Die innere Zerrissenheit des Iran

Ahmad BatebiIm Schweizer „Magazin“ gibt es ein sehr lesenswertes Interview mit dem iranischen Dissidenten Ahmad Batebi, welcher derzeit in den USA weilt. Das wühlt auf, vor allem wenn Batebi aus der Zeit seiner Haft erzählt, und verdeutlicht ziemlich gut, dass der Blick des Westens auf das Land am persischen Golf schief ist.

Wie gross ist die Geduld der iranischen Bevölkerung? Wie entfremdet sind die Massen vom Regime?

Der Iran ist nicht einfach zu verstehen. Dass die Bevölkerung nicht hinter der Regierung steht, weiss man. Millionen von Iranern verfolgen am Fernsehen die Sendungen von Voice of America in iranischer Sprache. Die Regierung unternimmt, was sie kann, um den Kontakt zur Aussenwelt über das Internet zu zensurieren. Mit wenig Erfolg. Aber gleichzeitig sind die Iraner ausgesprochen patriotisch. Im Fall eines Angriffs würden sie für ihr Land kämpfen. Deshalb weiss der Westen nicht recht, wie er mit dem Land umgehen soll.

Wie ist die Stimmung im Land?

Es gibt einen sichtbaren Iran, und gleichzeitig gibt es ein Land, das für den Rest der Welt kaum zu erschliessen ist. Die Bilder betender Menschen in den Moscheen, die man in den Reportagen sieht, sind ein journalistisches Klischee und nicht repräsentativ für die iranische Gesellschaft. Seltsamerweise decken sich hier die Interessen der Mullahs mit denen der ausländischen Journalisten: Beide sind darauf aus, einen fundamentalistischen Gottesstaat zu zeigen. Aber was die Regierung dem Rest der Welt vorführen will, hat wenig mit dem zu tun, was die Menschen in ihrem Alltag bewegt. Denn in diesen oberflächlichen Bildern kommt nicht zum Ausdruck, dass sich die Islamische Republik auf etwa sieben Prozent der Bevölkerung abstützt. Diese sieben Prozent werden von der Regierung bezahlt, sie erhalten Wohnungen, sie machen die Geschäfte, sie können ins Ausland reisen. Es gäbe aber auch andere Bilder.

Der Iran wird gleichzeitig beherrscht von einer elitären fundamental-islamischen Kaste und einer immer stärker werdenden Opposition, die wegen der brutalen Unterdrückung durch das Regime mehrheitlich in den Köpfen der Menschen stattfindet. Diese Opposition beinhaltet sowohl die Werte, die sich der Westen auf die Fahne schreibt (Ideale, die von der Realität viel zu oft nicht erfüllt werden) als auch die Option eines aufgeklärten, fortschrittlichen Islam. Nicht Bomben auf Teheran sind es, mit der man das Land befreien kann, sondern die Stärkung der iranischen Zivilgesellschaft.

Es ist sicher nicht einfach, den Iran und seine Gesellschaft zu verstehen. Wer es versuchen will, dem empfehle ich das hervorragende Buch „Wir sind der Iran“ von Nasreen Alavi und die wundervolle Comicverfilmung „Persepolis“ von Marjane Satrapi.