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Schon ein bisschen komisch – man liest in den meisten deutschen Blogs kaum eine Stellungnahme, Diskussion oder Position zu den Kämpfen zwischen Israel und dem Libanon. Ist das so weit weg? Ich finde es traurig, aber irgendwo auch verständlich. Es gibt nur wenige Themen, die so polarisieren wie Israels (Militär-)Politik und man will sicher keine Stammgäste in kontroversen Diskussionen vergraulen. Es lässt sich hier nicht so einfach eine Grenze zwischen linker und rechter Meinung ziehen, eine eigene Position ist dementsprechen schwerer zu finden. Schlussendlich kommt dazu, dass wir in den letzten Jahrzehnten ständig mit Eskalationen der Situation konfrontiert war. So niederschmetternd das klingen mag, man hat sich daran gewöhnt; aus der Gewöhnung erwuchs Desinteresse.

So würde ich mir eh kein finales Urteil in irgendeiner Richtung erlauben. There are certain shades of grey between black and white. Schuld sind irgendwo beide – nein, nicht Länder – sondern Regierungen, die auf dem Rücken ihrer Einwohner verzerrte Selbstbilder und Komplexe verschiedener Arten austragen. Und das auf eine Art, als ob nicht die Existenzen hunderttausender Menschen auf dem Spiel stünden, sondern lediglich Gewinn oder Verlust einer Partie Echtzeitstrategie-Krieg.

Fragen darf man stellen. Wie weit darf Israels Recht auf Selbstverteidigung gehen? So weit, mit Raketen ins Stadtzentrum des Gegners zu schießen? Und warum werde ich das Gefühl nicht los, die Machthaber in Israel (nicht zu verwechseln mit: ganz Israel; oder: die Juden) nutzen mit ihren testosterongeschwängerten Militärhandlungen eine massenpsychologische Wunde aus, die nach 70 Jahren nicht geheilt, ja nicht einmal verschorft scheint? Was kann eine demokratisch gewählte Hamas (Ja, für mich ist der Libanon und Palästina ein und derselbe Konflikt) noch tun, damit sie glaubhaft machen kann, keine Gewalt mehr anwenden zu wollen? Sehe denn nur ich da eine Parallele zur IRA, die sich zum Schluss doch auch entwaffnen ließ? Das war aber erst möglich, als viele Menschen den Glauben an die Ziele der Organisation verloren, weil sie erkannten, dass die dafür erbrachten Opfer in keinem Verhältnis zur Gewalt des Gegners standen. Zudem hat sich (u.U. geschmackloser Verglich folgt) eine Strategie der Deeskalation ja auch in Kreuzberg am 1. Mai bewährt.

Das Verhalten von Israels Militär gegenüber den Palästinensern war in jüngster Zeit von einem autoritären Selbstverständnis geprägt, das an Arroganz grenzt und mutwillig viele Existenzen zerstört hat (1, 2). Das waren Provokationen, die weit über die Gefangennahme zweier Soldaten hinausgeht, wenn man diesen Vergleich denn ziehen will.

Aber auch die Hisbollah sollte endlich realisieren, dass eine Aktion Gegenreaktionen hervorruft, Gewalt Gegengewalt. Die Raketenangriffe auf Haifa waren ruchlos und sicher nicht dazu geeignet, die Rolle des Opfers in diesem Konflikt zu unterstreichen. Was bringt es denn, Gewalt um jeden Preis anwenden zu wollen, gerade wenn man weiß, dass man im Grunde unterlegen ist? Vor allem: Woher kommt all dieser Hass? Wenn Hass institutionell (z.B. von Staatsseite) gefördert wird, ist er irgendwann nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Warum ist es bloß so viel leichter, den Samen von Hass und Gewalt zu säen, als den von Frieden, Verständnis und Emphatie? Okay, aus meiner abgeklärten westeuropäischen Perspektive klingt das natürlich furchtbar einfach.

Dass Israels Politik vom US-amerikanischen Präsidenten verteidigt wird, ist klar. Hat er doch von seinen Beratern den Befehl empfohlen bekommen, alles mögliche zu unternehmen, den US-Einfluß im Nahen Osten zu erhalten und zu festigen. Auch wenn die USA eher sanftere Töne schwingen – die bedingungslose Parteiergreifung für eine Seite, die man (zumindest heute) nicht unbedingt als den eindeutigen moralischen Sieger sehen kann ist eine weitere Provokation der islamischen Welt. Man trägt damit zu ihrer Fundamentalisierung bei – das weiss man einfach.

Wie dumm sind eigentlich die Machthaber im Nahen Osten, diese Spirale der Gewalt immer weiter und weiter zu treiben? Sind sie wirklich so dreist zu ignorieren, dass damit ein globaler Konflikt nicht absehbaren Ausmaßes riskiert wird? Was ist denn nun, wenn Syrien und Iran plötzlich in den Konflikt eintreten? Und dann die USA, die restliche NATO? Oder können sie einfach nicht mehr anders? Hass vernebelt das Denken, tote Menschen aber können nicht mehr hassen.

Meinen Gedanken entspricht am ehesten das, was ein gewisser UKmonkey im Kommentar eines YouTube-Videos sagt*:

Wir sollten wieder Krieg wie im Mittelalter führen. Sicher, es gab die Kreuzzüge, aber wenigstens wurden damals nicht ausschließlich Bauern angegriffen. Keine von beiden Seiten kann dafür verantwortlich gemacht werden, wie sich die moderne Kriegsführung entwickelt hat – in der die normale Bevölkerung gezwungen wird, den meisten Schaden abzubekommen. Andererseits müssen beide Seiten endlich aufwachen und kapieren, dass BEIDE Schuld tragen.

„Die Liebe zu einem Land bedeutet Hass zu einem anderen“. Denkt darüber nach, was wichtiger ist: Menschenleben, ob nun in deinem oder dem anderen Land, oder eine Ideologie.

Sehr lesenswerte Artikel zum Thema:


* Im Original: We should go back to Medieval war; sure there were crusades; but at least peasants weren’t targeted solely. Neither side can be blamed for how modern warfare has become where the normal population is forced to take most of the pain. On the other hand, both sides need to wake up, and realise that they’re BOTH doing it.

„The love of one country leads to the hate of another“. Think about what’s more important, people’s lives; both in your country and the others; or an idea.

3 Kommentare

  1. TITLE: Re
    Aber auch das hier.
    Die Jüdische Stimme positioniert sich in der aktuellen Nahost-Frage gegen den Zentralrat der Juden in Deutschland.
    Und Telepolis von heute: Der etwas andere Dialog über den Krieg im Libanon

    In diesem Kuddelmuddel nach „dem“ Schuldigen zu suchen ist doch müßig. Das ist ein Diskussion, in der es keine Annäherung von beiden Seiten geben wird. Nie. Der Konflikt wird nur gelöst werden können, wenn die Parteien einen Strich ziehen und über die Konsequenzen der Kriegstreiberei nachdenken. Die Bevölkerungen tun das zu einem gewissen Teil schon.

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