Aus der Mitte

Molekül
Bild: The Joy Of The Mundane (cc)

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat eine Studie zur Fremdenfeindlichkeit in Deutschland in Auftrag gegeben: „Ein Blick in die Mitte — Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen“ (pdf). Dort werden Gruppendiskussionen ausgewertet, die in verschiedenen Städten gehalten wurden und die die bereits vorher angefertigte quantitative Studie „Vom Rand zur Mitte — Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland“ (pdf) ergänzen sollen.

Peter Nowak fasst in der Telepolis die Resultate zusammen. Eigentlich profan ist und doch noch längst nicht überall angekommen: Dass rassistische Einstellungen sich eben nicht (nur) um rechtsromantische Symbole wie Hitlergrüße, Thor Steinar-Jacken, Hakenkreuze oder die NPD-Parteimitgliedschaft scharen wie Motten um die Gaslampe. Sie sind zutiefst in alltäglich von Hinz und Kunz geäußerten Auffasungen verankert. Das neben anderen genannte Beispiel

Einer Frau aus Dortmund missfiel, dass ihre türkischen Mitbürger leerstehende Häuser und Geschäfte aufkaufen. Daran sah sie, dass die Türken sich „Sachen rausnahmen, die Deutschen nicht dürfen“. Dass natürlich niemand deutschen Staatsbürgern den Kauf von Häusern und Geschäften verbietet, spielt hierbei (keine Rolle).

kenne ich. Als eine Kioskbesitzerin in meiner Nähe ihren Laden altersbedingt aufgab und Migranten das Geschäft übernahmen, meinte eine Bekannte (mein Alter, stylo-hip-Chic) lakonisch: „Dass die Türken hier alles aufkaufen, geht mir auch auf’n Sack“. Es stimmte weder die These, dass Migranten massiv Geschäfte in diesem Kiez aufkauften, noch waren die neuen Eigentümer unfreundlicher / krimineller / sonstwie „anders“ als die vormalige Besitzerin.

Ich musste neulich auch mal wieder an einen meiner Uni-Profs denken, den ich sonst als durchaus progressiv empfand. Er erzählte, ich war im ersten Semster, während eines Seminars sichtlich aufgebracht von einer nächtlichen Busfahrt, in der ihn ausländische Jugendliche angefeindet hatten, offensichtlich mit der Intention, ihn auszurauben. Ohne Punkt und Komma ging er in seiner Schilderung über zu allgemeine Aussagen über Berliner Kieze in denen sich seiner Ansicht nach Parallelgesellschaften gebildet hätten, wohin sich aufgrund der qua Straße legitimen Herrschaft krimineller Gangs keine Polizisten mehr trauten. Gerade von einem halbwegs etablierten Sozialwissenschaftler hätte ich nicht erwartet, dass er sein individuell erfahrenes — ich nenn das jetzt einfach mal so — Trauma auf die angeblich dort herrschende Gesetzlosigkeit ausdehnt, sondern dass er die Gründe der benannten (sicher nicht zum Besten stehenden, aber von ihm trotzdem dramatisierten) Zustände mit wissenschaftlich-neutraler Distanz beleuchtet: Zählbares Ausmaß der „Ghettoisierung“, Prognosen, mögliche Gründe. Ich war, gelinde gesagt, verblüfft, eine Unilehrkraft Stammtischparolen vortragen zu sehen. Ich schätze, wenn man etwas erlebt, ein Gefühl der Ohnmacht und daraus resultierende Frustration erfährt, will man es erklären. Aber die Ratio versagt oft und dann fängt man an, zu projezieren, zu verallgemeinern, Vorurteile zu entwickeln. Nein, ich nehme mich davon nicht aus — nahezu jeder hat seine blinden Flecken.

Zurück zum TP-Artikel: Zieht man mal die nackten Zahlen heran, sprechen die ebenfalls für einen strukturellen Rassismus in Deutschland.

So waren: 37 Prozent der Befragten der Meindung, dass Migranten nur nach Deutschland kämen, „um unseren Sozialstaat auszunutzen“. Etwa 39 Prozent waren der Meinung, Deutschland sei „von Ausländern überfremdet“. Jeder vierte wünschte sich eine einzige starke Partei, „die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“.

Rassismus, Ausländerhass und Rechtsextremismus sind freilich nur eine Seite der Medaille. Ich hab’s ja schon öfter hier erwähnt: Meiner Meinung findet derjenige, der was zum Kompensieren braucht, immer eine Gruppe zum Ausgrenzen, Beschimpfen, zum die eigenen Defizite Draufprojezieren — ob’s nun Ausländer, Arbeitslose oder Juden sind. (Deswegen geht ein Verbot von rechtsextremen Parteien meines Erachtens auch am Ziel vorbei.) Was wir mal alle bitter nötig hätten, wäre ein warmer Regen aus Demokratie- und Selbstbewusstsein, Emphatie und unemotionale Urteilskraft, die Fähigkeit, vorgefasste Meinungen zu revidieren, jene Werte zu hinterfragen, mit denen man sozialisiert wurde, Offenheit und zirkulierende Tellerränder (-> Fliehkraft).

Den TP-Artikel empfehle ich zu lesen (die Kommentare nicht). Auch die Studien selbst sind aufschlussreich, soweit ich das auf der Basis von einer halben Stunde Überflug beurteilen kann.