Wo sind sie denn nun, die politischen Blogs?


Foto: insunlight (cc)

Hallo liebe potentiellen Leser, die ihr über Spreeblick oder die Frankfurter Rundschau in mein beschauliches Weblog fandet. Es heißt ja immer, hierzulande gäbe es keine Dienstleistungsmentalität. Stimmt nicht! Erstens bin ich ganz froh darüber, dass mir an der Supermarktkasse keine Eurojobber gequält grinsend die Pferdewürstchen indiskret in henkellose Papiertüten werfen, denn Service ist das für mich nicht; zweitens werfe ich jetzt mal einige Gegenbeispiele in den Raum, die die in meinen Augen hanebüchene These, in Deutschland gäbe es keine politische Blogszene, widerlegen sollten. Diese Beispiele entstammen größtenteils dem links-liberalen Spektrum. Mir fehlt die Muße, alle politischen Blogs aufzuzählen, die ich kenne (jene, die ich vergesse, mögen sich bitte nicht auf den Schlips getreten fühlen), aber alleine über die Blogrolls der genannten sollten zumindest so viele weitere Weblogs aus zu erreichen sein, dass man bereits einige Stunden mit Stöbern zubringen kann. Hier also nur meine kleine subjektive Auswahl, in alphabetical order.

Sebastians Alarmschrei thematisiert, oft satirisch, die politische Lage der Nation. Mindestens so lässig wie Heises „Was war, was wird“. Kann man das überhaupt vergleichen? Egal.

Che’s Warlog ist links, da gibt’s kein Vertun. Exkurse in politische Theorie und eine, scheint’s, bewegte Biographie des Bloggers lassen es gut werden.

Wie es denn ist, als „Hochqualifizierter“ unter der Knute moderner Sozialgesetzgebung zu stehen, die diesen Namen nicht verdient, schildert Quirinus in Demokratie und Alltag. Das ist Lektüre, bei der man die Frustration des Autors mitunter physisch spürt und gerade deswegen wichtig. Das Private ist politisch, mehr als je.

F!XMBR und das Schwesterprojekt get-privacy sind zumindest zu 50% politisch. In der Nicht-IT-und-Webkram-Hälfte geht es um Überwachung, Datenschutz und Hühner (nämlich eine ganze Legehennenbatterie), die die Jungs mit der SPD zu rupfen haben.

Herrje, „satirisch“ als Attribut klingt so banal… Ist ja eigentlich auch bitterer Ernst, was er da thematisiert. So oder so: redunzls Kopfhoch-Studio ist lesenswert.

Lysis schläft momentan, aber die Hoffnung, dass dieses gut recherchierte Blog eines merklich auch in politischer Theorie bewanderten und auf ausgeglichene Diskussionen bedachten Menschen reaktiviert wird, besteht angesichts einiger kurzer Postings wieder. Mich würd’s freuen.

Die NachDenkSeiten werden von Wolfgang Lieb und Albrecht Müller gemacht. Sie kommentieren ökonomische „Fehlentwicklungen“ wie den Abbau des Sozialstaates, Wirtschaftslobbyismus und Medienmanipulationen. Müller ist 1938 geboren und war Berater von Brandt und Schmidt. Nicht gerade ein typisches Blog also, aber unverzichtbar.

Der Spiegelfechter schließlich kümmert sich viel um Aspekte außenpolitischer Themen, die in den deutschen Medien wenig bis gar keine Beachtung finden. Enorme Rechercheleistungen und ideologische Unabhängigkeit zeichnen dieses hervorragende Blog aus.

Einsprüche gegen diese, dem Platzmangel geschuldet, etwas eindimensionalen Charakterisierungen bitte in die Kommentare. 😉

18 Kommentare

  1. Mein Gefühl und meine Erfahrungen im „politischen“ Netz sagen mir, dass die Zahl politischer deutschsprachiger Blogs zunehmen wird.

    Englisch ist nun mal die lingua franca des politisch-kritischen Netzes, da führt kein Weg dran vorbei – für rein innenpolitische Themen ist dies natürlich keine Alternative. Aber auch in anderen Bereichen steigt bei immer mehr interessierten Lesern und Autoren die kognitive Dissonanz zwischen dem eigenen Weltbild, das sich auch aus Informationen kritischer englischsprachiger Medien gebildet hat, und der „Realität“, die in deutschsprachigen Medien dargestellt wird.

