Von Katzen, Türen und wer die Schuld an allem trägt

Symbolbild:Katzen
Immer gut für ein Symbolbild: Die Herren Wubi (l.) und Muck (r.)

Rein rechtlich besitzt man Haustiere. Das heißt, entführst Du eine meiner Katzen, dann ist das Diebstahl. Bizarrerweise wurde mit dieser juristischen Klarstellung 1969 das Recht auf Sex mit Tieren wiedereingeführt. Freilich nur den eigenen Tieren, ansonsten wäre es ja Sachbeschädigung. So weit, so unappetitlich.

Ich bevorzuge zu sagen, ich habe Katzen. Haben ist neutral: Man kann Glück haben, aber auch Lungenkrebs. Charisma oder Mundgeruch. Einen Job oder den Verstand verloren. Ich also habe Katzen.

Wer Katzen hat, behaupte ich mal, lässt Türen immer einen Spalt offen. Damit sie durchhuschen können, die wollenen Viecher, wie und wohin sie wollen. Wenn ich anderswo bin, passiert es mir ganz automatisch, dass ich auch dort die Türen nicht schließe. Falls das mal einem Nicht-Katzen-Haber auffält, wird ihn das mutmaßlich irritieren, ähnlich wie das bunte Kompendium an Flusen und Härchen, welches meinen dunklen Strickjacken stets anhaftet, ganz gleich wieviel ich sie bürsten, ausschütteln und waschen mag.

Eine Tür, die ich geistesabwesend zwar so weit zumachte, dass sie geschlossen aussah, aber das vergewissernde Einschnacken des Bolzens vermissen ließ, machte mich jüngst entschuldigen. Sie öffnete sich nämlich später wieder, als jemand federnd vorüberschreitend auf dem Flurboden Vibrationen und somit Bewegung verursachte. Es knarzte störend. „Tut mir leid, das war meine Schuld“, entfuhr es mir. Ich erklärte mich: Katzenhaber zu sein, stets das diffuse Gefühl in der Magengrube, mit Klinke zu schließen hieße, einem Kätzchen das Revier einzuschränken. Und so weiter, und so fort, eigentlich war es der Rechtfertigung zuviel. Jedoch ein anderer Gedanke schloss sich an, den ich ohne meine unwichtige Rede möglicherweise nicht einzufassen imstande gewesen wäre.

Es sei meine Schuld gewesen, hatte ich gesagt. Keinen großen Unterschied hätte es gemacht, Fehler zu sagen. Wegen einer Tür, die nicht richtig zu war! Hallo, reflektiertes Ego, was ist denn da los im Oberstübchen? Da fragte ich mich doch frank und frei: Mache das bloß ich so? Glaube ich irgendwie nicht. Woher kommt diese in der Sprache wiedergespiegelte Lust daran, sich selbst zu degradieren? Effekte, die die Konsequenz zwar des eigenen Handelns sind, auf sich zu nehmen wie Prometheus den Globus, wobei aber die Konsequenz in ihrer schadhaften Wirkung eigentlich zu vernachlässigen ist? Woher kommt der wahnhafte Zwang, Schuld auf sich zu laden und wortreich um Entschuldigung zu bitten? (Keine Panik, ich spiele dabei nicht auf die deutsche Vergangenheit an.) Steckt darin ein bloßes Artefakt der Etikette, muss man versuchen, das massenpsychologisch zu klären, sind beide Ansätze vielleicht sogar identisch? Oder einfacher gesagt: Selbst wenn ich es gewesen war, der den Sack Reis in China hat umfallen lassen — wen kümmert’s? Würde es in einem Fall wie dem oben Geschilderten nicht reichen — wenn überhaupt — zu erwähnen, dass die Störung durch die knarzende Tür in meiner Verantwortung lag?

Ich bin mir dessen bewusst, dass „Verantwortung“ in diesem Zusammenhang ein zwar weniger wertender, aber auch unhandlicherer Begriff ist. Trotzdem ist „Meine Schuld“ zu sagen sprachökonomisch immer noch eine größere Investition als, nun ja, gar nichts zu sagen. Nein, ich habe jetzt partout keine Lust, das Pferd von hinten aufzuzäumen und die Frage zu beleuchten, inwieweit das Erleben die Sprache pflügt und andersrum. Das läuft nämlich unweigerlich auf eine Henne-Ei-Diskussion hinaus und wird, nur am Rande, in meinem Lieblings-Jugendbuch faszinierend behandelt.

Nein, ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass die Suche nach Schuld omnipräsent ist, bereits beim kleinsten Anlass in uns beginnt, auf eine unbewusste, aber nichtsdestominder hysterische Weise. Was nun, wenn es gar nicht um eine knarzende Tür geht, sondern — mal hypothetisch — ein Flugzeug, das abstürzt, weil eine Schraube defekt war? Man benötigt nicht allzuviel Vorstellungskraft, um zu ahnen, dass sich Teile der Öffentlichkeit, nachdem die Ursache identifiziert, auf die Suche nach der Schuld macht. Oder besser: Auf die Suche nach einem Schuldigen, denn dass jemand Schuld ist, steht außer Frage. Und wer ist das? Der Einkäufer, der für einen geringen Einspareffekt Schrauben von minderwertiger Qualität besorgt? Der Mechaniker, der die Schraube nicht überprüft hat? Der, der sie zu fest eingedreht hat? Der Hersteller der Schraube? Falls letzteres, muss dann der Chef der Schraubenfirma kündigen, weil er eine irgendwie geartete Verantwortung für das Handeln jedes einzelnen Angestellten der ganzen Firma trägt? Im Parlament heißt so etwas „politische Verantwortung“ und beschreibt das, was ein Justizminister trägt, wenn in kürzerer Zeit mehrere Häftlinge ihren verdutzten Wachleuten entfleuchen und der Minister deshalb seinen Hut nehmen muss.

Klar, Familien brauchen jemanden, auf den sie ihre Wut projezieren können, Schadensersatzforderungen müssen erfüllt werden. Abstrakt-kalt: es muss eine moralische und eine Güter-Balance wieder hergestellt werden. Einer muss dafür bluten, irgendwer muss doch bestraft werden. Und was wennn nicht?

Für die einen mag die Vorstellung abwegig sein, für die anderen katastrophal, aber manchmal ist es einfach so: Niemand hat schuld. Denn der Schraubenreindreher hatte sicherlich nicht die Intention, hunderte Menschen sterben zu lassen. Oder jeder hat schuld. Ist es nicht viel zu kurz gegriffen, wenn man für einen Amoklauf an einer Schule nur den Täter verantwortlich macht und nicht die, die die Umstände verursachten, welche in ihm die Tat erst heranreifen ließen?

Schuld ist nicht nur ein Konzept, das übertrieben häufig, zumindest verbal, angewendet wird (siehe Tür-Problematik), sie greift auch häufig zu kurz, indem es sozusagen der Endpunkt für jede Ergründung von Ursachen ist. Ich würde aber noch weiter gehen. Ich finde nämlich, dass selbst wenn jemand einen Fehler begangen hat, selbst wenn dieser Fehler Konsequenzen hatte wie sie unsere Vorstellungskraft kaum erfassen kann, hat er noch lange nicht schuld. Zumindest nicht in einem solchen umfassenden und auf ein Person konzentrierten Sinn, wie es die Öffentlichkeit unserer Tage einfordert. Schuld kann man nämlich eigentlich nicht haben. Schuld kann man nur zuweisen. Oder sich eingestehen. Wir sollten beides sparsamer tun.

7 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.