Von der intellektuellen Segregation

intelligence
Foto: iandavid (cc)

Ich bin ja wirklich froh, dieses Referat hinter mir zu haben. Zwei nicht gerade sonderlich verständliche Texte von 90 Seiten innerhalb von ein paar Tagen irgendwie zu komprimieren und sinnhaft aufzubereiten ist vor allem dann nicht die einfachste Aufgabe, wenn es sich dabei um Positionen militanter Feministinnen handelt. Diejenigen unter euch, die studieren oder studiert haben, kennen solche Situationen sicher. Es ist aber auch ein Kreuz: In der wissenschaftlichen Sphäre scheint eine Grundvoraussetzung dafür zu sein, sich „einen Namen zu machen“, Texte weitestgehend mittels rhetorischer Mittel so zu kodifizieren, dass sich der – oft erstaunlich profane – Sinn erst nach mindestens dreimaligem Lesen erschließt. Ich finde das nicht gut. Natürlich ist sprachliche Präzision wichtig, aber oft hatte und habe ich das Gefühl, dass bei gegenwärtiger (v.a. sozial-) wissenschaftlicher Literatur die Bullshittigkeit der Sprache reiner Selbstzweck ist. Informationsfreiheit bedeutet meines Erachtens idealtypisch nicht nur Verfügbarkeit, sondern auch Verständlichkeit der Informationen. Wenn sich also die Wissenschaft durch sprachliche Arroganz abgrenzen muss, sollte sie sich nicht wundern wenn die Öffentlichkeit eben jene Wissenschaft pauschal als im Elfenbeinturm beheimatet ansieht.

Ein kleiner Knüller[1] aus einem meiner Referatstexte zur Veranschaulichung.

Es geht dabei, wie gesagt, um einen ‚Versuch‘, einen Argumentationsgang von durchaus tentativem Charakter. Aufgeboten wird zudem durchaus kein ’starkes‘, kein ‚zwingendes‘ Argument, eher ein schüchternes. Es in seiner Bescheidenheit freizulegen, dazu bedarf es gewisser Umwege, vor allem der Auseinandersetzung mit konkurrierenden Erklärungsangeboten, die typisch unbescheidener zur Sache gehen. Die damit verbundene Umständlichkeit des Gedankengangs sollte aber über dessen Skizzenhaftigkeit nicht hinwegtäuschen. Mit Nachdruck sei betont: Von ausgeprägterer ‚Hieb- und Stichfestigkeit‘ scheint mir die im folgenden entwickelte These und Erklärungsskizze durchaus noch weit entfernt; dazu bedürfte es einer sehr viel gründlicheren Ausarbeitung, wie sie im vorliegenden Rahmen aber nicht realisierbar ist.

Auf eine weitere, nämlich disziplinäre Beschränktheit des vorliegenden Beitrags ist hinzuweisen. Getragen ist er von systematisch-soziologischen Intentionen; allerdings bewegt er sich zu weiten Teilen auf einem Terrain, das herkömmlich vorwiegend das der Ethnologie ist. Der Verdacht eines gewissen Dilletierens liegt also nicht unbedingt fern.

Statt obig zitierter ellenlanger Passage[2] hätte meiner Meinung nach genauso gut die saftig-knackige Formulierung „So richtig Ahnung von dem, was ich hier schreibe, habe ich nicht“ gereicht. Aber damit wird man vermutlich auch nicht auf Soziologenkongresse eingeladen.

  1. Tyrell, Hartmann 1986: Überlegungen zur Universalität geschlechtlicher Differenzierung, In: Martin, Jochen/Zoeppfel, Renate (Hg.) 1989: Aufgaben, Rollen und Räume von Frau und Mann. Bd. 1, Freiburg/München, S.41 [zurück]
  2. „Der Verdacht eines gewissen Dilletierens liegt also nicht unbedingt fern“ ist übrigens mein Lieblingssatz. [zurück]

3 Kommentare

  1. Ohne jetzt näher auf dein Beispiel einzugehen: Grundsätzlich habe ich mich das im Laufe des Studiums auch mehrfach gefragt. Warum nicht mal präziser? Auch erstaunlich, dass manche fachliche Koryphäe so überhaupt kein Talent zum Schreiben hat und zu Standardwerken gewordene Bücher voll triefender Redundanz sind.

  2. „Rumschwurbelei“ ist glaube ich der Fachausdruck dafür; diese kleinlauten Abgrenzungen am Anfang der Texte (überspitzt: „das ist alles so wenig und dann auch noch so schlecht“) gehen mir auch auf die Nerven und paaren sich nicht selten mit dem Hinweis, dass die Thematik bisher unverständlicherweise mindestens ignoriert wurde, dies aber nun geändert werden müsse, denn wo kämen wir nur hin, wenn nicht auch der letzte Scheiß unter’s Mikroskop gelegt würde!

  3. Haben die Autoren solcher Werke Minderwertigkeitskomplexe? Man könnte es fast meinen. Und, dem Inhalt der Passage nach zu schließen, nicht zu unrecht…

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