Weh Emm: Eine Umschau

Für alle, die’s noch nicht bemerkt haben: Die Fussballweltmeisterschaft hat begonnen. So weit, so nett. Ich bin kein Extrem-Fußballfan, aber schau mir die Spiele trotzdem gern an, wenn sich die Gelegenheit bietet (in unserem Haushalt gibt es kein TV). Ich freue mich über guten Fußball und wenn Deutschland spielt, bin ich auch für Deutschland. Nicht zuletzt habe ich seit Tagen einen Ohrwurm von Toni Mahonis WM-Song. Dem ersteren, um prazise zu werden.

Gestern musste ich arbeiten. Bei uns in der Videothek gibt es selbstverständlich auch einen Fernseher, über den in den nächsten Wochen die Spiele flimmern. Da am Tag des Eröffnungsspiels eh so gut wie niemand Videos schauen will, hatte ich viel Ruhe und schaute hin.

Des Herrn Kerners Fresse, die ich sowieso nicht mag, strahlte mir zu allererst entgegen. Daneben: Florian Silbereisen mit Dreitagebart und noch jemand, der aber nicht viel sprach. Es schien heiter zu werden.

Und dann kam die Eröffnungsfeier. Ick dachte ick kiek né richti‘. Da mir nach wie vor die Worte fehlen, hier ein auszug aus dem treffenden Artikel im BatzLog:

182 Trommler aus Oberbayern, 12x die ungefragte bayerische Antwort auf Indiana Jones und ein Steppke auf nem Dreirad. Und dann nochmehr Bayern. Darunter die berüchtigten Bajuwarischen Kuhglocken-Ficker, Männer mit einem abnormen sexuellen Fetisch für altmodische Musikinstrumente. die das Bild der Deutschen auf Jahre hinaus prägen werden.

kuhglocken_raping

Eine mit Bildbeweisen ausstaffierte Gesamtübersicht, ebenfalls wohlfeil verfasst, bietet Herr Schwerdtfeger an:

huete

Diese sonderbaren vorrichtungen dienten offenbar dazu, den beteiligten dieses so genannten »festes« zunächst einmal das gehirn aus den köpfen zu saugen. Die nachfolgenden aufführungen demonstrieren die technologische spitzenreiter-stellung deutschlands in der enthirnung von menschen, zeigen aber leider auch noch einige entscheidende schwächen auf dem weg zu praxistauglichkeit.

Ulli Hoeneß fand diese klischeehafte Attributierung des Deutschen als traditionell (Kinder im Dirndl), modern (HipHop) und weltoffen (Frauen in Karnevalsschminke aus aller Welt fliegen auf gigantischen Oblaten durch die Gegend) im anschließenden umfassenden ZDF-Interview dann auch gar nicht so hässlich, abstoßend und ekelerregend wie ich. Im Gegenteil: Hier habe man der Welt gezeigt… blabla… weltoffen… gastfreundlich… bla… Dem Ganzen setzten die unsäglichen Fussball-Mainzelmännchen in der Werbepause die Krone auf, die in pseudolustigen Einsprengseln die Werbung einrahmten, die die Reportagen und Interviews einrahmten, die die Fussballübertragung einrahmten. Darf man das spießbürgerorientierten Humor nennen? Ich find‘, man darf.

Dann ging’s Spiel los. Deutschland – Costa Rica. Schöne Tore waren’s ja, aber diesen grundsätzlichen Optimismus, was die Leistung von „uns“ angeht, teile ich nicht. Mag sein, dass Kerner und Clique das anders empfanden und die Bild ja sowieso, aber ich habe da nicht nur eine Abwehr in Prä-Seepferdchen-Verfassung schwimmen sehen sondern auch technische, taktische und geschwindigkeitsspezifische Defizite in Ford’scher Fließbandproduktion. Was soll’s, immerhin gewonnen. Und nur zwei Gegentore von der Fußballweltmacht Costa Rica – will schon was heißen.

Während des Spiels hatte ich den Ton aus. Stattdessen lief bei mir die Alternativkommentierung des Radiosenders Fritz mit Marco Seiffert und Tommy Wosch. Und die war höchst gut. Die machen das übrigens auch noch bei den nächsten Deutschland-Spielen. Wer also genug hat vom Plattitüden-Bingo der selbst ernannten Experten und lieber mal ein bisschen Lehmann-Gebashe hört, kann am Mittwoch ja mal Fritz anschalten oder streamen.

Bei jedem Treffer der deutschen Elf wummerte und bummerte es (Chinaböller D), ansonsten waren die Straßen so ausgestorben wie London in 28 Days Later. Etwas beklemmend, aber auch irgendwie schön. Nach dem Spiel jedoch strömte der Mob grölend, gackernd, geifernd u.v.a. saufend auf die Straße. Ich schaute mir noch Polen – Ecuador an und flugs waren meine sieben Arbeitsstunden vergangen.

Tja, und sonst? Ist es erfrischend, am einen Auto oder der anderen Häuserfassade mal eine umgekehrte Deutschlandfahne, eine von Schweden oder der DDR zu sehen. Das Patriotismusgeblubber geht einem ganz schon auf den Sack. Fußball ist einfach zu überbewertet. War ja schon damals so, als der SPIEGEL in Klinsmanns taktische Aufstellung eine ähliche Reformblockade wie in die deutsche Politik reinzuinterpretieren suchte. Das geht jetzt natürlich weiter – wir sind wieder wer (hnnnng!), Patriotismus-Pegelmessung bei SpON (Zitat: „Deutschland peinlich Vaterland – das war früher“), fröhlich darüber hinwegsehend, dass Forderung und Verteidigung von Patriotismen (die genau genommen völlig idiotisch sind), in bürgerlichen Milieus überhaupt keine neue Entwicklung sind und meiner Meinung nach genauso lächerlich wie das Hassen des „eigenen“ Landes. Beides bewertet nämlich die Grenzen, in die wir zufällig geboren sind, total über und beides ist in seiner Verkrampftheit ähnlich zu bewerten. Aber das ist ein Thema für sich.

Ach ja: Nachdem es jetzt sogar WM-Luft in Tüten zu kaufen gibt, wünsche ich mir dann doch etwas weniger Marketing-Ausschlachtung der WM.

Fröhlichen Passivsport wünsche ich uns allen.
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