    Man kann im Elfenbeiturm sitzen und akademisch/elitär die Medienöffentlichkeit ignorieren oder man beteiligt sich daran eine Gegenöffentlichkeit zu formen. Wenn jeder Geneigte seinen kleinen Teil hinzufügt und die richtigen Multiplikatoren erreicht werden, so ist auch eine deutschsprachige Gegenöffentlichkeit kein Traum mehr. Vielleicht ist bald die kritische Maße erreicht und Web2.0 wird auch in Deutschland zu einem ernst zu nehmenden Faktor in der politischen Willensbildung. Ich bin da guter Dinge.

  2. Pingback: onezblog

  3. Und ich hatte schon befürchtet, du würdest jetzt PI verlinken… naja, befürchtet, nicht erwartet.

    Ansonsten muss ich aber auch mal sagen, dass die Behauptung, in Deutschland gebe es keine politischen Blogs, zumindest auf die Leserwahrnehmung zutrifft. Wenn man die deutsche Szene etwa mit der amerikanischen Vergleicht, dann hat man dort ganz andere Dimensionen – nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch, was die Bedeutung angeht.
    Und diesen Mangel an Lesern den „Großen“ vorzuwerfen – nun, dass klingt für mich eher nach Neid als noch einer durchdachten Aussage. Man kann niemandem vorwerfen, dass er jemanden nicht verlinkt. Für mich ist es eine Frage von Qualität, aber auch von subjektiver Affinität – ich verlinke, was mich interessiert, was ich lese. Und ich glaube nicht, dass man das als A-Blogger anders macht.

  4. PI ist übrigens kein Politik- sondern ein Hetzblog!

    Der politische Anteil in den Blogs ist in seiner Gesamtheit weitaus bedeutender, als die Ansichten einiger „großer“ Blogs, die in der direkten Medienaufmerksamkeit stehen.

  5. @ .markus
    Hm, man müsste den Begriff des Politischen eingrenzen um PI dort ein- oder auszuordnen. Vom Selbstverständnis wird auch die NSDAP politisch gewesen sein. Sie haben einen ideologischen Rahmen (der sehr eng gefasst ist) und sammeln die Meldungen, die ihr Bild unterstützen. Von daher: Doch, politisch sind die schon. Aber meiner Meinung nach auch faschistisch und volksverhetzend, was alleine schon Grund genug ist sie nicht zu verlinken. :).

    @ Simon Columbus:

    Und diesen Mangel an Lesern den “Großen” vorzuwerfen – nun, dass klingt für mich eher nach Neid als noch einer durchdachten Aussage.

    Bitte sei vorsichtig mit dem Argument „Neid“, da reagier ich allergisch. Das ist für mich üblicherweise das Signal für „Ich habe keine stichhaltigen Argumente mehr, deswegen werfe ich Dir etwas vor, was schwerlich zu falsifizieren ist“. Ich möchte dich bitten, nochmal genau nachzulesen. Meine Kritik war kein pauschales A-Blogger-Bashing, sondern richtete sich explizit nur gegen die Aussage, es gäbe zu wenig politische Blogs in D. Ersetzt man „es gibt“ durch „ich kenne“ und maloXP ist zufrieden, da bin ich ganz Konstruktivist. Was den Einfluss der Blogs angeht, gebe ich dir recht. Qualität kann ich nicht beurteilen – ausser der wunderbaren Shelley, die satirisch ist, lese ich keine US-Blogs regelmäßig.

    @ Spiegelfechter:
    Das glaube ich auch. Vor allem werden die Netzwerke engmaschiger.

  6. Klaro. Ach, die Uni mit ihrem übertriebenen Theorethisieren färbt mal wieder ab. Peace, Bruder. 😀

  7. Pingback: Nur mein Standpunkt » links for 2007-04-19

  8. Noch mehr politische Blogs aus DE:

    Aus meiner Blogrolle:
    netzpolitik
    rabenhorst
    Fefe
    surveillance studies
    – für Privacy gibt es einen eigenen Blog-Aggregator: owl content

    Diverse Parteijugendliche bloggen.

