Volk, erkauder!

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Die Stigmatisierung von Arbeitslosigkeit als „eigene Schuld“ des Arbeitslosen ist in Deutschland gesellschaftlich wesentlich stärker ausgeprägt als in den meisten anderen Ländern. Mag man die Gründe dafür politisch, soziologisch oder historisch suchen – es bedeutet, dass im öffentlichen Diskurs weniger (bzw. so gut wie gar nicht) auf makropolitischer Ebene nach Fehlern bzw. Möglichkeiten der Verbesserung gesucht wird, sondern in erster Linie auf der individuellen. Das fängt im Kleinen an. Wer länger arbeitslos ist, wird im Familien- und Freundeskreis gefragt, ob man denn schon „wirklich alles mögliche unternommen“ habe, ob man denn nicht notfalls auch bereit sei, wegzugehen oder eine geringer qualifizierte Arbeit anzunehmen. Die fehlende Möglichkeit, zur Identitätsstiftung, zum „dabei sein“ notwendige Konsumgüter zu erstehen, führt zusätzlich dazu, dass eine gesellschaftliche Ausgrenzung stattfindet.

Mittelfristig wenden sich viele Freunde ab vom Arbeitslosen, dem Sozialschmarotzer. Kaum jemand fragt nach politischem Versagen (Schulsystem, soziale Spaltung, Ökonomisierung als politisches Leitmotiv) oder den psychologischen und gesundheitlichen Konsequenzen, die Arbeitslosigkeit mit sich bringt (Depressionen, Apathie, Minderwertigkeitsgefühle, Mangelerscheinungen aufgrund schlechterer Ernährung) und dem daraus resultierenden Teufelskreis. Eigenverantwortung, ja klar, das kann jeder. Wirklich?

Auf subtilere Weise wird auch bereits die Armut zum sozialen Stigma, wenn sie etwa als mangelnde Leistungsbereitschaft charakterisiert wird, wenn die Schuld für Armut alleine in einem persönlichen Versagen gesucht wird, wenn Betroffenen ein Ausruhen in der sozialen Hängematte unterstellt wird, etwa bei Arbeitslosen.

Zitat Wikipedia: Stigmatisierung

Die Politik spielt diese Spiel selbstverständlich mit, sie treibt es massiv voran. Ganz klar: Je mehr Verantwortung dem Individuum zugeschrieben wird, desto weniger hat man selbst zu tragen. Diese taktische Finesse wurde allerdings erst in jüngster Zeit eingebracht. Ein Beispiel: Ging es in den ersten Tagen von Hartz IV – so wurde vorgegeben – noch darum, die Arbeitslosenzahlen zu halbieren, wird jetzt – zumindest implizit – zugegeben, dass lediglich die Kosten für den Bestand an Arbeitslosen reduziert werden sollten und sollen. Damit wird gesagt: Arbeitslose, ihr seid zu teuer! statt: Arbeitslose, wir müsse etwas an eurem Status ändern! Dass die Hartz IV-Reformen von Anfang an dazu ungeeignet waren, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Um dies öffentlich zu legitimieren, wird bewusst eine Spaltung der Gesellschaft herbeigeführt. Durch Verschärfungen von Kontrollen der ALG-Empfänger, denen wie selbstverständlich die Annahme zu Grunde liegt, ein Großteil der Beziehenden seien Leistungserschleicher. Und der brave Angestellte denkt: Richtig so. Arbeiten kann jeder – ich hab’s doch auch geschafft. Die vielzitierte Friseurin mit dem Einkommen von 600 Euro denkt sich „Die faulen Schweinehunde sollen gefälligst weniger haben als ich, schließlich arbeite ich für mein Geld!“ anstatt „In was für einer Gesellschaft lebe ich eigentlich, die eine Vollzeitbeschäftigung wie meine so mies entlohnt?“

Durch Äußerungen wie folgende wird diese erwünschte Spaltung unterstrichen:

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Es darf nicht der Eindruck entstehen, in Deutschland bekommt man als Arbeitsfähiger eine Grundsicherung und kann den ganzen Tag im Bett liegen bleiben.

Volker Kauder, Generalsekretär CDU, in der Süddeutschen Zeitung (30.05.06): „Wer Hartz IV erhält, darf nicht nur herumgammeln“

Nur wer arbeitet, soll auch essen

Franz Müntefering, SPD, Vizeführerkanzler, zitiert nach Die Zeit (10.05.2006): Arbeiten fürs Essen

Über die sozialen Probleme in Frankreich kann man genauso furchtbares berichten, eines finde ich aber bemerkenswert: Die Solidarität, mit der jeder auf die Straße geht, um Missstände aufzuzeigen. In Deutschland hingegen sind dem Arbeitenden die Studenten suspekt, dem Studenten die Senioren, dem Senioren die Beamten, und so weiter. Leute, versteht das doch mal: Das ist politisch gewollt! Hört auf mit den Kleinkriegen und Stigmatisierungen und seht doch mal das Ganze: Es geht um die Dekonstruktion des Artikel 1, Grundgesetz!

Ich möchte verdammt nochmal, dass all diese allwissenden Volkspolitiker und Wirtschaftsweisen einmal für einen Monat von ALG II leben müssen, mitsamt sozialer Ausgrenzung, LIDL-Einkäufen, Arbeitsamtagentur-Wartemarken, Billigzigaretten und den Vormittagsprogrammen der Privatsender – damit sie wissen, was sie dort eigentlich beschließen.

Ach ja, kaum einer hat’s gemerkt. Seit neuestem darf der Staat wissentlich Menschen verhungern lassen. Man muss nur drei Arbeitsangebote in einem Jahr ausschlagen (wegen Würde und so), dann gibt’s gar nichts mehr. Also ab, ihr Heer von Millionen, auf die Brandenburger Spargelfelder, den Polak vertreiben.

Was man tun kann? Wen anders wählen. Demonstrieren. Sich abseits der Mainstream-Medien informieren. Das große Übel in seiner Gesamtheit versuchen, zu erfassen. Anders denken. Reden. Arbeitslose als Menschen sehen. Den eigenen Wohlstand nicht als selbstverständlich annehmen, auch mal über den Tellerrand schauen. Sich nicht spalten lassen.

Weiterlesen:

[UPDATE:]
Im aktuellen Focus steht, dass Volker Kauder die Idee hatte, ALG würde missbraucht und müsse dringend nachgebessert werden, als er im Taxi saß. Der Taxifahrer dankte ihm nämlich, dass er aufgrund von Hartz IV nicht mehr zwölf Stunden am Tag arbeiten müsse, sondern nur noch acht.
Ein erschütternder Fall von Leistungserschleichung! Diesen Arbeitsverweigerungs-Mentalität muss der Garaus gemacht werden. Der Mensch ist schließlich für die Arbeit da und nicht umgekehrt.


Die auf dieser Seite stehenden Fotos sind übrigens von Volker Kauders Seite entwendet habe und von mir – Achtung! – optimiert (im Sinne künstlerischer Freiheit). Hrhr. Mehr gibt’s hier, z.B ein Gruppenbild mit Dame. Nebenbei: Erinnert sich noch jemand an den iKauder?

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