Wahlkampfschmerzen

wichmann

Kennt wer „Herr Wichmann von der CDU“? Ein Dokumentarfilm, in der ein grotesker CDU-Provinzkasper, stockspießig, aber notorisch den Dynamischen markierend, auf seinem Bundestagswahlkampf[1] in Brandenburg gezeigt wird. Auf Dorffesten, an Infoständen und in Bierzelten dreht er den Leuten seine immer gleichen ausgelutschten Floskeln an und wirkt dabei so herrlich armselig und verloren, dass eine Pracht ist, dabei zuzuschauen und hämisch zu feixen, obwohl man manchmal auch Mitleid hat. Einmal trifft Herr Wichmann auf seiner Tour auf einen jungen Mann, der sich unzweideutig politisch positioniert: „Ick wähle die REPs“ und „Mich ärjert, dit so vülle Ausländer hier sind und die Deutschen keene Arbeit krieng“ und „Ich bin rechtsradikal“. Herr Wichmann versucht den jungen Mann nun zu bekehren. „Die CDU will das Zuwanderungsgesetz auch kippen“, hierauf als letzten Strohhalm an den taktischen Wahlverstand des Herrn appelierend: „Die REPs kommen eh nicht in den Bundestag. Keine Chance“. Das ist nun nicht gerade eine Distanzierung vom rechten Rand.

Bei der Debatte um härtere Strafen für Jugenddelinquenz, die Roland Koch da mit Schützenhilfe von Bild und Merkel prestigeträchtig als Wahlkampfthema angestoßen hat (kotz), fühle ich mich an diese Szene zurückerinnert. Genausowenig wie in Brandenburg ein Mob von Ausländern den Alteingesessenen die Jobs entwenden, hilft eine verlängerte Jugendarrest bei der Resozialisierung junger Delinquenten. Bloß hieße darauf hinzuweisen ja, auch auf potentielle Stimmen und ein Superwahlkampfthema zu verzichten. Alle vier Jahre heißt es also auch für den wackeren CDU-Frontkämpfer Wes Brot ich ess, des Lied ich sing — selbst wenn es sich um volkstümelnde Nazimelodeien mit heiteren Textzeilen über Zucht und Ordnung handelt.

Aber ist auch egal. Über etwas aus Hessen habe ich mich jüngst nämlich gefreut. Mal wieder eine Spitzen-Ausgabe des „Tag“ vom Radiosender hr2 Kultur nämlich, dessen Thema eben diese üble, aber wohlkalkulierte Debatte über den Umgang mit Jugend- und Migrantengewalt ist. Mit einem zur Abwechslung mal vernünftiges Zeug von sich gebenden Christian Pfeiffer, der die Polizeistatistik gelungen auseinanderklamüsert und darauf hinweist, dass der Kriminalität befördernde Faktor nicht das Migrantsein ist, sondern die Schichtzugehörigkeit. Mit interessanten Einblicken in den Umgang mit kriminellen jungen Erwachsenen in Deutschland, der die viel zitierte Kuschelpädagogik Lügen straft. Und mit einem aufschlussreichen Vergleich zu Bootcamps in den USA, die in der Logik der Kochbefürworter ja das Nonplusultra der Kriminalitätsbeseitigung sein müssten. Eine lohnende Dreiviertelstunde mal wieder, klare Empfehlung.

„Hauptsache Härte! Vom hilflosen Umgang mit jugendlichen Straftätern“

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