    Ansonsten muss man nur mal ein beliebiges politisch konnotiertes Wort bei Technorati eingeben und wird fündig. Die werden nur alle von den A-Bloggern nicht zur Kenntnis genommen, weil sie zu wenig Leser haben, weil keiner mit vielen Lesern sie findet und dann auf sie linkt, weil … wie kommt man aus der Schweigespirale raus?

    Solange die A-Blogs nur die sind, die über bloggen und Blogger schreiben, ist das ein Symptom dafür, dass bloggen noch eine kulturelle Praxis in der Nische und nicht in der „Mitte der Gesellschaft angekommen“ ist. Insofern hatten die auf dem Politik 2.0-Panel bei der re:publica dann doch wieder irgendwie Recht.

  9. Pingback: blog.argwohnheim » .die politischen blogs

  10. @ Ralf: Ganz recht, wobei ich mit Absicht solche Blogs aus der Liste oben herausgehalten habe, die sich monothematisch mit Überwachung, Privacy und Datenschutz auseinandersetzen (bis auf get-privacy, die aber direkt mit F!XMBR zusammenhängen). Das wäre für diesen Zweck aus meiner Sicht zu teilaspektfixiert gewesen, was nicht heißt dass diese nicht wichtig sind.

    Letztendlich glaube ich an die repräsentative Kraft der Blogcharts. Dass die Platzierung der Blogs mit politischem Inhalt dem des Stellenwertes von Politik im Denken der Leute entspricht. Traurig, aber vielleicht kriegen „wir“ ja mal ein Agenda Setting von unten hin. Also: Schreiben, locken, diskutieren, sich gegenseitig verlinken, das Aufmerksamkeitsmanagement nicht den PR-Fuzzis und Medienheinis überlassen. 😉

  11. Mein Blog ist politisch, ein Blick in meine Biografie reicht, um zu verstehen warum.

    :i

    Bitte keine schamlose Selbst-Promotion hier. -maloXP

  12. Es ist nicht einfach, politische Themen so aufzubereiten, daß die „breite Masse“ diese versteht und auch interessant findet, das sehen wir ja alltäglich in unseren Medien, wo sich die Poltiker ja beschweren, daß wir sie einfach nicht verstehen und dann eine Werbekampagne starten, damit wir endlich verstehen, wie gut sie doch zu uns sind.

    Warum sollte es politischen Blogs da anders ergehen?

  13. Öhm, wer auf meine gut gepflegte (und leider immer noch recht unvollständige) Blogrolle schaut, findet dort einen Abschnitt „Linksliberale Blogs„, der Links auf über 80 aktive, deutschsprachige sowie qualitativ hochwertige Politblogs enthält.

    Citronengras habe ich übrigens heute erst verlinkt; lag irgendwie zu lange Zeit in meiner Watchlist drin. Ich habe eigentlich mal den Anspruch gehabt, (u.a.) alle hochwertigen linksliberalen Blogs aufzulisten. Ich komme nicht damit hinterher.

    Soviel zur Behauptung, es gäbe in Deutschland kaum Politblogs. Vielleicht schaffe ich es, irgendwann einmal die „linksliberalen Blogcharts“ zu veranstalten. Mal sehen.

    Ich vermute im Moment, dass der Blick auf die TOP 10 oder TOP 40 der deutschen Blogchartkönige den Blick auf eine eigentlich sehr lebendige deutsche Politblogszene verdeckt hat.

  14. Danke, Dr. Dean, für diese umfangreiche Liste. Bitte gib aber in Zukunft dennoch eine korrekte E-Mail-Adresse an. Sie wird nicht veröffentlicht, aber ich bestehe darauf.

  15. Ebenfalls danke Dr.Dean, echt eine gute Zusammenfassung. Wenn ich in letzter Zeit die Aggregatoren durchsehe, um nach interessanten Blogs ausschau zu halten wird mir manchmal beinahe übel, und das nur schon bei den Post-Titeln!!!

  16. Irgendwie schreibt mich jeder mit y am Ende, außerdem würde ich mein Blog nun nicht zwingend unter politisch einordnen, da taucht zwar immer mal wieder was zum Thema Politik auf, aber rein ich würde das Farliblog mit in die Liste aufnehmen.

    http://www.farliblog.de

    Da gibt es viel zum Thema Politik.

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