Wahrnehmungsdifferenz

Wie kommt es eigentlich, dass die A-Bloggerschaft nachwievor der Meinung ist, in Deutschland gäbe es kaum eine politische Bloglandschaft? Das fand ich neulich schon Quatsch, als Johnny das in einer der Spreeblick-Radiosendungen verlautbarte und jetzt war das auch noch Thema auf dieser Konferenz. Tja, ihr da oben im Krähennest, Pustekuchen: Wir haben in Deutschland sowohl eine relativ gut organisierte rechte Bloggerszene als auch eine in letzter Zeit immer schneller wachsende Blog-Linke, die schon aus Tradition selbstverständlich intern stärkere Konflikte auszutragen haben als nach aussen.

Wie auch immer, es gibt sie jedenfalls, die Politikblogs – und zwar zahlreich. Wer das nicht glaubt, muss eben tiefer wühlen und sollte aufhören sein eigenes Umfeld (auch wenn es nur „virtuell“ ist) auf einen wie auch immer garteten Gesamtraum „Blogosphäre“ auszudehnen. Sind wir doch mal ehrlich, eine politische Diskussion in Blogs zu moderieren oder gar mitzuführen kann sich als ganz schön anstrengend herausstellen, schreckt mitunter gar den nicht einverstandenen Teil der Besucher auf ewig ab, wenn sich der Blogger klar positioniert und nicht bloß mantraartig wiederholt, dass es ja „gut“ sei, dass man „darüber diskutiert“. Die Reaktionen, als Spreeblick die RAF thematisierte, waren ja durchaus heftig – in alle Richtungen. Wäre es also denkbar, dass es eine unbewusste Angst vor der Ernsthaftigkeit bei den höheren technorati-Rängen gibt?

Einen angenehm uneuphorischen Erlebnisbericht über einen Tag auf der r3:publ1ca[1] hat, nebenbei bemerkt, Nadine: „Ich mag keine Blogger“

  1. Name verfremdet, da ich auf den Technorati-Traffic verzichten kann [zurück]

19 Kommentare

  1. Natürlich haben wir eine politische Blogszene, nur ist die bei weitem nicht so einflussreich oder mächtig wie in den USA, wo es schon mal zu Rücktritten führen kann wenn unsauber gearbeitet wird. Ich vermute, dass ist immer damit gemeint wenn gesagt wird es gäbe keine Politikblogs – das sind halt Katzencontentblogger teilweise, die entgehen einfach dem Radar der A-Lister. 😉
    Ad Astra

  2. Pingback: Nur mein Standpunkt » Der Satz des Tages

  3. Blödsinn. Kaum ein Blog ist unpolitisch und wenn man will findet man schon Blogs für alle denkbaren politischen Richtungen (die ich persönlich niemals auf „links“ und/oder „rechts“ beschränken würde, da es intelligentere Richtungen gibt als diese Schubladen).

  4. Es gibt sehr wohl eine politische Bloglandschaft, was es nicht gibt, ist DIE Blogosphäre. Die Blogosphäre ist auch in ihrer Themenvielfalt sehr fragmentarisch und bildet viele themengebundene Einzelsphären, thematische Räume eben, die sich untereinander verlinken. Das diese Räume nicht unmittelbar in den Top-Listen zu finden sind und dadurch auch nicht in der Wahrnehmung sich fragender A-Lister erscheint dabei durchaus logisch.

  5. @ Simon C.: Was ist IRL?

    @ Prospero: Eben das ist ja das Paradoxon, Ich glaube, die Sichtweise der A-Lister, wonach es wenig politische Blogs gäbe speist sich zu einem guten Teil aus der mangelnden Wahrnehmung von Blogs in den klassischen Medien. Das ist ein bisschen so, als ob einer in seinen Taschenspiegel schaut und glaubt, dass er keine Beine hat – weil der Spiegel sie nicht zeigt. He und nix gegen Katzencontent. 😉

    @ Jan: Du hast recht. „Rechts“ und „links“ sind Auslaufmodelle. Die Meinungen diversifizieren sich. Ein gutes Beispiel wären die erbitterten Konflikte der Antideutschen mit dem Rest der Linken. Das Problem ist, das die Leute ideologischen Halt suchen. Ein Bürger, der zum Beispiel eine restriktive Einwanderungspolitik befürwortet, wird im Großteil der Fälle auch ein eher konservatives Verhältnis zum Klimaschutz haben. Ist natürlich einfacher, wenn man nur in die „Bild“ oder „Welt“ schauen muss statt selber zu denken.

