XXIV

24„24“ ist eine großartige Serie. Alleine die Tatsache, dass die Dramaturgen, Produzenten und Drehbuchschreiber in jeder einzelnen Folge einen Spannungsbogen von dieser Intensität hinkriegen und gleichzeitig die nächste Folge so anteasern, dass man sie zwangsläufig schauen muss , ist ein Kunststück. Im Sommer vor zwei Jahren erwischten S. und ich uns dabei, trotz brüllender Hitze mehrere Tage hinter dem Fernseher zu verbringen und die ersten drei Staffeln hintereinander wegzukonsumieren.

Die vierte Staffel, einige Monate später, brachen wir aber mittendrin ab. Als Grund anzuführen, dass wir nicht mehr in der Materie waren wäre zu kurz gegriffen. Vielmehr stellte sich ein merkwürdiges Unbehagen ein, abseits der Ebene Unterhaltung: Dass hier das Bild einer Realität konstruiert wird, in der die Geheimdienste eine Art Schattenregierung darstellen, die nur aufgrund interner Querelen nicht die eigentlichen Machtfaktoren im US-amerikanischen Politikgefüge sind. Aber auch dass diese Serie normativ wirkrn soll: Folter ist erstens legitim zum Erlangen von wichtigen Erkenntnissen im Kampf gegen den Terror, von dem wir zweitens ja ständig umgeben sind.

An sich kann man keiner TV-Serie vorwerfen, fiktional zu sein, dafür ist die Realität viel zu langweilig. Bei Richterin Barbara Salesch wurde ja auch irgendwann die Ankündigungsphrase „Echte Fälle!“ kleinlaut fallengelassen, weil der Konsument offenbar Gegenteiliges unterhaltsamer fand. Bloß hantiert man im Falle von „24“ mit einem höchst sensiblen Themenkomplex. Nicht allzu gewagte These: Löst man sich mal vom Bild des eigenen – selbstverständlich – vollkommen reflektierten Medienkonsums und wirft einen Blick darauf, was Lieschen Müller so mag und schaut und wieviele Gedanken sie anschließend darauf verwendet, warum sie es mag, ist das Ergebnis verheerend. Der Homo Televisionis ist ein verdammt leicht zu manipulierender.

 

Obwohl „24“ nämlich hie und da (vor allem in der aus meiner Sicht besten zweiten Staffel) mit durchaus liberalen Ideen um die Ecke kommt, ist eine Grundbedingung für das Funktionieren der Serie die Einsicht in die Allgegenwart der Gefahr: Schläfer lauern überall, sind mitten in unserer Gesellschaft angekommen und führen ein Leben hinter gutbürgerlicher Fassade. Hinter unserem Rücken wird ständig und überall an Anschlägen und Attentaten geplant, überall steckt die al-Kaida. Solche Handlungsaspekte sind die kleinen Geschwister der Terrorhysterie mit ihren erhöhten Warnstufen und Terror-Warnmeldungen, die es insbesondere nach dem 11. September laufend gab. Deswegen ist die Serie gefährlich. Ich zitiere gerne einen Satz des Kölner Literatur- und Musikschaffenden PeterLicht, nach dem es der Terror sei, der das Unternehmen leite und erweitere es um Angst, denn der Terror findet zum allergrößten Teil in den Köpfen statt. Er ist nämlich auch praktisch, der Terror: Außenpolitisch lassen sich Wirtschaftskriege leicht hinter Sicherheitsinteressen verstecken, nach innen lässt ein verängstigter Bürger gerne mal seine Grundrechte auf freie Wahl des Lebensstils, auf informationelle Selbstbestimmung, auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit fallen, wenn die gefühlte Gefahr nicht erfassbar, da larger than life ist. Die Regierung wird’s schon richten, wir müssen alle Opfer bringen. Das ist alles wohlbekannt, aber man muss es sich trotzdem immer wieder ins Gedächtnis rufen: Je Angst, desto Faschismus.

Das ist es, was ich „24“ vorwerfe: Es transportiert ein Bild, das in seinen Eckpfeilern genau dem Klima entspricht, das nötig ist um politisch weitestgehende Einschränkungen der Freiheit durchzusetzen zum Zweck – paradox genug – der Verteidigung eben jener Freiheit. Die Serie macht sich, um mal einen etwas abgestandenen Terminus anzubringen, zum Sklaven des Systems.

Es ist einfach, solche Vermutungen als Verschwörungstheoretischen Quatsch, wahlweise auch als Antiamerikanismus, abzutun. Nach der aufschlussreichen Lektüre eines Artikels im New Yorker zum Thema ist das aber nicht mehr so einfach. Hinter der Serie steckt Joel Surnow, Republikaner durch und durch, der auch seine eher opportunistische Haltung gegenüber Folter nicht verhehlt.

