

Mir scheint so das die japanischen Filmemacher an einer großen Depressivität leiden und die mit ihren Zuschauer teilen wollen. Ich kann nur hoffen das die gesamte japanische Lebenseinstellung nicht dem entspricht was man in den Filmen geboten bekommt. (GAMBIT)

Zwei Meinungen aus den Amazon-Leserrezensionen zum Film „Nobody Knows“ (den ich an dieser Stelle bereits sehr empfahl). Bemerkenswert, dass die dem Film zugrunde liegende Geschichte – eine Mutter verlässt ihre Kinder, welche monatelang auf eigene Faust überleben, bis die Sache bemerkt wird – hier offenbar originär als Ausprägung eines Problems der japanischen Kultur verstanden wird. Nahezu Identisches ist jetzt nämlich mitten in Berlin geschehen (tiefkultur.de ist der Zusammenhang zwischen Film und Nachricht ebenfalls aufgefallen).

Wenn man es genauer betrachtet, sind bei dem Fall in Prenzlauer Berg zwei Dinge passiert, die man isoliert betrachten sollte. Das eine ist die Tatsache, dass eine Mutter – sei es aus Überforderung oder Entfremdung – ihre Kinder sich selbst überließ. Mit ein wenig good will und Betriebsblindheit könnte man das durchaus als Einzelfall einstufen – wovon ich dennoch Abstand nehmen würde, denn solcherlei „Einzelfälle“ von Verwahrlosung, Kindsmord, Misshandlungen häufen sich meiner Meinung nach in den letzten Jahren eklatant. Ich denke, wir haben es mit einer im Durchschnitt immer weiter sinkenden Überforderungsschwelle für junge Eltern zu tun, deren am wenigsten negative Konsequenz noch demographische Aspekte sind. Gespeist wird sie vom Erodieren sozialer Absicherungen bei gleichzeitig steigenden gesellschaftlichen Erwartungen hinsichtlich Rentabilität und Effizienz im/für das Berufsleben. Ich könnte nicht dafür garantieren, nicht ebenfalls durchzudrehen, wäre ich dieser Tage eine allein erziehende Mutter. Unser aller Respekt sollte diesen Frauen gelten.

Der andere aufrüttelnde Aspekt an oben genanntem Fall ist die Tatsache, dass die allein gelassenen Kinder keinem aufzufallen schienen. Dass niemand zum Telefon griff und das Jugendamt informierte. Fällt eine stark riechende Wohnung nicht auf? Fällt es nicht auf, wenn Kinder ihre Klassenarbeiten nicht unterschreiben lassen, kein Kontakt mit Eltern möglich ist? Niemand kann mir bitteschön erzählen, dass die Kinder all die Monate über wohlgenährt und gepflegt wirkten. Will es nicht auffallen? Hätte ich es bemerkt, wären die Kinder meine Nachbarn? Und wenn, hätte ich interveniert? Ich bin mit Sicherheit einer der letzten, der von sich behaupten könnte, die Anonymität der Großstadt störe ihn.

Rückgriff auf Japan: Gibt es Phänomene wie Hikikomori auch nur dort? Sind solche Dinge (ich mag in dem Zusammenhang ungern das abgedroschene Wort „Schicksale“ verwenden) der Preis der ach so segensreichen Individualisierung? Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Wir sollten besser auf uns achtgeben.

4 Kommentare

  1. Vielleicht sind es nur Rechtfertigungsstrategien, aber heute sieht die Geschichte dann doch ein wenig anders aus:
    Die Wohnung hat nicht gerochen, die Kinder warten (schlimm genug) nie länger als ein paar Tage allein, die Kinder waren weder auffallend ungepflegt noch unterernährt, sind gar regelmäßig zur Schule gekommen.
    So zumindest lese ich die Reportage auf Seite drei der heutigen Berliner Zeitung (z.Zt. unter: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/seite_3/649777.html zu finden, ab morgen wohl über deren Archivsuche).
    Das lag wohl vor allem an dem zwölfjährigen Sohn, der den Laden aus falscher Verantwortung zusammengehalten hat. Aber da war es für Nachbarn nicht einfach, was zu merken.
    Was mich viel mehr wundert: Wieso thematisiert eigentlich niemand die Rolle des Vaters in der Sache? Du hast schon recht, maloXP, den Druck von außen zu thematisieren. Der liegt sicher auch auf dem Vater. Insofern hat ein solches Versagen der Fürsorge immer auch eine gesellschaftliche Dimension.
    Es scheint mir aber erschreckend, dass erst der Boulevard die Mutter verteufelt, dann fragen die Betroffenheitsgaranten im öffentlichen Diskurs nach der Verantwortung der Nachbarn, dann wird die Mutter in Schutz genommen, weil sie es in dieser Welt auch besonders schwer hat.
    Aber immer noch kann sich ein Elternteil (fast immer Männer) aus dem Staub machen und hat dann nichts mehr mit den Pflichten, die Kinderkriegen nun mal mit sich bringen, zu tun. Keine faire Aufgabenteilung.

  2. Wenn du fragst, ob es Hikikomori nur in Japan gibt – dann lieferst du die Antwort doch eigentlich schon mit: Nein. Allerdings würde ich sagen, dass die extreme Dichte solcher Fälle in Japan – entstanden durch den rasanten Aufstieg und Wandel dieser Gesellschaft im letzten Jahrhundert – unerreicht ist. Allerdings haben wir in Deutschland genauso die Folgen des Verfallens der Familie, des Wandels der Kommunikation… zu spüren. Im positiven wie im negativen Sinne. Denn was diese negativen Fälle auslöst wird von anderen als große Errungenschaft, Erleichterung empfunden…

  3. Pingback: simoncolumbus.de » Hikikomori

  4. @ Björn: [Sorry für die späte Antwort]

    Ich hatte den Artikel neulich auch „in echt“ gelesen. Für mich stand allerdings auch zwischen den Zeilen, dass die Nachbarn im Nachhinein nach Gründen suchten, warum sie nichts bemerkt haben sollten. Bei dem geschilderten Zustand der Wohnung kann ich mir das einfach nicht vorstellen. Aber das sind Detailfragen.

    Exakt auf den Aspekt der Verantwortung von Vätern bin ich dann quasi mit dem Kopf reingedrückt worden, als in einem Seminar die weiblichen und männlichen Konnotationen von Räumen thematisiert wurde. Also z.B.: häusliche Sphäre = weiblich; außerhäuslich = männlich. Natürlich hast Du recht. Es ist zu kurz gedacht, hier die Verantwortung alleine bei der Mutter zu suchen, das meinte ich ja im Artikel auch so. Ein Vater, der seine Familie verlässt, um sich mitunter auch finanziell „aus der Affäre zu ziehen“ ist durchaus ein Riesenarschloch. Nur gilt es in dem vorliegenden Fall auch zu unterscheiden zwischen mittelbarer und unmittelbarer Verantwortung, zwischen struktureller und persönlicher Schuld. Die Tatsache, dass einem Zwölfjährigen eine solche Verantwortung aufgebürdet wurde und dass vier Kinder wussten, sie sind ihrer Mutter nicht mehr wert als zwei Besuche in der Woche, die abends alleine ins Bett mussten, das ist seelische Misshandlung und in keinster Weise besser als körperliche. Das ist eine Sache, die in unmittelbarer und persönlicher Verantwortung der Mutter steht.

    Dass die Geschichte jetzt vom Boulevard, gerade in dieser Form – stigmatisierend und anprangernd, aufgegriffen wurde ist tatsächlich eine Schweinerei.

    @ Simon C: War auch rhetorisch gefragt.

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