    @ Herr Schwaner: Da gebe ich dir unumwunden recht und verweise auf .markus und mich.

  6. Das politische Diskussionen schwer zu führen sind und auch schnell einer gewissen Kontrolle entgleiten, kann ich mit 2 Jahren Moderationserfahrung in einem größeren Forum durchaus bestätigen. Aber dennoch ist es den Versuch mehr als Wert. Auch wenn sich unter 20 oder 100 genau die 5 Querköpfe finden, die dann aufeinander eindreschen und dabei die ganze Diskussionskultur mit übern Abgrund reißen.

    Lieber redet man sich den Mund fusslig, als gar nichts zu tun und sich hinterher zu ärgern. Politische Bildung ist ja nicht mehr sonderlich beliebt. Ohne Diskussionen ist es dann bald gänzlich rum, mit dem Verständnis der Leute.

  7. Haste recht, Seraja Ten. Problematisch ist die Diskussionskultur einiger, wenn es dann doch mal zu Meinungskonflikten kommt. Wenn ich in den letzten Jahren politisch in Blogs und Foren diskutiert habe, gewann ich oft den Eindruck, dass es gar nicht um den Austausch von Argumenten geht. Viele sind politisch so fest in einer bestimmten Richtung verankert, dass es im Grunde nur darum geht, „Präsenz“ zu zeigen, d.h seinen eigenen Standpunkt an die Klowand zu malen – anstatt dass man auf die Argumente des Gegners eingeht und seine eigenen Meinungsbilder mal hinterfragt. Stattdessen sind die beherrschenden Stilmittel dieser Tage Diffamierungen des Gegners, unsachliche Polemiken, die das Ziel haben, den Gegner zur Weißglut zu treiben und emotionale Antworten zu provozieren. Das frustriert sicher und schreckt nachhaltig viele ab, die sich gerade erst beginnen, sich für Politik zu interessieren. Ich nehme mich davon übrigens ausdrücklich nicht aus.
    Sollte eine Art „Bloggerkodex“ verfasst werden, gehört eine vernünftige Form von Diskursethik auf jeden Fall rein.

  8. Pingback: links for 2007-04-14 auf F!XMBR

  9. @ maloXP:

    IRL ist in real life = in echt halt… 😉

    Was deine und auch Seraja Ten’s Beobachtungen zur Diskussionskulter – nicht nur im Internet – angeht, kann ich nur zustimmen. Allerdings muss man auch verstehen, dass Menschen ihre Meinung verteidigen und sich nicht auf echte Diskussionen einlassen. Oft fehlt es da meiner Beobachtung nach einfach auch an eigener Selbstwahrnehmung.

  10. Hm, ich glaube, dass „seine Meinung verteidigen“ und „sich nicht auf Diskussionen einlassen“ ein nicht auflösbarer Widerspruch in sich ist, zumindest wenn man dem Komplex die ursprüngliche, „reine“ Definition des Diskurses zu Grunde legt, die auf Erkenntnisgewinn und logischer Überzeugungsarbeit durch Argument und Vernunft beruht, im Subtext aber natürlich auch dem Respekt vor dem/den anderen Diskutanten. Ein Standpunkt, der nicht hinterfragt werden will oder kann ist entweder ein Zeugnis von Borniertheit oder ein Dogma – in jedem Fall aber keine Meinung, sondern Gedankengift. Das ist meine Meinung. 😉

  11. Gelinkt. Du von Spreeblick. Ich von der Blogbar. Wie weit ist es jetzt schon mit uns gekommen? 😉

  12. Ich seh uns schon Dinge auf Konferenzen besprechen und darüber bloggen, wie wir darüber bloggen, wie wir Dinge auf Konferenzen besprechen. 😀

  13. Pingback: onezblog

  14. Pingback: Metablogging

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