 

Speaking of torture, he said, “Isn’t it obvious that if there was a nuke in New York City that was about to blow—or any other city in this country—that, even if you were going to go to jail, it would be the right thing to do?”

 

Da ist er schon wieder, der allgegenwärtige Terror. Eine Hypothese die in „24“ bildhaft wird, zudem als rhetorische Frage verpackt. Man kann froh sein, dass diese Entscheidung eben nicht evident „the right thing“ ist, ausser vielleicht in den Gedankenwelten jener Menschen, denen die Angst vorgaukelt die Extremsituation sei Normalität. Wolfgang Schäuble wäre so jemand, zumindest wenn man unterstellt, seine öffentlich geäußerten Ängste seien aufrichtig und nicht die Psychospielchen eines pathologischen Kontrollfreaks. Wenn ich Innenminister und in der Situation wäre, mir ohne konkreten Anlass Gedanken darüber zu machen, ob man im Grundgesetz die Möglichkeit verankern sollte, Passagierflugzeuge abschießen lassen zu können oder Folter in irgendeiner Weise zu billigen, dann sollte ich auch langsam anfangen nachzudenken, warum ich mir solche Gedanken überhaupt mache. Wenn ich dies täte, käme ich vielleicht zu dem Ergebnis, dass ich manchmal etwas weniger fernsehen sollte. Dass ich vielleicht nicht die nötige Kompetenz für ein so hohes Amt im Staat besitze. Und dass es Maßnahmen gibt, die man gegen Angststörungen unternehmen kann.

Aber zurück zu „24“. Die Serie hat nun einen messbaren Einfluss auf amerikanische Soldaten im Irak und ihre Methoden.

 

Although reports of abuses by U.S. troops in Iraq and Afghanistan and at Guantánamo Bay, Cuba, have angered much of the world, the response of Americans has been more tepid. Finnegan [Ein US army-General, der sich gegen die in „24“ propagierten Befragungsmethoden wendet -maloXP] attributes the fact that “we are generally more comfortable and more accepting of this,” in part, to the popularity of “24,” which has a weekly audience of fifteen million viewers, and has reached millions more through DVD sales. The third expert at the meeting [zwischen den „24“-Machern und einem Team von „24“-Skeptikern in der US army -maloXP] was Tony Lagouranis, a former Army interrogator in the war in Iraq. He told the show’s staff that DVDs of shows such as “24” circulate widely among soldiers stationed in Iraq. Lagouranis said to me, “People watch the shows, and then walk into the interrogation booths and do the same things they’ve just seen.” He recalled that some men he had worked with in Iraq watched a television program in which a suspect was forced to hear tortured screams from a neighboring cell; the men later tried to persuade their Iraqi translator to act the part of a torture “victim,” in a similar intimidation ploy. Lagouranis intervened: such scenarios constitute psychological torture.

 

Bei den Army-Experten kommt Folter zur Erkenntniserlangung übrigens gar nicht so gut weg:

 

“These are very determined people, and they won’t turn just because you pull a fingernail out,” he told me. And Finnegan argued that torturing fanatical Islamist terrorists is particularly pointless. “They almost welcome torture,” he said. “They expect it. They want to be martyred.”

 

Surnow gibt an, Folter als dramatisches Mittel zu verwenden. Dagegen wäre nichts einzuwenden, aber wenn ich lese, dass er ein konservatives TV-Netzwerk aufbauen wollte, eine positive Gegenversion der McCarthy-Ära zu „Good Night and Good Luck“ drehen und wenn er seine Einstellungen, z.B. zum Irakkrieg zum Besten gibt,

 

Although he is a supporter of President Bush—he told me that “America is in its glory days”—Surnow is critical of the way the war in Iraq has been conducted. An “isolationist” with “no faith in nation-building,” he thinks that “we could have been out of this thing three years ago.” After deposing Saddam Hussein, he argued, America should have “just handed it to the Baathists and . . . put in some other monster who’s going to keep these people in line but who’s not going to be aggressive to us.” In his view, America “is sort of the parent of the world, so we have to be stern but fair to people who are rebellious to us. We don’t spoil them. That’s not to say you abuse them, either. But you have to know who the adult in the room is.”

 

dann kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieser Mann mit „24“ keine Meinungen unters Volk bringen will.

[New Yorker-Artikel via Eselkult-Blog]

Bildquellen v.o.n.u.:

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