Besuch im 1erlei

kollwitz
Foto: pollas (cc)

Prenzlauer Berg. Senefelder Platz ausgestiegen. Einmal erbrach sich C hier stehend in pink, aber wir sollten diesmal nur Tafeln aus Bienenwachs erstehen. Wegen Weihnachten, so der Plan. Am Biosupermarkt die Kollwitzstraße lang und ich fühle mich erinnert an den quälend langen Sommer 1999, als Berlin noch nicht wieder Mutterbusen war, die StartUps noch keine runden Ecken hatten, aber Namen mit vielen Us und Os und Ys und Js. Ich war auf der Suche nach einem Ort an dem ich meine Vitals checken konnte (hieß damals noch nicht so), ich sah scheiße aus und ahnte es. Die Sonne brannte, aber alles was ich fand waren bunte durchsichtige Mäuse mit nur einer Taste. Und überall diese Leute, die was Falsches geraucht, eine Woche später das Produkt daraus in Aktien und damit liquid gemacht hatten. Arbeitsam schwitzte man vor sich hin, das Jahrzehnt des Summers of Love zerfließt endgültig. Geraucht hatte ich damals ja noch nicht, als ich durch Mitte ging, aber I’m blue dabbadi dabbada war der Ohrwurm dieser Tage. Senefelder, heute, genau. Ich lauf da also lang und uns fallen die Kinder ins Auge, nicht bildlich jetzt, niedlich, aber es sind doch wirklich viele. Alle sind so gebildet hier und sauber, auch und gerade die Kinder. Kommscht mal her, schwäbelt’s. Wir gehen bei Grün über die Straße (der Kinder wegen) und alle wählen Grün steht zwischen den Zeilen, aber schade dass der Metzger geht. Vorhin hat’s ja sehr gesund aus dem Biomarkt LPG, lecker preiswert und gesund, herausgerochen (I wanna be part of the solution, not of the problem) und jetzt all die Kinder, als ob es keine demographischen Tendenzen gäbe. Keines der Autos am Wegesrand ist älter als fünf Jahre. Es stimmt, was da neulich in der Zeit stand.

Man kann im Prenzlauer Berg einfach im linken Habitus weiterleben. Das ist ja das Schöne. Man kann sich tolerant fühlen, weil Toleranz nicht auf die Probe gestellt wird. Keine Parabolantenne beleidigt das Auge, kein Kopftuch sorgt für Debatten, keine Moschee beunruhigt die Weltbürger. Es gibt hier kaum Telecafés, die Wohnungen sind zu teuer für Menschen wie Yunus Uygur. Es gibt keine Hip-Hop-Höhlen für türkische Jungs aus dem Wedding oder Kreuzberg, keine Infrastruktur für die lärmenden Kinder der Unterschicht – wenn sie sich nur rauchend auf einen der vielen Spielplätze setzen, stürzen schon die hysterischen Mütter herbei.

Was sichtbar ist, zählt hier (Satz mal auf verschiedenen Wörtern betonen). Das Prekariat wird weggentrifiziert. Diese Gastronomie, ein neues Paris. Diese Vibes, ein neues Freiburg. Diese Fahrräder, ein neues Münster. Schön hier, erinnert so an Luftschokolade. Bei der zahlt man mit für die Luft und erwartet, dass sie sauber ist. Wir befinden uns ganz woanders: In der allenfalls simulierten Flucht vorm bürgerlichen Einerlei daheim.